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People | 06.06.2022

Der Ästhet im Palais

Das Palais Kaufmännischer Verein in Linz hat seit Februar den jüngsten Geschäftsführer in seiner Geschichte: Der gebürtige Mühlviertler Rafael Hintersteiner ist 34 Jahre alt und verbindet Tradition und Moderne in dem altehrwürdigen Haus.

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© Richard Haidinger

Rafael Hintersteiner hat Kaiser Franz Joseph sprichwörtlich im Rücken. Direkt hinter seinem Schreibtisch im Palais Kaufmännischer Verein thront der Monarch auf einem imposanten Gemälde. „Er hat unser Haus im Juni 1903 besucht“, erzählt der 34-Jährige, der seit Herbst 2020 die Geschäfte des Palais führt. „Dieses Gemälde war ein Geschenk, das die Wirren des Krieges glücklicherweise überlebt hat und seitdem im Büro der Geschäftsführung hängt.“ 

 

Sie sind seit Februar Geschäftsführer des Palais Kaufmännischer Verein. Was zählt zu Ihren Aufgaben?
Mein Zuständigkeitsbereich ist sehr groß, wobei natürlich das Veranstaltungsmanagement im Fokus steht. Dazu kommt die Hausverwaltung, weil wir auch Mieter und Pächter im Haus haben. Und dann sind da noch die Instandhaltungsarbeiten. In einem Haus, das 124 Jahre alt ist, steht immer irgendetwas an (lacht). Außerdem sind wir ein sehr kleines Team, da packt jeder an, wo es geht.

 

Das Palais ist vor allem bekannt für seine wundervollen Bälle. Wie ist es Ihnen in den vergangenen zwei Jahren gegangen, nachdem pandemiebedingt eine Veranstaltung nach der anderen abgesagt werden musste? Ein ständiges Gefühl zwischen Hoffen und Bangen?
Den Pandemiebeginn habe ich noch in meinem vorhergehenden Job im Sales- und Marketingbereich des Design Centers erlebt. Das war auf einen Schlag von 100 auf null. Vor eineinhalb Jahren habe ich ins Palais gewechselt und hier war die Situation ganz ähnlich. Wir waren, wie Sie sagen, ständig zwischen Hoffen und Bangen. Besonders am Anfang war ich etwas nervös, weil ich ja alles richtig machen wollte. Allerdings sind viele Verordnungen in Kraft getreten, ohne dass es dazu Informationen auf der Ministeriumshomepage gegeben hat. Das hat meist ein paar Tage gedauert, aber mit der Zeit wird man sehr situationselastisch (lächelt). Und auch die Kunden hatten volles Verständnis, weil es zeitweise ja fast jede Woche Änderungen gegeben hat. Zwischendurch wurde immer wieder gelockert, aber das war für uns eher wie ein Tropfen auf den heißen Stein. 

 

Was haben Sie in dieser Zeit gemacht?
Wir haben uns angesehen, wie wir diese Zeit am besten nützen können – und uns entschieden, Restaurierungsarbeiten durchzuführen. So einen Luxus, dass das Haus einmal über mehrere Monate leer steht, hat man sonst ja nie. Wir haben vieles in Eigenregie gemacht, damit die Mitarbeiter, die sonst keine Arbeit gehabt hätten, eingesetzt werden konnten. Als ersten Schritt habe ich einen Workshop organisiert, damit unsere Mitarbeiter sehen, wie eine Restaurierung professionell vorgenommen wird. Zum Beispiel bei Türen, wo der Lack im Lauf der Jahre abgesplittert ist. Wir haben in den vergangenen eineinhalb Jahren wirklich viel weitergebracht und sind fast fertig. Ein paar Kleinigkeiten gibt es noch, die wir im Sommer oder nächstes Jahr angehen werden. 

 

Jetzt geht es aber endlich mit Veranstaltungen los und das Palais füllt sich wieder mit Leben, oder?
Ja, es gibt tatsächlich viel nachzuholen! Wir haben zum Beispiel bis Juli an jedem Wochenende einen Maturaball, weil sie im Winter ja noch nicht stattfinden durften. Auch Debütantenbälle der Tanzschulen stehen an. Ich sehe es als Chance, dass sich vielleicht der eine oder andere Frühlingsball hält. Das würde mir sehr gefallen, weil wir ja auch einen Park haben, den man mitnützen kann. 

 

Sie haben sich in der Zwischenzeit gut eingearbeitet. Was ist es für ein Gefühl, dort zu arbeiten, wo andere feiern?
Der Job ist so vielfältig und abwechslungsreich, das ist großartig. Und was ich besonders mag, ist die Architektur. Ich komme ja aus der Architektur, habe an der Kunstuni studiert. Wenn man in so einem historischen Haus arbeitet, merkt man bei jeder Ecke und Kante, dass es eine Geschichte erzählen kann. Es ist lebendig und sehr spannend. 

