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People | 07.03.2022

Drawing is the new Yoga!

Als Kunsthistoriker kann er gotische Madonnen aufgrund des Faltenwurfes ihrer Kleidung und der Stellung des Kindes räumlich und zeitlich zuordnen, als Karikaturist, Cartoonist und Illustrator schafft er so simple wie grandiose Zeichnungen. Dr. Günter Mayer alias „Peng“ hat ein neues Buch herausgebracht: „Ich kann (nicht) zeichnen“. In vier Sprachen übersetzt und mit dem British Book Award ausgezeichnet, soll sein zweites „Standardwerk der Klecks- und Kritzelgeschichte“ all jene, die der Meinung sind, nicht zeichnen zu können, eines Besseren belehren. Ein Gespräch über Komik, Kunst und Katzen.

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Der in Wels geborene und in Pennewang lebende Günter Mayer alias „Peng“ (62) leitet neben seinen Engagements als Cartoonist seit dem Jahr 2000 das Medien Kultur Haus Wels und schreibt Bestseller.

Die Bildsatire hat seit jeher einen festen Platz in der österreichischen Kultur. Vor den fiesen Zeichnungen ist niemand sicher, der in der Öffentlichkeit steht. Aber nicht nur Politiker und andere Personen mit Bekanntheitsgrad, auch Herr und Frau Österreicher werden in Zeitungskarikaturen und -cartoons erbarmungslos verhöhnt und verhässlicht. Die aufrüttelnden, schrägen, scharf pointierten Zeichnungen des großen Manfred Deix verschonten niemanden. Schonungslos hält auch Gerhard Haderer den Österreichern und der Welt seit vier Jahrzehnten den Spiegel vor und kommentiert zeichnerisch das Weltgeschehen. Vor allem für die politische Berichterstattung sind Bildsatiren und Cartoons unverzichtbar geworden, in aller Knappheit bringen sie die großen und kleinen Weltgeschehnisse und -herrscher auf den Punkt beziehungsweise Strich. 

Auch Günter Mayer, mit Künstlernamen „Peng“, beherrscht die Kunstform der Bildsatire perfekt. Er zeichnete u. a. für die OÖN, den Standard und den Wiener. Seine Darstellung des Arnold Schwarzen-
egger mit Kärcher und Gummistiefeln, für die er 2003 den Deutschen Karikaturenpreis gewann, oder seine karikaturistische Antwort auf den islamistisch motivierten Anschlag auf die französische Satirezeitung Charlie Hebdo im Jahr 2015 sind legendär. In seinen Büchern drückt er sich dagegen unverfänglich unpolitisch aus. 2015 verfasste er gemeinsam mit seinem bayrischen Künstlerkollegen Rudi „HU“ Hurzlmeier „Hirameki“, eine Anleitung zum Klecksen und Kritzeln, die zum Bestseller mit mehr als 10.000 verkauften Exemplaren avancierte. Nun ist sein neues Buch erschienen. Es trägt den Titel „Ich kann (nicht) zeichnen“ und erfreut sich erneut einer so großen Leserschaft, dass es bereits vergriffen ist. Die Idee ist einfach: Auf 160 Seiten und anhand reichlicher Illustrationen inklusive witziger handgeschriebener Anleitungen unterrichtet Günter Mayer den Leser in der Kunst des Zeichnens – mit großer Wirkung, wie er im Gespräch erzählt. 

 

Herr Mayer, gehen wir zurück zu Ihren Anfängen. Wie sind Sie zur (Zeichen-)Kunst gekommen? 

Angefangen hat alles in der Schule. Wenn mir langweilig war, habe ich Witze gezeichnet und unter der Bank durchgereicht. Später wurde ich Zeichenlehrer, als solcher habe ich nach kürzester Zeit „im Amt“ meinen Schulinspektor gefragt, warum es denn Sporthauptschulen und Musikhauptschulen, aber keine „Zeichenhauptschule“ gebe? Wenig später durfte ich die „Erste Österreichische Zeichenhauptschule“ gründen. Da habe ich vieles ausprobiert, neue Methoden erfunden, alte hinterfragt. Nebenbei habe ich begonnen, für Zeitungen zu zeichnen, was nach wenigen Jahren in der Schule zu meinem Hauptberuf wurde. Dann nahm alles seinen Lauf: Immer mehr Zeitungen und Magazine meldeten sich, dann gewann ich den Deutschen Karikaturenpreis. Ein Höhepunkt für mich war es, für die ARD die „Tour de France“ als Cartoonist zu begleiten. Nebenbei habe ich Kunstgeschichte und Publizistik studiert und danach in Kunstgeschichte promoviert. In meiner Dissertation habe ich „Komische Kunst“ behandelt, das Thema war die Bildsatire im deutschsprachigen Raum. Ich war der Einzige, der sich damit beschäftigt hat – die Bildsatire ist in der Kunstgeschichte, wenn überhaupt, ein Randthema. Nebenbei absolvierte ich das postgraduale Studium „Ausstellungs- und Museumsmanagement“ in Krems und Wien und hielt laufend Workshops. Seit vielen Jahren leite ich nun schon das Medien Kultur Haus Wels.

