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People | 30.08.2022

Die beste Zwischenzeit

Er ist begnadeter Netzwerker, Menschenfreund und Sportler durch und durch. Günther Erhartmaier steht seit mittlerweile 20 Jahren an der Spitze der Wiener Städtischen in Oberösterreich. Zeit für eine Zwischenbilanz!

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Günther Erhartmaier verbringt seine Zeit gerne in der Natur. © Richard Haidinger

Vor 20 Jahren wurde Günther Erhartmaier Landesdirektor der Wiener Städtischen in Oberösterreich. Seitdem hat sich in der Versicherungsbranche viel verändert. Auch der 61-Jährige selbst hat sich verändert, denn er ist so aktiv wie noch nie in seinem Leben. Im Winter geht er Skitouren und schießt Eisstock, im Sommer sitzt er auf dem Mountainbike, steht auf dem Tennis- oder Golfplatz. Zudem ist er ehrenamtlich als Präsident des Samariterbundes tätig. Unter anderem. Wie er das alles in einem 24-Stunden-Tag unterbringt und warum es keine Belastung für ihn ist, erklärt er in unserem Interview. Dazu haben wir Erhartmaier in seinem Büro an der Linzer Donaulände getroffen und am Ende – wenig verwunderlich – eine Partie am Wuzzeltisch gegen ihn verloren.

 

Sie sind seit 20 Jahren Landesdirektor der Wiener Städtischen. Was hat sich in dieser Zeit am gravierendsten im Bereich der Versicherungen verändert?

Am stärksten verändert hat sich alles, was mit Abläufen und Arbeitsprozessen zu tun hat. Das hat in den 90er-Jahren mit dem Thema EDV begonnen und kennt man heute unter dem großen Schlagwort Digitalisierung. Weg von Papier, hin ins Netz – Inhalte im Netz zu präsentieren, Erreichbarkeit über Mail, Kundenportale, wo sich der Kunde digital informieren kann – das alles hat unser Geschäftsmodell am meisten beeinflusst.  

 

Durch die Pandemie und die dadurch bedingten Lockdowns wurde auch im Versicherungsbereich vieles auf online umgestellt. Warum wird eine Onlineberatung dennoch nicht so schnell ein persönliches Beratungsgespräch ersetzen können? 

Da muss man differenzieren. Auf der einen Seite gibt es bereits eine Generation, die mit dem Thema Digitalisierung und Kommunikation über neue Kanäle sehr gut zurechtkommt. Für sie ist ein persönliches Gespräch oft nicht mehr notwendig. Und dann gibt es jene, so wie mich, die sehr stark diesen persönlichen Bezug wollen. Dieses Anspruchsverhalten müssen wir über multiple Systeme befriedigen. Junge Menschen müssen uns und unsere Produkte im Netz finden und dort eine erste Auswahl treffen können. Wenn sie sich entschieden haben, dann findet final die persönliche Beratung statt. So handhaben wir das hier im Haus. Wir beobachten natürlich den Markt und es gibt Versicherer, die keine Ressourcen haben und deshalb viele Produkte auch final ins Netz stellen. Wir haben sehr viele Beraterinnen und Berater und auch viele Partner, die unsere Produkte vertreiben. Darum gibt es eine klare Linie: Wir sind im Netz und informieren dort, manche Dinge kann man sich dort auch individuell berechnen, aber dann kommt der Verweis auf die kompetente, qualifizierte Beratung. Kommunikation ist bei uns 360 Grad möglich – von Video-Beratungen über die Serviceline bis hin zum persönlichen Gespräch. Eine Reise- oder E-Bike-Versicherung kann man direkt im Netz abschließen, weil es ein relativ simples Produkt ist. Hingegen spielt bei der individuellen Gesundheitsvorsorge die persönliche Beratung eine ganz wesentliche Rolle.

 

Was sehen Sie im Moment als größte Herausforderung für Ihr Unternehmen? Stichwort Unwetterschäden …

Das Thema der Naturkatastrophen ist gekommen, um zu bleiben. Zum einen sind das diese starken Niederschläge, wo wir große Schäden durch das Oberflächenwasser haben, die es früher so nicht gegeben hat. Das hat mit der zunehmenden Bodenversiegelung zu tun, wodurch das Wasser nicht mehr ablaufen kann bzw. sich das Wasser jetzt dort sammelt, wo es sich früher nicht gesammelt hat. Das zweite sind Unwetter mit starken Windgeschwindigkeiten und Hagel. Das trifft uns immer mehr. Diese Naturkatastrophen hatten mit der Jahrtausendwende einen Eintritt, der unvergesslich ist. Im Jahr 2000 ist eine Hagelfront über den Süden von Oberösterreich gezogen, da hat es danach wie in einem Kriegsgebiet ausgesehen. Hausfassaden waren regelrecht zerschossen, von den Kukuruzfeldern sind nur noch Stängel übriggeblieben. 2003 hatten wir das schlimme Hochwasser, 2006 den enormen Schneedruck im Winter. Da mussten Dächer abgeschaufelt werden. Dann folgten mit Emma, Paula und Kyrill Stürme, die viel zerstört haben. 2013 hatten wir wieder ein Hochwasser. Man sieht also, dass sich diese Naturkatastrophen seit der Jahrtausendwende regelmäßig ereignet haben. Ein weiteres Phänomen, das wir verstärkt beobachten, sind heftige Ereignisse in kleinen lokalen Bereichen. Wie etwa Hagelschauer, die den Nachbarn noch erwischen, und man selbst hingegen bleibt verschont – oder umgekehrt. Das ist eine der großen Herausforderungen für uns als Versicherung. 

