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People | 26.08.2022

Einmal Vollgas bitte!

Dass er zu den weltbesten Motorradrennfahrern gehört, hat Matthias Walkner (35) mit vier Podiumsplätzen bei der Rallye Dakar bereits bewiesen. 2018 holte er beim härtesten Rennen der Welt als erster Österreicher sogar den Titel in der Motorradwertung. Im Interview haben wir erfahren, dass er und sein Vater das erste Motorrad vor der Mutter verheimlicht haben, und dass ihm ein gewisser Ferdinand Hirscher auf seinem Karriereweg zum Motorradrennfahrer weitergeholfen hat.

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Matthias Walkner in Action. © Kin Marcin / Red Bull Content Pool

Ja, Sie haben richtig gelesen. Ferdinand Hirscher, der Vater von Ex-Skistar Marcel Hirscher, hat den jungen Matthias Walkner neben dessen eigenem Vater in Sachen Biken tatkräftig unterstützt und ihn in seinen Anfängen zu Rennen begleitet. Und schaut man sich den Karriereweg des 35-jährigen Kuchlers heute an, dann hat dieser Einfluss wohl Früchte getragen. Weder eine Lebensmittelvergiftung (2015) noch ein Oberschenkelbruch (2016) konnten den Motocrossfahrer davon abhalten, 2017 bei der Rallye Dakar erneut an den Start zu gehen und Platz zwei beim härtesten Rennen der Welt einzufahren. 2018 dann das Highlight: Walkner erreicht, was noch nie zuvor ein Österreicher geschafft hat, und holt sich den Rallye Dakar-Titel in der Motorrad-Wertung. Auch heuer hatte er über den dritten Gesamtrang in Saudi-Arabien wieder Grund zum Jubeln. Wir haben mit Matthias Walkner über Ehrgeiz, Leidenschaft, Angst und seine Familie gesprochen und erfahren, dass der bodenständige und sympathische Kuchler auch 2023 wieder bei der Rallye Dakar an den Start gehen wird.

 

Herr Walkner, ursprünglich haben Sie eine Karriere als Skirennläufer angestrebt, mit 14 Jahren allerdings die Skier gegen eine Motocrossmaschine getauscht. Was war die Motivation?

Mein Herz hat schon immer für den Motorsport geschlagen. Meine ersten Berührungspunkte mit dem Motorsport hatte ich bei den KTM Testtagen. Ich habe viel Zeit in der Karthalle verbracht, und am vierzehnten Geburtstag habe ich von meinem Papa mein erstes Motorrad bekommen. Das musste ich anfangs vor Mama geheim halten. Irgendwann hat sie dann aber gemerkt, dass ich davon nicht mehr so leicht wegkomme (lacht). 

 

War Ihr Vater auch ein Biker?

Mein Papa war Motorradrennfahrer auf Amateurlevel. Er wurde bei der österreichischen Staatsmeisterschaft sogar einmal Fünfter oder Sechster. Papa hatte zwar Ambitionen für mehr, das war jedoch zeitlich ein Problem, da er neben seinem Beruf viel Zeit mit uns Kindern auf den Motorrädern und auf den Skiern verbracht hat. 

 

Nachdem Sie Ihr erstes Motorrad bekommen hatten, ging es stetig bergauf und Sie heimsten einen Stockerlplatz nach dem anderen ein. Warum waren Sie vom Start weg so gut?

Meine Eltern haben mir immer die Chance gegeben, alles, wozu ich motiviert war, auch professionell auszuüben. Ich hatte immer eine große Leidenschaft für den Sport und viel Spaß daran, das war und ist vermutlich meine große Stärke. Ab dem ersten Moment am Motorrad wusste ich: Das ist das, was ich machen will. Dass es sich so entwickeln würde und vor allem, dass ich heute mein Geld damit verdienen kann, habe ich mir damals in meinen kühnsten Träumen nicht ausgemalt. Umso schöner ist, dass es so gekommen ist. 

 

2015 unterschrieben Sie einen Dreijahres-Vertrag mit dem KTM-Werksteam und gingen im selben Jahr bei der Rallye Dakar an den Start. Welche Voraussetzungen muss man mitbringen, um dort überhaupt starten zu können?

