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People | 12.02.2019

„Die Diagnose war ein Tsunami“

In Österreich erkranken rund 400 Frauen jährlich an Gebär-mutterhalskrebs. Eine von ihnen ist Melitta Thanner. Sie erhielt die niederschmetternde Diagnose 2013.

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Melitta Thanner kann nach ihrer Krebserkrankung wieder lachen. (© Stefan Beiganz)

Melitta Thanner aus dem Salzkammergut fühlt sich rundherum wohl und gesund, als eine leichte Blutung sie im September 2013 stutzig macht. Sie ist sich sicher, dass es nichts Besorgniserregendes sein kann, will es dennoch rasch medizinisch abgeklärt wissen. Die darauffolgende Diagnose ist niederschmetternd: Gebärmutterhalskrebs.

 

Haben Sie vor Ihrer Erkrankung gewusst, was HPV ist?

Melitta Thanner: Ich habe natürlich gewusst, dass es Gebärmutterhalskrebs gibt, aber mich nie damit beschäftigt. Es war auch bei meinem damaligen Gynäkologen nie ein Thema, wo ich Jahr für Jahr zur regelmäßigen Vorsorgeuntersuchung war. Immer war alles bestens. Ich habe mich fit, wohl und gesund gefühlt. Für eine Krebserkrankung gab es nicht das geringste Anzeichen.

 

Rund 400 Frauen erkranken jährlich an Gebärmutterhalskrebs. Wann haben Sie diese Diagnose bekommen?

Das war 2013. Damals hatte ich Anfang September eine ganz leichte Blutung. Es schien nicht besorgniserregend, allerdings wollte ich es abgeklärt haben, also habe ich sofort bei meinem Gynäkologen angerufen. Nachdem ich ihn nicht erreichen konnte, musste ich das Wochenende abwarten. Bei der Untersuchung meinte er dann, dass es nicht gut ausschaue und ich umgehend ins Krankenhaus müsse. Mein Mann und ich sind daraufhin in das nächstgelegene Krankenhaus gefahren. Dort wurde mir dann nach einer kalten und unpersönlichen Untersuchung, bei der kein Wort gesprochen wurde, ein Termin für eine Kürettage gegeben.

 

Wie ist es Ihnen zu diesem Zeitpunkt gegangen?

Ich hatte den Termin zur Kürettage erst eine Woche danach, bis dahin wusste ich nicht, was ich tatsächlich hatte. Die Ärzte haben mich und meinen Mann völlig im Ungewissen gelassen. Das war ein furchtbares Gefühl.

 

Sie hatten dann diesen Termin zur Kürettage …

Ja, ich hatte erneut eine Untersuchung, die eine Stunde dauerte. Danach habe ich den Arzt gefragt, ob er mir endlich sagen könne, was ich denn habe. Und er hat mir ins Gesicht gegrinst und gesagt: „Was wollen‘s denn? Sie haben Krebs!“ Ich zittere heute noch, wenn ich daran denke. Nach diesen Worten mussten mein Mann und ich vier Stunden warten – ohne Information, was das bedeutet und wie es weitergehen wird. Wir waren vollkommen geschockt. Und nachdem ich in den folgenden vier Tagen das reinste Chaos in diesem Krankenhaus erlebt habe und es weder erklärende noch aufklärende Gespräche gegeben hat, obwohl ich das mehrfach eingefordert habe, habe ich mich selbst entlassen. Medizinisch war die Vorgehensweise vielleicht in Ordnung, aber menschlich war es das ganz und gar nicht!

 

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Primar Lukas Hefler ist auch Initiator der Aktion „Petrol Ribbon“. (© Werner Harrer)

Wie ist es nach dieser Entscheidung für Sie weitergegangen?

Mein Mann war die einzige Stütze in diesen Tagen für mich. Er war es auch, der im Krankenhaus der Barmherzigen Schwestern Linz angerufen und einen Termin bei Primar Hefler für mich vereinbart hat. Und das war die beste Entscheidung! Primar Hefler hat ein sehr einfühlsames Gespräch mit uns geführt und mir auch die Schwere der Krankheit erklärt. Er hat sich viel Zeit genommen und alle unsere Fragen beantwortet, so dass nichts mehr offengeblieben ist. Danach wurde alles Notwendige in die Wege geleitet – verschiedene Operationen, Chemo- und Strahlentherapie.

 

Eine Diagnose, die einem den Boden unter den Füßen wegzieht …

Es war wie ein Tsunami, der über mich hereingebrochen ist. Ich hatte das Gefühl, in eine endlos tiefe Schlucht zu stürzen, aus der ich nicht mehr herauskomme. In der ersten Zeit nach der Diagnose war ich richtiggehend sprachlos. Ich konnte und wollte mit niemandem außer meiner Familie sprechen. Es hat ungefähr vier Wochen gedauert, bis ich den Boden unter meinen Füßen wieder ein bisschen gespürt habe. Das Schöne war, dass alle Abteilungen im Krankenhaus zusammengearbeitet haben und das gesamte Personal ausgesprochen bemüht, fürsorglich und empathisch war. Das ist bei dieser Diagnose besonders wichtig. Und ich weiß mittlerweile, dass das leider nicht selbstverständlich ist. Ich möchte allen noch einmal mein höchstes Lob und ein großes Danke aussprechen.

