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People | 09.03.2020

Die beste Freundin ist die beste Therapeutin

Seit mehr als 30 Jahren beschäftigt sich die bekannte Schweizer Psychologin und Autorin Julia Onken mit der Psyche der Frau. Am 2. und 3. April kann man die 77-Jährige in Linz live erleben.

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© Julia Onken

Bereits vor 32 Jahren, als die Wechseljahre noch ein Tabuthema waren, landete Julia Onken mit ihrem ersten Buch „Die Feuerzeichenfrau“ über diese Thematik gleich einen Bestseller. Es folgten viele weitere Bücher, in denen Julia Onken ihrem feministischen Blick auf die Lebensphasen der Frau treu blieb. Am 2. und 3. April holt die Gesellschaft für Frauen und Qualifikation (VFQ) die bekannte Autorin und Psychotherapeutin ins Alte Rathaus nach Linz, wo sie im Rahmen des Programms „VFQ Silver Girls – Angebote für Frauen 50 plus“ einen Vortrag und ein Tagesseminar hält.  
Im Interview hat uns Julia Onken erzählt, worum es in ihrem Vortrag geht und warum die beste Freundin meistens auch die beste Therapeutin für uns Frauen ist.

 

OBERÖSTERREICHERIN: Frau Onken, Sie beschäftigen sich seit mehr als 30 Jahren mit der Psyche der Frau. Was hat sich in dieser langen Zeit verändert, wie haben wir uns entwickelt?

Julia Onken: In dieser Zeit hat sich vieles verändert. Das wichtigste Thema für Frauen ist, dass sie ein gutes Selbstbewusstsein, einen guten Selbstkontakt und Selbstwirksamkeit erleben. Diese Begriffe sind inzwischen angekommen. Aber wir sind noch lange nicht dort, wo ich es mir wünsche. 

 

Ihr Vortrag lautet „Frausein – selbst und sicher in allen Lebensphasen“. Was dürfen sich die Besucher erwarten?

Ich werde die verschiedenen Lebensphasen beschreiben, die wir Frauen durchlaufen. Man kann diese in Sieben-Jahres-Zyklen einteilen. Dazu gibt es ein sehr gutes Modell, mit dem man herausfinden kann, wo man steht. Jede Lebensphase hat bestimmte Aufgaben, Hürden und Fallen. Anhand dieses Modells kann man erkennen, wo bin ich reingetappt und wo habe ich bereits etwas erledigt. 

 

Können Sie ein Beispiel nennen?

Erfahrungsgemäß ist das Alter zwischen 21 und 28 Jahren jenes Jahrsiebt, in dem man das Gefühl hat, Berge versetzen zu können. Viele Frauen glauben, dass sie mit ihrer großen Liebe einen Mann ändern können. In dieser Phase erwachsen ungeheuerliche Hoffnungskräfte, die sich im nächsten Jahrsiebt auf dem Boden der Realität beweisen müssen. Man lernt also zuerst hoffnungsvoll zu sein und landet anschließend in der Realität. Und dann erkennt man entweder die eigenen Grenzen und opponiert oder man macht weiter. Zwischen 35 und 42 Jahren wird es spannend, denn da läuten schon die Glocken der Hormonveränderung und viele Frauen bemerken eine Veränderung. Waren sie früher ruhig und angepasst, begehren sie in dieser Phase oft auf. Wenn man diese Jahrsiebte verstehen kann, bekommt man sehr viel mehr Verständnis für sich selbst. Man wird mit sich versöhnlicher und daraus ergibt sich automatisch eine zukünftige Perspektive. 

 

Vielfach heißt es, 50 sei das neue 30. Können Sie dem etwas abgewinnen?

