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People | 30.07.2019

Ein Herz für Tibet

Der Linzer Gastronom Günter Hager engagiert sich seit vielen Jahren in Nordindien, um dort aus Tibet geflüchteten Kindern eine neue Heimat zu ermöglichen.

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Günter Hager hat auf seinen Reisen auch immer wieder den Dalai Lama getroffen. Das geistliche Oberhaupt Tibets hat für Hagers neuestes Buch, das Ende dieses Jahres erscheinen wird, ein berührendes Vorwort geschrieben. (© Wilhelm Holzleitner)

Im Jahr 1998 war der Linzer Gastronom Günter Hager auf einer seiner vielen Himalaja-Reisen zum ersten Mal in Dharamsala/Nord­indien, der Exilheimat seiner Heiligkeit, des Dalai Lama. Dort besuchte er auch die SOS-geführten Kinderdörfer der über den Himalaja geflüchteten tibetischen Kinder und fasste den Entschluss, seinen Teil zum Wohlergehen dieser rund 12.000 Kinder beizutragen. Jetzt, 20 Jahre später, betreibt Hager mit Unterstützung von Freunden und Gästen seines Lokals JOSEF zwei Waisenhäuser für je 50 tibetische Flüchtlingsmädchen und Buben.

 

Buch über Tibet in Arbeit.

In Ladakh, an der Grenze zum jetzigen „Chinesischen autonomen Gebiet Tibet“, haben Hager und seine Freunde zudem ein Altersheim für rund 100 tibetische Bergnomaden errichtet. Zusätzlich haben sie in den letzten 20 Jahren auch viele Solaranlagen für Heißwasser, Computeranlagen, Wasserfilteranlagen und Renovierungsarbeiten mitfinanziert. Erst vor Kurzem hat Günter Hager seine beiden tibetischen Waisenhäuser in Nord­indien besucht. Nach seiner Rückkehr erzählte uns der Gastronom, wie es zu diesem Engagement gekommen ist, und er verrät, dass er gerade an einem neuen Buch über Tibet arbeitet, das voraussichtlich Endes des Jahres erscheinen wird.

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Trotz bewegter Vergangenheit ist das Lachen der tibetischen Flüchtlingskinder ungetrübt. (© Wilhelm Holzleitner)

OBERÖSTERREICHERIN: Seit 20 Jahren setzen Sie sich für tibetische Waisenkinder in Nordindien ein. Schwerpunkt Ihrer Reisen ist das Los des besetzten Staates Tibet. Können Sie uns die Situation dort kurz erklären?

 

Günter Hager: Tibet wurde in den 1950er-Jahren von der chinesischen Armee besetzt. Das Oberhaupt, der Dalai Lama, flüchtete 1959, also vor genau 60 Jahren, aus seiner Heimat Tibet. Das damals noch junge demokratische Indien gewährte ihm und seinem Volk Asyl. Seither lebt er in dem kleinem Bergdorf Dharamsala und kämpft für die Rückkehr seines Volkes nach Tibet.

 

Wie ist es zu Ihrem Engagement gekommen?

Die Liebenswürdigkeit und friedvolle Art, wie die Tibeter seit ihrer Flucht mit ihrem Schicksal umgehen, ihre Religion des Buddhismus und die jahrtausendealte geheimnisvolle Kultur dieses Bergvolkes, die im Begriff ist, unterzugehen, haben mich vom ersten Augenblick an fasziniert und beeindruckt. Heute komme ich, um von diesen Menschen zu lernen, und erkenne immer mehr, wie extrem sorglos wir Europäer mit unser ebenso alten Kultur umgehen.

 

Mit dem Bau von Waisenhäusern unterstützen Sie den Erhalt der tibetischen Kultur maßgeblich. Haben Sie ein paar Eckdaten dazu?

Ich denke, dass es in den letzten 20 Jahren so an die 200.000 Euro gewesen sein werden, die wir durch Charitys, Spenden von Freunden und Gästen des JOSEF zusammengebracht haben. Vor zehn Jahren waren es noch an die 18.000 Flüchtlingskinder, die in den SOS-geführten Schulanlagen in Indien untergebracht waren. In den letzten Jahren ist diese Zahl auf etwa 12.000 gesunken. Aufgrund der strengen Grenzkontrollen der chinesischen Regierung ist es nur mehr wenigen Tibetern möglich, über die teilweise 6.000 Meter hohen Grenzpässe aus ihrer Heimat im Himalaja zu flüchten.

