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People | 03.09.2020

Frauen sind die Verlierer der Krise

Die wirtschaftlichen und sozialen Folgen der Corona-Pandemie zeigen die prekäre Situation von Frauen am Arbeitsmarkt auf. Mittlerweile entspannt sich die Lage wieder etwas. Was es braucht, ist ein langfristiges Umdenken, sagt Iris Schmidt vom AMS Oberösterreich.

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Iris Schmidt (44) ist stellvertretende Leiterin des Arbeitsmarktservice Oberösterreich. ( © AMS Oberösterreich)

Die Corona-Pandemie hat sich gravierend auf Frauen am Arbeitsmarkt ausgewirkt. Jene, die in systemrelevanten Jobs tätig sind, waren im Dauerstress. Jene im Dienstleistungsbereich hingegen wurden in Kurzarbeit geschickt oder im schlimmsten Fall sogar gekündigt. Sehr oft waren es die Frauen, die auch daheim die Betreuung der Kinder übernommen haben, nachdem Schulen und Kindergärten geschlossen worden sind. Wir haben mit Iris Schmidt, der stellvertretenden Leiterin des AMS Oberösterreich, gesprochen, inwieweit sich die Lage für Frauen am Arbeitsmarkt wieder entspannt hat, was arbeitssuchende Frauen im Moment besonders brauchen und warum vielen immer noch zu wenig bewusst ist, dass Teilzeitarbeit längerfristige finanzielle Nachteile mit sich bringt. 

 

OBERÖSTERREICHERIN: Wie hat sich die Corona-Krise grundsätzlich auf Frauen am Arbeitsmarkt ausgewirkt?

Iris Schmidt: Die Auswirkungen sind eklatant. Wir haben einen Zuwachs an arbeitslosen Frauen von 44,1 Prozent von Jänner bis Juli 2020 zum Vergleichszeitraum im Vorjahr. Dabei gibt es einen besonders starken Zuwachs in den ländlichen Bezirken, während die Auswirkungen im urbanen Raum weniger stark zu spüren waren. Mehrere Aspekte kommen dabei zum Tragen – unter anderem die Kinderbetreuung, die im städtischen Bereich besser ist als auf dem Land, und die Tätigkeitsbereiche. Durch den Lockdown waren Frauen vor allem in Branchen betroffen, die nicht auf Kurzarbeit umgestellt haben, sondern den Weg in die Arbeitslosigkeit gegangen sind – etwa in der Gastronomie, im Handel, abgesehen vom Lebensmittelhandel, und im Gesundheits- und Sozialwesen. Letzteres hat uns selbst überrascht, so dass wir uns das genauer angesehen haben. Getroffen hat es zum Beispiel Ordinationsgehilfinnen, Masseurinnen oder Ergotherapeutinnen, die ihren Job nicht mehr ausüben konnten.

Mittlerweile dürfen diese Branchen allesamt wieder arbeiten. Hat sich damit auch die Lage am oberösterreichischen Arbeitsmarkt für Frauen etwas entspannt?

Ja, tatsächlich sind seit Juli wieder mehr Frauen in Beschäftigung, während die Zahlen bei den Männern eher stagnieren. Das hat allerdings auch damit zu tun, dass Männer oft in Industrie- und Produktionsbetrieben arbeiten, die seit dem Lockdown in Kurzarbeit sind. Was mich sehr nachdenklich gemacht hat, ist die Tatsache, dass die Corona-Krise tendenziell kaum ein Umdenken bei den Frauen ausgelöst hat, was ihren Berufswunsch betrifft. Wir haben verglichen, welche Branchen in der Krise besonders stark betroffen waren und welchen Berufswunsch arbeitssuchende Frauen haben – und da hat sich nicht viel geändert. Die meisten Frauen halten daran fest. Ich sehe es deshalb auch als Aufruf für unsere Frauenberufszentren, die eben dort ansetzen und den Frauen neue Berufsperspektiven bieten.

Was macht diese Frauenberufszentren, die es landesweit in allen Bezirken gibt, so besonders?

Unsere Frauenberufszentren sind eine wichtige Anlaufstelle speziell für arbeitssuchende Frauen. Dort werden sie umfassend beraten und so unterstützt, wie es ihre derzeitige Lebenssituation erfordert. In vielen Fällen spielt eine sehr wesentliche Rolle, ob und wie die Betreuung der Kinder sichergestellt werden kann. Besonders wichtig ist uns, den Frauen ihre eigenen Kompetenzen und Fähigkeiten bewusst zu machen und ihre Berufsperspektiven zu erweitern. Wir wollen sie ermutigen, ihre Talente und Möglichkeiten zu erkennen und diese zu fördern. Ein Beispiel dafür sind Aus- und Weiterbildungen in technischen und handwerklichen Berufen, die meist höher entlohnt sind und nachhaltige Zukunftschancen auf dem Arbeitsmarkt bieten. Das hilft ihnen auch, wenn sich ihre individuellen Lebensumstände einmal ändern, etwa durch eine Scheidung oder später in der Pension.

Wie schwierig ist es, Frauen für technische Berufe zu begeistern?

Leider ist die Hemmschwelle bei vielen Frauen noch sehr hoch. Dabei muss man wissen, dass diese Berufe sehr breitgefächert sind und dazu zum Beispiel auch Optikerin oder Hörgeräteakustikerin zählen. Unser Programm „Frauen in die Technik“ ist genau darauf abgestimmt und schrittweise aufgebaut, so dass die Frauen relativ rasch Erfolge sehen und daran wachsen können. Im ersten Halbjahr 2020 waren insgesamt 226 Frauen in Vorbereitung und Ausbildung dieses Programms und 68 haben in diesem Zeitraum die Ausbildung abgeschlossen.

Sie haben vorhin die Pensionen angesprochen. Frauen sind da noch sehr oft die Verliererinnen, weil sie bei den Kindern daheimbleiben, deren Betreuung übernehmen und später dann nur noch Teilzeit arbeiten. Das böse Erwachen kommt spätestens in der Pension, weil sie sehr viel weniger ausbezahlt bekommen als Männer. Sollten Frauen deshalb viel mehr dazu ermutigt werden, wieder Vollzeit zu arbeiten?

Aus meiner Erfahrung kann ich sagen, dass sich viele Frauen gar nicht damit auseinandersetzen. Es ist viel zu wenig im Bewusstsein der Menschen – insbesondere der Frauen, die später dann aber die Leid-
tragenden sind. Ich stelle auch immer wieder fest, dass Frauen gar nicht hinschauen und wissen wollen, wie viel sie in ihrer Pension einmal ausbezahlt bekommen. Das ist erschütternd. Natürlich gibt es das freiwillige Pensionssplitting, allerdings wird es kaum genützt. Es spricht nichts dagegen, Teilzeit zu arbeiten – selbst wenn die Kinder schon erwachsen sind. Es sollte jede Frau selbst entscheiden können, ob sie Vollzeit arbeiten möchte oder nicht. Wichtig ist dabei, sich mit den späteren Konsequenzen auseinanderzusetzen. Die Frage sollte lauten: Wie lange kann ich es mir leisten, Teilzeit zu arbeiten, um auch später ein lebenswertes Leben führen zu können? Das böse Erwachen sollte nicht kommen, wenn es bereits zu spät ist. Die Armutsfalle ist bei Frauen leider immer noch präsenter, als viele glauben.