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People | 09.07.2018

Frauen auf dem Vormarsch

Firmengründungen werden immer mehr zur Frauensache. Auf den nächsten Seiten erklären fünf Oberösterreicherinnen, warum sie sich selbstständig gemacht haben und was dabei die größten Herausforderungen waren.

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Nina Poxleitner, Gründerin von „MORE THAN ONE PERSPECTIVE“ (MTOP) (© Bianca Jakobic)

Immer mehr Frauen wählen den Weg in die Selbstständigkeit. Aktuelle Zahlen beweisen, dass die weibliche Wirtschaftskraft deutlich auf dem Vormarsch ist. Während laut WKOÖ-Mitgliederstatistik vor sieben Jahren 24.700 (39,6 Prozent) oberösterreichische Frauen unternehmerisch tätig waren, ist die Anzahl der Unternehmerinnen im Jahr 2017 auf über 35.800 (47,1 Prozent) gestiegen. Das bedeutet, dass fast jedes zweite Unternehmen hierzulande von einer Frau geleitet wird.

Klassisches Rollenbild dominiert. Wenn es darum geht, in welchen Sparten frau in Oberösterreich gründet, zeichnet sich weiterhin ein klassisches Rollenbild ab. Mit 1.881 Neugründungen liegt die Sparte „Gewerbe & Handwerk“ mit 58,8 Prozent unumstritten auf dem ersten Platz. 40,5 Prozent der Gründerinnen machen sich in der Sparte „Tourismus & Freizeitwirtschaft“ selbstständig, 33,1 Prozent im Handel. „Da es wünschenswert wäre, Gründungen in allen Sparten zu forcieren, wollen wir Anreize schaffen, dass Frauen auch vermehrt von selbst in männerdominierte Branchen vordringen“, erklärt Margit Angerlehner, WKOÖ-Vizepräsidentin und WKO-Landesvorsitzende von Frau in der Wirtschaft.

Unabhängigkeit und Selbstverwirklichung. Aber warum machen sich immer mehr Frauen selbstständig? Laut einer aktuellen Befragung der KMU Forschung Austria sind das Streben nach Unabhängigkeit, Selbstverwirklichung und flexible Zeiteinteilung sowie der Wille zur Umsetzung einer Idee die häufigsten Motive für eine Firmengründung. Interessant ist auch die Tatsache, dass die meisten Unternehmensgründungen (78 Prozent) erst nach der Geburt der Kinder in Angriff genommen werden. Das Durchschnittsalter bei den Oberösterreicherinnen, die ein Unternehmen gründen, liegt bei 37 Jahren.

 

HILFE BEIM GRÜNDEN

Das Gründerservice der WKO Oberösterreich bietet Hilfe zur Unternehmensgründung, zur Betriebsnachfolge sowie zum Thema Franchising.

www.gruenderservice.at

Frau in der Wirtschaft OÖ hat gemeinsam mit der WIFI-Unternehmerakademie eine „Akademie für Kleinstunternehmerinnen“ ins Leben gerufen. 

