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People | 20.11.2017

Die Lust auf ANALOG fördern

Einer der bekanntesten Intellektuellen unseres Landes, Konrad Paul Liessmann, über die negativen Seiten der Digitalisierung und die Wichtigkeit von Ethik für die Fragen der Zukunft. Ein Plädoyer für die Philosophie.

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Universitätsprofessor für Methoden der Vermittlung von Philosophie und Ethik, Philosoph und Autor Konrad Paul Liessmann (© Zsolnay Verlag / Heribert Corn, www.corn.at)

Es gibt kein gesellschaftliches Thema, über das Konrad Paul Liessmann in öffentlichen Debatten, Vorträgen, Zeitungskommentaren, Essays, Vor­lesungen, Interviews und Büchern nichts zu sagen hat. Er prangert die „Kapitalisierung des Geistes“ an,
hält wenig von „Wohlfühlpädagogik“ und „gendergerechter“ Sprache; er äußert sich kritisch zur fortschreitenden Digitalisierung, be­klagt, dass das Wissen, an das wir uns heute klammern, keine Spuren mehr in der Seele hinterlässt, und provoziert mit seinen Aussagen nicht nur die Bildungspolitik, sondern auch Diskussionen in der breiten Öffentlichkeit. Vor allem aber gibt es keine Frage, die dem Philosophen und Professor für Methoden der Vermittlung von Philosophie und Ethik an der Universität Wien fremd ist. Denn das Fragen ist die zen­trale Aufgabe seines Faches. Dies wurde auf den folgenden Seiten allerdings Redakteurin Maria Russ zuteil, im Gespräch mit Konrad Paul Liessmann am Institut für Philosophie der Universität Wien.

 

Herr Professor Liessmann, die aktuelle Bildungsdiskussion dreht sich verstärkt um die MINT-Fächer (Anm.: Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften, Technik) – die Basis von Innovation, technischem Fortschritt und wirtschaftlichem Erfolg. Man will Ausbildungen in diesem Bereich forcieren, klassisches Wissen dagegen scheint immer mehr verloren zu gehen. Können die Probleme der Zukunft wirklich durch Naturwissenschaften und Technik allein gelöst werden?

Es ist verhängnisvoll, das zu glauben. Natürlich brauchen wir diese Fächer, das ist gar keine Frage, aber wir brauchen auch Menschen, die über den Einsatz von neuen Technologien nachdenken, darüber, wann, wie und wo diese eingesetzt werden können, sowie über die Auswirkungen. Hinter den ständigen Plädoyers für die MINT-Fächer steht auch eine Auf- und Abwertung: Naturwissenschaftliche und technische Fächer werden aufgewertet, andere abgewertet. Das halte ich für problematisch.

 

Beim Thema Wissen geht es heute vordergründig um die Nützlichkeit, Sie sprechen von der „Ökonomisierung von Wissen“. Stirbt das vermeintlich „nutzlose“ Lernen um seiner selbst willen – ein Charakteristikum der Geisteswissenschaften – aus?

Ich denke nicht, nein. Weil die Neugier der Menschen zu groß ist. Wissen darf nicht nur an dem Kriterium beurteilt werden, ob ich damit irgendetwas Nützliches erreichen kann, ob ich es anwenden oder damit ein vorhandenes Problem lösen kann. Wir wissen nicht, welches Wissen wir in Zukunft brauchen werden. Vor 20 Jahren war Orientalistik ein absolutes Orchideenfach. Mittlerweile kann keine noch so kleine politische Entscheidung getroffen werden, ohne einen Islamwissenschaftler oder einen Orientalisten zu befragen. Beispiel Burka: Woher kommt die Vollverschleierung? Welchen Stellenwert hat sie in den verschiedenen islamischen Kulturen? etc. Das sind heute Fragen, durch die Wahlen entschieden werden.

