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People | 31.08.2022

Die Jugend ist mein Jungbrunnen

Es ist eine Win-win-Situation: „Senat der Wirtschaft“-Vorstandsvorsitzender, Geschäftsmann und Business-Angel Hans Harrer (74) teilt seinen reichen Erfahrungsschatz mit Start-ups und jungen Menschen. Im Gegenzug halten ihn deren enorme Energien und potente Ideen geistig fit.

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Vertrauen und Wurzeln aus dem Elternhaus in Saalfelden, die Ausdauer aus dem Langlaufsport: davon hat Geschäftsmann und Business-Angel Hans Harrer am meisten für sein Leben profitiert. © Richard Tanzer

Vertrauen und Wurzeln aus dem Elternhaus in Saalfelden, die Ausdauer aus dem Langlaufsport: davon hat Hans Harrer am meisten für sein Leben profitiert. Die Laufbahn ist geprägt durch sein Wirken als Geschäftsmann, Projektentwickler und Business-Angel von Europa bis Westafrika. Heute hat er seine Lebensmittelpunkte in Salzburg und Wien, mit regelmäßigen Zwischenstopps in seinem Weingut, dem Klosterhof in der Wachau. Auch mit 74 Jahren ist der „Senat der Wirtschaft“-Vorstandsvorsitzende noch voller Elan im Einsatz, um für die Wirtschaft wichtige Weichen zu stellen. Was ihn jung hält, wohin sich unsere Gesellschaft entwickelt und welche Gamechanger es braucht, darüber haben wir mit dem unermüdlichen Denker gesprochen.

 

Als Geschäftsmann, Projektentwickler und Business-Angel können Sie viel Lebenserfahrung vorweisen. Wie ist Ihr Eindruck: Ist unsere Gesellschaft insgesamt auf einem guten Weg?

Wie ich es gerne ausdrücke, sind wir eine Gesellschaft der Nullen geworden. Leider haben wir es zugelassen – Corona war ja nur ein Brandbeschleuniger –, dass wir unsere Gesellschaft zu sehr abgerundet haben. Nullen haben keine Ecken. Wir brauchen aber wieder Menschen, die Ecken und Kanten haben.

 

Wie können wir das lernen und warum ist das so wichtig?

In einer Streitkultur mit Argumenten und Gegenargumenten können wir Ecken und Kanten zeigen. Das Abrunden dieser passiert nur durch die Angst, nicht zu gefallen. Angst ist immer ein Dealbreaker. Demokratie lebt vom Sich-in-die-Sache-Einmischen. Und wenn die Menschen sich nicht mehr einmischen, dann versagt unsere Gesellschaft. Demokratie lebt nicht dadurch, alles in eine Richtung fließen zu lassen, sondern sie lebt ganz extrem vom Widerspruch. Das ist auch sehr wichtig, um Innovationen hervorzubringen.

 

Sind Sie selbst einer, der gerne widerspricht? Gibt es einen Leitsatz in Ihrem Leben?

Ich sage immer: Wer mich so nicht will, wie ich bin, der soll mich anders nicht kriegen. Man sollte nicht jeden anpassen wollen. Ich möchte auch nicht „Everybody‘s Darling“ sein. In meinen vielen Jahren im Business habe ich verschiedene Kulturen kennengelernt – da ist es auch wichtig, zu zeigen, wer ich bin. Ich achte andere Kulturen, aber wenn es um die Sache bzw. das Souverän geht, dann muss ich mich um das Souverän kümmern. Und wenn du ein Unternehmen führst, kannst du auch nicht jeden Tag jedem gefallen. Ich achte den Menschen, indem ich bereit bin, mit ihm in ein Match zu gehen, ihn über einen kontroversiellen Dialog kennenzulernen.

 

In Dialog treten Sie besonders gerne mit jungen Menschen. Wie geben Sie Ihre Erfahrungen weiter?

In meinen Betrieben, in meiner Funktion im Senat der Wirtschaft, in Leadertalks, in Organisationen wie „das accent“, dem größten Hightech-Inkubator Österreichs in Wr. Neustadt, wo ich Vorsitzender des Vergabeausschusses bin. Da ist jede Ausschusssitzung für mich immer ein unheimlicher Flow. Menschen vor sich zu haben, die an ihre Idee glauben und unbeirrt und mutig in die Zukunft schauen – das sind Energien, die eine werteorientierte Demokratie befeuern. Davon kann man gar nicht genug haben. Es gibt Abende beim Heurigen oder im Wirtshaus, wo mir junge Leute ein Loch in den Bauch fragen können.

 

Betrachten Sie junge Menschen als Ihren Jungbrunnen?

Absolut. Die Energie junger Menschen hält mich jung. Sage mir, mit wem du verkehrst, und ich sage dir, wer du bist. Alt bin ich selber, ich möchte lieber mit jungen Menschen zusammen sein, von ihnen lernen und mit ihnen wachsen. Wir haben auch Verantwortung, im Rahmen einer Generationenallianz die Zukunft zu gestalten. Wenn die Erfahrung der Älteren mit der Strahlkraft und den Motivationseffekten der Jugend wie in einem Zahnrad ineinandergreift, dann gleicht das einem Kraftwerk.

 

Was hat Sie rückblickend am meisten geprägt?

Sicher ganz wesentlich das Elternhaus. Ich bin in Saalfelden in sehr einfachen Verhältnissen mit wunderbaren Eltern aufgewachsen, wo – was in der Kindheit so wichtig ist – Vertrauen geschenkt wurde. Ich habe mit zehn Jahren schon in den Ferien arbeiten dürfen. Bei einer Tante in Bruck an der Glocknerstraße, die ein Gasthaus und einen Bauernhof betrieb, konnte ich mir mein erstes eigenes Geld verdienen und so das Gewand für das ganze Jahr selber kaufen. Man kann sich vorstellen, wieviel Stolz in so einem kleinen Buben entsteht. Das, was du in der Jugend erlebst, das prägt dich dein ganzes Leben. Und eben auch für Leistung.

