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People | 27.06.2017

Die Streit-Schlichterin

Konflikte im Unternehmen kosten Energie, Zeit und Geld. Wie man mit Mediation Konflikte beheben und eine Streitkultur lernen kann, erzählt Doris Jandl-Albrecht, Mediatorin und Coach aus Eferding, im Interview.

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Doris Jandl-Albrecht, Mediatorin und Coach (© Andreas Röbl)

Immer schneller, immer mehr leisten und mit permanenten Veränderungen Schritt halten zu müssen, ist ein Anforderung, die auch im Berufsalltag immer häufiger zu spüren ist. Meist reicht dann nur eine kleine Kritik von Kollegen oder vom Chef aus und die Nerven liegen blank. Nicht nur im Wirtschaftsbereich, sondern auch bei Familien- und Scheidungskonflikten, Erbschafts­streitigkeiten, Konflikten in Schulen und anderen öffentlichen Institutionen sowie bei Nachbarschaftskonflikten wird Mediation erfolgreich eingesetzt. Doris Jandl-Albrecht berät als Mediatorin nicht nur Schulen, die Eferdingerin hat sich vor allem auch auf die Beratung von Unternehmen spezialisiert. Eine Dienstleistung, die immer mehr nachgefragt wird.

 

Frau Jandl-Albrecht, können Sie uns erklären, was Mediation genau ist?

Mediation ist ein Verfahren, bei dem eine neutrale Person streitende Parteien dabei unterstützt, Konflikte durch Verhandlungen einvernehmlich zu lösen.

 

Was hat Sie dazu bewogen, eine Ausbildung zur Mediatorin zu machen?

Ich habe mich vor rund zehn Jahren als Coach selbstständig gemacht und dabei immer wieder Unternehmen bei der Entwicklung von Veränderungsprozessen unterstützt und begleitet. Im Zuge meiner Arbeit bin ich auf die Mediation gestoßen. Das Thema hat mich sofort fasziniert, weil es ein strukturiertes Verfahren zur Konfliktlösung ist. Also habe ich mich entschieden, die Ausbildung zur Mediatorin zu machen. Rückblickend gesehen, war es eine der besten Entscheidungen meines Lebens.

 

Sie sind hauptsächlich im Bereich der Wirtschaftsmediation tätig. Wann holt man Sie in Unternehmen?

Als Wirtschaftsmediatorin werde ich dann geholt, wenn es innerhalb eines Unternehmens einen Konflikt oder Unruhen gibt. Meine Tätigkeitsfelder sind Konflikte am Arbeitsplatz, Probleme bei Veränderungsprozessen, Konflikte zwischen Führungskräften oder zwischen Führungskraft und Team, aber auch in Teams untereinander.

 

Soll man also immer einen Mediator holen, wenn es kracht?

Nein. (lacht) Streit gehört zum Leben dazu, auch zum Berufsleben und im Prinzip sind kleine Streitereien, Meinungsverschiedenheiten und Diskussionen völlig normal. Man kann keinen klaren Zeitpunkt definieren, ab wann Mediation notwendig ist, da Konflikte sehr oft unter der Oberfläche schwelgen und damit lange Zeit unentdeckt bleiben können. Je schneller jemand von außen geholt wird, desto besser. Mediation macht immer Sinn.

 

Woran man merkt, dass etwas nicht rund läuft? Gibt es Alarmzeichen?

Wenn die Gespräche weniger werden. Wenn es Rückzugstendenzen gibt, die Leistung abfällt oder ununterbrochen Beschwerden von Mitarbeitern oder Kunden auftreten, dann ist das ein Hinweis, dass etwas nicht rund läuft. Langanhaltende Unruhe im Unternehmen bedeutet immer auch Unzufriedenheit, Unsicherheit, Angst und geht langfristig immer mit einem Ressourcenverlust einher.

 

Kann man Konflikte mit Mediation lösen?

Ja, das ist der Auftrag der Mediation, dass wir Lösungen für Konflikte erarbeiten. Konflikte sollten auf keinen Fall unter den Teppich gekehrt werden, denn nicht bearbeitete Konflikte haben die Tendenz, sich zu dynamisieren. Aus Erfahrung weiß ich, dass Mitarbeiter in Firmen, aber auch Führungskräfte ein großes Bedürfnis haben, mit einer neutralen Person über Konflikte zu sprechen.