Es gibt nichts Kurzsichtigeres – gerade von denjenigen, die immer sagen, es geht um unsere Zukunft –, als das Wissen zu reduzieren auf das, was im Moment anwendbar ist. Die europäische Kultur besteht seit dem 8. Jahrhundert aus Renaissancen, aus Wiederentdeckungen der griechisch-­römischen Antike. Die Geschichten der griechischen und römischen Mythologie haben deshalb die Jahrtausende überdauert, weil sie so gut sind, so paradigmatisch, so fantasievoll und so reichhaltig. Jede Lebenskonstellation, in die ein moderner Mensch im Laufe seines Lebens kommen kann, findet sich in irgendeinem Mythos bereits vor, ob das Liebe ist oder Hass, ob die Angst vor dem Tod, Gewalt oder Sex. Man wird das alles immer wiederentdecken, die Kette von Renaissancen ist nicht abgeschlossen – ich bin überhaupt nicht kulturpessimistisch. Hätten wir immer nur Kenntnisse entwickelt, die notwendig sind, um die je aktuellen Probleme zu lösen, dann wären wir noch immer in der Steinzeit. Denn der Steinzeitmensch konnte alle seine Probleme lösen, er hat überlebt.

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Liessmanns neuestes Buch "Bildung als Provokation" ist kürzlich bei Zsolnay erschienen.

Eine zentrale Disziplin der Zukunft muss die Ethik sein, eine philosophische Disziplin. Es bedarf moralischer Gesetze, um den technischen Fortschritt für den Menschen tatsächlich positiv nützen zu können, etwa beim Erzeugen von künstlicher Intelligenz. Ist zu erwarten, dass die Ethik künftig eine wichtigere Rolle einnehmen wird?

Ja, gerade die fortgeschrittenen Technologien wie die Artificial Intelligence oder die Robotik zwingen uns, über ethische Fragen nachzudenken. Ein konkretes Beispiel wäre das autonome Automobil, welches technisch bereits realisierbar ist und es über kurz oder lang geben wird. Für sein Funktionieren muss ein Algorithmus programmiert werden, der entscheidet, wie dieses Auto sich in einer Verkehrsunfallsituation verhält. Die Standardfrage lautet: Wer hat Vorrang – das Leben des Insassen oder der Person, mit der das Auto kollidiert? Das ist eine ethische Frage, keine technische! Ich kann eine ethische Frage ethisch diskutieren, ethisch entscheiden und dann dem Techniker sagen: „Und das programmier jetzt so!“ Der Programmierer kann das als Techniker nicht entscheiden. Deshalb ist es ganz wichtig, dass wir auch Menschen haben, die sich mit solchen Fragen beschäftigen. Also ja, Sie haben völlig recht, das sind vorrangig keine technischen Probleme, denn diese sind ja fast schon gelöst, sondern es sind ethische Probleme, die daraus erwachsen – und zwar keine einfachen.

 

Zurück zum Thema Bildung: Die Entwicklungspsychologie bestätigt, dass Tablets für Kleinkinder und Kinder nicht nur unnötig, sondern sogar schädlich sind. In der Politik ist man sich bei allen Streitigkeiten in einer Sache dennoch einig: Man müsse Kindern „Lust auf digital“ machen, Schulen sollen flächendeckend mit Tablets ausgestattet werden. Das scheint paradox.

Das ist ein grundlegend falscher Zugang aller Parteien. Tablets flächendeckend in Schulen einzuführen wäre eine staatlich verordnete Sucht. Die Schule muss, ganz im Gegenteil, Lust auf analog machen. Die Lust auf digital ist ohnehin da. Alleine die Kompetenz, die man benötigt, um sich in sozialen Netzwerken kritischer und selbstbewusster zu bewegen, kann sich nur aus einer starken Verankerung in einer analogen Erfahrungswelt speisen.

Der zu frühe Gebrauch von Tablets und rein bildorientierten Medien lässt das Vorstellungsvermögen verkümmern. Das, was den kulturellen Schub mit sich gebracht hat nach der Erfindung der Schrift, besteht darin, dass die Schrift ein Zeichensystem ist, welches ich nur verwenden kann, wenn ich das, was die Schrift ausdrückt, in meine Fantasie übersetze. Schrift ist immer eine Schulung der Fantasie. Jedes Kind, das den Satz „Hans betritt das Klassenzimmer“ liest, muss sich überlegen, wer dieser Hans ist, wie er aussieht, welches Klassenzimmer er betritt usw. Es entwickelt in seinem Kopf eine Fantasievorstellung. Wenn ich das Ganze als Zeichen­trickfilm sehe, brauche ich keine Fantasie mehr. Ich sehe dann einen bestimmten Hans, der so und so aussieht. Dem Kind wird jede Fantasie­tätigkeit abgenommen, es muss sich nichts mehr vorstellen. Doch Kreativität ist wiederum die Voraussetzung für Innovation, sie darf nicht systematisch zerstört werden! Wir reden davon, dass jedes Kind seine Talente hat und diese gehegt werden müssen, aber im selben Atemzug vernichten wir diese. Das ist das Gefährliche an der aktuellen Bildungspolitik. 