Und die Bücher? 

Das mit den Büchern hat erst 2015 begonnen. Da ist meinem Kollegen HU und mir mit „Hirameki. Der geniale Klecks+Kritzel-Spaß“ ein Bestseller „passiert“: 100.000 verkaufte Exemplare weltweit in 13 Verlagen und Einladungen bis nach Mexiko und Peru. Da sich die englische Ausgabe des Buches (beim Verlag Thames & Hudson) richtig gut verkaufte, hatte ich dort offene Türen. „Dieses Buch ist eine Revolution im Bereich der Zeichenbücher“, sagte ich dem zuständigen Direktor, „und wenn ihr wollt, könnt ihr dabei sein.“ Ich weiß, das war frech. Aber es hat funktioniert. (lacht)

Wie sind Sie eigentlich auf den Künstlernamen „Peng“ gekommen? Steht das Wort lautmalend für einen Knall oder steckt etwas anderes dahinter? 

Das „Peng“ ist irgendwann in einem Cartoon vorgekommen, und ich habe es – ich weiß ehrlicherweise nicht mehr, warum – als Pseudonym übernommen. Jetzt ist es oft ganz lustig, wenn mich Leute, die mich nicht kennen, mit „Herr Peng“ ansprechen. Ein „Hirameki“-Käufer hat sich sogar einmal beschwert, dass „Peng und HU“ irreführend wäre, weil man denke, diese Zeichner kämen aus China. Und dann stellt sich heraus, ein Oberösterreicher und ein Bayer stehen dahinter. 

In „Hirameki“ findet man viele Aquarell-Farbkleckse. Jeder sieht darin eine Figur, jeder eine andere. Die Kleckse dienen sozusagen als Inspirationsgeber? 

Genau. Wie bei Wolken, wo man plötzlich einen Drachen oder kurze Zeit später etwas anderes erkennt. Auch wenn man einen Fleck dreht, wird es gleich wieder etwas völlig Neues. Nach einem Workshop hat einmal eine Teilnehmerin gemeint: „Nach den drei Tagen sehe ich überall Figuren, Köpfe oder Tiere!“ Man kann das trainieren. Es geht um Sinnsuche, das heißt, für den Fleck eine inhaltliche Form suchen, und Selbsterkenntnis, wenn man etwas gefunden hat. Im Internet sieht man, wie sich das „Hirameki“-Fieber über viele Länder ausgebreitet hat. Es ist toll anzusehen, was wir da losgetreten haben.

Ihr neues Buch „Ich kann (nicht) zeichnen“ ist eine Schritt-für-Schritt-Anleitung zum Zeichnen schräger Figuren und lustiger Tiere. Was hat Sie dazu bewogen? 

Das waren die positiven Feedbacks bei den unzähligen unterschiedlichen Workshops, die ich gehalten habe. Irgendwann dachte ich mir, da muss was dran sein. Das Buch ist so etwas wie ein Resümee aus in vielen Jahren Erfahrungen-Sammeln. 

Was wollen Sie den Lesern mitteilen? 

„Ich kann (nicht) zeichnen“ ist ein Plädoyer für mehr Gelassenheit – Zeichnen als das neue Yoga. Die Leser sollen durch das Buch Mut zum Ausprobieren und zum Fehlermachen finden, einen stressfreien, gelassenen Zugang zum Zeichnen finden, ohne Anspruch auf Perfektion. Zudem möchte ich den Lesern zeigen, dass mit der richtigen Methode und gutem Malwerkzeug jeder und jede etwas zusammenbringt. „Zeichnen können“ muss neu definiert werden. Es geht nicht um Naturalismus, sondern um Ausdruck! Man muss sich einfach trauen, dann wird das Zeichnen Spaß machen. Es soll Lust bereiten, zu kritzeln.

„Zeichnen können“ ist also eine Definitionsfrage? Aber nicht jeder ist ein Künstler.

Ich bin davon überzeugt, dass jeder zeichnen kann. Ich habe schon zu vielen Leuten, die davon überzeugt waren, nicht zeichnen zu können, das Gegenteil beweisen können. Die meisten assoziieren mit der Zeichenkunst naturalistisch genaues Zeichnen, aber es gibt sehr viele Definitionen von „Kunst“.