www.wko.at

Powerfrauen mit eigenem Unternehmen
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Anna Seyr (53) & Anna Irrendorfer (54) – Powerduo mit Hang zur Mode: Beim Baden am See feierten Anna Seyr und Anna Irrendorfer vor mehr als 30 Jahren die mit Auszeichnung bestandene Textilhandelsprüfung von Anna Seyr. Anna Irrendorfer war damals bereits acht Jahre in der Textilbranche tätig und liebte ihren Beruf. Erstmals spielten die beiden mit dem Gedanken, ihr eigenes Geschäft zu gründen. „Anfangs haben wir noch darüber gelacht, aber mit der Zeit ließ uns diese Idee nicht mehr los, und eineinhalb Jahre später, nachdem wir einen Unternehmerlehrgang absolviert hatten, war es am 1. September 1989 so weit: Wir eröffneten in der Herrenstraße 8 in Perg ein Herrenmodegeschäft“, erinnert sich Anna Irrendorfer. „Die größte Hürde am Weg in die Selbstständigkeit war es, eine Bank zu finden, die an uns glaubte. Zumal wir noch sehr jung waren und nicht viel Geld angespart hatten“, so Anna Seyr. Bereut haben die beiden Powerfrauen ihren Schritt in die Selbstständigkeit nie. Nur die Zeit der Familiengründung war sehr intensiv und hat sie manchmal an ihre Belastungsgrenzen geführt. Heute sind Anna Seyrs Sohn, ihre zwei Töchter und auch Anna Irrendorfers Sohn erwachsen. „Gemeinsam haben wir immer wieder einen Weg gefunden, alles zu meistern“, so die beiden. Und der Erfolg ließ nicht lange auf sich warten. Zehn Jahre nach der Eröffnung installierten sie im Herrenfachgeschäft ein kleines „Dameneck“, und im Jahr 2012 fiel die Entscheidung für einen zweiten Standort in der Herrenstraße 20 in Perg – Bogart 2.0 für Mode wurde geboren. „Im neuen Haus bieten wir Herren- und Damenmode internationaler Marken zu gleichen Teilen an. Nur ein paar Schritte weiter finden unsere Kunden im ehemaligen Herrengeschäft Tracht mit alpinem Lifestyle“, so die beiden. Ihr Tipp für Gründerinnen: „Seid mutig, zielstrebig, fleißig, organisiert und lebt euren Traum!“ (© Roswitha Aumayr)
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Nina Poxleitner (30) – Bessere Integration ist ihre Vision: Mit ihrem 2016 in Wien gegründeten Start-up „MORE THAN ONE PERSPECTIVE“ (MTOP) bringen die Linzerin Nina Poxleitner und die Steirerin Lisa-Maria Sommer (27) gemeinsam mit Mitgründer Julian Richter (31) geflüchtete Menschen mit heimischen Unternehmen auf dem Arbeitsmarkt zusammen. MTOP wählt gut ausgebildete Geflüchtete aus IT, Wirtschaft & Technik selektiv für das MTOP Associate Programm aus und bereitet sie sechs Monate lang auf den Arbeitsmarkt vor. „Mit MTOP versuchen wir, das Potenzial von Integration sichtbar zu machen“, erklärt Poxleitner die Vision. Kennengelernt haben sich die Studienabsolventen im Job bei „Teach for Austria“, als sie an Mittelschulen in Wien unterrichteten. Von der Idee zur Realisierung dauerte es circa ein Jahr. „Dieses erste Jahr haben wir Vollzeit als Fellows gearbeitet und nebenbei alles andere jongliert. Das war oft anstrengend und frustrierend. Oft geht man einen Schritt nach vorne und dann wieder zwei zurück“, berichtet die Gründerin. Es kamen viele neue Themen auf das Team zu: Verstehen der Förderlandschaft, Schreiben eines Gesellschaftervertrages, Gewerbeanmeldung, Produktentwicklung, Buchhaltung etc. Tipps für andere Gründer. Für jene, in denen die Idee einer Gründung schlummert, hat die 30-Jährige einige Tipps: „Such dir das richtige Team, mit dem eine gute Zusammenarbeit möglich ist, und mit Fähigkeiten, die sich ergänzen. Zweitens: Reden, reden, reden! Durch Feedback lernt man ungemein viel dazu. Trau dich! Gründen bringt zwar Unsicherheiten mit sich, aber auch Abenteuer, wertvolle Lernerfahrungen und eine Menge Spaß. Und: Finde einen Ausgleich – wir mussten lernen abzuschalten.“ Gründen sei eine Reise mit vielen Auf und Abs. „Es ist wichtig, zu reflektieren und sich Fehler einzugestehen. Aber noch viel wichtiger ist es, stolz auf das zu sein, was man erreicht hat.“ Zum Stolzsein gibt es jetzt schon allen Grund. Seit 2016 zeichnet das renommierte Wirtschaftsmagazin Forbes mit „30 UNDER 30 EUROPE“ 300 junge Europäer in zehn Kategorien für ihre Leistungen aus; in der Kategorie „Law & Policy“ finden sich heuer die beiden Jungunternehmerinnen Nina Poxleitner und Lisa-Maria Sommer. (© Bianca Jakobic)