Es werden im Übrigen tatsächlich alle lernpsychologischen Untersuchungen vollkommen ignoriert, die sagen, dass die zu frühe Beschäftigung mit digitalen Geräten die Hirnentwicklung maßgeblich negativ beeinflusst. Das scheint mir seltsam, die Bildungspolitik meint doch immer, sie schaue auf die Ergebnisse der empirischen Forschung.

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Der zu frühe Gebrauch von Tablets lässt das Vorstellungsvermögen verkümmern, warnt Konrad Paul Liessmann. (© Shutterstock)

Müssen wir in der digitalen Welt der Bilder, Emojis und Icons überhaupt noch lesen und schreiben können?

Wir fallen durch die Digitalisierung auf technisch höchstem Niveau zurück auf einen Kulturzustand, wie er war vor der Erfindung der Schrift. Die entscheidenden Medien damals waren Bilder und Laute, also gesprochene Sprache. Die Digitalisierung erlaubt uns, alles als Bild wahrzunehmen, die ganze Alltagskommunikation kann mit einer Reihe von Emojis ausgedrückt werden.

 

Sie gelten mit Ihren Ansichten für viele als reaktionär. Fühlen Sie sich missverstanden? Immerhin sind Sie niemand, der sich gegen den technischen Fortschritt ausspricht.

Ich verstehe nicht, warum man als reaktionär gilt, wenn man will, dass sich junge Menschen optimal entwickeln, dass sie Fantasie und Vorstellungsvermögen entwickeln, damit sie imstande sind, sich in Situationen hineinzuversetzen, von denen wir jetzt noch nicht sagen können, wie sie sein werden. Wenn fortschrittlich sein heißt, zu wollen, dass Menschen systematisch verdummt werden und unmündig gehalten werden, dann bin ich gerne reaktionär.

 

Abschließend zu einem ganz anderen Thema, an dem man erneut sieht, dass die Antworten der Naturwissenschaften nicht genügen: Glück. Ein Natur­wissenschaftler würde sagen, glücklich ist man, wenn die Biochemie im Gehirn stimmt. Wenn wir Glück nur als einen biochemischen Prozess sehen, könnten wie diesen so beeinflussen, dass wir alle glücklich sind. Das wäre wissenschaftlich wahrscheinlich möglich, die Sache hat aber einen Haken, und der ist – wieder einmal – ethischer Natur: Wer soll für die ganze Menschheit bestimmen, wie Glück zu definieren ist? Was sagt die Philosophie?

Glück ist kein bloßer biochemischer Vorgang. Rauschmittel etwa haben schon immer die Funktion gehabt, Glücksgefühle hervorzurufen. Sie bringen Glück, aber es entsteht einerseits eine Abhängigkeit und andererseits ein starkes Bewusstsein dafür, dass das eben nicht das wirkliche Glück ist, sondern ein künstlich simuliertes. Es stimmt natürlich, dass alle unsere emotionalen Reaktionen, Stimmungen etc. auf biochemischen Vorgängen beruhen, aber zu sagen, Glück sei nichts anderes als eine bestimmte Dosis einer bestimmten Hormonausschüttung, ist ungefähr so intelligent wie zu sagen, Goethes „Faust“ sei nichts anderes als eine Ansammlung von Buchstaben und Druckerschwärze.

Ich glaube, die Glücksdiskussion geht in eine völlig falsche Richtung. Es gibt kein verbindliches Rezept für Glück. Und es gibt absolut nichts,
was Menschen nicht glücklich machen könnte. Es gibt sogar Menschen, die sagen, die glücklichste Zeit in ihrem Leben war, als sie im Krieg waren. Man müsste auch einmal eine Debatte da­rüber führen, was man überhaupt als Glücksingredienzen zulassen kann. Ein Massenmörder, den das Erschießen von Menschen extrem glücklich macht – solche Glücksmomente wollen wir aus ethischen Gründen nicht zulassen. Jedenfalls gilt: Je enger ich das Glück für mich definiere, desto mehr kann ich mir sicher sein, dass ich unglücklich sein werde, wenn ich es erreicht habe.