Malen und Zeichnen dienen zweifelsohne der Entspannung, haben eine meditative Wirkung. Während Yoga seit Jahren im Trend liegt, trauen sich jedoch nur wenige über das – körperlich weniger anstrengende – Zeichnen. Warum ist das so? Es scheint, als sei den Menschen körperliche Fitness wichtiger denn geistige …

Auf die Gefahr hin, dass das jetzt etwas überheblich klingt: Wahrscheinlich hat bisher einfach eine gute Anleitung zum Einstieg gefehlt! (schmunzelt) Im Ernst, das eine schließt das andere nicht aus. 

Sie sind Träger des British Book Award. Warum, glauben Sie, ist Ihre Kunst gerade in Großbritannien so beliebt? 

 

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© Paul Kranzler

Es ist so wunderbar, dass das Buch so viel positives Feedback erzeugt. Unglaublich, was sich gerade alles auftut und abspielt. Das Warum kann ich noch nicht beantworten, nur so viel: Ich habe mein ganzes Herzblut reingelegt. In England gibt es Sir Quentin Blake, mittlerweile um die 90 Jahre alt, der in eine ähnliche Kerbe schlägt wie ich. Er hat ein Buch mit dem Titel „Zeichnen für verkannte Künstler“ herausgebracht, das im Übrigen wie „Hirameki“ auch beim Verlag Kunstmann erschienen ist. International bekannt geworden ist er für seine Zeichnungen für die Erzählungen von Roald Dahl. Auch dank ihm ist Zeichnen bei den Briten sehr beliebt. 

Sie veranstalten auch Workshops. Wer besucht diese und wie laufen sie ab?

Ganz unterschiedlich. Menschen von Jung bis Alt, tendenziell habe ich aber mehr weibliche Teilnehmerinnen. Es geht dabei immer gleich zur Sache, denn ich möchte zu viel Denken verhindern. So gibt es auch enormen Output.

Denken kann also hinderlich sein beim Zeichnen? 

Ja, wenn man sich ständig denkt, ich bringe das eh nicht zusammen, ist das hinderlich. Wer sagt, dass jemand nicht zeichnen kann? Das ist ja eine Definitionsfrage. Es gibt sehr wenige Zeichenbücher, die hier ansetzen. Ich versuche in meinen Workshops immer, individuell Tipps zu geben und dort, wo es notwendig ist, die Handschrift zu optimieren. Wichtig sind Erfolgserlebnisse. In fast jeder Zeichnung gibt es etwas Positives zu entdecken, auf das man aufbauen kann. 

Was bewirken die ersten Zeichnungen bei den Teilnehmern? 

Erstaunen. Die Teilnehmer sind immer überrascht, was sie alles zusammenbringen. Unlängst hat ein Teilnehmer ganz erstaunt und euphorisch gerufen: „Ich habe meine erste Katze gezeichnet! Eine richtige Katze, Wahnsinn!“ 

Sind Humor und Selbstironie beim Zeichnen von Vorteil?

Sicher, ja. Wenn man sich selbst nicht so ernst nimmt, ist eine gewisse Leichtigkeit im Tun. Man landet hier schnell bei Freud, der sagt, Humor ist eine Möglichkeit, den Unzulänglichkeiten des Lebens, Spannungen und Hemmungen entgegentreten oder sie auflösen zu können. Humor ist ganz wichtig für das Seelenheil. 

Haben Sie schon Ideen für weitere Bücher? 

Ja, einige, aber zunächst muss ich mich einmal etwas erholen. Am aktuellen Buch habe ich zwei Jahre lang intensiv gearbeitet. Nach der Erholungsphase freue ich mich dann immer auf das nächste konkrete Projekt. Ich verrate nur so viel: Es geht um Katzen. Meine Zukunft? Keine Ahnung, „schau ma mal“.  

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Identitätspolitik: übertriebene Gleichheitspolitik? Pengs Karikatur bringt die Problematik perfekt auf den Punkt – und wurde vom Online-„Stern“ beim Deutschen Karikaturenpreis unter die 15 besten Karikaturen des Jahres gewählt.
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Zeichnen statt verrenken. Wer Stift und Papier zur Hand nimmt und sich auf Pengs Anleitungen einlässt, dem wird schnell klar: Zeichnen ist das neue Yoga.
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"Wenn man sich ständig denkt, ich bringe das eh nicht zusammen, ist das hinderlich" - Günter Mayer
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Anleitung für coole Katzen.
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Katzenliebhaber: Günter Mayer mit Katze Cosi, Inspirationsquelle für sein nächstes Buch.
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Buchtipp: "Ich kann (nicht) zeichnen"

BUCHTIPP:

Peng:
„Ich kann (nicht) zeichnen“

DuMont Buchverlag
ISBN 978-3-8321-9998-2
€ 20,60 (Nachdruck erscheint demnächst)