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People | 01.12.2021

Ein Generaldirektor mit Taktgefühl

Othmar Nagl ist seit knapp einem Jahr Generaldirektor der Oberösterreichischen Versicherung. Als junger Student hat sich der begeisterte Klarinettist für die Privatwirtschaft und gegen die Konzertbühne entschieden. Eine Entscheidung, die er nie bereut hat. Die Musik ist allerdings sein liebstes Hobby geblieben.

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© Richard Haidinger

Seit 23 Jahren arbeitet Othmar Nagl bei der Oberösterreichischen Versicherung. Heute ist der 52-jährige Vöcklabrucker Generaldirektor des Traditionsunternehmens, das vor 210 Jahren in Linz gegründet wurde. Den Wunsch, in einem anderen Unternehmen zu arbeiten, hat er nie verspürt. „Wir haben eine tolle Unternehmenskultur“, sagt er im Interview. „Ich mag die Art und Weise, wie die Menschen bei uns miteinander umgehen.“ 

 

Sie arbeiten seit 1998 bei der Oberösterreichischen Versicherung und sind seit knapp einem Jahr Generaldirektor. Was ist für Sie das Besondere an diesem Unternehmen, dass Sie nie woanders arbeiten wollten?

Othmar Nagl: Ich habe das Unternehmen schon vorher gekannt, weil ich als Wirtschaftsprüfer hergekommen bin. Die Oberösterreichische Versicherung ist ein gut aufgestelltes Unternehmen, das waren wir damals schon und das sind wir immer noch. Es gibt eine tolle Unternehmenskultur. Ich mag die Art und Weise, wie bei uns die Menschen miteinander umgehen. Diese Unternehmenskultur umzusetzen und in kleinen Facetten weiter zu verbessern, ist eine schöne Aufgabe. Und es bedeutet, dass man gern hier arbeitet.
Die niedrige Fluktuation im Unternehmen bestätigt das. Offenbar geht es vielen anderen Mitarbeitern ähnlich wie mir. 

 

Sie legen bei Ihrer Arbeit viel Wert auf Teamgeist. Warum ist Ihnen das so wichtig?

Pluralität bringt ein Unternehmen immer weiter. Wenn man auf ganz wenige hört oder glaubt, nur alleine das Unternehmen nach vorne bringen zu können, dann lässt man viele großartige Köpfe und Ideen links liegen – und man übersieht auch viel. Diesen Erfahrungsschatz, der in jedem Unternehmen und natürlich auch bei uns da ist, muss man nutzen und das geht am besten in einem Team. Darum ist es mir auch wichtig, dass wir keine Starkultur etablieren, wo sich andere nicht zugehörig fühlen und sich nichts sagen trauen. Ich möchte eine Atmosphäre fördern, in der sich Mitarbeiter aus der vermeintlichen Deckung trauen und ihre Ideen einbringen. Strategieentwicklung gelingt am besten, wenn man breit aufgestellt ist. Ich bin seit 23 Jahren im Unternehmen und muss zugeben, dass man nicht alle Details von allen Bereichen und Abteilungen sieht. Dafür gibt es Spezialisten und auf sie zu hören, ist mir ein Anliegen. Man ist nie gut beraten, wenn man nur eine Seite hört.

 

Was sehen Sie im Moment als größte Herausforderung für Ihr Unternehmen?

