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People | 13.05.2019

Die Körpersprache der Mächtigen

Was haben Donald Trump, Angela Merkel und Sebastian Kurz gemeinsam? Sie alle stehen an der Spitze eines Landes und könnten doch nicht unterschiedlicher sein. Stefan Verra hat die Körpersprache von sieben mächtigen Politikern unter die Lupe genommen und erklärt, was sie eint, unterscheidet und was man von ihnen lernen kann.

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Stefan Verra ist einer der gefragtesten Körpersprache-Experten im europäischen Raum und kommt im März 2020 im Rahmen seiner Tournee wieder nach Linz. Foto: Severin Schweizer Fotografie

Stefan Verra ist einer der gefragtesten Körper- sprache-Experten Europas. In seinem neuen Buch „Leithammel sind auch nur Menschen“ (Verlag Ariston, € 20,60) beschäftigt er sich mit der Körpersprache der Mächtigen. Dafür hat er sieben Politiker bis ins Detail analysiert. Seit mehr als zehn Jahren beobachtet der in München lebende Österreicher Wahlkämpfe und Politiker auf der ganzen Welt – und hat dabei eine Gemeinsamkeit entdeckt. „Wer die Emotionen der Wähler am besten widerspiegelt, wird auch die Wahlen gewinnen“, erklärt Verra. Warum das so ist und ob es tatsächlich eine Körpersprache der Mächtigen gibt, haben wir bei einem hochinteressanten Interview im Linzer Café Traxlmayr nachgefragt.

Wer von den sieben Persönlichkeiten hat Sie am meisten beeindruckt, was die Körpersprache betrifft?
Das kann ich nicht sagen, weil ich es nicht so sehe. Ich habe vielmehr daran gedacht, bei welchen Menschen der Leser am meisten lernen kann. Und zwar für sich selbst. Weil es ganz wichtig ist, zu wissen, dass es nicht DIE Körpersprache der Macht gibt. Körpersprache ist die älteste Kommunikationsform der Welt. Mir ist wichtig, dass das, was ich in meinen Büchern schreibe, auch wissenschaftlich fundiert ist. Jede relevante Gestik und Mimik wird bis zum Ursprung herunterdekliniert, weil ich nicht möchte, dass irgendjemand glaubt, das sei meine eigene Meinung. Ich deute keinen Menschen, Körpersprache kann niemals in einen Menschen hineinschauen. Wir können nur schauen, was in welcher Weise wirkt. Wenn ein Mensch mit grantigem Gesicht hier sitzt, kann ich nie sagen, warum er grantig schaut. Vielleicht sagt er selbst, er sei eh gut drauf. Er muss allerdings mit der Tatsache leben, dass er von seinen Mitmenschen als grantig wahrgenommen wird. Das ist der große Unterschied.

Spannend ist, dass es Menschen mit völlig unterschiedlicher Körpersprache, wie etwa Donald Trump und Wladimir Putin, an die Spitze eines Landes geschafft haben. Woran liegt das?
Es gibt grundsätzlich keinen Macht-Code oder die Körpersprache der Mächtigen. Es ist nicht so, dass es ein paar Tricks gibt, und wenn ich diese kenne, komme ich an die Macht. Das ist völliger Humbug. Aber Körpersprache macht etwas – und da können wir zum Beispiel viel von Donald Trump lernen: Wir sind alle in der Emotion gefangen, weil ihn viele Menschen als nicht so wahnsinnig toll empfinden. Dabei müssen wir uns überlegen, wie er es dennoch schafft, auch heute noch 60 Millionen Amerikaner fanatisch hinter sich zu versammeln? Nicht wegen der Inhalte. Trump hat Folgendes gemacht: Er hat die frustrierten Amerikaner eingesammelt und dabei auf die gleiche Körpersprache wie sie gesetzt. Und das sollten wir alle machen! Wenn wir mit unserer Körpersprache nur ein wenig widerspiegeln, wie es unserem Gegenüber im Moment geht, vermittelt man sofort das Gefühl, den anderen zu verstehen. Bei Kindern macht man das ganz automatisch. Wenn ein Kind freudestrahlend und mit großen Augen auf uns zuläuft, reißen auch wir unsere Augen auf und lächeln ihm entgegen. Und genau das können wir von Trump lernen!