 

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"Konflikt- und Streitkultur sind trainier- und lernbar." – Doris Jandl-Albrecht (© Andreas Röbl)

Was sind die großen Konflikte in Firmen, wo hapert es am meisten?

Wo Menschen arbeiten, ist es normal, dass es zu Missverständnissen kommt. Und oftmals führen Missverständnisse und Unklarheiten zum Konflikt. Häufige Probleme sind, dass sich Mitarbeiter wenig wertgeschätzt und respektiert fühlen, oder wenn es keine klare Kompetenzaufteilung gibt. Es kommt aber auch vor, dass Führungskräfte für einen anstehenden Veränderungsprozess eine Begleitung zur Prozessunterstützung haben möchten. In so einem Fall werden mediative Ansätze präventiv eingesetzt.

 

Wie läuft eine Mediation eigentlich ab?

Das beginnt mit einer emotionalen Bestandsaufnahme: Wie schaut die emotionale Landschaft im Unternehmen aus? Wer sind die handelnden Personen? Wer sind die nicht handelnden Personen? Gibt es Schmerzpunkte? Wichtig ist es dabei, allen Beteiligten in persönlichen Gesprächen zu zeigen, dass sie mit ihren Anliegen wahrgenommen und vor allem auch wertgeschätzt werden. Die Gespräche sind immer vertraulich. Diese Analyse ist eine wichtige Vorstufe zu einer zielgerichteten Mediation.

 

Wenn sich ein Unternehmen für Mediation entscheidet, wie wird dann von Ihrer Seite vorgegangen?

Dann starte ich den Entwicklungsprozess, der darin mündet, alle Beteiligten an den sprichwörtlichen „einen Tisch“ zu führen und dort aktiv, gemeinsam und eigenverantwortlich tragfähige Lösungen zu schaffen. Als Mediatorin habe ich die Aufgabe, sie zu begleiten. Ich bin allparteilich, moderiere das Gespräch und strukturiere den Prozess. Dabei bin ich Autoritätsperson, Vermittlerin und sehr oft Hoffnungsperson. Ratschläge, Bewertungen und Urteile haben übrigens in der Mediation keinen Platz. Auch die Schuldfrage ist nicht zu klären. Vielmehr geht es darum, zu einer Lösung des Problems zu kommen und die Gesprächsbasis mit dem Konfliktpartner aufrechtzuerhalten. Man muss sich ja nicht „lieben“ , aber es soll eine Beziehung hergestellt werden, die eine Zusammenarbeit im Jetzt und für die Zukunft ermöglicht.

 

Kann man Streitkultur lernen?

Ja, sicher. Konflikte und Streitkultur sind trainier- und lernbar. Eine Streitkultur in einem Unternehmen einzuführen hat oberste Priorität in jeder Mediation. Auch wenn zum Beispiel der eine Konflikt gelöst wurde,  können und werden immer wieder neue auftreten. Durch die Mediation sollen Mitarbeiter ein Werkzeug in die Hand bekommen, das ihnen hilft, mit Konflikten besser umzugehen.

 

Kann es auch sein, dass Mediation nicht funktioniert?

Selbstverständlich ist auch Mediation kein Allheilmittel für alle Fälle. Mediation ist jedoch eine Methodik, die sehr situativ eingesetzt werden und sehr rasch zu einem „ersten Durchatmen“ führen kann. Meist kommt dann „So kann‘s doch wirklich nicht weitergehen“.

 

Wie man zuletzt gesehen hat, wird auch in der Politik und im World Wide Web der Umgangston immer rauer. Was halten Sie von dieser Fäkal-Rhetorik?

Fäkale Rhetorik ist natürlich immer schlecht, nicht zielführend und sollte vor allem von Politikern, die ja eine gewisse Vorbildfunktion haben, vermieden werden. Kommunikation sollte immer wertschätzend und respektvoll sein.

 

Sie haben beruflich viel mit „Streithanseln“ zu tun. Was gefällt Ihnen an Ihrem Job als Mediatorin?

Ich lebe meinen Beruf. Es ist für mich absolut erfüllend, mit Menschen zu arbeiten und gemeinsam mit ihnen einen Weg zu gehen. Ich finde es anerkennenswert und mutig, wenn sich Menschen einem Konflikt stellen und nach Lösungen streben. Das Herzstück der Mediation ist der Verständnisaufbau, und dieser funktioniert nur über Bedürfnisse und Interessen. Erst dann kann eine gemeinsame Lösung herbeigeführt werden.