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People | 14.07.2020

Für alles ist ein Kraut gewachsen

In ihrem ersten Buch „Nachhaltig schön“ verrät Kräuterpädagogin, Bloggerin und Agrarwissenschafterin Valerie Jarolim aus Weyer ihre Naturkosmetik-Rezepte. Uns hat die 33-Jährige erzählt, dass Selbermachen boomt und warum sie auf Unkraut steht.

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© Marco Mestrovic, H & M, Andrea Ludwig für Cambio Beautyacademy

Wir besuchen Valerie Jarolim in ihrem idyllischen Haus am Wald–rand in Weyer und lernen eine moderne, junge Frau kennen, die das lebt, was sie liebt und was sie macht. Nach 14 Jahren in Wien, wo sie Agrarwissenschaften studiert und eine Ausbildung zur Kräuterpädagogin gemacht hat, zog es die 33-Jährige wieder nach Weyer zurück. Dort ist sie aufgewachsen, dort hat sie von ihren Großeltern gelernt, was man mit den Geschenken aus der Natur alles machen kann und dass auch Unkraut mehr als eine Berechtigung hat. 

Blatt und Dorn. Ihr umfassendes Wissen über Kräuter gibt Valerie Jarolim in ihrem Blog „Blatt & Dorn“ sowie in Workshops und bei Kräuterwanderungen weiter. Nun hat sie im Ennsthaler Verlag ihr erstes Buch unter dem Titel „Nachhaltig schön - Naturkosmetik-Rezepte von Kopf bis Fuß“ herausgebracht, denn immer mehr Menschen wollen ihren Wissensdurst rund um die Wirksamkeit von Pflanzen und Kräutern stillen und legen Wert darauf, womit sie ihre Haut pflegen. Beim Covershooting in Weyer hat sie uns ihr Lieblingsrezept verraten und erzählt, dass auch in Sachen Schönheit gegen alles ein Kraut gewachsen ist. 

 

OBERÖSTERREICHERIN: Frau Jarolim, wie war Ihr Aufwachsen in Weyer?

Valerie Jarolim: Ich bin mit meinen Eltern und meiner Schwester sehr idyllisch aufgewachsen und habe viel Zeit mit meinen Großeltern verbracht. Von ihnen habe ich auch meine große Liebe zur Natur und Pflanzenwelt mitbekommen. Von meiner Oma habe ich viele Kräuterbücher mit persönlichen Notizen geerbt, leider ist sie schon verstorben. 

 

Nach der Maturia in Waidhofen an der Ybbs hat es Sie nach Wien verschlagen. Was hat Sie dazu bewogen?

Das Studium der Psychologie. Ich habe aber gemerkt, dass das nicht das Richtige für mich ist. Gesunde Ernährung, pflanzliche Lebensmittel, biologische Landwirtschaft und Botanik haben mich schon immer interessiert, daher habe ich an die BOKU gewechselt und Agrarwissenschaften studiert. Nach meinem Studium machte ich die Ausbildung zur Kräuterpädagogin und war vier Jahre lang in diesem Bereich in Wien tätig. 

 

Nachdem Sie 14 Jahre lang in Wien gelebt haben, sind Sie wieder in ihre Heimatstadt Weyer zurückgezogen. War das ein „Back to the Roots“? 

Ja, ich wollte einfach der Natur wieder näher zu sein. Schon während meiner Zeit in Wien war ich als Bloggerin tätig, aber um ein Brennesselrezept mit Fotos posten zu können, musste ich zuerst einmal eine Stunde auf die Donauinsel fahren. Das war ziemlich aufwendig. Also zog es mich wieder zurück aufs Land nach Weyer. Seither lebe ich hier mitten im Grünen, in einem Haus am Waldrand. 

 

Haben Sie den Weg zurück aufs Land je bereut?

Nein, überhaupt nicht. Es war die richtige Entscheidung. 

 

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© Marco Mestrovic, H & M, Andrea Ludwig für Cambio Beautyacademy

Woher stammt Ihre große Leidenschaft für Kräuter und Unkräuter?

Ganz sicher von meinen Großeltern. Sie konnten jede Pflanze benennen und kannten jedes Kraut. Bei unseren vielen Spaziergängen haben sie mir immer alles ganz genau erklärt. Während der Pubertät war dann mein Interesse eine Zeitlang nicht so groß, aber beim Studium an der BOKU ist es wieder entflammt. Das Wort „Unkraut“’ war ein fixer Bestandteil dieses Studiums und gerade diese, in der konventionellen Landwirtschaft nicht sehr beliebten Pflanzen, beigeisterten mich. Viele von den Unkräutern, die wir bekämpfen, waren früher Heilkräuter und sind beinahe in Vergessenheit geraten. Das war mitunter auch ein Grund, warum ich die  Ausbildung zur Kräuterpädagogin gemacht habe. 

 

Sie veranstalten Kräuterspaziergänge sowie Kräuter- und Naturkosmetik-Workshops. Was dürfen die Teilnehmer erwarten?