Wladimir Putin hingegen ist dazu beinahe das Gegenteil in seiner Körpersprache und ebenfalls Regierungschef ...
Putin ist wahrlich nicht dafür bekannt, viele Sympathien einzusammeln. Er hat allerdings eine unglaubliche Durchsetzungsfähigkeit, dafür verzichtet er auf Sympathie. Und genau das braucht man manchmal! Das kann man sich auch für zu Hause mitnehmen, wenn es zum Beispiel mal wieder darum geht, wer den Geschirrspüler ausräumt. Meistens sind es ja immer noch die Frauen, an denen diese Arbeit hängenbleibt. Machen Sie es wie Putin! Neigen Sie den Kopf nach unten vorne, schauen Sie dem Partner aus dieser Position in die Augen und sagen: „Der Geschirrspüler gehört dir.“ Dann gibt es keine Diskussion! Wir haben oft Hemmungen, unser Ziel zu verfolgen, weil wir die Sympathien und das Geliebtwerden höher einordnen. Manchmal im Leben braucht man allerdings das Ziel, und dann muss man auf die Sympathien pfeifen.

In Österreich ist Sebastian Kurz der jüngste Bundeskanzler aller Zeiten, seine Umfragewerte sind besser denn je. Wie schafft er es, so viele Menschen – jung wie alt – für sich zu begeistern?
Bei Sebastian Kurz gibt es ebenfalls etwas Interessantes. Viele junge Leute sagen, dass sie nicht ernst genommen werden. Denen antworte ich dann, dass manche mit 31 Jahren schon Bundeskanzler sind. Nicht ernst genommen zu werden hat weniger mit dem Alter zu tun, als viele glauben. Vielmehr hat es damit zu tun, wie man auf andere wirkt. Dafür gibt es zwei Kenngrößen, die ich im Laufe meiner Beobachtungen definiert habe. Die erste Kenngröße ist die Frequenz in 
der Körpersprache, also das Tempo. Kleinkinder haben zum Beispiel eine sehr hohe Frequenz. Die zweite Kenngröße ist die Amplitude. Das Kind bewegt sich groß, das lutscht sogar noch an den Zehen. Je älter man wird, desto mehr reduzieren wir Frequenz und Amplitude. Alte Menschen gehen langsam und machen nur noch ganz kleine Bewegungen. Kurz hat in meinem Buch die älteste Körpersprache von allen, obwohl er mit Abstand der jüngste ist. Wer ihn beobachtet, merkt, dass er nur ganz kleine Bewegungen macht. Das hat bei den Österreichern allerdings bewirkt, dass sie das Gefühl haben, ihm vertrauen zu können. Weil wir Alter mit Weisheit und Erfahrung verknüpfen. Wenn man Menschen fragt, die selbst viel älter als Kurz sind, werden sie sagen, dass er ein unglaublich vernünftiger und kluger Mensch sei.

 

Wie authentisch kann er dann aber noch sein, wenn seine Körpersprache bereits in so jungen Jahren dermaßen trainiert ist?
In seinem Fall ist es eher abtrainiert als antrainiert, was die Körpersprache betrifft. Er hatte natürlich eine höhere Frequenz und eine größere Amplitude, aber ich schätze, dass das noch in seiner Jugend war. Er wird wahrscheinlich unterbewusst bemerkt haben, dass er als klügster in der Klasse von den Lehrern wahrgenommen wird, wenn er eine niedere Frequenz in seiner Körpersprache zeigt. Das macht sich bezahlt, wenn man wie Kurz im Alter von 21 Jahren mit den Granden der Volkspartei beisammensitzt. Denn mit diesem „vernünftigen“ Erscheinen gewinnt selbst ein junger Mensch schneller Zugang zu ihnen. Deswegen sage ich, dass es eher abtrainiert als antrainiert ist. Bei der Authentizität muss man immer vorsichtig sein. Ich würde sagen, dass es eher eindimensional ist und das ist unnatürlich. Eindimensionalität bedeutet, dass er nie mehr eine schnelle Bewegung zeigt und das ist in diesem Alter völlig unnatürlich.