Aktuell haben wir jede Menge Arbeit mit jenen Schäden, die durch die sommerlichen Naturkatastrophen entstanden sind. Die Hagelschäden sind mit Abstand die größten in unserer 210-jährigen Unternehmensgeschichte. Nur zum Vergleich: Der bisher größte Hagelschaden hat etwas mehr als ein Drittel vom Schaden in diesem Sommer ausgemacht. Die Art und Weise, wie Wetterphänomene auf uns zu kommen – Hitzeperioden genauso wie Unwetter –, hat sich verändert. Man hört immer wieder, dass der sogenannte Jetstream oder die nordatlantische Oszillation nachlassen und das hat zur Folge, dass Hoch- oder Tiefdruckgebiete den Standort nicht mehr wechseln. Es fehlt der Wind, dass sie weiterziehen würden. Heuer hatten wir vom 21. bis 24. Juni genau diese Wettersituation und das ist etwas, worauf wir uns möglicherweise einstellen müssen. Es sind Herausforderungen, die die Versicherungswirtschaft in Zukunft stemmen muss. In der gegenwärtigen Form sind Schäden durch Hochwasser zum Beispiel nicht ausreichend versicherbar, damit müsste sich in erster Linie die Politik beschäftigen. Meiner Meinung nach braucht es dafür eine ähnliche Lösung wie bei der österreichischen Hagelversicherung. Dann würde es einen Spezialanbieter geben und keinen unnötigen Wettbewerb. Aber solange es die Kata-
strophenfonds der Länder gibt, wird sich nicht viel ändern. Bei jeder größeren Überschwemmung kommt zwar wieder der Ruf nach einer Versicherungslösung, aber am Ende stellen sich die Politiker lieber in Gummistiefeln hin und verteilen „Geschenke“. In Österreich wäre eine Katastrophe wie jene im Sommer in Deutschland so gut wie nicht versichert. In der Schweiz gibt es diesbezüglich eine Pflichtversicherung. Da müssen dann aber alle mittun, auch wenn ihr Haus weit weg von einem Bach oder Fluss steht oder sie im fünften Stock eines Gebäudes leben und nie von einem Hochwasser betroffen sein werden. Da geht es um Solidarität.

 

Was hat sich für Sie verändert, seit Sie an der Spitze der Oberösterreichischen Versicherung stehen?

Ich bin seit 2008 im Vorstand und habe seit damals auch als stellvertretender Generaldirektor gearbeitet. Was neu ist, ist die Letztverantwortung, die man in dieser Position hat. Was auch hinzugekommen ist, ist der Umgang mit den Medien. Das habe ich vorher kaum gekannt und das sind natürlich spannende Herausforderungen, aber in einem Metier, wo ich mich sicher fühle, ist das kein Problem. 

 

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© Richard Haidinger

Was ist Ihre größte Stärke, die Sie in Ihrem Job einbringen können?

(überlegt) Ich denke, dass ich ein besonnener Zuhörer bin, der – bevor er entscheidet – Vor- und Nachteile gut abwägt und auch keine vorschnellen Entscheidungen trifft. 

 

Sie haben vorhin davon gesprochen, dass Sie sich auf dem Gebiet der Versicherung wohl und sicher fühlen. Ich habe allerdings gehört, dass Sie auch in einem anderen Bereich viel sagen können – nämlich in der Musik …

Tatsächlich habe ich in Wien nicht nur an der Wirtschaftsuni studiert, sondern auch an der Musikhochschule Klarinette. Das hat mir immer großen Spaß gemacht, weil es ein schöner Ausgleich war. Meine große Leidenschaft ist die Klarinette. Ich habe es immer geliebt, Kammermusik jeglicher Art zu spielen – egal ob mit Bläsern, Streichern oder Klavier. Ich bin auch leidenschaftlicher Konzertgeher. Die Beschäftigung mit Kunst und Kultur sowie das Zusammentreffen mit Künstlern haben mir schon oft kreative Zugänge zu Fragestellungen aus der Wirtschaft eröffnet. 

 

Spielen Sie daheim – sozusagen für den Hausgebrauch – oder gern auch mal bei Konzerten?

In erster Linie spiele ich natürlich daheim, wobei ich gerade erst jetzt im November ein Konzert bei uns im Unternehmen organisiert habe. Die Vorgeschichte dazu hat mit einem Buch zu tun, das ich von meiner Familie geschenkt bekommen habe. Es heißt „Konzert für die linke Hand“ und wurde von Lea Singer geschrieben. Darin geht es um das Leben von Paul Wittgenstein, einem sehr talentierten Pianisten, der im Ersten Weltkrieg seinen rechten Arm verliert und daraufhin alles, was damals Rang und Namen hatte, Stücke komponieren lässt, die mit einem Arm gespielt werden können. Und unter anderem waren zwei Trios von einem gewissen Josef Labor dabei, der damals eine ziemliche Größe war, aber mittlerweile in Vergessenheit geraten ist. Die Besetzung war wie für mich gemacht und ich wusste: Diese Trios muss ich haben. Das war allerdings schwieriger, als ich dachte, weil es nie verlegt wurde. Bei der Nationalbibliothek hatte ich jedoch Glück – und so war der Grundstein für dieses Konzert gelegt. Das Besondere ist, dass auch meine älteste Tochter mitgespielt hat, weil sie Bratsche am Mozarteum studiert. 

 

Sie haben drei Töchter. Gehen sie alle ebenfalls in die Richtung Musik?

