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People | 06.06.2022

Ein gelungener STREIFzug

Spätestens seitdem Daniel Hemetsberger auf der legendären Streif in Kitzbühel den dritten Platz einfuhr, kennt den 30-jährigen Skirennläufer aus Nußdorf am Attersee fast die ganze Nation. Das Fixstarterticket für die Olympischen Spiele in Beijing 2022 war damit auch gesichert. Wir haben den ÖSV-Shootingstar zum Interview getroffen.

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© Thom Trauner

Lange Zeit ist Daniel Hemetsberger unter dem Radar seiner Speed-Kollegen Vincent Kriechmayr oder Matthias Mayr gefahren. Damit ist jetzt Schluss. Nachdem er in der vergangenen Saison bei den Abfahrtsdisziplinen in Bormio und Wengen nur knapp das Podest verpasste, konnte sich der 30-jährige Skiprofi auf der Hahnenkammabfahrt in Kitzbühel als einziger Österreicher einen Stockerlplatz sichern und feierte mit Platz drei sein erstes Weltcup-Podium. 
Trotz begehrter Gams und als Fixstarter bei den diesjährigen Olympischen Spielen in Beijing – am Ziel seiner Skirennkarriere ist der sympathische Oberösterreicher damit noch lange nicht. Beim Interview in seiner Heimatgemeinde Nußdorf am Attersee hat er uns verraten, was ihn seine Rückschläge gelehrt haben und was er sich für die kommende Skisaison vorgenommen hat. 

 

Herr Hemetsberger, Sie können auf eine mehr als erfolgreiche Saison zurückblicken. Wie geht es Ihnen?  
Danke, mir geht es im Moment sehr gut, es hätte nicht besser laufen können. Aktuell bereite ich mich schon wieder auf die nächste Saison vor. In den vergangenen Wochen standen Materialtests am Programm und seit Anfang Mai habe ich wieder geregeltes Training. 

 

Können Sie sich noch erinnern, als Sie das erste Mal auf den Brettern standen? 
Ja, das war mit drei Jahren. Mein Bruder und ich haben das große Glück, dass unser Papa ein sehr ambitionierter und guter Skifahrer ist. Er hat uns schon früh das Skifahren beigebracht. Seitdem habe ich auf den Brettern viele Hochs und Tiefs erlebt, aber ich möchte keine Minute davon missen. 

 

Skifahren gilt in Österreich als Nationalsport. Doch nur die wenigsten schlagen den Weg in den Profi-Skirennsport ein. Wie kam es bei Ihnen dazu? 
Ich habe schon in sehr jungen Jahren an Rennen teilgenommen. Dass ich letztendlich den Weg in den Skirennsport eingeschlagen habe, hat sich jedoch zufällig ergeben. Das habe ich dem Vater eines guten Freundes von mir zu verdanken. Wir sind gemeinsam zu den Bezirksrennen gefahren und eines Tages hat er mich auf die Skihauptschule in Windischgarsten aufmerksam gemacht, die ich dann absolviert habe.  

 

Was fasziniert Sie am Skirennsport und was macht die schnellen Disziplinen so interessant für Sie?  
Skirennen an den schönsten Orten der Welt fahren zu können, ist meine große Leidenschaft. Die Abfahrt ist und bleibt für mich die Königsdisziplin, weil sie viel Tempo und weite Sprünge verlangt und das liebe ich einfach. Slalom würde für mich deshalb nie infrage kommen (lacht). 

 

Ihr Zuhause sind mittlerweile die Pisten der Welt. Was ist Ihre persönliche Lieblingsabfahrt? 
Definitiv Beaver Creek in Colorado (USA). Sowohl das Streckenlayout als auch wie sich die Abfahrtspiste ins Gelände reinlegt – das ist einfach einzigartig. Aber natürlich ist auch die Streif in Kitzbühel jedes Mal wieder ein besonderes Highlight für mich.

 

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© Thom Trauner

Auf Letzterer konnten Sie sich diese Saison in der Abfahrt den dritten Platz sichern und besiegelten damit Ihren ersten Weltcup-Stockerlplatz. Was war das für ein Gefühl? 
Es war ein überwältigendes Gefühl, obwohl ich bis zum Schluss nicht mit einem Podiumsplatz gerechnet habe. Ich wusste zwar, dass ich eine richtig gute Fahrt abgeliefert habe, aber da ich Startnummer eins hatte, habe ich bis zuletzt um einen Stockerlplatz gezittert. Erst als der letzte Rennläufer ins Ziel kam, habe ich mir zum dritten Platz gratulieren lassen. Da bin ich sehr abergläubisch. Das Gefühl, als ich dann am Stockerl stand und die bronzene Gams in meinen Händen hielt, war einfach unglaublich. Natürlich habe ich noch zahlreiche Ziele, aber eine Gams aus Kitzbühel ist und bleibt der Traum eines jeden Abfahrers. 

