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People | 09.11.2020

Der Insta-Wahnsinn

Instagram zerstört unser Leben! Das sagt Autorin Nena Schink. Weil wir zu viel Zeit damit verbringen, wir süchtig nach Likes werden und viele Posts über scheinbar perfekte Leben ein Gefühl der Missgunst in uns wecken.

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© Moritz Thau, privat

Instagram ist die Welt der schönen Bilder. Daran hat auch die Corona-Krise nichts geändert. Im Gegenteil: Während des Lockdowns gab es keine Fotos von Strand, Luxushotel und Co., sondern von der Dachterrasse, dem Kuschelbett und wahlweise beim Training oder Yoga  in den eigenen vier Wänden. Es wurde gekocht, Brot gebacken, Blumenarrangements gemacht. Mittlerweile kehrt auf der Fotoplattform wieder „Normalität“ ein. Die Influencer sind wieder unterwegs und setzen ihre Luxusklamotten und Designertaschen ebenso in Szene wie sich selbst. Wobei ohnehin nahezu jedes Foto mit Hilfe von Apps und Filtern bearbeitet und geschönt wird. Sehr viel ist an den Bildern auf Instagram nicht mehr echt. Das Ergebnis: Die meisten Instagramer sind nicht viel mehr als eine digitale Täuschung. Zu diesem Schluss kommt zumindest die deutsche Autorin Nena Schink in ihrem Buch „Unfollow! Wie Instagram unser Leben zerstört“.

Süchtig nach Likes. Die 28-Jährige hat sich für ein Online-Experiment als Influencerin ausprobiert – und wurde am Ende süchtig nach Instagram. Zwei Stunden am Tag verbringt sie in dieser Zeit in dem sozialen Netzwerk, scrollt sich durch Bilder, verteilt Herzen und Kommentare. Dazu kommt, dass sie selbst täglich Inhalte, also Fotos oder kurze Videos, posten muss, um ihre Reichweite zu erhöhen – und somit auch die Chancen auf mögliche Kooperationen. Sehr oft ist es ihr Freund, der diese Fotos machen muss. „Danach hatten wir meist Streit, weil ich mich unzulänglich, dick, hässlich fühlte“, erzählt Schink. Trotzdem perfektioniert sie ihr Insta-Profil weiter – und räkelt sich unter anderem bei einem Familienurlaub in Kroatien den halben Tag lang auf einer Luftmatratze in Melonenform, die sie nur für das perfekte Insta-Foto mitgenommen hat. Nach dem Post kontrolliert sie minütlich die Likes. „Was mich rückblickend verwundert? Keiner meiner Mitreisenden hat Kritik geäußert – nicht einmal meine Mutter“, erinnert sich Nena Schink. „Vielleicht weil sie wusste, dass es nichts bringen würde. Ich war dem Instagram-Wahnsinn verfallen.“

Das Profil – peinlich und arrogant.  Doch nicht nur die Mutter erkennt ihre Tochter kaum wieder. Auch ihre Freunde finden das Profil der jungen Frau peinlich und arrogant. Nena Schink ist schockiert und beginnt zu hinterfragen, warum sich so viele junge Menschen von virtuellen Likes abhängig machen und dermaßen viel Zeit damit verbringen. Denn sie hat hochgerechnet, dass es bei zwei Stunden Instagram täglich am Ende in Summe fünf Jahre ihres Lebens sind, die sie auf diese Weise verlieren würde. „Der Reiz von Instagram besteht darin, dass jeder sein Leben so präsentieren kann, wie er es gerne möchte“, sagt Schink. „Man folgt Influencerinnen, die man nie getroffen hat, und hat dennoch das Gefühl, Teil ihres Alltags zu sein – ohne zu hinterfragen, ob diese Menschen überhaupt als Vorbilder taugen.“ Denn bei vielen „Bloggerinas“ basiere ihr komplettes berufliches Dasein ausschließlich auf der offensiven Inszenierung ihres Privatlebens. Sie sind durch Instagram bekannt geworden – im Gegensatz zu Schauspielerinnen, Sängerinnen oder Models, die mit ihren Accounts ihren Bekanntheitsgrad lediglich unterstützen. „Außerdem setzen diese Bilder von scheinbar perfekten Leben einen selbst ja unter Druck“, sagt Schink. Sie sei grundsätzlich kein neidischer Mensch, doch ihr Insta-Ich sei oft neidisch gewesen. Kein Wunder, präsentieren die Influencer auf Instagram Tag für Tag ihren luxuriösen Lifestyle. Sie tragen Luxushandtaschen und Designerkleidung, bereisen die Welt und residieren in mondänen Hotels. „Diese Posts wecken in vielen ein Gefühl der Missgunst“, so Schink. Sie rät daher: Augen auf bei der Wahl der abonnierten Accounts! 