 

Bei Ihrer Erkrankung ist alles gut verlaufen. Kann man heute sagen, dass Sie geheilt sind?

Das Wort „geheilt“ traue ich mich nicht auszusprechen, aber es geht mir grundsätzlich gut. Ich muss alle drei Monate zur Kontrolluntersuchung und zittere von einer zur anderen. Das hat sich nach wie vor nicht geändert. Aber bei der letzten Untersuchung hat alles gepasst.

 

2014 wurde die HPV-Impfung in das österreichische Kinderimpfkonzept aufgenommen. Die Durchimpfungsrate liegt jedoch unter 50 Prozent. Können Sie das verstehen? Hätten Sie sich impfen lassen, wenn es diese Möglichkeit gegeben hätte?

Es ist immer die eigene Entscheidung bzw. jene der Eltern für ihr Kind, ob man es impfen lässt oder nicht. Ich finde es wichtig, dass man sich gut informiert und damit auseinandersetzt. Dann kann man besser abwägen und eine Entscheidung treffen. Ich persönlich bin sehr achtsam und betreibe viel Vorsorge, also hätte ich mich auch impfen lassen, wenn es die Möglichkeit gegeben hätte. Weil es mir und meiner Familie viel Leid erspart hätte!


3 FRAGEN AN ...

... Primar Lukas Hefler, Vorstand der Abteilung Gynäkologie und Geburtshilfe am Ordensklinikum Linz Barmherzige Schwestern und Konventhospital Barmherzige Brüder

 

Woran liegt es Ihrer Meinung nach, dass die Durchimpfungsrate bei HPV unter 50 Prozent liegt?

Die Ursachen sind wahrscheinlich mannigfaltig. Vermutlich ist der – erwiesenermaßen von der Impfung völlig unabhängige – Todesfall einer Jugendlichen vor mehr als zehn Jahren immer noch im Hinterkopf. Weiters wird die Impfung in einem Alter an die Kinder verabreicht, indem die Eltern noch nicht über sexuell übertragbare Erkrankungen nachdenken oder reden wollen. Insbesondere im Betreff auf die Buben glauben viele Eltern, dass die HPV-Impfung nichts nützt. Möglicherweise haben Eltern auch Sicherheitsbedenken, da die Impfung noch relativ „neu“ ist. Eine Durchimpfungsrate von 80 Prozent wäre das Ziel.

 

Bietet die Impfung tatsächlich einen 100-prozentigen Schutz, später nicht an Krebs zu erkranken?

Ein 100-prozentiger Schutz ist nie  möglich! Beim modernen Neunfach-Impfstoff, der sich gegen neun HPV-Subtypen einrichtet, kann man von 95 bis 97 Prozent Schutz ausgehen, wenn der Impfstoff im optimalen Impf-Alter verabreicht wird.

 

Wann ist dieses beste Impf-Alter? Ist das auch noch im Erwachsenenalter möglich oder bringt das nichts mehr?

Das beste Alter für die HPV-Impfung ist der Zeitraum vom neunten bis zum zwölften Geburtstag. In Österreich wird die HPV-Impfung als Schulimpfung in der vierten Schulstufe verabreicht. Die Antikörper-Produktion ist in diesem Alter am besten. Eine Nachimpfung im Erwachsenenalter ist laut österreichischem Impfplan bis zum 60. Geburtstag zu empfehlen. Man muss jedoch darauf hinweisen, dass Sinnhaftigkeit und Nutzen der HPV-Impfung im Lauf des Erwachsenenalters immer mehr abnehmen. Jedoch gibt es bei Frauen, die eine durch HPV bedingte Erkrankung erlitten haben, gute Daten, dass eine HPV-Impfung zur Heilung beitragen kann.

 

 

Was ist HPV?

Gebärmutterhalskrebs stellt weltweit die zweithäufigste Krebsform und die dritthäufigste Krebstodesursache bei Frauen dar. In Österreich erkranken rund 400 Frauen jährlich daran. Ursache für einen Großteil der Gebärmutterhals-Karzinome sowie andere Tumore sowohl im Genitalbereich als auch im Mund- und Rachenbereich bei Frauen und Männern sind die Humanen Papillomaviren (HPV). Seit 2014 wird eine Impfung gegen HPV im bestehenden Schulimpfprogramm in der vierten Klasse Volksschule angeboten.

Weitere Informationen:

www.petrolribbon.at