Sie schreiben, dass die Wahl gewinnt, wer mit Körpersprache die momentanen Bedürfnisse des Volkes am besten widerspiegelt. Wäre es demnach von Polit-Strategen nicht gescheit, mehr Geld und Zeit in die „Perfektionierung“ der Körpersprache des Spitzenkandidaten zu investieren anstatt in Parteiprogramme, die ohnehin kaum jemand liest?
Ein Politiker muss immer der Übersetzer sein. Im Hintergrund gibt es Spitzenbeamte, die sich auskennen und die Politik machen. Was ein Spitzenpolitiker also machen muss, ist, dem Volk zu übersetzen, was das Ziel ist und was die Spitzenbeamten als vernünftig ansehen. Die Parteistrategen machen allerdings einen großen Fehler – und da appelliere ich speziell an die großen Parteien der Mitte: Sie wählen nicht den, der beim Volk am besten ankommt, sondern den, der parteiintern am genehmsten ist. Schauen wir uns das am Beispiel der CDU in Deutschland an. Da ist es mir wie Schuppen von den Augen gefallen, wie deutlich das zu sehen war. Als Nachfolgerin von Angela Merkel wurde Annegret Kramp-Karrenbauer gewählt. Und wenn man deren Körpersprache anschaut, ist diese von der Körpersprache von Merkel fast nicht zu unterscheiden. Und wissen Sie, was da unterbewusst rauskommt? Wir wollen dort oben zwar jemand anderen, aber sonst soll alles so bleiben, wie es war. Der Denkfehler ist: Man spricht damit keine neuen Wähler an. Diesen Fehler machen die Grünen in Österreich und Deutschland seit Jahren! Dass sie den nehmen, der parteiintern am genehmsten ist, und nicht überlegen, wie man die Bewegung attraktiver machen kann. Die alten Parteien, wie SPÖ und ÖVP, sind jetzt 100 bis 150 Jahre alt. Da haben sich Strukturen gebildet und festgefahren.

Und dann kommt plötzlich ein junger Mensch daher und möchte alles oder zumindest vieles anders machen ...
Genau! Dieser junge Mensch, der die Energie hätte und tatsächlich die Körpersprache der Jungen spricht, haut in der Parteisitzung auf den Tisch und sagt, was man alles neu machen müsse. Dann nimmt ihn einer der alten Parteigranden zur Seite und sagt: „Das haben Sie ganz toll gemacht, aber schauen Sie mal zu, wie wir hier miteinander kommunizieren und tun‘s einmal lernen!“ Der junge Mensch hat dann zwei Möglichkeiten: Entweder er passt sich in seiner Körpersprache an, oder er geht von der Partei weg – im besten Fall in die Privatwirtschaft, was in den allermeisten Fällen auch passiert. Das ist der Grund, warum es so wenig Talente gibt. Das große Problem der alten Parteien ist, dass sie nicht den Mumm haben, Jüngere ans Ruder zu lassen. Dabei gibt es Beispiele, wie es funktionieren kann – Justin Trudeau in Kanada etwa. Darum sage ich – und dieser Satz kommt aus zehn Jahren Beobachtung von Körpersprache bei Wahlen weltweit: Die Körpersprache des Spitzenkandidaten, des Gewinners der Wahl, spiegelt wider, wie sich das Volk gerade fühlt. Von der anderen Seite gesagt: Der Spitzenkandidat, der die Emotionalität am besten widerspiegelt, gewinnt die Wahlen. Und das ist bisher noch in jeder Wahl bestätigt worden!