Ich glaube, Leidenschaft und eine gewisse Leidensfähigkeit sind die Voraussetzung, um da mitzufahren. Rallyefahren ist wie einen 8.000er zu besteigen – da muss man wirklich leidensfähig sein. Dieses Rennen dauert zwei Wochen und ist sehr anspruchsvoll. 2015 fand es unter sehr schwierigen Bedingungen in Südamerika statt. Von minus zehn bis
plus 45 Grad war alles dabei. Wir fuhren vom Meeresniveau hinauf auf bis zu 5.000 Meter, mit Tagesetappen in der Länge von 1.280 Kilometern, und waren von 5 Uhr morgens bis 22 Uhr abends am Bike. Das ist nicht ohne. Wir fuhren über die Anden bis nach Chile, da hatte es über drei Stunden lang minus fünf bis minus zehn Grad. Unsere Motorradkleidung ist zwar auf eine gute Performance am Bike ausgelegt, aber nicht für solche Temperaturen. Mir war noch nie annähernd so kalt wie an diesem Tag. Außerdem gibt es 100 Kilometer lang keine Tankstelle und kein Auto. Das hat mir die Augen geöffnet: dass die Voraussetzungen in Dakar nicht nur das Können am Motorrad sind, sondern auch die Leidensfähigkeit, was die Umstände betrifft. 

 

Ihre erste Rallye Dakar 2015 mussten Sie jedoch frühzeitig wegen einer Lebensmittelvergiftung beenden. Wie kam es dazu?

Das war ein Zusammenspiel aus teilweise 14-Stunden-Tagen, Schlafmangel, Dehydra­tion, und am Vortag hatte ich noch eine Fisch-Paella gegessen. Da hat es mich dann richtig erwischt. Ich bin noch 350 Kilometer gefahren, aber immer wieder von der Straße abgekommen, weil ich nicht konzentriert war. Da musste ich abbrechen. 

 

Auch Ihre zweite Teilnahme an der Rallye Dakar im Jahr 2016 endete in der siebenten Etappe nach einem Sturz mit einem Oberschenkelbruch. Dachten Sie damals daran, jemals wieder an den Start zu gehen?

Ja, denn um aufzugeben, bin ich einfach viel zu ehrgeizig. Ich will immer hundert Prozent rausholen, und die müssen für die Top drei reichen, um meinem Anspruch gerecht zu werden. Aber klar, mit einem Oberschenkelbruch zwölf Stunden ins nächste Krankenhaus gebracht zu werden und danach 26 Wochen Reha, das ist kein Spaß. Falls mir das noch einmal passieren sollte, weiß ich nicht, ob ich dann noch einmal zurück in den Profisport ginge. 

 

Dennoch feierten Sie nach Ihrer Verletzung ein sensationelles Comeback, holten 2017 bei der Rallye Dakar den zweiten Platz und 2018 als erster Österreicher überhaupt bisher den Titel. Warum sind Sie so hart im Nehmen?

Diese ganzen Erlebnisse, die dieses Rennen mit sich bringt, sind irrsinnig nachhaltig, und die Erfolge geben mir ganz viel zurück. Aber natürlich ist das auch eine Art Hassliebe (schmunzelt). 

 

Was ist für Sie bei diesem Rennen die größte Herausforderung?

Den größten Respekt habe ich vor der Geschwindigkeit. Bei der Rallye in Kasachstan sind wir durchschnittlich 141 km/h über eine Schotter-Sand-Piste gefahren, die ich davor nicht gekannt hatte. Da muss man eine lange Zeit sehr hochkonzentriert fahren. Wenn da nur der kleinste Fehler passiert, kann das tödlich ausgehen. 

 

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Fast 8.500 Kilometer brettern die Teilnehmer der Rallye Dakar in Saudi-Arabien durch die Wüste. „Die Erlebnisse sind nachhaltig, und die Erfolge geben einem viel zurück“, so Matthias Walkner. © Flavien Duhamel / Red Bull Content Pool

Wie geht es Ihrer Mama damit, wenn Sie auf solchen Rallyes unterwegs sind?

Mittlerweile schon recht gut. Aber sie zündet trotzdem jeden Tag eine Kerze für mich an, wenn ich Motorrad fahre. Meine Familie hat mich von Anfang an unterstützt. Meine Mama hat mir bei der Ernährung geholfen und Kalorien berechnet. Sie weiß, dass ich ein Vollblut­sportler bin. Bis jetzt ging ja alles gut aus, da gewinnt man schon Vertrauen.

 

Haben Sie einen Talisman von zu Hause bei Ihren Rennen dabei?

Ich habe immer ein Glückssackerl mit sieben oder acht Glücksbringern dabei. Jeder, der mir nahesteht, hat mir beim ersten Rennen in Dakar einen Glücksbringer geschenkt. Da ist zum Beispiel ein selbst geschmiedetes Hufeisen dabei, ein Glücksschwein und von meiner Oma ein geweihter Motorradschutzpatron.