 

Wie kann man dieser Herausforderung in Zukunft begegnen?

Langfristig gibt es eine Richtung, die wir als Versicherer einschlagen sollten. Für diese Naturkatastrophen wäre eine Pflichtdeckung die beste Lösung. Dann hätten wir eine große Risikogemeinschaft, denn einmal trifft es Kärnten, einmal die Steiermark, dann uns oder Niederösterreich. Für eine einzelne Region ist das immer schwer zu stemmen. Gibt es hingegen eine Pflichtversicherung und alle, die in Österreich ein Gebäude haben, zahlen einen Beitrag, dann kann man es gut aufteilen. Oft wiegen sich die Menschen sogar in falscher Sicherheit, weil sie glauben, dass ihr Haus sicher sei. Das Thema Hangrutschung betrifft durch die vielen Niederschläge immer mehr Häuser. Wenn man zum Beispiel vor 40 Jahren auf einem Hang gebaut hat, wurde damals nicht geprüft, ob der Boden stabil ist. Es kann sein, dass das heute durch die hohen Niederschlagsmengen zu einem instabilen Areal geworden ist.

 

Sie haben den Ruf eines hervorragenden Netzwerkers. Warum ist Ihnen das seit jeher wichtig?

Ich wollte dieses Haus immer als kompetenten, starken Partner für alle Menschen in Oberösterreich etablieren. Und ich glaube, das ist mir ganz gut gelungen. Zumal, wir aufgrund unserer Historie eher der Sozialdemokratie zugeordnet waren. Ich wollte aus dieser Zuordnung herauskommen und zeigen, dass wir auch ein unabhängiger und starker Partner für die Wirtschaft sind. Dort sind wir jetzt wirklich angekommen. Das freut mich sehr!

 

 

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Eine Runde Tischfußball durfte beim Interview nicht fehlen! © Richard Haidinger

Was zeichnet für Sie dieses Unternehmen aus, dass Sie nie den Wunsch verspürt haben, woanders zu arbeiten?

Das ist eine gute Frage (lacht). Ich denke, es liegt daran, weil mir das Unternehmen die Möglichkeit gibt, meinen Beruf so zu leben, wie ich es mir vorstelle. Das hat mit Selbstbestimmung, Verantwortung, Regionalität und Herausforderungen zu tun. Es ist immer fordernd! Die Branche ist sehr dynamisch, auch wenn man das von außen betrachtet nicht vermuten würde. Wir beschäftigen uns jeden Tag mit anderen Dingen. Was zum Beispiel neu ist, sind Versicherungen gegen Cyberattacken. Es kommen ständig neue Risiken dazu und darauf müssen wir uns einstellen und für unsere Kunden Vorsorgen treffen. 

 

Was ist Ihre größte Stärke als Chef?

Das ist schwer zu sagen … ich denke, dass es meine Liebe zu den Menschen ist und mein Streben danach, etwas bewegen zu wollen. Stillstand ist furchtbar für mich! Aktivität ist mein Lebenselixier! Dieses Aktivsein belastet mich nicht, es treibt mich vielmehr an. Veränderung ist für mich Treibstoff. Außerdem bin ich authentisch und mache meinen Job mit Leidenschaft. Und unsere Mitarbeiter merken das natürlich auch. Ich bin jetzt 61 Jahre alt und wir stehen am Gas! Weil es mir selbst so großen Spaß macht, kann ich die eigene Mannschaft mitreißen und auch nach außen signalisieren, dass es etwas Tolles ist. 

 

Tennis, Golf, Mountainbiken, Skitourengehen: Sie sind auch in Ihrer Freizeit sehr aktiv. Was bedeutet Sport für Sie? 

Sport ist ein toller Ausgleich für die ganze Kopfarbeit. Beim Sport habe ich die Zeit, mit mir selbst zu sein. Wenn ich alleine eine Skitour gehe oder mit dem Mountainbike unterwegs bin, habe ich oft die besten Ideen. Weil ich wirklich Zeit habe, Dinge Revue passieren zu lassen, zu verknüpfen oder einfach „off limits“ zu denken. Einer meiner Leitsprüche ist: Das Leben ist am schönsten bunt! Das ist eine Erkenntnis, die ich umsetze. Vielfältigkeit hat das meiste Potenzial und macht resilient. Wenn man nicht nur auf wenige setzt, sondern man wirklich bunt ist. Das gilt insbesondere auch für den Vertrieb. 