Egal, was er sagt bzw. für welche Inhalte er steht?
Nein, das ist natürlich nicht vollkommen egal. Die Richtung muss grundsätzlich schon stimmen. Zuerst bindet er mich emotional, wie das Beispiel Trump zeigt, und dann höre ich mir die Inhalte an. Stamm- und Mittelhirn entscheiden, der Neocortex bestätigt. Es ist also nicht so, dass es ganz egal ist, was er sagt. Ich konkretisiere das an einem Beispiel: Baden-Württemberg ist das Auto-Bundesland von Deutschland. Dort sitzen Porsche, Daimler und viele Zulieferer. Die haben einen grünen Ministerpräsidenten, der hohe Zustimmung genießt und weit vor dem CDU-Menschen liegt. Wenn man die Leute fragt, wie das zusammenpasst, dann suchen sie Erklärungen, warum es okay ist, einen Grünen zu wählen. Darum muss man auch sagen, dass nicht jeder Österreicher, der rechts wählt, automatisch ein Rechtsradikaler ist. Viele blenden einfach aus, was für sie nicht dazupasst. Man muss die Kirche im Dorf lassen, sobald jemand emotional gebunden ist. Ein weiteres extremes Beispiel: Trump hat vor allem jene Wählerinnen und Wähler angesprochen, die sozial schwächer gestellt sind, also weniger verdienen. Die haben von „Obamacare“ zum allerersten Mal profitiert. Trump geht her und sagt ihnen ins Gesicht, dass er ihnen genau das wieder wegnimmt. Und die Menschen jubeln ihm dennoch zu.

Man könnte meinen, dass das nicht unbedingt gescheit ist ...
Auf rationaler Ebene fragen wir uns tatsächlich, ob die alle blöd sind. Aber nein, das sind sie nicht! Wir sind in dieser Hinsicht alle gleich. Im Buch bringe ich ein paar Beispiele, bei denen Politiker ein und dasselbe gesagt haben. Beim einen reagiert man empört, beim anderen sagt man, dass es eigentlich ganz vernünftig klingt. Das zeigt, dass wir alle so sind. Darum müssen wir von diesem intellektuellen Snobismus weggehen. Auch das Bildungsbürgertum kann nicht unterschei- den. Sobald der erste Eindruck, also die Körpersprache, nicht das verspricht, was man mit dem Inhalt verknüpft, wird man nicht ernst genommen. Große Politiker können eben genau das. Dass sie innerhalb ihrer Persönlichkeit mehr Bandbrei- te zeigen und damit mehr Emotionen ansprechen können. Jörg Haider fällt mir spontan dazu ein. Inhaltlich kann man ihn mögen oder nicht, aber er hat so viele Leute emotional erreicht – vom Bildungsbürgertum über die Wirtschaft bis hin zu den ganz einfachen Menschen.

 

