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People | 01.12.2020

"Die Rollen werden gehaltvoller"

Dass sie in jungen Jahren Leistungssport gemacht hat, kommt Daniela Dett (43) heute zugute. Denn eine Rolle, wie die der Édith Piaf, verlangen der Musical-Darstellerin und Schauspielerin körperlich wie emotional einiges ab.

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Auf der Bühne ist Daniela Dett zu Hause. Im Musiktheater in Linz beweist sie in Roben von Gottfried Couture ihre Vielseitigkeit. ( © Dominik Derflinger)

Das Jahr 2020 wird Daniela Dett wohl so schnell nicht mehr vergessen. Zum einen, weil die Corona-Pandemie die Kunst- und Kulturszene besonders hart trifft, zum anderen - und damit kommen wir zum freudigen Ereignis – weil die Schauspielerin und Musical-Darstellerin des Linzer Landestheaters im Oktober mit dem oberösterreichischen Bühnenkunstpreis 2020 ausgezeichnet wurde. Was ihr diese Auszeichnung bedeutet und wie sehr sie ihre aktuelle Rolle der Édith Piaf fordert und erfüllt, hat uns die 43-jährige Linzerin beim Covershooting im Musiktheater in Linz erzählt.

 

OBERÖSTERREICHERIN: Frau Dett, Sie sind in Bad Aussee geboren und in Oberösterreich  aufgewachsen. Wie war Ihr Aufwachsen?

Daniela Dett: Es war ein Leben im Einklang mit der Natur. Meine Großeltern hatten einen kleinen Bauernhof und die ganze Familie hat bei der Feldarbeit mitangepackt. Ich habe mich in meiner Familie sehr gut aufgehoben gefühlt und den Grundstein für mein jetziges Leben, das doch sehr stark vom Künstlerischen geprägt ist, mitbekommen. 

Wann wurde Ihr Talent entdeckt?

Eigentlich schon im Volksschulalter. Meine Eltern sahen dieses Talent und haben mich auch immer unterstützt. Meistens habe ich ihnen vor Beginn des Hauptabendprogramms im Fernsehen verschiedene Stücke vorgespielt und auch in der Schule bekam ich bei Theaterstücken immer gute Rollen. 

Ins Schauspiel- und Musicalfach hat es Sie aber über Umwege gezogen.

Ja genau, da ich eine sehr gute Schülerin war, haben meine Eltern immer anklingen lassen, dass ich nach der Matura noch eine Ausbildung machen soll. Und da gab es drei kurze Intermezzi in Richtung seriöse Berufsaussichten. Eine Zeit lang studierte ich in Salzburg Geschichte und Französisch, dann arbeitete ich kurz am Schalter in einer Bank und in einem Reisebüro. Es hat sich aber schnell herauskristallisiert, dass ich in diesen Jobs nicht glücklich werden würde. Mein großes Interesse galt schon immer der Bühnenkunst – egal, ob Gesang oder Schauspiel. Also habe ich beschlossen, nach Wien zu gehen, wo ich den Musicallehrgang an der Universität für Musik und Darstellende Kunst absolvierte.  

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Daniela Dett, Publikumsliebling des Musical-Ensembles im Landestheater, beweist im Outfit von Gottfried Couture Klasse und Stil. ( © Dominik Derflinger)

Wann standen Sie das erste Mal auf einer Bühne und welche Erinnerungen verbinden Sie damit?

Das war in der Hauptschule, in einem Stück über Außerirdische. Ich war das Marsmännchen. Meine Mama hat mir das Kostüm genäht und „Sorry Mama, du hast dich zwar sehr bemüht, aber es war leider zum Schämen“ (lacht). 

Seit 2012 sind Sie fixes Mitglied des Linzer Musicalensembles am Musiktheater. Was bedeutet das, wie darf man sich das vorstellen?

Es bedeutet sehr viel Arbeit, aus der man allerdings ganz viel schöpfen kann. Wir produzieren in der Theaterspielzeit sechs Stücke und arbeiten am laufenden Band. Wenn die Premiere von Stück A gespielt wurde, proben wir schon wieder für Stück B. Dann stehen wir für Stück A und Stück B auf der Bühne und proben gleichzeitig schon wieder für Stück C. Schließlich spielen wir Stück A, B und C und proben parallel dazu Stück D. Es ist sehr herausfordernd, aber wunderschön und es ist großartig, dass ich auch in Rollen besetzt werde, die ich wahrscheinlich in der freien Szene nicht bekommen würde. Ich denke da nur an  das Musical „Sister Act“, in dem ich die Mutter Oberin gespielt habe, obwohl ich nicht wie die klassische „Schwester Oberin“ aussehe (lacht). Man wird als Künstlerin respektiert und nicht nur nach Äußerlichkeit in ein Schema gepresst. 

Zuletzt standen Sie im Musiktheater als Édith Piaf auf der Bühne. Wie war die Premiere nach dem ersten Lockdown im Frühling?