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Tina Dobetsberger (38) – Im Riegelfieber: Die Idee zur Riegelfabrik ist „ganz nebenbei“ entstanden, als Tina Dobetsbergers Sohn meinte, seine ernährungs- und umweltbewusste Mama solle doch einfach selbst Müsliriegel ohne Zucker und Palmöl backen, wenn sie mit dem Supermarkt-Angebot nicht zufrieden sei. Gesagt, getan! Die Familie fing nach wildem Herumprobieren an, sich selbst ihre eigenen Riegel-Mischungen zu backen. Und begeistert von den leckeren Variationen war nicht nur die Familie Dobetsberger selbst. „Nach und nach kamen Freunde und Bekannte und fragten, ob ich ihnen nicht auch welche backen könne. So kam uns die Idee, dass unsere Riegel womöglich ein interessantes Produkt für den Markt sein könnten“, erzählt Tina Dobetsberger. Ein Jahr nach der zündenden Idee gründete die verheiratete Mutter von zwei Kindern im Jänner 2017 ihr Unternehmen „Riegelfabrik“ in Kremsmünster, das ausschließlich Müsliriegel in Bio-Qualität ohne Zuckerzusatz, ohne künstliche Aromen, Farbstoffe und Palmöl produziert. „Jeder Müsliriegel wird in Handarbeit in höchster Sorgfalt und mit Liebe produziert“, ist die Unternehmerin stolz. Online unter riegelfabrik.at kann sich jeder seine eigenen Lieblingsmüsliriegel zusammenstellen – vom Riegelkern, der Grundzutat, bis hin zum Verfeinern mit Früchten und Nüssen ist für jeden Geschmack etwas dabei. Zusätzlich sind die leckeren Riegel auch in ausgewählten Biomärkten und Filialen von Unimarkt erhältlich. Die vielen durchgearbeiteten Nächte und der damit verbundene Schlafmangel gehören der Vergangenheit an, heute ist Tina Dobetsberger jeden Tag aufs Neue froh, diesen Weg gegangen zu sein und schätzt sich glücklich. „Mit kleineren Hürden, die einem in den Weg gelegt werden, wenn man mit dem Gedanken einer Firmengründung spielt, rechnet man sowieso. Aber man darf sich auf keinen Fall unterkriegen lassen und muss standhaft bleiben. Wenn man von seinem Produkt oder seiner Idee überzeugt ist, sollte man sich nicht vom Weg abbringen lassen“, ist Tina Dobetsberger überzeugt. (© F1 fotodesign / Oliver Mitterhumer)
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Andrea Lehner (50) – Coole Lady mit Erfindergeist: Wenn es darum geht, praktische Dinge zu erfinden, könnte man die Alberndorferin Andrea Lehner am besten mit Daniel Düsentrieb vergleichen. Vor sechs Jahren hatte die selbstständige Maskenbildnerin und Chefvisagistin diverser ORF-Sendungen vom schmerzhaften Augenbrauenzupfen genug und entwickelte ganz einfach anwendbare Augenbrauen-Wachsstreifen namens „andmetics“. Nur zwei Jahre später gründete sie gemeinsam mit ihrem Schwiegersohn Hannes Freudenthaler und Geschäftspartnerin Margot Helm die „andmetics Andrea Lehner Cosmetics GmbH“. Die Kaltwachs­enthaarungsstreifen schlugen voll ein und finden mittlerweile in internationalen Handelsketten großen Absatz. Aber dem ist nicht genug, Andrea Lehner steht schon wieder mit einer neuen genialen Erfindung in den Startlöchern. Nach einjährigem Tüfteln bringt sie nun unter dem Markennamen „A‘Secret“ sogenannte „Höschenretter“ auf den Markt. Höschen was? Ja, Sie haben richtig gehört: Höschenretter! „Dabei handelt es sich um eine beinahe unsichtbare Slipeinlage, die direkt am Körper haftet und nur ein kleines bisschen größer als ein Tampon ist. Das saugstarke Pad mit Absorber nimmt allfällige Flüssigkeiten diskret auf und wird bei jedem Toilettengang gewechselt“, erklärt Andrea Lehner und zählt auch gleich die Vorteile ihrer neuen Erfindung auf: „Im Gegensatz zur herkömmlichen Slipeinlage, die unsexy, unbequem und ganztägig getragen auch unhygienisch ist, wird der Höschenretter-Strip so positioniert, dass er nahezu unsichtbar ist. Übrigens kann der Höschenretter von Frauen und Männern, die Sport betreiben, getragen werden. „Frauen positionieren ihn zwischen den Schamlippen, Männer zwischen den Pobacken“, erklärt Lehner, die bereits Listungsgespräche mit Spar und Bipa führt. Dass es kein Honiglecken ist, ein Unternehmen zu gründen, davon kann Andrea Lehner ein Lied singen. Eine Gesellschaftsgründung ist ja schon nicht einfach, aber eine Patentanmeldung, die ist wirklich langwierig und kompliziert. Unzählige Dokumente müssen ausgefüllt und abgegeben werden und man wartet monatelang auf eine Information. Auch sonst gibt es allerhand zu tun. So hat sie zum Beispiel alleine für die Verpackung des „Höschenretters“ gemeinsam mit einer Werbeagentur lange Zeit gearbeitet. Zumal die bildliche Beschreibung von der Ethik-Kommission abgesegnet werden musste. Trotzdem hat sich Andrea Lehner nicht entmutigen lassen und verfolgt beständig ihre Ziele. „Ich weiß jetzt, wie man ein Produkt entwickelt, eine Firma gründet, Förderungen einholt und um Patente ansucht, und genau dieses Wissen möchte ich als Mentorin an Frauen, die eine gute Idee haben oder eine Firma gründen möchten, weitergeben“, so die 50-Jährige. Überzeugt ist sie davon, dass der „Höschenretter“ genauso erfolgreich wird wie die Kaltwachs-Enthaarungsstreifen. Dieses Mal startet sie jedoch ohne Partner durch. Schließlich soll bewiesen werden, dass sie es als Frau alleine schaffen kann. (© Celine Daliot)

