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People | 27.05.2019

Drei Jungs im Musik-Nirwana

Mit Quetschn, coolem Klang und dem Herz am richtigen Fleck auf europäischen Straßen und Bühnen unterwegs: Wo Florian Ritt, Gabriel Fröhlich und Paul Slaviczek auftauchen, ist gute Stimmung garantiert. Als „folkshilfe“ kreieren die drei Oberösterreicher Musik, die der Gesellschaft jene Leichtigkeit zurückgibt, die sie verloren hat, nehmen aufs Korn, halten ohne erhobenen Zeigefinger den Spiegel vor – und wirken dabei auch noch ziemlich sympathisch.

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Flo, Gabriel und Paul sind zusammen "folkshilfe". Was sie neben der Musik sonst noch verbindet: eine gute Freundschaft, ausgefallene Songtexte-Ideen und eine große Prise Humor. Foto: Grünwald

Die OBERÖSTERREICHER-Redak- teurinnen Rebecca Mayr und Denise Derflinger verbrachten mit dem Trio einen Abend in Salzburg, der die Lachmuskeln (beim Interview) und das Zwerchfell (beim Mitsingen während des Konzerts) gleichermaßen strapazierte. Ein Talk über Gamechanger-Ideen, Mediashop-Anschaffungen, gemeinsame Klogänge und ihr neues Album.

Mit eurem eigens kreierten Genre namens „Quetschn-Synth-Pop“ kommt ihr besonders in Österreich richtig gut an. Was macht euren Sound so einzigartig?

Paul: Die Tatsache, dass der Flo, unser Quetschnspieler, auch gleichzeitig unser Bassist ist, macht folkshilfe ziemlich einzigartig. Auf der einen Seite macht er den klassischen Quetschnsound, während sich auf demselben Instrument auch der Naturbass befindet. Wir haben ja als Straßenband begonnen, sind erst später auf die großen Bühnen gekommen – und haben dort gemerkt, dass uns der „Wumms“ abgeht. Der Flo, Visionär wie er ist, hatte dann die Gamechanger-Idee mit dem Synthi-Bass. Das hat uns die Türen zu allen möglichen Festivalbühnen aufgestoßen. Dazu kommt, dass wir immer dreistimmig singen, das ist schon was Besonderes.

Die Quetschn, die gleichzeitig Bass ist – gibt‘s die so zu kaufen oder lässt man sich sowas anfertigen?

Flo: Ich habe eine normale, steirische Harmonika genommen, die ich einfach mit einem Minitonabnehmer „mikrofoniert“ habe. Meine Harmonika ist sogar ein Einsteigermodell für Kinder, sieht aber durch das schöne Holz echt cool aus! Dadurch, dass ich eigentlich Jazz-Gitarre und Bass studiert habe, verbinde ich die Quetsche gar nicht mit Volksmusik. So gehe ich automatisch ganz anders mit dem Teil um als die Volksmusik-Kollegen.

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Auf und abseits der Bühne ist das Trio ein gutes Team.

folkshilfe gibt es seit 2011, wo ihr, damals noch mit Gitarrist Mathias Kaineder, als Stra- ßenmusiker aufgetreten seid, bevor es auf die großen Bühnen ging. Was fehlt euch aus der Anfangszeit?

Flo: Da spreche ich jetzt für den Gabriel: Dem fehlt am meisten, dass man dafür auf Urlaub fährt. Früher sind wir einfach losgefahren, waren in Amsterdam spontan zwei Tage länger, weil es so gemütlich war und sind weiter nach Italien ...

Gabriel: Stimmt, das war unser „Tourlaub“. Der geht sich in letzter Zeit leider nicht mehr aus, hoffentlich in Zukunft dann wieder!

Diesen „Straßenmusik-Flair“ habt ihr euch beibehalten. 2015 wart ihr bei der „Streetmusic-Tour“, 2016 bei der „Tour der Regionen“ ... Wie wichtig ist es euch, die Wurzeln zu würdigen?

Gabriel: Die Wurzeln? Die sind uns wurscht! (lacht)

Paul: (überlegt lange) Es kommt ja auch darauf an, wo man die Wurzeln sieht: Rein musikalisch betrachtet, liegen diese beim Jazz, Blues, Funk, Soul, Rock und weniger bei dem, was man sich wahrscheinlich, wenn man unsere Besetzung betrachtet, traditionell gesehen erwartet. Wir sind nicht als kleine „Buam“ zu Hause gesessen und haben gelernt, wie man jodelt! (lacht)

Flo: Ich finde, diese „Verwurzelung“ findet bei uns auch im zwischenmenschlichen Bereich statt. Denn was uns als Band erdet, sind letzt- endlich die Leute, die uns seit Anfang an auf unseren Konzerten und bei unserer Musik be- gleiten. Deswegen ist es uns auch so wichtig, das Grande Finale einer Tour nicht in München oder sonst wo, sondern in Linz zu feiern. Und dass wir wie bei der Tour der Regionen zu jenen Orten fahren, wo wir früher schon Konzerte veranstaltet haben.