Die Premiere war etwas ganz Besonderes. Es war ein Traum, wieder auf die Bühne zu gehen und zu merken, wie durstig die Menschen nach Kultur sind. Das Publikum war auch unglaublich dankbar, wieder ins Theater gehen und den Alltag für ein paar Stunden vergessen zu können. Die Rolle der Édith Piaf ist ein Geschenk für mich. Ich kann mir momentan nicht vorstellen, dass es je wieder eine Rolle geben wird, die mich so sehr fordert und gleichzeitig so glücklich macht. 

Vom Straßenmädchen zur Diva, Édith Piaf durchlebte alle Höhen und Tiefen. Wie haben Sie sich auf diese Rolle vorbereitet? Was wollten Sie rüberbringen?

Die Vorbereitungen begannen für mich bereits zwei Monate vor den tatsächlichen Proben. Ich habe Biografien und Interviews über die Piaf gelesen und Filmmaterial recherchiert. Die Probenarbeit selbst war mit sechs Wochen sehr knackig angesetzt. An der Rolle war mir wichtig, Édith Piaf nicht nur zu imitieren, sondern sie zu inhalieren, durch mich durchzuspülen, zu transformieren und mit etwas Daniela Dett angereichert zum Leben zu erwecken. Jemand nur zu kopieren, birgt keine große Wertschätzung an der Person. 

Und haben Sie Gemeinsamkeiten gefunden?

Ja, es gibt schon die ein oder andere Gemeinsamkeit. Aber nicht in ihrer konsequenten Selbstzerstörung, nicht in ihrem Verrat an der Gesundheit und nicht in ihrer Beziehungsunfähigkeit.  Ihren Perfektionismus hingegen kann ich sehr gut verstehen, da ich diesen auch besitze. Der ist manchmal Fluch und manchmal Segen. 

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© Dominik Derflinger

Wie schwierig ist es, sich von einer derart fordernden Rolle abzugrenzen?

Ich hatte viele schlaflose Nächte und habe diese auch jetzt noch. Diese Figur hört nie auf, sie entwickelt sich, reift immer noch weiter heran und lässt mich nicht ganz los. Aber das blockiert mich nicht in meinem Sein. Wenn ich eine Vorstellung spiele, sind die Stunden davor der Piaf gewidmet. Da lasse ich mich nicht ablenken und treffe mich auch nicht mit anderen Menschen, da will ich einfach nur eintauchen. Das Verlassen der Figur und der Emotion funktioniert schlicht über das Abschminken und dem „Herausschälen“ aus dem Kostüm. Das ist für mich ein wichtiges Ritual, das ich verwende, um mich zu lösen. 

Wie lange wird das Musical „Piaf“ am Musiktheater noch gespielt?

Voraussichtlich bis März, aber ich denke, dass die Vorstellungen, die jetzt ausfallen, nachgeholt werden. 

2019 haben Sie die Mutter Oberin in Sister Act verkörpert, 2020 Edith Piaf – gibt es Gemeinsamkeiten zwischen diesen beiden Frauenrollen?

Im ersten Moment würde mir vordergründig keine Parallelität auffallen, beim genauen Hinsehen allerdings schon. Beide sind sehr starke Frauen, die sich für eine Sache ganz konsequent und selbstaufopfernd einsetzen. 

Wie anstrengend ist eine Aufführung wie die Piaf?

Nach der Aufführung bin ich körperlich und emotional ausgelaugt, physisch kommt es an einen Halbmarathon heran. 

Wie sehr lassen Sie sich von Kritiken beeinflussen?

Es schadet sicher niemanden in diesem Genre, sich ein klein bisschen dicke Haut zuzulegen. Ich hatte bisher viel Glück und wurde noch nie so richtig verrissen.  Wenn ich merke, dass sich die Person mit dem Stück oder der Figur befasst hat, dann darf es auch in die andere Richtung gehen. In unserem Beruf spielt Außenwahrnehmung eine nicht unwesentliche Rolle. Der Blick aus der Distanz, egal ob vom Regisseur oder von Kritikern, ist wichtig.

Wie glamourös ist Ihr Beruf?

Ich würde sagen, der Beruf hat 0,5 Prozent Glam-Faktor und  zwar in Momenten wie jetzt, bei diesem Covershooting oder wenn das Konterfei aus der Zeitung lacht. Ein klein wenig Glamour findet auch auf den Premierenfeiern statt, in der Abendrobe mit dem Sektglas in der Hand (lacht). Alles andere ist Arbeit. Während der Proben arbeiten wir sieben Stunden am Tag, sieben Mal die Woche. Wenn wir Vorstellung haben, proben wir vier Stunden am Vormittag und am Abend stehen wir meistens bis 23 Uhr auf der Bühne. 

Was war die herausforderndste Rolle?

Zweifelsohne die Édith Piaf.