 

Wie groß ist Ihr Team bei der Rallye Dakar, wo wird übernachtet, wann müssen Sie raus aus dem Bett?

Wir Rennfahrer fahren offroad über Stock und Stein, und unser Team (KTM, Husqvarna, GasGas), das mittlerweile um die 45 Mann groß ist, fährt über die schnellste Route zum nächsten Treffpunkt nach. Wir schlafen in Wohnmobilen und stehen meistens um vier oder fünf Uhr morgens auf.

 

Was war das beeindruckendste Erlebnis bei Ihren Dakar-Teilnahmen?

Mein Sieg 2018 in Córdoba war mit Sicherheit eines der beeindruckendsten Erlebnisse. Bei solchen Rennen gewinnt ja nicht immer der Beste. Die äußeren Einflüsse, von der Motorradtechnik über Umwelteinflüsse, machen es möglich zu gewinnen oder eben auch nicht. Niemals vergessen werde ich auch, als ich nach meinem Sturz 2016 in La Paz (Bolivien) im Krankenhaus lag, dort niemand Englisch sprach, ich kein Handy dabeihatte und in einen Operationssaal gebracht wurde, an dessen Wände das getrocknete Blut klebte. Das alles und die Armut, die dort herrscht, öffnen einem schon die Augen. Trotzdem erfüllt es mich auch mit Dankbarkeit, dass ich so tolle Menschen, die mit wenig zufrieden sind, kennenlernen durfte. So etwas erdet einen gewaltig. Je älter ich werde, desto mehr schätze ich das, was ich machen darf.

 

Welches Gefühl ist es, wenn Sie stundenlang durch die Wüste donnern?

In Saudi-Arabien ist die Wüste im Norden extrem schön und erinnert irgendwie an eine Marslandschaft. Da kann man zum Beispiel beim Fahren riesige Felsen mit senkrechten Wänden, die vom Sand eine Struktur wie Korallen haben, bestaunen. Man fährt durch ganz schmale Canyons mit rotem Sand, untermalt mit dem Geräusch der Motorräder – das ist einmalig! All das würde ich ohne diese Rallyes nicht erleben.

 

Gibt es etwas, vor dem Matthias Walkner Angst hat?

Ja, vor vielem (lacht). Ich glaube, Angst ist auch extrem wichtig, da sie unsere Instinkte schärft und uns überleben lässt. Mein Unfall 2016 führt mir immer wieder vor Augen, was am Spiel steht und dass ich den Respekt und die Konzentration nicht verlieren darf.

 

Wie bereiten Sie sich auf die Rennen vor?

Da eigentlich immer Rennen am Plan stehen, bin ich permanent im Training. Im Sommer machen wir zwei Monate Pause.

 

Wo trainieren Sie, wenn Sie in Österreich sind?

Die Skills des Motorrad-ABC hole ich mir beim Motocrossfahren. Die XBOWL Arena in Golling ist von mir zu Hause die nächstgelegene Motocross-Strecke. In Oberösterreich trainiere ich am Truppenübungsplatz in Mehrnbach, da gibt es auch eine Motocrossbahn. Das typische Rallyetraining machen wir aber in Spanien und in Italien. Manchmal bin ich auch mit Marcel Hirscher am Erzberg in der Steiermark trainieren.

 

Wie geht Ihre Freundin Petra damit um, dass Sie einen so gefährlichen Sport ausüben? Ist sie auch eine Bikerin?

Nein, zum Glück ist sie keine Bikerin. Sonst hätte ich wahrscheinlich die doppelte Arbeit beim Herrichten der Motorräder (lacht). Wir sind seit 2006 zusammen, sie hat mich als Vollblut­rennfahrer kennengelernt, deswegen kann sie auch gut damit umgehen. Dieser Sport ermöglicht uns aber auch ein schönes Leben mit vielen Reisen. Ich glaube, sie ist sehr happy, einen Rennfahrer an ihrer Seite zu haben.

 

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Die Ralley Dakar ist die bedeutendste Langstrecken- und Wüstenrallye der Welt und verlangt den Fahrern einiges ab. © Kin Marcin / Red Bull Content Pool

 

Fährt sie zur Rallye Dakar mit?

Nein, leider nicht. Wir sind schon so ein großes Team, wenn da jeder noch eine Bezugsperson mitnehmen würde, ginge sich das logistisch nicht mehr aus.

 

Können Sie während der Rallye Dakar mit Ihren Lieben zu Hause kommunizieren?

