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People | 23.11.2021

Führung neu gedacht

Digitalisierung, Coronakrise – ein Unternehmen zu führen, wird immer komplexer. Warum das Management Mitarbeiter und Außenstehende aktiv in die Strategieentwicklung miteinbeziehen sollte, verrät Julia Hautz (37) in ihrem neuen Buch „Open Strategy“.

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© Irene Rapp

Adidas, Dr. Oetker, voestalpine – drei Unternehmen, die unterschiedlicher nicht sein könnten und doch haben sie eines gemeinsam, alle drei setzen auf das Open Strategy Modell und öffnen sich damit Ideen außerhalb der Managementführung. Wie erfolgreich sich das Konzept auf das Unternehmen auswirken kann, weiß auch die studierte Wirtschaftswissenschaftlerin Julia Hautz. Die gebürtige Tirolerin und Professorin für Strategisches Management an der Universität Innsbruck beschäftigt sich seit Jahren mit dem Erfolgsmodell und gilt als weltweit führende Expertin für Open Strategy Methoden. In ihrem neuen Buch „Open Strategy“ zeigt die renommierte Wissenschaftlerin gemeinsam mit ihren Co-Autoren Christian Stadler, Kurt Matzler und Stephan Friedrich von den Eichen, wie jedes Unternehmen von diesem Erfolgskonzept profitieren kann. 

 

Frau Dr. Hautz, Ihr Buch „Open Strategy“ ist im Oktober erschienen und gilt schon jetzt als absoluter Bestseller. Was hat Sie zum Buch motiviert? 

Wir wollten zeigen, dass das Prinzip der „Offenheit“ nicht nur in Bereichen wie Open Data, Open Government oder Open Innovation, sondern auch in der Strategieentwicklung und -umsetzung höchst erfolgreich sein kann. Mit unterschiedlichen Perspektiven aus Wissenschaft, Praxis und Unternehmensberatung, die in unserem Autorenteam zusammenfließen, haben wir uns dem Thema umfassend gewidmet. 

 

Was versteht man genau unter Open Strategy? 

Grundsätzlich versteht man unter Open Strategy Strategiearbeit, die von Offenheit, Diversität, Inklusion und Transparenz geprägt ist. Traditionell geht man davon aus, dass Unternehmensstrategien in Vorstandszimmern entwickelt und dann von oben herab kommuniziert werden. Open Strategy hingegen zielt auf eine aktive Einbeziehung von Personen außerhalb des Topmanagement-Teams ab, das sind zum Beispiel Mitarbeiter, aber auch Lieferanten, Kunden, Experten oder Start-ups. Dafür stehen den Unternehmen verschiedenste Tools zur Verfügung. 

 

Können Sie uns ein Beispiel aus der Praxis nennen?

Ein gutes Beispiel für Open Strategy ist BARCLAYS. Die Führungsriege der drittgrößten Bank in Großbritannien wollte auf die immer weiter voranschreitende Digitalisierung im Bankenwesen reagieren. Um Mitarbeiter zu motivieren, die Veränderung mitzutragen, veranstaltete die Bank zunächst Workshops mit Arbeitskräften aus verschiedenen Bereichen. Über eine digitale Plattform wurden alle 30.000 Mitarbeiter in weiterer Folge dazu eingeladen, die in den  Workshops entwickelten Ideen online zu diskutieren. Sehr schnell konnte die Bank verschiedene Vorschläge umsetzen, darunter auch eine der heute erfolgreichsten Financial Apps in Großbritannien. 

 

Welche Erfolge verspricht das Modell? 

Durch die Kombination aus verschiedenen Wissensfeldern ermöglicht Open Strategy, Trends und Disruption frühzeitig zu erkennen und darauf zu reagieren. In weiterer Folge ermöglicht das Modell, Strategien besser und schneller umzusetzen, da Mitarbeiter aktiv in den Entwicklungsprozess einbezogen werden, was wiederum zu einer höheren Identifikation führt. 

 

Gibt es auch Risiken? 