Grande Finale in Linz – das klingt emotional. Wie war euer letzter Tour-Abend im Brucknerhaus?

Paul: Das Schönste war eigentlich die komplette Vorfreude. Auf dieses Event hinarbeiten zu können, dann das Megakonzert, unser Grande Finale, spielen ... Ich kann mich an die erste Viertelstunde nicht mehr erinnern, so etwas haben wir noch nie erlebt! Jeder, der das Brucknerhaus kennt, wird das verstehen: Das Flair dort ist unglaublich. Da geht man auf die Bühne hinaus und kommt sich vor wie in London auf der Brixton Academy. Dann fängt man mit dem ersten Song an – und 3.000 Leute singen mit. Wenn ich daran denke, bekomme ich heute noch Gänsehaut.

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Witzig: Gabriel, Flo und Paul im Interview mit den OBERÖSTERREICHER-Redakteurinnen Denise und Rebecca.

Ihr seid sogar im nicht-deutschsprachigen Raum unterwegs. Was sagen die Italiener, Kroaten und Holländer zu eurer Musik?

Gabriel: Also, die Italiener rufen: „Bravissimo! Molto bene!“ (alle lachen)

Paul: Bei unserer Musik geht es sehr viel ums „G‘spian“. Ganz ehrlich: Wer kann schon alle Texte von der Lieblingsband auswendig und weiß immer genau, worum es in jedem Song geht? Es reicht schon, wenn wir nördlich von Bayern sind: Da versteht man uns ja schon nicht mehr, aber das Publikum fühlt die Musik.

Gemeinsame Proben, zusammen auf Tour, ständig unterwegs im Dreierpack: Wenn man so viel „zusammenpickt“ wie ihr, gibt‘s da auch mal Reibungspunkte?

Paul: (sarkastisch) Nein, wir verstehen uns zu 100 Prozent!

Gabriel: Mit vielen körperlichen Reibungspunkten. (lacht)

Wollen wir das jetzt genauer wissen?

Flo: Kommt drauf an, ob ihr schon volljährig seid! (alle lachen) Also, wir verstehen uns wirklich gut. Wir sehen uns auch als beste Freunde und quasi zweite Familie. Da gehören aber nicht nur die beiden hier dazu, sondern die ganze Crew, mit der man unterwegs ist. Natürlich gibt es auch Reibereien und manches ist dann mal nicht so cool, aber wäre doch komisch, wenn immer alles perfekt ist. Wir sind ja auch nur Menschen!

Gabriel: (aus dem Off) Natürlich gibt’s Reibereien, du Oaschloch! (alle lachen)

Paul: Ich glaube, Reibereien sind gut, um zu sehen, dass uns das, was wir tun, wichtig ist. 

Ihr spielt bei folkshilfe Instrumente, die ihr im Musikstudium gar nicht vorrangig spielt. Macht euch eure Musik vielleicht deswegen so viel Spaß?

Paul: Ja, auf jeden Fall! Je mehr man über eine Sache weiß, desto mehr ist man mit dem Kopf dabei. Unser Erfolgsgeheimnis ist wahrscheinlich, dass wir nichts „zerdenken“, sondern einfach das spielen, was sich gut anfühlt.

Eure neue Single „Nirwana“ kam letzten Dezember auf den Markt. Im Musikvideo dazu nehmt ihr TV-Shops und Dauerwerbesendun- gen aufs Korn ...

Flo: Findet ihr, dass wir das aufs Korn nehmen? (schmunzelt) Ich finde, wir sind voll die gute Werbesendung geworden!

Wie kam es zur Idee für Song und Video?

Flo: Für das Musikvideo waren junge Leute aus Linz mitverantwortlich, die die Idee hatten, dass wir den Inhalt des Songs auf solche Werbeshows ummünzen könnten. Zum Song an sich stellten wir uns die Frage: Wie soulig können folkshilfe und eine Quetsche klingen? Wir wollten eine Single haben, die ganz klar in eine weitere Richtung geht und zeigt, wo der Sound den wir machen, hingehen kann. Inhaltlich haben wir uns mit dem Exzess beschäftigt: Shoppen, Party, auf Instagram„flexen“, also zeigen, was man hat – das ist quasi schon zur Normalität geworden. Wenn man aus dem Kreis allerdings ausbricht, kommt man ins Nirwana, also ins Paradies. Das Lied lässt nach wie vor viel Interpretationsfreiraum offen, auch für uns.