 

Wie bringen Sie das alles in einem 24-Stunden-Tag unter? Oder haben Ihre Tage mehr Stunden als unsere?

(lacht) Mein Leben ist geprägt von hoher Effizienz – im Sinne von, wie ich alles in einer Woche oder einem Tag unterbringe. Das macht mir nichts aus, weil ich ein hohes Aktivitätsniveau brauche. Ich nehme mir allerdings auch bewusst Auszeiten. Ich meditiere, mache autogenes Training und gehe gern in die Natur, um zu schauen, wie alles wächst. Ich denke, dass diese Vielfältigkeit auch meine Resilienz ausmacht. Dass ich gegen Stress und negative Einflüsse relativ gut aufgestellt bin. Die Menschen erleben mich auch nicht ungehalten. Ich bin ja ein Menschenfreund! Einzige Ausnahme ist, wenn sich Faulheit mit Dummheit und einem Schuss Präpotenz paart. Das ist eine Mischung, bei der ich die Contenance verlieren kann (lacht).

 

Haben Ihre sportlichen Aktivitäten auch damit zu tun, dass Sie lange fit und gesund bleiben möchten? 

Das ist genau der Punkt! Maximaler Antrieb ist für mich, dass ich so lange wie möglich eigenbestimmt und eigenmobil bleiben will. Die schlimmste Vorstellung ist für mich, wenn das Binden der Schuhbänder anstrengend wird. Natürlich kann man Krankheiten nicht verhindern, aber das, was ich selbst im Griff haben kann, trage ich bei. Das Schöne ist, dass ich mit 60 Jahren die besten gesundheitlichen Werte meines Lebens habe. Das freut mich wirklich und zeigt, dass es sich auszahlt! Der Körper ist viel leistungsfähiger. Ich sportle vier bis fünf Mal die Woche, das ist cool, weil es für mich schon zur Routine geworden ist. Der Sport fehlt mir, wenn ich mich zu wenig bewege. Außerdem lebe ich heute bewusster, als das vor zehn oder 20 Jahren der Fall war. Mir war klar, dass ich etwas dazu beitragen muss, wenn ich lange gesund und fit bleiben möchte. Aus diesem Grund wollte ich auch zu meinem 60. Geburtstag unter 100 Kilo haben. Das habe ich geschafft. Aber ich bin nach wie vor Genussmensch! „Wer nicht genießen kann, wird ungenießbar“ – diesen Spruch finde ich sehr treffend. 

 

Wie wichtig ist es für Sie, sich beim Sport mit anderen zu messen?

Für mich spielen beim Sport drei Faktoren eine wesentliche Rolle: Das ist zum einen ganz klar der sportliche Ehrgeiz, der Antrieb, vorne zu sein und eine Spitzenleistung zu erbringen. Das zweite ist das Team-Erlebnis. Das war schon immer meins! Darum gehe ich auch nicht alleine auf den Golfplatz, mindestens zu zweit. Und das dritte ist natürlich der Gesundheitsaspekt, den wir vorhin bereits angesprochen haben. 

 

Sie sind auch noch Präsident des Samariterbundes, Obmann des arbeitsmedizinischen Dienstes und Mitglied bei den Lions Linz. Alles ehrenamtlich. Warum ist Ihnen dieses Engagement so wichtig?

Ich habe so ein tolles und gutes Leben, dass ich für mich selbst das Bedürfnis habe, etwas zurückzugeben. Letztendlich geht es auch um das Mitgestalten der Gesellschaft. Ehrenamtliches Engagement bedeutet, dass man von einer Gesellschaft nicht nur nimmt, sondern dass man auch etwas zurückgibt und mitgestaltet. Dafür muss man ein kleines Stückerl seines Lebens und seiner Energie hergeben. 

 

Wo sehen Sie sich in fünf Jahren?

Da bin ich schon in der Pension! (lehnt sich zurück und lächelt)

 

Das ist schwer vorstellbar, wenn man Sie hier so sieht …

In dreieinhalb Jahren werde ich 65 und dann werde ich in Pension gehen. Das habe ich tatsächlich so vor, weil das Leben endlich ist. Niemand bekommt mehr Lebenszeit! Und das Leben, so wie ich es mir vorstelle – aktiv, umtriebig, mit viel Sport –, hat altersmäßig ein Ablaufdatum. Wenn ich mit 65 in Pension gehe, dann habe ich – so nichts Gravierendes dazwischenkommt – vermutlich noch zehn gute Jahre, in denen die Einschränkungen relativ wenig sind. Tarockieren, an alten Autos herumschrauben und sich ehrenamtlich engagieren ist natürlich auch später noch möglich, aber das Aktivsein hat irgendwann ein Ende. Und darum möchte ich es davor noch auskosten!