 

Und darf man fragen, wie Sie den ersten Podiumsplatz Ihrer Weltcupkarriere gefeiert haben? 
Leider gar nicht. Aufgrund der Situation mit Corona wurden wir vor der Reise zu den Olympischen Spielen nach Beijing dazu angehalten, die Kontakte auf das Mindeste zu beschränken. Trotzdem werde ich den Moment nie vergessen, als mich meine Familie am Balkon zu Hause jubelnd empfangen hat und ich ihnen vom Parkplatz aus kurz die Gams zeigen konnte. Am Ende bestand meine Feier aus meinem Lieblingsburger und einem kleinen Bier alleine in meiner Wohnung (lacht), aber das große Podiumsfest wird auf jeden Fall noch nachgeholt. 

 

Hat die Gams schon einen Ehrenplatz bekommen? 
Ja, sie steht neben dem Küchentisch in meiner Wohnung, da habe ich sie immer direkt im Blickfeld. 

 

Kurz nach Ihrem Erfolg auf der Streif haben Sie erfahren, dass Sie neben Matthias Mayer und Vincent Kriechmayr als Fixstarter bei den Olympischen Spielen in Beijing dabei sein werden. Mit welchen Erwartungen haben Sie sich nach China aufgemacht? 
Mein persönliches Ziel war es,  „All-In“ zu gehen und auf das Podest zu fahren, was nach meiner erfolgreichen Saison auch absolut möglich gewesen wäre. Leider hat es mir im ersten Abschnitt den Ski verschlagen und so ging sich nur der 21. Platz aus. Trotzdem habe ich mich noch keine Minute darüber geärgert. Ich habe alles gegeben und mit diesem Gefühl bin ich auch nach Hause gefahren. 

 

Wie bereitet man sich als Sportler auf Olympia vor? 
Ich habe so gut es geht versucht, den Hype rund um Olympia auszublenden, weil es mentalen Stress aufbaut. Im Grunde genommen habe ich mich wie auf ein normales Rennen vorbereitet. Denn letztendlich möchte ich beim Weltcup genauso gewinnen wie bei Olympia. Dass ich es am Ende nicht geschafft habe, steht auf einem anderen Blatt Papier.

 

Im Laufe Ihrer Karriere mussten Sie bereits mit einigen Rückschlägen kämpfen. Insgesamt vier Kreuzbandrisse hatten zur Folge, dass Sie aktuell erst Ihre zweite volle Weltcupsaison bestreiten konnten. Gab es schon Momente, wo Sie ans Aufhören dachten? 
Schon mehrmals, und einmal habe ich tatsächlich alles hingeschmissen, aber nur für drei Stunden (lacht). Vor allem beim ersten Kreuzbandriss ging für mich eine Welt unter. Ich war damals 17 und das erste Jahr im FIS-Kader, als es passierte. Obwohl ich wusste, dass ein Kreuzbandriss das Karriereende bedeuten könnte, habe ich nicht aufgegeben. Die Operation ist Gott sei Dank erfolgreich verlaufen. 
Beim zweiten Kreuzbandriss war es nicht mehr ganz so schlimm, weil ich die Prozedur bereits kannte. Meine zahlreichen Meniskusrisse und Knorpelschäden lassen sich hingegen nicht so leicht regenerieren und könnten im Laufe meiner weiteren Karriere mein größtes Problem werden. Soweit ist es aber zum Glück noch nicht. Vor zwei Jahren habe ich auf Anraten meines Mentaltrainers gemeinsam mit einem Experten meine Ernährung umgestellt. Seither habe ich weniger Knieprobleme, schlafe besser und meine Leistungswerte sind erheblich besser geworden. 

 

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© Thom Trauner

Was konnten Sie aus den Rückschlägen für Ihre Karriere mitnehmen? 
Ich habe auf die harte Weise lernen müssen, dass es im Skisport auch Schattenseiten gibt, aber auch, dass es sich auszahlt, für seinen großen Traum zu kämpfen. Gleichzeitig haben mir diese schwierigen Zeiten gezeigt, auf wen ich mich wirklich verlassen kann. Alles in allem bin ich durch diese Rückschläge zu dem Menschen geworden, der ich heute bin. 

 

Gibt es ein Ritual, das Sie vor dem Start pflegen? 
Ein Ritual in dem Sinne pflege ich nicht, aber die zehn Minuten vor dem Start sind bei mir akribisch durchgeplant und haben immer denselben Ablauf. Dieser ermöglicht es mir, im Fokus zu bleiben und alles um mich herum zu vergessen. 

 

Kann man schon während des Rennens abschätzen, ob sich einer der begehrten Stockerlplätze ausgehen wird? 
Wenn man sich in dieser Phase darüber Gedanken machen kann, ist man in den meisten Fällen zu langsam (lacht). Normalerweise ist man hier nur damit beschäftigt, in der Spur zu bleiben und so schnell wie möglich ins Ziel zu gelangen. Erst danach hat man Zeit für die Analyse. 