Ich fürchte, ja (lacht). Im Umfeld unserer Familie mit meiner Frau als Flötistin war der Weg vorgezeichnet. Alle drei musizieren leidenschaftlich gern. Die Ältere studiert – wie gesagt – in Salzburg. Die Mittlere ist mit 16 Jahren bereits im Pre-College, dem Vorbereitungsstudium des Mozarteums, recht engagiert an der Harfe. Die Jüngste ist 14 Jahre alt und ambitionierte Kontrabassistin in der Begabtenförderung des Oberösterreichischen Landesmusikschulwerks. 

 

Sie sind auch Vorsitzender des Fördervereins UNIsono der Anton Bruckner Privatuniversität und Obmann des Vereins „Tonart“, der die Landesmusikschulen unterstützt. Warum ist Ihnen dieses ehrenamtliche Engagement wichtig?

Bei „Tonart“ geht es darum, dass Musikschulen vielfach bei der Finanzierung von unterschiedlichen Projekten nicht weiterkommen. Das lässt sich über diesen Verein großartig unterstützen. An der Bruckner-Uni geht es darum, jungen Studierenden finanziell unter die Arme zu greifen – etwa, wenn sie Instrumente finanzieren müssen oder Meisterkurse im Ausland absolvieren möchten. Besonders jetzt in Zeiten von Corona haben wir die Studierenden unterstützt, weil es schlicht und ergreifend ums nackte Überleben gegangen ist. Viele von ihnen können ihr Studium nur dadurch finanzieren, weil sie irgendwelche Gigs spielen. Während Corona sind diese allesamt ausgefallen, Musikern ohne Fixanstellung ist es in dieser Zeit richtig schlecht gegangen. 

 

Sie haben sich damals gegen die Konzertbühne und stattdessen für die Privatwirtschaft entschieden. Warum wollten Sie kein Berufsmusiker werden?

Diese Entscheidung habe ich während des Studiums getroffen, weil mir das Berufsbild des Musikers damals schon zu eng war. Heute betreibe ich die Musik als willkommenes Hobby und habe viel Freude daran. Ich musste nie von der Musik leben und kann nur für mich selbst musizieren. Und das ist ein sehr willkommener Zugang für mich. Somit habe ich diese Entscheidung nie bereut.

 

Was bedeutet die Musik für Sie?

Die Musik ist für mich ein bisschen Lebenselixier und ein großartiger Ausgleich. Es ist eine Möglichkeit, komplett abzuschalten. Wenn ich laufen gehe, denke ich erst recht über die Arbeit nach und grüble. Aber richtig frei im Kopf werde ich nur beim Musizieren, weil ich mich zu 100 Prozent darauf konzentrieren muss. Wenn ich nur ein einziges Mal an etwas anderes denke, bin ich sofort draußen. Das ist beim Sport vielleicht noch am ehesten beim Tennis ähnlich, das ich auch sehr gern spiele. Wenn du dich da nicht vollkommen auf die gelbe Filzkugel konzentrierst, triffst du keinen Ball ordentlich. 

 

Gibt es Parallelen aus der Welt der Musik zum Job?

Ich denke schon, weil es vielfach Seminare gibt, wo sich Managementebenen in ein Orchester setzen, um mitzuerleben, wie durch einen Dirigenten ein vollkommener Gleichklang und ein konzentriertes, gemeinsames Musizieren hergestellt werden kann. Dabei geht es auch um Fragen der Motivation. Man kann einfordern, dass alle spielen müssen, weil sie ja dafür bezahlt werden. Aber man hört am Klang, ob es gern und mit Begeisterung gemacht wird oder eben nicht. Genauso ist es im Berufsleben, im Zusammenspiel von Kräften in einem Unternehmen. Es geht nicht nur darum, dass man mit Ausübung von Druck Menschen dazu bringt, ihren Job zu machen, für den sie bezahlt werden. Es geht vielmehr darum, ein Klima zu schaffen, in dem jeder Mitarbeiter seine Rolle nicht nur gern, sondern mit Enthusiasmus ausführt, weil er weiß, dass er gebraucht und wertgeschätzt wird. Wenn ein Mitarbeiter – egal in welcher Abteilung – seine Arbeit gut macht, weil er es gern macht und sich mit den vorgegebenen Zielen identifizieren kann, dann spürt man das. Und dieses Feedback bekommen wir auch. Darauf sind wir sehr stolz!