Hand aufs Herz, habt ihr selbst schon mal was vom TV-Shop bestellt?

Paul: Dass ihr das jetzt fragt, ist witzig, weil mir ein guter Freund gerade meine einzige Mediashop-Errungenschaft zurückgegeben hat. Ich kann mittlerweile voller Stolz sagen: Ich bin Besitzer des ersten Bauchmuskel-Gürtels! Ich dachte damals, ich lasse ihn arbeiten, während ich Fußballspiele anschaue. Hat gut funktioniert, würde ich sagen: Nach wie vor in shape! (lacht)

Flo: Ich habe persönlich noch nichts bestellt, aber meine Mutter hat mich schon mit Teleshop-Zeugs versorgt. Zum Beispiel mit so einem Teil, mit dem man Gemüse schneiden kann.

Denise: Du meinst den Nicer Dicer? Ich liebe ihn, der ist total befriedigend!

Paul: Könnt ihr ja später noch ein bisschen„Nicer Dicen“. (lacht)

Flo: Passt, wir machen einen Salat. Wir sind so unglaublich uncool.

Paul: Ihr werdet uns im Magazin dann aber eh cool und gut ausschauen lassen?

Gabriel: Genau, mit so einem Dreitagesbart wie auf eurem letzten Cover.

 

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Beim Grande Finale im Linzer Brucknerhaus: Für die Bandmitglieder ein echter Gänsehaut-Moment.

Rebecca: Gabriel, wo würdest du die Kreditkarte zücken?
Gabriel: Bei Autoputzmittel natürlich! Mein Auto ist gleichzeitig der Bandbus – und die Jungs sauen immer so rum, dass ich ihn immer putzen muss. (lacht)

Fast alle eure Lieder haben Ohrwurm-Potential. Wer dann die Musikvideos zuschaltet, könnte erst mal irritiert sein: Bei „Seit a poa Tog“ trinkt Flo rohe Eier, in „Mir laungts“ musiziert ihr im Hinterseer-Style vor Kitschkulisse ... Provoziert ihr gerne?

Flo: Wir finden sehr viel Gefallen daran, etwas Lustiges zu machen. Solche Musikvideo-Drehs machen einfach Spaß, und unsere Band passt irgendwie nicht zu künstlerischen und avantgardistischen Videos. Witzig war für uns, dass das Video zu „Mir laungts“ viele nicht gecheckt haben. Auch die aus der„linken Bubble“ nicht, also die FM4-Leute. Da hab ich mir gedacht: Wow, ihr habt so arge Vorurteile, vor allem, wenn man sich nicht sicher ist, ob das Video fake ist oder nicht. Da sollte man dann schon öfter die eigene Einstellung überdenken. Für das Video gab‘s ein paar schräge Kommentare ...

Nehmt ihr euch solche Kommentare dann recht zu Herzen?

Flo: (sarkastisch) Ich weine.

Paul: Und ich rufe die anderen beiden an und sage: Jungs, seht es nicht so schlimm.

Gabriel: Der Paul ist nämlich unser Coach!

Paul: Genau, der Mental-Coach! (lacht) Ich glaube, keiner von uns ist persönlich berührt oder irgendwie beleidigt. Natürlich redet man darüber, aber sobald es mit gemeinen Kommentaren losgeht, weiß man: Wir kriegen immer mehr Fans.

Flo: Bei neuen YouTube-Videos haben wir innerhalb der ersten zehn Minuten sofort drei Dislikes. Irgendwen gibt es immer, der nur darauf wartet, bis wir unsere Songs hochladen.

Paul: Das ist schon direkt ein Spiel von uns geworden!

Flo: Über beschissene Kritik denkt man schon viel nach. Aber ganz ehrlich, so viel gibt es bei unseren Videos eigentlich nicht. Wahrscheinlich, weil wir unser Publikum auch so „erziehen“: Wir stehen für tolerante Werte, und bei folkshilfe ist relativ klar, woher der Wind weht. Und wer die Message, sei es politisch oder menschlich, nicht mag, der geht auch nicht zu unseren Konzerten.

Neues Album, neue Tour – für den Sommer 2019 sind gleich zwei „Babys“ in Planung. Könnt ihr uns mehr verraten?

