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People | 01.10.2021

Diagnose Brustkrebs - “Ich kämpfe jeden Tag”

„Ich doch nicht!“ Das dachte auch die berufstätige Mutter und Sportlerin Susanne Prommegger, als ihr die kleine Tochter unter der Dusche sagte, dass„ihr Busen komisch aussieht“.

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© Maisblau/Hofmarcher

Und plötzlich ist alles anders. Susanne Prommegger, 36, ist berufstätige Mutter von zwei Kindern, zart, sportlich, ein fröhlicher Typ, verheiratet mit dem Spitzensportler Andreas Prommegger (dreifacher Gesamtweltcupsieger und Doppelweltmeister im Snowboarden). Exakt am 1. Oktober vor einem Jahr erhielt sie die Diagnose, die ihr Leben – und das ihrer Familie – in den vergangenen zwölf Monaten auf den Kopf stellte: Brustkrebs. Im Interview spricht sie über Tiefen und Phasen der Dankbarkeit. Und warum ihre Familie der Motor ist, der sie niemals aufgeben lässt.

OBERÖSTERREICHERIN: Susanne, wie hast du entdeckt, dass irgendetwas nicht stimmt mit deinem Körper? 
Susanne Prommegger: Eigentlich hat mir meine kleine Tochter das Leben gerettet. Sie hat unter der Dusche zu mir gesagt: „Du, Mama, irgendwie schaut das da komisch aus.“ Sie meinte meine Brustwarze, die eingezogen war. Ich dachte, das wäre die Folge des Tragens eines Sport-BHs, und habe ihr das auch so erklärt. Ich habe das anfangs eher ignoriert, als sie mich dann aber immer wieder darauf angesprochen hat, bin ich zum Arzt gegangen. Ich hätte nie damit gerechnet, einen Tumor in der Brust zu haben, zumal ich auch einen kleinen Busen habe. Brustkrebs war nie ein Thema für mich, übrigens auch nicht in meiner Familie.

 

Was war dein erster Gedanke, als du diese Diagnose erhalten hast?

Ich sah es schon in den Augen der Oberärztin, als mein Mann und ich den Raum betraten. Sie sagte dann, dass es ihr furchtbar leid tue und ich einen sehr schnell wachsenden, aggressiven bösartigen Brustkrebs hätte – mein erster Gedanke dabei war: Du stirbst jetzt. Dann wurde sofort klar formuliert, dass die Chemotherapie unumgänglich ist und man so schnell wie möglich starten muss. Davor muss man natürlich auch noch schauen, ob und wo man Metastasen hat, und so beginnt dieser Ärztemarathon über einen gewissen Zeitraum, bis man weiß, was der genaue Standpunkt ist, dann startet man. Bei mir hat man ziemlich schnell begonnen, circa zwei Wochen nach dem Befund bekam ich meinen Portkatheter und die erste von insgesamt 16 Chemos. Dann hatte ich noch 25 Bestrahlungen.

 

Du hast auf deinen ausdrücklichen Wunsch in der Folge auch eine beidseitige Mastektomie durchführen lassen?

Genau, eine beidseitige komplette Mastektomie. Für mich war nach der Diagnose einfach sofort klar, dass ich mir beide Brüste wegnehmen lassen werde. Die Krebsbrust wurde dabei komplett abgenommen und ein Expander eingesetzt, der mittlerweile auch schon einige Male befüllt wurde. Die gesunde linke Seite wurde komplett ausgeschabt und mit einem Implantat aufgefüllt. Das Ergebnis ist jetzt sogar fast schöner als vorher (lacht). Es ist ja wirklich so: Wenn man im Negativen die positiven Dinge sucht, dann findet man sie auch.

 

Was war für dich in diesen harten Monaten die Motivation, durchzuhalten?