 

Warum flüchten die Menschen aus Tibet?

Ein wesentlicher Grund ihrer Flucht ist das Verbot der Ausübung ihrer buddhistischen Religion. Der Dalai Lama, das religiöse Oberhaupt und Friedensnobelpreisträger von 1989, wird von China als Staatsfeind Nr. 1 gehandelt. Die Zerstörung von Tausenden buddhistischen Klöster nach dem Einmarsch der chinesischen Arme vor 60 Jahren, gefolgt von einer beispiellosen rigorosen ‚Chinesisierung‘ und Umerziehung, veranlassten viele tibetische Mütter, ihre Kinder nach Indien zu schicken, um eine tibetische Ausbildung und somit das Fortbestehen ihrer Kultur zu ermöglichen.

 

Sie arbeiten gerade an einem neuen Buch zum Thema Tibet. Worum geht es da genau?

60 Jahre nach der Flucht der Tibeter aus ihrer Heimat erleben wir in Europa einen ähnlichen Exodus. Der wesentliche Unterschied zu einem Teil unserer momentanen Flüchtlinge besteht darin, dass die Tibeter wieder in ihre Heimat zurückkehren möchten. Der Dalai Lama verbat ihnen jegliche Form von Gewalt, um auf ihr trauriges Schicksal hinzuweisen, was dieses Volk bis heute von vielen anderen Kulturen und Religionen unterscheidet. Ich versuche, in meinem Buch „DANKE TIBET – Lernen von Flüchtenden und Verfolgten“ den Unterschied zu unserer Situation in Europa darzustellen.

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Günter Hager im Schlafsaal seines „Josef Home 1“ (© Wilhelm Holzleitner)

Wann wird das Buch erscheinen?

Das Buch ist fertig geschrieben, das Cover steht, und ich bin sehr stolz, dafür sogar ein sehr berührendes Vorwort von Seiner Heiligkeit, dem Dalai Lama, bekommen zu haben. Momentan bin ich noch am Verhandeln mit einigen Verlegern. Der Erscheinungstermin soll noch vor Weihnachten 2019 steigen.

 

Sie haben bei Ihren Reisen bereits mehrmals das geistliche Oberhaupt Tibets getroffen. Was ist der Dalai Lama für ein Mensch?

Ich durfte den Dalai Lama bei bereits acht Audienzen kennenlernen. Besonders stolz bin ich, dass ich ihn auch bei der letzten meiner Reisen, obwohl er gesundheitlich sehr schwer angeschlagen ist, treffen durfte und er mich gleich wiedererkannte. Für mich ist er eines der letzten großen Vorbilder unserer Zeit – ein Vorbild für Frieden, Toleranz und Nächstenliebe – alles Dinge, die ich bei so vielen momentanen Staatsoberhäuptern leider komplett vermisse.

 

Hat Ihnen der Dalai Lama so etwas wie eine Botschaft mitgegeben?

Bei einem großen Teaching vor ca. 3.000 russischen Mönchen und buddhistischen Pilgern im Mai erzählte mir sein Sekretär, dass man fast alle Audienzen mit russischen Ministern und hochrangigen Mönchen aus Rücksicht auf seine Gesundheit abgesagt hatte. Dass er mich trotzdem empfing und ich ein Foto mit dem Cover meines neuen Buches machten durfte, empfand ich als hohe Auszeichnung und Zeichen unserer langjährigen Freundschaft. Seine Botschaft war, dass Tibet gerade jetzt Freunde brauche, Freundschaften seien das Wichtigste, vor allem, wenn es einem schlecht gehe. Er ermutigte mich, die Botschaft meines Buches „Lernen von Flüchtenden und Verfolgten“ in die Welt zu tragen – ich hoffe, es gelingt mir. Bei unserem Treffen traf ich einen sehr schwer kranken Menschen. Ich hoffe sehr, dass Seine Heiligkeit wieder gesund wird und wir noch lange in den Genuss seiner unendlichen Weisheiten kommen werden.

 

Was können wir von den Menschen aus Tibet lernen?

Dass nichts wertvoller ist, als die Traditionen und Kulturen, die uns unsere Eltern und Großeltern übermittelt haben, zu pflegen und wieder an unsere Kinder weiterzugeben.