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People | 27.07.2022

Ein Herz für Kids & Füße

Ernst Orthner (68) ist eine Koryphäe auf dem Gebiet der Fußchirurgie und Gastoperateur in vielen Ländern. Dazu hilft er als Initiator einer Hilfsaktion in Indien Kindern wieder auf die Beine.

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© Vera Polaschegg

Es ist ein Dienstag im Mai, 20.30 Uhr. Ich freue mich auf das Gespräch mit Ernst Orthner. Dass sich der späte Interviewtermin lohnen wird, ist klar: Dem Arzt eilt der Ruf eines begnadeten Fußspezialisten und Unfallchirurgen, der weltweit im Einsatz ist und eine große humanitäre Ader besitzt, voraus. Das Interview ist am Abend angesetzt, weil der gebürtige Innviertler den ganzen Tag über – wie alle zwei Wochen – in der Humanomed Privatklinik Maria Hilf für das Fußzentrum Klagenfurt gemeinsam mit seinem Arztkollegen Alexander Eichwalder im OP steht.

 

Von Termin zu Termin. Ich bin jedenfalls schon etwas müde von meinem Tag. Da bin ich an diesem Abend die Einzige, denn Ernst Orthner kommt nach drei Operationen, die letzte fünfeinhalbstündig, munter und entspannt aus dem OP. Nur zwei Mal in den eineinhalb Stunden, die er sich Zeit für den MONAT nimmt, reibt er kurz seine Augen. Dass jeder seiner Tage ein Mammutprogramm hat, ist für ihn Alltag. Nach der letzten Indien-OP-Tour (mehr dazu später) ging es nach der Rückkehr freitags ab nach Baden-Baden, samstags war er in London und heute, Dienstag, ist er in Klagenfurt: „Ich habe eine Sieben-Tage-Woche. Vorträge, Kurse, Operationen. 2019 habe ich über 100 Vorträge auf der ganzen Welt gehalten und in zehn Ländern Europas operiert“, erzählt der Globetrotter, der schon in Operationssälen bis nach Nowosibirsk sein Talent unter Beweis gestellt hat und dem kein Fußproblem zu komplex ist. 

 

Keine Konditionsprobleme. Mein eher als Scherz gemeinter Einwurf, dass sich da nicht viel Schlaf ausgehe, trifft ins Schwarze, denn mehr als vier Stunden Schlaf pro Tag braucht er nicht. Für Furore sorgt der Universitätsdozent dafür als Entwickler der weltweit erfolgreichsten Fußimplantate, der modernsten Sprunggelenksendoprothese und der Ossoskopie zur Behandlung von Knorpelschäden. Dass er nach wie vor wissenschaftliche Paper veröffentlicht - für ihn eine Selbstverständlichkeit. Und, ach ja: Nebenbei hat er sich einen Namen als Gutachter gemacht. 

Nach seinem Privatleben gefragt, sagt Orthner: „Ich bin dankbar für eine Ehefrau, die das Arbeitspensum toleriert.“ Man kann sich denken, dass der Begriff „Work-Life-Balance“ bei diesem Doc höchstens hochgezogene Augenbrauen hervorruft. Das bestätigt seine Sekretärin Veronika Gattermayr: „Ich schätze am meisten an ihm seine berufliche Kompetenz und seinen Umgang mit den Patienten. Er verlangt sich selbst viel ab und verlangt das auch von seinen Mitarbeitern. Er ist ein Workaholic. Er lebt für seine Patienten und seine Arbeit.“

 

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© beigestellt

Herzensprojekt. Sieht man es von Patientenseite, ist Ernst Orthner ein Jackpot: Ein Mann, der seiner Berufung als genialer Arzt folgt, dem Status egal ist, der sein Wissen weitergibt und der mehrmals im Jahr für ein paar Wochen nach Indien reist, um Kinder, deren Eltern es sich nicht leisten können, zu operieren. Immer mit im Gepäck hat der welterfahrene Arzt - mit einem Blick auf die nicht immer so optimalen Standards -  einen kleinen Heizofen und ein Flohhalsband für Hunde: „Es hilft“, sagt er achselzuckend. 

2010 haben Veronika Gattermayr und er den gemeinnützigen Verein „Kinderfüße brauchen Hilfe“ (KbH) ins Leben gerufen. Ziel war es, das Werk der amerikanischen Hilfsorganisation MCH in Indien weiterzuführen, da mit dem Tod der Initiatorin eine Fortführung zu scheitern drohte. Seitdem finden pro Jahr drei Touren, wenn es Corona zulässt, statt: „Wir waren eben im April zweieinhalb Wochen lang in Indien, haben drei Krankenhäuser besucht, knapp 200 Kinder angeschaut und 46 operiert“, berichtet Orthner. Bei den Touren wird die vorhandene Infrastruktur genutzt und mit der Indischen NGO Ishwar zusammengearbeitet. Dazu fährt KbH ohne Verwaltungsspesen, da Veronika Gattermayr den Riesenbrocken der Organisation übernimmt - und zwar engagiert sie sich wie Ernst Orthner und der Rest des Teams ehrenamtlich. „Ich bin ihr sehr dankbar dafür“, freut sich Orthner, und weiter: „Weil wir alle ehrenamtlich tätig sind, kommt jeder gespendete Euro den Kindern zugute. Mit 150 Euro werden die operative und konservative Versorgung sowie die Nachsorge eines Kindes sichergestellt.“ Auch der Personalaufwand wird niedrig gehalten. Denn auch wenn das Who‘s who der Europäischen Chirurgen-Elite mit von der Partie ist, heißt das nicht, dass irgendwer die ruhige Kugel schieben kann: „Wir sind meistens drei Chirurgen. Da ist keine Zeit für Halligalli, da heißts hackeln“, sagt Orthner ganz pragmatisch. Warum er das eigentlich macht? „Weil’s schön ist, diesen armen Zwergerln zu helfen. Man kriegt viel mehr zurück, als man gibt.“ 

 

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© Veronika Gattermayr