Open Strategy bedeutet nicht, dass die Entscheidungshoheit abgegeben wird, außerdem kann das Einbeziehen von unterschiedlichen Perspektiven den Prozess selbst schwieriger machen. Digitale Technologien bieten hier eine Stütze, können jedoch schnell zum Information Overload führen. Mit der Bitte um ihr Commitment erwarten die Teilnehmer zudem eine gewisse Wertschätzung. Hier hat sich in der Praxis gezeigt, dass es den Beteiligten weniger um die Umsetzung selbst oder einen materiellen Anreiz geht, sondern viel mehr um die Beachtung der Beiträge. Des Weiteren müssen Führungskräfte ein gewisses Maß an Flexibilität zeigen. Sind einmal bestimmte Themen und Ideen angesprochen, kann man diese nicht einfach ignorieren, selbst wenn sie nicht den eigenen Vorstellungen entsprechen. 

 

Ist das Modell für jedes Unternehmen geeignet? 

Grundsätzlich ja, da die Palette von Tools, die zur Verfügung steht, sehr breit ist. Viel wichtiger ist aber, dass die Führungskräfte hinter diesem Ansatz stehen. Open Strategy sollte weniger als Werkzeug, sondern viel mehr als ein neuer Denkansatz verstanden werden. 

 

Wie viele Unternehmen verwenden diese Unternehmensstrategie bereits? Gibt es auch prominente Beispiele?

Die Anzahl an Unternehmen, die aktiv auf Open Strategy setzen, wird immer größer. Sowohl große internationale Konzerne wie Ericsson, IBM, adidas, Dr. Oetker oder die voestalpine,  aber auch kleine und mittelständische Unternehmen, wie der Schweizer Etikettendruckmaschinenhersteller Gallus oder Ottakringer verwenden diese Strategie. Auch Organisationen, die man nicht unbedingt mit Offenheit in Verbindungen bringen würde, wie die NASA oder die US Navy, setzen darauf. 

 

Ab welchem Zeitpunkt sollten sich Unternehmen Außenstehenden öffnen? 

Grundsätzlich sollte man sich dem Prozess so früh wie möglich öffnen. Start-ups zum Beispiel pflegen von Natur aus eine sehr offene Kultur. Mit dem Wachstum verlernen Unternehmen oft diesen externen Austausch. Hier empfiehlt es sich, Open Strategy rechtzeitig in der Unternehmenskultur wiederaufzunehmen, um so mögliche Misserfolge zu verhindern. Im Moment untersuchen wir gerade auch, wie und ob Open Strategy bei vorhandenen Krisenfällen wie Insolvenz helfen kann. 

 

Wie können Führungskräfte lernen, offen zu denken? 

Hier empfiehlt es sich, bewusst mit Leuten zu sprechen, die aus anderen Bereichen kommen. Auch Vorträge oder Bücher, die nichts mit dem eigenen Fachgebiet zu tun haben, sind für den Öffnungsprozess hilfreich. Grundsätzlich sollte es darum gehen, sich bewusst mit Themen zu beschäftigen, bei denen man zunächst nicht weiß, ob und wie hilfreich der Input am Ende für das eigene Unternehmen ist.  Ein weiterer wichtiger Schritt ist, beim eigenen Denken anzusetzen. So sollte man nicht nach Gründen suchen, warum etwas nicht funktionieren kann, sondern vielmehr wie es funktionieren kann. Wenn man sich dessen bewusst ist, ist schon ein erster Schritt getan. 

 

Sie erforschen die Strategien des zukünftigen Managements, wie wird die Unternehmensführung in Zukunft aussehen? 

Die Unternehmensarbeit der Zukunft ist geprägt von Diversität, Inklusion und Transparenz, unterstützt durch die verschiedensten digitalen Technologien, die uns zur Verfügung stehen.

Buchtipp

Bild 41fnLqms1FS.jpg

Open Strategy – Mastering Disruption from Outside the C-Suite;

Christian Stadler,  Julia Hautz, Kurt Matzler, Stephan Friedrich von den Eichen

MIT Press Verlag; ISBN 978-0-262-04611-4

€ 21,99