 

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© Moritz Thau, privat

Superschön, superdünn, superglücklich. Zudem vermittle Instagram besonders jungen Mädchen ein falsches Bild: Alle sind superschön, superdünn, superreich, superglücklich. Doch die Realität sehe meistens doch ganz anders aus. Die Plattform sei vielmehr eine virtuelle Angebershow, bei der es um reine Selbstinszenierung gehe. Dennoch kann Instagram die Ursache für ein vermindertes Selbstwertgefühl, ein negatives Körperbild oder sogar Depressionen sein. „Studien beweisen, dass Instagram süchtiger als Zigaretten und Alkohol macht“, erzählt die Autorin. „Junge Frauen sind dank der perfekt gefilterten Selbstinszenierung der Influencer unzufrieden mit ihrem eigenen Leben und jagen einem falschen Ideal hinterher.“

Grund genug für Nena Schink, ihre eigene Zeit nicht mehr mit Instagram zu verschwenden, wie sie selbst sagt. Sie hat einen für sich guten Mittelweg gefunden und die Nutzung von Instagram massiv reduziert. Ihr zuvor öffentliches Profil ist nun privat, sie fotografiert kaum noch und ist knapp 800 Menschen entfolgt. Für ihre Aktivitäten auf Instagram stellt sie sich einen Timer. Sind die 30 Minuten pro Tag erreicht, schließt sie die App. „Da bin ich rigoros“, betont Schink. „Mein Timer erinnert mich täglich daran, wie kostbar meine Lebenszeit in der Realität ist.“

 

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BUCHTIPP: "Unfollow - wie Instagram unser Leben zerstört", Nena Schink, Verlag Eden Books, € 15,40

People | 09.11.2020

"Eltern tragen Verantwortung"

Wir haben mit der Linzer Medienpäda­gogin Sissi Kaiser über die Gefahren von Instagram gesprochen – und warum Eltern nach wie vor ihre Verantwortung oft nicht ausreichend wahrnehmen.

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© Moritz Thau, privat

Instagram zerstört unser Leben. Ist das überspitzt formuliert?

Es ist plakativ formuliert, aber es trifft meinen Erfahrungen nach noch nicht einmal den Kern – denn auch das Web ist voller Desinformation. Ich halte Instagram und auch andere Social-Media-Angebote nicht per se für gefährlich. Das Wichtigste ist der Umgang damit. Man sollte wissen, womit man sich umgibt und sich vorab ausreichend informieren. Das gilt besonders für Kinder. Eine sehr unbedarfte Vorgehensweise ist die Quelle für Gefahren. 

 

Was ist das Gefährliche, wenn man Instagram unbedarft benützt?

Wer im Leben steht und Schein von Sein unterscheiden kann, wird sich ohne Probleme auf Instagram und Co. bewegen können. Kinder und Jugendliche hingegen sind durchaus gefährdet, weil sie nicht wissen, dass Instagram vom Geschäftsmodell her nicht existiert, damit wir miteinander kommunizieren, sondern einzig und allein um Geld damit zu verdienen. Das geht am besten mit Werbung und dem kommerziellen Handel von User-Daten. Dessen muss man sich bewusst sein, bevor man Social Media benutzt. Werden Mädchen und Burschen von ihrem sozialen Umfeld und insbesondere den Eltern nicht auf diese Umstände vorbereitet und zudem noch bei der Nutzung allein gelassen, entstehen Gefahren – vom Wunsch nach Schönheitsoperationen über falsch empfundene körperliche Defizite, die real gar keine sind, bis hin zu unreflektierten Produktwünschen und Berufszielen.

 

Instagram hat ein sehr hohes Suchtpotenzial. Wie kann man Kindern und Jugendlichen einen verantwortungsvollen Umgang mit sozialen Medien lernen?

Bei Kindern und Jugendlichen müssen die Eltern unbedingt die Hauptverantwortung übernehmen. Das Smartphone ist ein sehr leistungsfähiger Computer. Es enthält eine Kamera, ein Mikrofon und andere Sensoren, die von den App-Anbietern eingeschaltet werden können, wann immer die Anbietenden das wollen. Es sei denn, man weiß, wo das eingestellt und untersagt werden kann. Stichwort Privatsphäre! Weiters muss man sich bewusst machen, dass nahezu alle kostenlosen Angebote eines beinhalten: Wer nichts bezahlt, wird selbst zur Ware! Elterliche Kontrolle ist wichtig, sollte aber nur in Abstimmung mit den Kindern gemacht werden. 

 

Wie kontrolliert man am besten?

Am geeignetsten dafür sind so genannte „Family Apps“, mit deren Hilfe Eltern mitbestimmen können, was, wie und wann angesehen werden kann. Je besser das mit den Kindern und Jugendlichen abgesprochen ist, umso größer ist auch die Akzeptanz. Verbote machen nur dann Sinn, wenn sie verstanden werden können. Besonders wichtig ist auch die Vorbildwirkung der Eltern. Sie können von ihren Kindern nicht einfordern, nicht so viel Zeit am Handy zu verbringen, wenn sie sich selbst nicht auch daranhalten.