 

Nach Ihrem sensationellen dritten Platz bei der Abfahrt in Kitzbühel ist der Hype um Sie größer denn je. Wie gehen Sie mit dieser großen medialen Aufmerksamkeit um Ihre Person um? 
Ich genieße es in vollen Zügen und freue mich über jeden, der sich für meine Karriere interessiert. Noch glücklicher macht es mich aber, wenn ich Kinder mit meiner Leistung erreiche. Heutzutage treiben immer weniger Kinder Sport und wenn ich nur ein paar dazu motivieren kann, sich mehr zu bewegen, freut mich das riesig. 

 

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copy; Thom Trauner

Gibt es im Skisport Vorbilder, zu denen Sie aufblicken? 
Ja, da gibt es so einige. Angefangen hat es definitiv mit Hermann Maier. Durch ihn habe ich auch die Leidenschaft für den Skisport entdeckt, gefolgt von Stefan Eberharter, der vor allem meine Schulzeit geprägt hat. In meinem eigenen Kader zählen auf jeden Fall Vincent Kriechmayr und Matthias Mayer zu meinen Vorbildern. Beide können mit einer sagenhaften Kontinuität ihre beste Leistung abrufen und haben eine bewundernswerte Professionalität. Obwohl wir Konkurrenten sind, kann ich mich mit jeglichen Belangen an sie wenden. Sie unterstützen mich, wo sie nur können und das ist für mich wahre sportliche Größe. Dafür bin ich sehr dankbar. 

 

Sie sind nicht nur Spitzensportler, sondern auch ausgebildeter Zollbeamter. Bleibt neben den vielen Trainings und dem Weltcup-Rummel noch Zeit, dieser Tätigkeit nachzugehen? 
Nein, leider nicht, aber ich möchte nach meiner sportlichen Karriere auf jeden Fall wieder einsteigen, da es für mich ein sehr spannender Beruf ist. 

 

Was machen Sie als Ausgleich in Ihrer Freizeit? 
Hauptsächlich Sport (lacht). Das ist und bleibt einfach meine Leidenschaft, neben dem Skifahren spiele ich vor allem gerne Volleyball. Vor drei Jahren habe ich mit einem Freund einen Volleyballverein gegründet, seither veranstalten wir jedes Jahr Mixed-Turniere am Attersee, bei denen jeder mitmachen kann. Abseits davon spiele ich gerne mit meinen Freunden das Kartenspiel „Magic“. Es ist ein etwas peinliches Hobby (lacht), aber für uns ist es einfach ein cooler Ausgleich, der uns seit unserer Schulzeit verbindet. 

 

Wohnen Sie noch in Ihrem Heimatort Nußdorf? 
Ich wohne nach wie vor in Nußdorf am Attersee und das wird sich künftig auch nicht ändern. Ich habe durch den Skirennsport schon viele Orte auf der Welt gesehen, aber nirgends ist es so schön wie am Attersee. Keine zehn Pferde bringen mich hier mehr weg (lacht). 

 

In Nußdorf am Attersee befindet sich auch Ihr langjähriger Hauptsponsor, die Raiffeisenbank Attersee-Süd und das Private Banking Attersee. Wie wichtig ist es als Sportler, einen verlässlichen Partner an seiner Seite zu haben? 
Sponsoren sind für uns Sportler sehr wichtig, daher freut es mich sehr, die Raiffeisenbank Attersee-Süd und das Private Banking Attersee als Partner an meiner Seite zu haben. Sie haben mich schon unterstützt, als ich noch im Europacup Ski gefahren bin. Ich kann mich zu hundert Prozent auf meine Sponsoren verlassen, und das seit ich klein bin. Schon mein erstes Taschengeld habe ich zur Raiffeisenbank gebracht und heute ist meine Cousine meine Bankberaterin. Das ganze Raiffeisenbank-Team ist mittlerweile wie eine Familie für mich und ich bin sehr glücklich, dass ich sie im Skicircus vertreten darf. 

 

Im letzten Super-G-Rennen der Saison konnten Sie sich im Nationalcup in Montafon den dritten Platz sichern. Im Weltcup hingegen könnte der Super-G laut FIS-Präsident Johan Eliasch schon bald vor dem Aus stehen. Was denken Sie darüber? 
Ich habe von den Überlegungen auch gehört und meiner Meinung nach sollte man den Super-G als Disziplin unbedingt beibehalten. Meist wird hier argumentiert, dass zwischen dem Super-G und der Abfahrt kaum ein Unterschied besteht. Das stimmt nicht ganz, denn im Gegensatz zur Abfahrt gibt es beim Super-G kein Training. Das heißt, man hat nur eine Chance, seine beste Leistung abzurufen, und das macht den Super-G zu einer sehr schwierigen und zugleich interessanten Disziplin, die im Skicircus absolut ihre Berechtigung hat. 

 

Wie gehen Sie nach dieser fulminanten Saison in das Skirennjahr 2022/23? 
Ich werde wieder mit Vollgas in die neue Saison starten und alles geben. Gemeinsam mit meinem Team habe ich bereits einige Potenzialanalysen gemacht, wo wir uns angesehen haben, was wir verbessern können und was man ausmerzen kann. Ziel für die kommende Saison ist es auf jeden Fall, auf das Siegerpodest zu fahren.