Die Mächtigen und ihre Körpersprache
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DONALD TRUMP, US-Präsident Die Körpersprache von Donald Trump ist weder zurückhaltend wie bei Angela Merkel oder geschliffen wie bei Bill Clinton. Was er auch macht, er macht es offensichtlich. Selbst wenn er etwas verbergen wollte, er könnte es nicht, analysiert Stefan Verra in sei- nem Buch. Donald Trump ist enorm vielfältig in seinen Bewegungen, allerdings spielt sich alles im groben und intensiven Bereich ab. Der US-Präsident brüllt bei seinen Reden in die Hallen, haut mit der Faust auf das Rednerpult, verwendet oft den erhobenen Zeigefinger als Signal oder zeigt damit auf bestimmte Menschen in der Menge. Er formt auch häufig mit Zeigefinger und Daumenspitze einen kleinen Ring – gezielt eingesetzt, erzeugt diese Geste ein Gefühl von Präzision und Kraft. Bei Trump könne man allerdings lernen, so der Autor, dass diese Wirkung nur dann stimme, wenn auch der Rest des Körpers mitspiele. Trump wurde von mehr als 60 Millionen Amerikanern gewählt und hat – trotz frauenverachtendem Gehabe, hetzerischen Widersprüchen und glatten Lügen – noch immer eine stabile Wählerschicht. Sein Erfolgsgeheimnis: Er spiegelt mit seiner eigenen Körpersprache die Körpersprache seiner Wähler wider. Diese sind zornig, frustriert und schimpfen auf die Politiker in Washington. Das kann Donald Trump auch. Er sendet die gleichen Signale aus wie seine Wähler – und die fühlen sich verstanden. Für Stefan Verra ist das ein besonders wichtiger Punkt: Wer Menschen wirklich nahekommen will, wird das nur schaffen, indem er ihrer Körpersprache „entspricht“.
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ANGELA MERKEL, Bundeskanzlerin von Deutschland Die Mimik von Angela Merkel ist sehr überschaubar, große Gefühlsregungen sind nicht ihr Ding. Und doch zeigt die deutsche Kanzlerin eine für Stefan Verra erstaunlich große Vielfalt an Ausdrücken – nur eben sehr reduziert. Das Lachen sei meist zurückhaltend, Verärgerung sehe man nur im Ansatz an den Stirnfalten, Verblüffung sei fast nur als Erstarren ihrer Körpersprache zu erkennen. Für die meisten Menschen ist diese Ausdrucksvielfalt allerdings zu wenig klar ersichtlich. „Je undeutlicher wir einen Ausdruck erkennen, desto weniger existiert er für uns“, so der Experte. „Und genau das prägt ihr Image.“ Es hat allerdings auch einen Vorteil: Während bei vielen anderen Menschen Emotionen klar am Gesicht ablesbar sind, scheint an Merkel alles abzuperlen – und das vermittelt wiederum Stabilität. Echte Alphatiere lassen sich nicht so schnell aus der Ruhe bringen. Sie engagieren sich erst, wenn das große Gesamtbild in Gefahr gerät. Das Markenzeichen von Angela Merkel sind ihre auf Bauchhöhe zur Raute gefalteten Hände. Damit wirkt sie laut Stefan Verra aktiver, als wenn ihre Arme seitlich herunterbaumeln, wie sie das noch in den 1980er-Jahren getan haben. Diese Raute ist auch ein Zeichen für Souveränität. Selbst in außergewöhnlichen Situationen hält die Kanzlerin ihre Fingerspitzen ganz sanft aneinander. Das lässt auf einen niedrigen Cortisolspiegel und somit Stresspegel schließen und vermittelt sowohl Ruhe als auch Gelassenheit. Eines fehlt dieser Haltung allerdings: der Eindruck, anpacken zu können. Was Angela Merkel sehr wohl kann: Sie geht gerne voran. Mit recht großen Schritten. Wer vorangeht – und das zielstrebig –, der vermittelt ebenfalls Sicherheit. Denn er weiß offensichtlich, wohin die Reise geht. Für Stefan Verra ist die Körpersprache der deutschen Kanzlerin eine angenehme Abwechslung in der Welt der Eitelkeiten und In-den-Mittelpunkt-Dränger. Sie zeigt viel Ruhe, Stabilität und Distanziertheit. Am anderen Ende fehlt ihr allerdings die Fähigkeit, mit ihrer Körpersprache Euphorie → und Begeisterung hervorzurufen, nahezu völlig.