Das kommt ganz auf die jeweilige Veranstaltung an. Beim Kräuterspaziergang gehe ich mit den Teilnehmern eine bestimmte Route, die meistens drei Stunden dauert. Wir schauen uns wildwachsende Kräuter an und ich erkläre, welche Inhaltsstoffe sie so besonders machen und wie man sie in der Küche oder bei der Erzeugung von Kosmetik verwenden kann. Gemeinsam sammeln wir Kräuter, als krönenden Abschluss machen wir ein Kräuterpicknick. Die Teilnehmer erhalten auch ein Skript mit sämtlichen Infos. 

Meine Naturkosmetik-Workshops halte ich in Seminarräumen ab. Die meisten mache ich in Wien, dort ist das Interesse riesengroß und viele Menschen kennen mich. Die Intensivkurse dauern  fünf Stunden und die Teilnehmer erhalten Infos über die Zutaten und die Herstellungsweise von Naturkosmetik. Wir produzieren auch vier bis fünf Produkte, die sie mit nach Hause nehmen dürfen. Am Ende des Workshops sind die Teilnehmer immer wieder begeistert davon, wie einfach man zum Beispiel Lippenbalsam oder Deo selber machen kann. 

 

Was möchten Sie den Teilnehmern vermitteln?

Zum Einen ist es mir ganz wichtig, ein Bewusstsein für die Natur und den eigenen Körper zu schaffen. Beides muss man gut und liebevoll behandeln. Denn wenn man der Haut etwas Gutes tut, dann ist das auch für unsere Umwelt gut. Leider werden in den konventionellen Kosmetikprodukten hauptsächlich Inhaltsstoffe verwendet, die chemisch- synthetisch und nicht umweltfreundlich produziert werden. Vieles basiert auf Erdöl, was ökologisch betrachtet alleine in der Herstellung schon kritisch ist. Zum Zweiten möchte ich den Teilnehmern vermitteln, wie einfach es sein kann, Kosmetik selber herzustellen. Auffallend ist,  dass die Menschen Produkte, die sie selber herstellen, viel mehr wertschätzen. Das ist wie beim Garteln, alles, was man selber anbaut und großzieht, wirft man nicht so leichtfertig weg.

 

Welche Menschen besuchen Ihre Kurse und Workshops?

Mein Kundenkreis ist breit gefächert und reicht von der 18-jährigen Maturantin bis hin zur Pensionistin. Die Workshops für Naturkosmetik besuchen hauptsächlich Frauen, bei den Kräuterspaziergängen sind die Teilnehmer völlig gemischt.

 

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© Marco Mestrovic, H & M, Andrea Ludwig für Cambio Beautyacademy

 

Verkaufen Sie auch Produkte?

Nein, ich widme mich voll und ganz der Vermittlung des Wissens rund um Kräuter und Naturkosmetik. 

 

Merken Sie einen Trend hin zu Pflanzen, Kräutern und zum Selbermachen?

Auf jeden Fall. Ich bin seit sechs Jahren selbstständig und merke einen regelrechten Boom, vor allem auch im städtischen Bereich. Das Auseinandersetzen mit Produkten aus der Natur ist kein „Öko-Ding“ für Menschen in Birkenstock-Schlapfen, wie es oft klischeehaft gesehen wird. In meinen Kursen sind Menschen, denen man niemals auf den ersten Blick ansehen würde, dass sie ihre Kosmetik selber erzeugen. Auch da ist ein Umdenken vorhanden. 

 

Wie ist es Ihnen während des Corona Shutdowns ergangen. Haben Sie Workshops oder Kurse online angeboten?

Zum Glück ist meine Tätigkeit nicht stillgestanden. Ich habe bereits im September 2019 damit begonnen OnlineWorkshops anzubieten und hatte wohl den richtigen Riecher. Die Kurse haben sich bewährt und die Wissensvermittlung funktioniert gut.

 

Sie sagen, dass Sie sich zwischen Kindheitsromantik und Wissenschaft bewegen. Was macht Kräuter und Pflanzen allgemein so besonders?

Pflanzen an sich sind für uns und für unsere Zukunft wichtig. Kräuter haben besondere Inhaltsstoffe und können für die Ernährung, zur Herstellung von Kosmetik, ja sogar von Putzmitteln verwendet werden. Man geht raus in die Natur, pflückt sie und macht etwas daraus. Es ist eigentlich sehr einfach.

 

Unter dem Titel „Nachhaltig schön. Naturkosmetik-Rezepte von  Kopf bis Fuß“ bringen Sie nun Ihr erstes Buch heraus. Wie ist es Ihnen beim Schreiben ergangen?

Es war ein sehr schöner Prozess. Den Gedanken, ein Buch zu schreiben und damit mein Wissen und die Rezepte von meinen Workshops einer breiten Masse zugänglich zu machen, hatte ich schon lange. Jetzt ist es endlich soweit. Das Buch ist eine Sammlung meiner eigenen Lieblingsrezepte gepaart mit jenen, die in den Workshops besonders gut ankommen. 