Ja und nein. 50-jährige Frauen sind klüger als 30-jährige und haben einen sehr viel größeren Erfahrungsschatz. Von ihrer Vitalität her und ihrem unternehmerischen Denken, vom Zupacken und Gestaltenwollen sind sie noch lange nicht auf dem absteigenden Ast. Vor 30 Jahren bin ich geschmäht worden, weil ich öffentlich über die Wechseljahre gesprochen habe. Heute reden die Frauen darüber und haben begriffen, dass vor allelm die Wechseljahre eine Aufbruchszeit zur Neuorientierung sind.

 

Ist man einmal um die 50, sind die Kinder aus dem Haus, die Beziehung ist in die Jahre gekommen und mit dem Wechsel spüren Frauen auch biologische Veränderungen – man reflektiert. Was soll man bedenken, wenn man noch einmal durchstarten möchte?

Man muss in sich hineinhorchen und sich folgende Fragen stellen: Bin ich noch zufrieden? Ist das, was ich tue, erfüllend oder bin ich noch immer auf der Suche, ob noch etwas Besseres kommt? Sehr wichtig dabei sind Freundinnen und Freunde. Die beste Freundin ist für eine Frau zugleich auch die beste Therapeutin. Zu ihr ist man ehrlich und bespricht alles. Alleine durch den Austausch entwickeln sich meistens neue Perspektiven. 

 

Sie sind 77 Jahre alt. Was können Sie dem Älterwerden abgewinnen? 

Ich bin noch lange nicht am Ende meiner Tage angekommen. (lacht)

 

Macht es überhaupt Sinn, einmal angekommen zu sein?

Nein, man kommt nie an. Auch ich habe nicht das Gefühl, angekommen zu sein, im Gegenteil. Durch mein langes Leben habe ich aus meinen Erfahrungen mit Menschen so viel gelernt, dass ich noch sehr viel zu sagen habe. 

 

Ihr neuestes Buch heißt „Mit dem Herzen der Löwin“. Darin analysieren Sie, warum nicht mehr Frauen in Chefpositionen sind oder auch in der Politik mitmischen. Zu welchem Schluss sind Sie in Ihrem Buch gekommen?

Das hat einerseits mit Selbstbewusstsein zu tun. Wir Frauen haben eine lange Geschichte, in der wir entwertet wurden, indem es uns zum Beispiel auch sprachlich gesehen gar nicht gab. Das hat uns geschichtlich sehr geprägt. Daher muss man die Dinge beim Namen nennen und am Selbstbewusstsein arbeiten. Andererseits muss man endlich verstehen, dass die meisten Frauen immer noch einen großen Leistungsnachweis in der Familie haben. So lange im Hirn nicht angekommen ist, dass die Kinderbetreuung – so beglückend sie ist – eine ungeheuerliche Beeinträchtigung ist, wird sich da nicht viel ändern. Wie man Beruf und Familie managt, muss man mit dem Partner schon vor der Familienplanung abklären. Dass wir langsam, aber sicher auf dem richtigen Weg sind, sehe ich in meinen Vorträgen. Waren früher vereinzelt Männer dabei, sind jetzt teilweise ein Drittel der Besucher Männer. Sie wollen ihre Funktion kennenlernen und sich nicht aus dieser Sache ausklinken. 

 

Sie werden häufig als Feministin bezeichnet. Wie definieren sie Feminismus für sich?

Unter Feminismus verstehe ich, dass man sich für die Menschenrechte und Menschenwürde einsetzt und davon ausgeht, dass Frauen auch Menschen sind und an allen Menschenrechten und an der Menschenwürde teilhaben. 

 

Julia Onken in Linz 

Die VFQ Gesellschaft für Frauen und Qualifikation holt Julia Onken nach Linz.

 

Vortrag: 

„Frausein – selbst und sicher in

allen Lebensphasen“

 Donnerstag, 2. April, 18 bis 20 Uhr 

Altes Rathaus Linz

 

Tagesseminar:

„Auf zu neuen Ufern“

Freitag, 3. April, 9 bis 17 Uhr

Altes Rathaus Linz

Anmeldung und Infos unter:

Tel.: 0732/658759-219 

E-Mail: [email protected] 

www.VFQ.at