Flo: Eigentlich schreiben wir die ganze Zeit an unserem Album. Wir sind in jener Phase, wo wir aus den ganzen Skizzen und Manuskripten Songs zusammenbauen. Das ist ein extrem spannender Prozess, der mit sehr viel Arbeit verbunden ist, immerhin begeben wir uns ständig auf musikalische Reise und überlegen: Was können wir aus unserer Besetzung machen? Wie kann eine Quetschn klin- gen? Wie kann folkshilfe klingen? Und wie Dialekt? Beim neuen Album merkt man stark unsere Entwicklung – und die fühlt sich richtig an!

Schreibt ihr die Texte eigentlich gemeinsam – oder gibt es einen Textprofi?

Flo: Alles muss durch unsere sechs Hände, drei Herzen und Köpfe gehen, damit man sagen kann, dass es ein folkshilfe-Song ist. Es gibt aber auch Ideen, die liegen schon seit zig Jahren rum und brauchen eine gewisse Zeit, bis sie sich entwickeln. Songs zu schreiben ist bei uns also eine gemeinsame Sache. Wir machen immer alles gemeinsam. Außer ein paar Dinge.

Paul: Aufs Klo gehen, zum Beispiel! (lacht)

 

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Schnappschuss im Salzburger Rockhouse vorm Konzert: Flo, Rebecca, Denise, Paul und Gabriel.

Eure Musik entwickelt sich ebenso weiter, wie ihr selbst. Wie „anders“ kann folkshilfe im neuen Album?

Flo: (sarkastisch) Wir machen jetzt auch Rap, weil das ist ja gerade extrem cool.

Paul: Genau. Wir gehen nur nach Zahlen und schauen, was gerade am meisten gestreamt wird. Derzeit ist es Raf Camora.

Flo: Oder auch KC Rebell. Da haben wir uns textliche Inspiration geholt. Er sagt zum Beispiel: „Spotify macht mich behindert reich“. Find ich schon sehr ansprechend!

Paul: Oder „Geld machen liegt in unserer DNA“ – auch cool!

Flo: Wie folkshilfe schon immer in den letzten Jahren war: Es geht ums Geldverdienen.

Paul: Geile Uhren.

Gabriel: Fette Autos.

Mehr Politurtücher vom Teleshop ...

Flo: Genau! Aber Spaß beiseite, inhaltlich beschäftigen wir uns wieder mit den wichtigen Dingen wie Freundschaft, Werten und Challenges, die man im Leben hat, natürlich auch mit gesellschaftskritischen Themen. Wir wollen lieber eine Haltung zu etwas haben, als gegen etwas zu sein – und nebenbei die Quetschn wieder sexy machen.

Was macht folkshilfe abseits von Quetschn, Gitarre, Schlagzeug und TV-Shopping

Paul: Gabriel hat eine Waschstraße, Flo ist Autohändler und ich verticke Uhren. (alle lachen)

Flo: Wenn ich mehr Zeit hätte, wäre ich vermutlich nicht in Österreich, sondern würde surfen gehen. Daheim sportle ich, gehe gern Rad fahren ...

Paul: Du bist auch ein fleißiger Läufer. Er macht wirklich viel. Da ist er immer zu bescheiden. Freizeit kommt bei uns oft viel zu kurz. Wir reden da von einem Tag in der Woche, an dem man versucht, so gut es geht runterzukommen und vielleicht mal abzuschalten. Was in Wahrheit eh nicht funktioniert, weil der Kopf immer bei der Musik ist.

Flo: Das Tolle an unserem Job ist aber, dass unser Ziel nicht ist, dass wir frei haben. Weil wir etwas richtig Cooles machen. Das ist Antrieb genug.

Paul: Stimmt, wir gehen am Montag nicht in den Proberaum und denken uns: Na super, und jetzt hackeln bis Freitag. Dass wir eine Leidenschaft für unseren „Job“ haben, ist das größte Geschenk. Wir sind unsere eigenen Chefs und wenn wir nicht mehr wollen, sagen wir einfach: Wir gengan ham! Außer der Kollege da drüben, Matthias, unser Manager, hat was dagegen! (alle lachen)

Und wie sehen das eure Freundinnen, wenn ihr so viel unterwegs seid?

Paul: Die unterstützen uns und sind stolz darauf, dass wir machen, was uns Spaß macht und wo unser Herzblut drinsteckt.

Flo: Sie haben uns ja auch als Vollblutmusiker kennengelernt.

Gabriel: Und außerdem kennen die uns schon viel zu lange! (lacht)