 

Was war Ihnen inhaltlich wichtig?

Dass die Inhalte einfach nachzuvollziehen sind. Ich will zeigen, dass man mit einer Handvoll Zutaten etwas Tolles machen kann. Reduziert und einfach lautet meine Devise.

 

 

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© Marco Mestrovic, H & M, Andrea Ludwig für Cambio Beautyacademy

Inwieweit sind die Rezepte erprobt?

Alle Rezepte im Buch sind erprobt.Es gibt nichts, was ich nicht schon gemacht habe. Und wenn man ein gewisses Grundverständnis hat, kann man sehr individuell arbeiten. Man kann Lieblingsdüfte wie Rosen oder Lavendel einarbeiten, etwas Hautstraffendes herstellen und vieles mehr. 

 

Ihr Lieblingsrezept?

Die Deo-Creme! Das ist auch jenes Rezept, das bei den Workshop-Teilnehmern am besten ankommt, weil man die Wirkung sofort spürt und merkt. Dabei war es eines der letzten Rezepte, über das ich mich getraut habe (lacht).

 

Welche Zutaten braucht man für die Deo-Creme?  

Kokosöl, Bienenwachs (es gibt aber auch eine vegane Alternative), Natron, Speisestärke und ätherische Öle. 

 

Verwenden Sie eigentlich noch herkömmliche Kosmetik?

Nein, außer dekorativer Kosmetik wie Mascara oder Lidschatten in Bioqualität kaufe ich nichts mehr. 

 

Es heißt oft, dass man in Sachen Naturkosmetik alles essen kann, was man auf die Haut gibt. Wie stehen Sie dazu?

Ich kenne diese Aussage. Wenn aber Obst und Gemüse als Basis für die Produkte dienen, ist das nicht ganz mein Zugang, da in diesem Fall die Haltbarkeit sehr kurz ist. Ich möchte nichts machen, was nur eine Woche hält und wofür ich ständig rühren muss. Ich bediene mich pflanzlicher Rohstoffe, zum Beispiel sind Olivenöl oder Rapsöl aus Österreich meine Basis. Bei meinen Rezepten sind 95 Prozent der Zutaten essbar und alles zu 100 Prozent biologisch abbaubar.

 

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© Marco Mestrovic, H & M, Andrea Ludwig für Cambio Beautyacademy

Was muss man bei der Herstellung von Naturkosmetik beachten?

Sauberkeit und Hygiene am Arbeitsplatz sind ganz wichtig. Auch die Arbeitsgeräte wie Löffel und Tiegel sollte man mit Alkohol desinfizieren. Wichtig ist, dass man jedes Produkt genau bezüglich Haltbarkeit und Inhaltsstoffe beschriftet. Aber grundsätzlich gibt es für den Eigenbedarf keine strengen Vorschriften. Jeder kann Naturkosmetik herstellen, die meisten Arbeitsgeräte hat man zu Hause in der Küche. 

 

Ihre Homepage und Ihr Blog laufen unter dem Namen „Blatt & Dorn“, wie sind Sie darauf gekommen?

Das ist eine Anspielung auf die Unkräuter, denn viele Wildkräuter sind stachelig und dornig und haben eine wildere Natur. 

 

Sie haben sich das Ziel gesetzt, Ihren Internetauftritt, soweit es geht, CO2-neutral zu gestalten. Wie funktioniert das?

Internetnutzung produziert viel CO2. Bei jedem Streaming, bei Videos, bei jedem Mail entsteht CO2, dass vergisst man oft. Da ich als Bloggerin tätig bin, bediene ich mich dieses Systems. Natürlich kann ich es nicht ungeschehen machen, aber ich kann es kompensieren. Baumpatenschaften sind für mich eine tolle Möglichkeit, das auszugleichen.  

 

Mir scheint, Sie haben Ihr Hobby zum Beruf gemacht. Was machen Sie dennoch, wenn Sie sich nicht mit Kräutern und Pflanzen beschäftigen?

Ich muss gestehen, dass ich mich auch in meiner Freizeit viel mit Kräutern befasse und gerne in der Natur bin. Ich arbeite mit Leidenschaft im Garten, gehe gerne Wandern und Laufen – die Berge sind meine große Leidenschaft.

 

Arbeiten Sie bereits am nächsten Buch? 

Na ja, es schwirren noch einige Rezepte in meinem Kopf herum und ich kann mir vorstellen, dass das nicht mein letztes Buch sein wird (lacht).

 

Verraten Sie uns noch, was Sie in Sachen Kosmetik verwenden?

So wenig wie möglich! (lacht) Ich schwöre auf Jojobaöl und Neroli-Hydrolat, welches als Nebenprodukt bei der Destillierung von Orangenblüten entsteht. Ein Pflanzenwasser, das man als Gesichtswasser und Bodyspray verwenden kann. Einfach herrlich!