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WLADIMIR PUTIN, Präsident von Russland Der russische Präsident Wladimir Putin ist von seinem Erscheinungsbild her nicht das, was man als charismatisch, gewinnend oder besonders vertrauenserweckend bezeichnen würde. Dennoch ist die Zustimmung im Land größer, als man es von außen vermuten würde. Wie gelingt es ihm also, den rund 143 Millionen Russen ein Gefühl von Zusammengehörigkeit und Stabilität zu geben? Charme und Charisma spielen bei seiner Körpersprache laut Stefan Verra eine untergeordnete Rolle. Bei ihm zählen andere nonverbale Signale. So hält er seinen Kopf konsequent etwas nach vorne geneigt – und macht sich somit kleiner, als er mit einer Körpergröße von etwa 1,70 Metern ohnehin schon ist. Verkleinern macht allerdings auch unsichtbarer. Und das ist ziemlich ideal, um aus dem Verborgenen zu herrschen. Sein geneigter Kopf hat auch zur Folge, dass die Stirn nach vorne rückt. Damit „bietet“ er im wahrsten Sinne des Wortes die „Stirn“. Ein weiteres Merkmal von Putin: Er sieht selten jemanden an. Es scheint sogar, als vermeide er den direkten Blick zu anderen Men- schen. Betritt er einen Raum, geht sein Blick eher zum Boden oder Rednerpult – im Gegensatz zu anderen Politikern, die ihren Blick erst mal über die Menge schweifen lassen. Indem er Augenkontakt meidet, signalisiert er wenig Diskussionsbereitschaft. Wenn Putin dann doch mal jemanden länger anschaut, dann weiß er es als Signal der Dominanz einzusetzen. Er hebt seine Augenbrauen und lässt die Augenlider dabei auf Halbmast. Das wirkt, als sei er wenig beeindruckt oder sogar gelangweilt. Er setzt seinen Blick übrigens auch als Mittel der Degradierung ein – indem er sein Gegenüber regelrecht anstarrt.
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SEBASTIAN KURZ, österreichischer Bundeskanzler Sebastian Kurz wurde im Alter von 24 Jahren zum Staatssekretär für Integration ernannt, drei Jahre später wurde er als jüngster Minister in die Bundesregierung berufen. Seit Dezember 2017 ist er Öster- reichs Bundeskanzler und damit das aktuell jüngste frei gewählte Regierungsoberhaupt der Welt. „Wer meint, dass Alter ein Kriterium ist, das erfüllt werden muss, um ganz nach oben zu kommen, der sollte von Sebastian Kurz lernen“, schreibt Stefan Verra. „Er hat früh erkannt, dass seine Außenwirkung das wichtigste Mittel ist, um nach oben zu kommen. Er verstand es, Menschen in seinen Bann zu ziehen und bereits mit jungen Jahren sehr ,reif‘ zu wirken.“ Wie er das macht? Er ist sozusagen freiwillig frühzeitig in seiner Körpersprache gealtert. Kurz macht selten „jugendliche“ Bewegungen. Seine Frequenz ist im Gegenteil sehr gering. Er hat offenbar gelernt, dass ihm eine gewisse Langsamkeit in seinem Auftritt Erhabenheit und Reife verleiht und ihn auf dem politischen Parkett schneller voranbringt. Zudem reduziert er auch den Radius seiner Bewegungen, verringert also die Amplitude. Seine Arme hält er dabei angewinkelt vor dem Bauch, die Handflächen leicht nach oben gedreht, die Fin- ger entspannt – als halte er eine Salatschüssel vor seinem Rumpf. Mit dieser Bewegung wirken auch inhaltlich konfrontative Sätze vernünftiger, durchdachter und harmonischer. Sebastian Kurz ist auch ein guter Zuhörer – zumindest auf den ersten Blick. Denn er vermittelt mit seiner Körpersprache, dass er zuhört. Er wendet sich seinem Gesprächspartner mit dem ganzen Körper zu, zeigt Respekt und Interesse (auch am politischen Gegner). Beim Beobachter löst er damit das Gefühl aus, hier finde konstruktive Kommunikation statt. Die Folge: Alles, was Kurz antwortet, wirkt so, als sei es eine wohldurchdachte Replik auf die Aussage des Gesprächspartners. Man schenkt diesen Worten als Zuhörer mehr Gewicht.