Heuer wurde Ihnen der oberösterreichische Bühnenkunstpreis 2020 zuerkannt. Was bedeutet diese Auszeichnung für Sie?

Diese offizielle Anerkennung und Wertschätzung bedeutet mir sehr viel. Selber kann man schwer einschätzen, was man bewirkt. Für diesen Preis wird man von einer Expertenjury vorgeschlagen. Er ist eine große Motivation und bestätigt mir, dass ich den richtigen Weg gegangen bin und weitergehen darf. 

Sie sind Schauspielerin, Sängerin, Musical-Darstellerin – was machen Sie am liebsten?

Wenn ich das Gefühl habe, dass ich mich entfalten kann und das gesamte Team an der höchstmöglichen Qualität arbeitet, dann mache ich alles gleich gerne. Neuerdings habe ich meine Zuneigung zum Sprechen entdeckt. Derzeit leihe ich meine Stimme einem Dokumentarfilm und wenn es die Freizeit erlaubt, mache ich Hörbücher für ein Lehrinstitut. Es ist herausfordernd, die Emotion nur über die Stimme zu transportieren. 

 

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© Dominik Derflinger

Haben Sie nie mit Fernsehrollen in Krimis oder Serien geliebäugelt? Wollten Sie das nicht oder hat es sich nie ergeben?

Ich würde das wahnsinnig gerne machen, aber sich zu dieser Welt Zutritt zu verschaffen, ist sehr schwierig. Man braucht gute Agenturen und wahrscheinlich auch das Glück, zur rechten Zeit am rechten Ort zu sein.

Gibt es ein Bühnenritual?

Nach der Maske gehe ich gerne ganz allein auf die Bühne, singe laut oder mache eine Yogasequenz. So komme ich an und zentriere mich.

Sind Sie vor einem Auftritt nervös?

Ja und wie! In jungen Jahren habe ich einmal gelesen, dass es zwei Typen von Künstlern gibt: jene, die im Alter gelassener werden und jene, bei denen die Nervosität immer schlimmer wird. Ich gehöre definitiv zur zweiten Gruppe. Das liegt womöglich daran, dass ich weiß, welche Pannen passieren können. 

Sind Familienmitglieder und Freunde bei den Premieren dabei?

Ja, obwohl es mir am liebsten wäre, wenn zur Premiere niemand kommen würde, den ich kenne. Aber das kann man nicht verbieten und meine Lieben kommen gerne, weil auch die anschließende Premierenfeier immer ein besonderes Ereignis ist. 

Sie sind 43 Jahre alt, wie haben sich Ihre Rollen im Lauf der Zeit verändert?

Die Rollen werden weniger, aber dafür gehaltvoller.  

Sie schauen sehr gut aus, verraten Sie uns Ihr Beautygeheimnis?

Ich mache täglich eine Gesichtsmaske aus zwei Teilen Honig und einem Teil Joghurt nach einem Rezept von meiner Freundin Daniela. That‘s it!

Kunst und vor allem die Künstler trifft die Corona-Krise besonders hart. Wie geht es Ihnen im Moment?

Momentan geht es mir ganz gut, weil wir am Musiktheater noch arbeiten dürfen. Wir erarbeiten jetzt die Stücke, die wir nach dem Shutdown wieder spielen können. Allerdings ist mir bewusst, dass ich sehr privilegiert bin, weil ich durch das Haus und das Engagement geschützt bin und so eine Sicherheit habe. Aber es gibt viele Kollegen, die vor dem Nichts stehen, die sich finanziell vom ersten Lockdown noch nicht erholt haben. 

Was hat sich für Sie durch Corona verändert?

Diese Lockdowns zeigen uns, wie schnell es beruflich vorbei sein kann. Ich hatte viel Zeit zu reflektieren und auch zu überlegen, ob ich aus dieser Not eine Tugend machen kann. Ich habe begonnen, auch andere Interessen zu beleuchten und auszubauen. Ich bin im Kopf flexibler geworden und auch dankbarer, weil nichts selbstverständlich ist. 

Was machen Sie in Ihrer Freizeit?

Ich gehe laufen, mache Yoga und ich liebe es, zu garteln. 

Was steht in naher Zukunft an?

Es tut sich zum Glück so einiges, unter anderem die Premieren mit den Stücken „quarDETTart  – Wir sind so frei!“, „Priscilla“ und „Wie im Himmel“ im Musiktheater Linz und Konzerte mit „quarDETTart  – Wir sind so frei!“. Ich arbeite auch an der Konzeption und Umsetzung eines  Zwei-Personen-Stücks mit Henry Mason (Fortsetzung von „Down with Love“), einem Michael Jackson-Tribute Konzert mit Funkclub und Drew Sarich in der Spinnerei Traun und es kommt die Premiere des Dokumentarfilms „Schamanen“ von Natalie Halla, bei dem ich Sprecherin war. Ich wünsche mir von Herzen, dass all diese wunderbaren Projekte nicht zu lange hinausgeschoben werden müssen.