Ja, ich habe eine Whatsapp-Gruppe mit allen Familienmitgliedern und Freunden und schicke ihnen Sprachnachrichten, wie mein Tag so war. Meine Freundin bekommt natürlich, wann immer es geht, Nachrichten von mir. Das ist bei den langen, anstrengenden Tagen nicht immer möglich, aber das weiß sie. Ich bin extrem froh und dankbar, dass ich die Petra habe! 

 

Sie haben einen Bruder und eine Schwester, die selbst Freeriderin ist. Wie sehr freuen sich Ihre Geschwister mit Ihnen, wenn Sie gewinnen?

Wir kommen aus einem bescheidenen Elternhaus, der Motorsport ist aber sehr kostenintensiv. Damit wir uns das leisten konnten, haben alle zusammengeholfen. Meine Oma hat meine Kleidung gewaschen, die Mama hat die Jause vorbereitet, der Papa hat mich gefahren, mein Bruder war der Mechaniker, und meine Schwester hat mich bei der Pressearbeit unterstützt. Eifersucht gibt es bei uns nicht. 

 

Acht Mal Dakar: Gibt es schon Abnützungs­erscheinungen oder sind Sie noch immer hungrig? 

Ich habe schon überlegt aufzuhören, aber da die letzte Saison so gut gelaufen ist und ich immer noch mit den Jüngeren mithalten kann, habe ich noch einmal verlängert. Solange ich mich nicht verletze, bin ich nächstes Jahr bei der Rallye Dakar wieder dabei. Der Vertrag mit KTM wurde bis Dezember 2023 verlängert.

 

Haben Sie einen Mentaltrainer?

Nein, habe ich nicht. Wo keine Grube ist, soll man auch nicht reingraben.

 

Ich habe gelesen, dass Sie Trainingseinheiten mit Ferdinand Hirscher, dem Vater von Marcel Hirscher, hatten. Im Skifahren oder beim Biken?

Das war beim Motorradfahren (lacht). Ferdinand ist ein akribischer Perfektionist, und als er mich mit dem Motorrad fahren gesehen hat, wollte er mich unterstützen. Im Motorsport gibt es nicht wirklich einen Verband wie den ÖSV (Österreichischer Skiverband). Ferdinand hat sich mir angenommen und ist drei, vier Jahre lang unentgeltlich mit mir zu den Rennen gefahren und hat mich trainiert. Die Familie Hirscher hat einen großen Teil zu meiner Karriere beigetragen.  

 

Es ist bestens bekannt, dass Sie und Marcel Hirscher gute Freunde sind. Seit wann kennen Sie sich? 

Wir sind im gleichen Bezirk aufgewachsen und kennen uns vom Skifahren. Als wir sieben Jahre alt waren, haben wir beim Liftfahren schon über das Motocrossfahren gesprochen. Mein Papa ist früher auch mit Ferdinand Hirscher Rennen gefahren. 

 

Fahren Sie auch heute noch Ski?

Ja, zwar nicht oft, aber ich weiß noch einigermaßen, wie es geht (lacht). Ich war auch schon mit Marcel trainieren.  

 

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Matthias Walkner strebte ursprüngliche die Karriere als Skirennläufer an. © DPPI / Red Bull Content Pool

Zur Person

Matthias Walkner wurde 1986 in Kuchl im Salzburger Land geboren. Als Jugendlicher strebte er eine Karriere als Skirennläufer an. Im Alter von 14 tauschte er die Skier gegen eine Motocrossmaschine. Nur drei Wochen später konnte er beim Kärnten-Cup seinen ersten Stockerlplatz erringen. 2012 holte Walkner als erster Österreicher den Weltmeistertitel in der MX3-Klasse, im darauffolgenden Jahr sicherte er sich den Vize-Weltmeistertitel. 

2015 wechselte Matthias auf Empfehlung von Heinz Kinigadner in den Rallye-Sport und gewann auf Anhieb die Hellas Rallye in Griechenland. Im darauffolgenden Jahr holte er sich den Rallye-Raid-Weltmeistertitel und unterschrieb einen 3-Jahres-Vertrag mit dem KTM-Werksteam. 

2015 ging Walkner zum ersten Mal bei der Rallye Dakar an den Start. Seine Gesamtstatistik bei der härtesten Rallye der Welt ist eine Erfolgsgeschichte: Nachdem Walkner 2018 als erster Österreicher das Rennen gewann und 2017 sowie 2019 Zweiter wurde, konnte er 2022 als Dritter an seine Triumphe anknüpfen.