 

Gab es noch einen Ansporn, um Leistung zu erbringen?

Neben der Basis in der Familie ist der Sport ein unheimliches Vehikel für das Business. Ich begann früh mit Leistungssport, war im österreichischen Langlaufkader und gut in der Ausdauer. Ich bin heute noch ein Ausdauermensch, auch bei Verhandlungen. Ich habe mir antrainiert, mich konzentrieren und fokussieren zu können. Vielen jungen Leuten ist gar nicht klar, welches gigantische Auspowerpotenzial in jedem steckt. Wir rufen nur Bruchteile davon ab, weil Erziehung und Schule nicht auf Leistung und Werte ausgerichtet sind. Theoretisches Wissen ist schön, aber viel wichtiger ist Anwenderwissen. Um zu sehen, wie dieses Wissen wie eine Pflanze Wurzeln schlägt, bin ich auch so begeistert, mit Start-ups zu arbeiten.

 

Was sind drei wichtige Werte, die Sie Start-ups und jungen Menschen mitgeben möchten?

Ich bezeichne es als die für mich drei wichtigsten Währungen, die ich auch gerne in einem Dreieck aufzeichne: Resilienz, Empathie und Vertrauen. Wenn du diese drei Währungen in dir trägst und damit arbeitest, hast du ein unheimlich gutes Fundament für das Vorankommen im privaten, im gesellschaftlichen, im wirtschaftlichen und unternehmerischen Bereich. Das ist es auch, was ich jungen Menschen vermitteln möchte.

 

Wir leben in unsicheren Zeiten. Hat die Jugend Angst vor dem Scheitern?

Wir haben in unserer Gesellschaft keine Kultur des Scheiterns. Ich bewerte es als etwas Positives, wenn jemand scheitert. Jede Innovation lebt vom Scheitern, weil sie zigmal vorher nicht funktionierte, bis sie einmal funktioniert.

 

In einem Interview sagten Sie, dass Sie Ihre Akkus durch Weiterbildung aufladen – zum Beispiel jedes Jahr im Friaul bei einem wirtschaftsphilosophischen Symposium des Universitäts.Clubs Klagenfurt. Ist das Ihr Geheimnis von gesundem Älterwerden, indem Sie Ihren Geist fit halten?

Richtig. Das Training des Gehirns ist die beste Apotheke, sage ich. Ich glaube, es gibt wenige in meinem Alter, die sich wie ich noch mit Lernen beschäftigen. Ich selbst bilde mich mit Freude weiter, besuche Vorträge und Symposien, treffe mich mit Menschen,  von denen ich lernen möchte. Ich freue mich über jedes kleine Steinchen, das ich für mein Lebensmosaik mitnehmen kann.

 

Warum sollten wir uns denn vermehrt der Philosophie widmen?

Für alle Wissensgrundlagen und Kulturen ist die Philosophie das Fundament gewesen. Philosophie ist auch Streitkultur. Ich muss ihre wunderbare Kraft, die von der Auseinandersetzung lebt, fördern.

 

Eine Auseinandersetzung erfolgt auch im „Senat der Wirtschaft“. Was sind aktuell die drängendsten Themen? Was wären notwendige „Gamechanger“?

Gamechanger in der Wirtschaft brauchen wir ganz gewaltige. An einigen arbeiten wir im Senat der Wirtschaft bereits seit Jahren. Etwa am für unsere Gesellschaft unheimlich wichtigen Projekt „Social Entrepreneurship Fonds“ – der erste Investmentfonds im deutschsprachigen Raum, der in Sozialunternehmen investiert. Mit einer Klimaallianz für Unternehmer begannen wir bereits, als das Thema noch niemanden interessierte. Wir waren im Senat die Ersten, die Energiegemeinschaften in Regionen forciert haben. Ein weiterer Bereich ist ganz entscheidend: Wir müssen eine Reform von Wirtschaftsrechten schaffen und arbeiten an einer Vereinfachung der GmbH-Gestaltung. Weiters braucht der österreichische Kapitalmarkt eine komplett andere strategische Ausrichtung, damit Unternehmen einfacher an die Börse gehen können. Betriebsübernahmen gehören vereinfacht. Da muss man partikularfrei, mit Lösungen die es bereits gibt, gemeinsam Zukunft gestalten. Da setzt der Senat an. Gamechanger – wir haben für alles schöne Begriffe, aber noch wichtiger ist das Tun.

 

Sie sind mit 74 Jahren weiterhin eifrig am Tun. Haben Sie noch Wünsche ans Leben?

Ich arbeite einfach gerne, mit Leib und Seele. Ich habe nur zwei Wünsche an den Herrgott: dass er mich gestalten lässt, bis ich in den Holzpyjama steige (lacht). Und ich wünsche mir, meine Kindlichkeit zu erhalten. Dieses natürliche Hinhören, Reden und Spüren.

Senat der Wirtschaft

„Senat“ leitet sich vom Lateinischen ab (senatus: „Ältestenrat“) und war in der Römischen Republik das höchste Gremium. Es bedeutet, dem Establishment auf die Hände zu schauen und den Interessen des Volkes zu dienen. Der Senat der Wirtschaft Österreich versteht sich als treibende Kraft zur Gestaltung einer ökosozialen und zukunftsfähigen Wirtschaft und Gesellschaft. Gegründet 2006 besteht er aus rund 550 Unternehmen und agiert unabhängig. Es werden Denkanstöße und Lösungsansätze für Unternehmer und politische Entscheidungsträger erarbeitet.