„Kinderbetreuung ist die größte Hürde“

Seit mehr als 20 Jahren setzt sich Frau in der Wirtschaft als Kontakt- und Servicestelle in der WKOÖ dafür ein, über 35.800 Unternehmerinnen ihren Weg zu ebnen. Margit Angerlehner, WKO-Landesvorsitzende von Frau in der Wirtschaft, führt ihre Maßschneiderei als „Einfraubetrieb“ und weiß daher genau, wo der Schuh drückt.

Was ist die größte Hürde für Frauen, die ein Unternehmen gründen möchten?

Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist oftmals nicht einfach. Die Mütter unter den knapp 36.000 oö. Unternehmerinnen sind wie alle erwerbstätigen Frauen stark auf öffentliche Betreuungseinrichtungen für ihre Kinder angewiesen. Hier bedarf es noch einer Verbesserung der Rahmenbedingungen, denn zu den größten Stolpersteinen gehört die mangelnde Flexibilität der Kinderbetreuungseinrichtungen hinsichtlich der Öffnungszeiten sowie lange Ferien mit zu langen Schließzeiten.

Welche Forderungen stellt Frau in der Wirtschaft in diesem Bereich an die Politik?

Mit der langen Ferienzeit stellt die Schule selbstständige Mütter vor große Herausforderungen. Daher fordern wir die Einführung von Kinderbetreuungsangeboten an Pflichtschulen auch während der Ferien: In den Sommerferien soll eine adäquate Ferienbetreuung mit Förderungs- und Betreuungsangeboten ermöglicht werden. Unser Streben nach der Vereinheitlichung der schulautonomen Tage hat in der Politik Anklang gefunden. Die neue Regierung plant, diese Forderung umzusetzen und die schulautonomen Tage in einheitliche Herbstferien umzuwandeln.