Ganz klar: meine Kinder und mein Mann. Mir ging es oft sehr schlecht nach der Chemo, sodass ich alleine gar nichts machen konnte. Wirklich nichts. Mein Mann musste mich komplett pflegen. Aber langsam konnte ich dann wieder Energie schöpfen und bin aufgestanden. Natürlich war jeder Meter anstrengend, aber meine Kinder waren immer mein Antrieb und jede freie Minute, die ich mit Energie hatte, habe ich versucht, mit Sport zu füllen. Das habe ich vorher gemacht, währenddessen und mache ich auch jetzt. Im Winter bin ich zum Beispiel nach der Chemo noch eine Skitour auf eine Bergspitze gegangen, irgendwie ging es immer, langsam und mit Pausen. Aber ich hab es gemacht.

 

Den schlimmsten Part hast du jetzt hinter dir?

Ja, den schlimmsten und den lehrreichsten. Aber es ist nicht so, dass ich mir denke, jetzt ist es überstanden. Ich denke auf jeden Fall positiv, aber die dunklen Gedanken sind auch da. Solche Gedanken verfolgen einen täglich.

 

Gehst du mit dem Gefühl in die Zukunft, dass es nicht mehr schlimmer werden kann?

In meinem Leben kann – außer es würde meine Familie betreffen – nie mehr etwas Schlimmeres kommen als dieser vergangene Weg. Was ich sehr schätze, ist, dass ich ein wahnsinnig gutes Umfeld habe. Ich habe einen Mann, der immer für mich da war, ich habe Schwiegereltern, die im Haus waren und rund um die Uhr auf die Kinder geschaut haben. Auch meine Mutter ist ständig da gewesen, trotz Corona, das war ja auch eine sehr schwierige Zeit. Ich hatte die Möglichkeit, alle Ärzte zu konsultieren, zu denen ich wollte. Ich konnte so vieles probieren und denke mir oft, viele andere haben nicht so ein beschütztes Umfeld. Ich weiß das wirklich sehr zu schätzen und bin meinem Mann unendlich dankbar. Ohne ihn hätte ich das nicht in der Form überstanden.

 

Wie sind deine Kinder mit der Situation umgegangen?

Für meine Tochter war es sehr schlimm. Sie war zum Zeitpunkt meiner Diagnose gerade neun und wir haben nie versucht, etwas vor ihr zu verbergen. Als wir vom Arzt gekommen sind, habe ich ihr also gesagt, was los ist, und sie hat mich gefragt, ob ich sterben müsse. Ich habe gesagt: „Laura, das weiß ich nicht, aber ich kann dir versprechen, dass ich kämpfe, jeden Tag.“ Wir sind mit ihr dann auch zum Psychologen gegangen, weil man in so einer Situation einfach Unterstützung braucht. Für meinen kleinen Sohn war es mehr die optische Veränderung, die ihm zu schaffen machte. Man verändert sich ja äußerlich, wird blass, übergibt sich, hat Schmerzen, lacht nicht mehr. Das sind diese Begleiterscheinungen, da kann man seiner Familie auch nichts vorspielen.

 

Hast du aus diesem ganzen Prozess auch etwas gelernt?

Ja, ganz viel. Ich reflektiere jeden Tag, das habe ich vorher nie gemacht. Ich bin viel dankbarer für alles, und das lehre ich jetzt auch meine Kinder. Ohne diese Erfahrung hätte ich das wahrscheinlich nicht so intensiv an sie weitergegeben. Wir sagen jetzt jeden Tag drei Sätze, wofür wir dankbar sind. Was ich auch merke, ist, dass ich definitiv stärker geworden bin. Ich spüre mich viel mehr und weiß genau, was ich will und was ich nicht mehr will. Und was ich nicht will, von dem halte ich mich fern. Vor allem der Mut, „Nein“ zu gewissen Dingen zu sagen, hat mir vorher einfach gefehlt. Es sind so viele Dinge, die ich durch diese Zeit gelernt habe, die kann ich jetzt gar nicht alle aufzählen.

 

Hast du dich jemals gefragt: „Warum ich?“

Nein. Weil ich weiß, dass das jetzt einfach meine Aufgabe ist und ich sie anpacken werde. Ich nehme es so hin, wie es ist.