 

Nehmen Sie die besondere Architektur überhaupt noch bewusst wahr, wenn Sie sie jeden Tag sehen?
Den Kaiser in meinem Büro sehe ich jetzt nicht mehr ganz so wie zu Beginn meiner Arbeitszeit, wobei ich mich schon jeden Tag darüber freue – so lange bin ich dann ja doch noch nicht im Haus (lacht). Aber wenn ich Besucher wie Sie heute durch das Haus führe und ihre Reaktionen sehe, dann habe ich wieder ein Flashback. Das hat einfach Charme! Und das ist unser großer Vorteil im Palais, weil wir mit Geschichte punkten. Das kommt auch in der Linzer Gesellschaft gut an. Wenn wir ein Foto von einem Raum in den sozialen Medien posten, bekommen wir viele Reaktionen. Jeder hat positive Erinnerungen an dieses Haus. Viele haben bei uns ihren Maturaball gefeiert. Aber so hell und so leer kennen es die wenigsten, weil der überwiegende Teil der Veranstaltungen natürlich abends stattfindet. Aus diesem Grund möchte ich das Palais tagsüber mehr öffnen – zum Beispiel für Konzerte, damit man das Haus und seine Atmosphäre auch mal zu einer anderen Tageszeit wahrnehmen kann. 

 

 

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© Richard Haidinger

Gibt es dafür schon konkrete Pläne?
Ja, die gibt es tatsächlich schon. Gemeinsam mit Thomas Kerbl, meinem ehemaligen Professor an der Bruckneruni, habe ich eine Konzertreihe mit insgesamt fünf Konzerten in diesem Jahr geplant. Dafür arbeiten wir mit der Bruckneruni, dem Landesmusikschulwerk und jungen Musikern zusammen. Unsere Prämisse ist, ausschließlich junge Musiker zu fördern. Als Sponsor konnten wir die Sparkasse Oberösterreich gewinnen, was mich sehr freut. Für klassische Musik ist die Akustik übrigens hervorragend, wir müssen nichts in Technik investieren. Darauf ist früher beim Bauen schon sehr geachtet worden. Das erste Mal so richtig gesehen bzw. gehört haben wir das beim diesjährigen Neujahrskonzert. Das hat LT1 zur Gänze gezeigt und die Rückmeldungen waren sensationell. Das werden wir in Zukunft beibehalten. Wir sind sozusagen die kleine Linzer Hofburg mit unserem eigenen Neujahrskonzert (lacht). Es hat ja schon mal sehr viel Kunst und Kultur in diesem Haus gegeben – bis in die 70er-Jahre, als dann das Brucknerhaus eröffnet wurde und uns quasi als Konzertsaal abgelöst hat. Ich möchte aber in Zukunft ein paar Veranstaltungsformate machen, die kulturinteressierte Privatpersonen ins Palais holen.

 

Sie kommen ja nicht nur aus der Architektur, sondern auch aus der Musik …
Ja, ich habe in Salzburg und Linz Gesang studiert. Ich kann somit beide Bereiche hier im Haus einbringen. Mir kommt jetzt all das zugute, was ich damals gemacht habe. Ich bin vielleicht nicht der typische Geschäftsführer mit Wirtschafts- oder Jusstudium als Background, ich habe das Pferd sozusagen von hinten aufgezäumt. Und das passt in dieser Branche sehr gut! 

 

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© Richard Haidinger

Das Palais ist ein altehrwürdiges Haus. Dennoch muss man auch hier Tradition mit der Moderne verbinden. Wie gehen Sie das an?
Das stimmt! Und ich denke, dass man den Generationswechsel bereits spürt. Ich habe viel digitalisiert und unter anderem einen virtuellen Rundgang auf unserer Website eingerichtet, der uns während Corona sehr zugute gekommen ist, weil keine Rundgänge vor Ort erlaubt waren. Man kann auf diese Weise zum Beispiel Abstände in den verschiedenen Sälen messen oder schauen, welche Durchmesser die Säulen haben. Mit diesen Zahlen kann man bei den Event-Vorbereitungen schon gut arbeiten. Wir bieten auch eine Checkliste, was man vor, während und nach einer Veranstaltung beachten muss. Das kommt sehr gut an! Außerdem haben wir unsere Social-Media-Auftritte adaptiert, weil wir sehr viele unterschiedliche Besucherschichten haben. Wir haben Maturanten und junge Firmen ebenso wie alteingesessene Firmen und Organisationen, die bei uns etwas machen. Und wir müssen jedes Alter bedienen, wie ich finde. 

 

Sie sind sehr engagiert und umtriebig. Wie viele Stunden hat Ihr Arbeitstag?
(lacht) Ich kann es gar nicht sagen, manchmal schreibe ich gar nicht mit. Ich bin da vollkommen flexibel. Was ansteht, wird gemacht. Und wenn ich mal länger im Haus bin, dann komme ich einfach am nächsten Tag ein bisschen später. 

 

Bleibt da noch Zeit für Hobbys?
Natürlich, ich bin Hobbywinzer! Wobei ich zufällig dazu gekommen bin, Wein zu machen. Das ist eine lustige Geschichte, weil wir einen Winzer im Burgenland haben, mit dem meine Familie und ich gut befreundet sind. Vor etwa acht Jahren haben wir in meinem Heimatort Arbing im Mühlviertel einen neuen Dorfplatz bekommen. Die Steinmauer war zu viel nackter Stein, sodass wir überlegt haben, was wir dort anpflanzen könnten. Ein befreundeter Winzer aus dem Burgenland hat uns eine Traubensorte empfohlen, die pflegeleicht ist und gut wächst. Tatsächlich war der Ertrag im Lauf der Zeit so groß, dass wir nicht mehr wussten, was wir mit den köstlichen Uhudler-Trauben machen sollten. Daraufhin wurde die Idee geboren, unseren eigenen Wein zu machen. Also bin ich für ein verlängertes Wochenende ins Burgenland gefahren und habe mir alles zeigen und erklären lassen. Mit der Unterstützung unseres Winzers haben wir heuer unseren dritten Jahrgang abgefüllt. Wir machen rund 150 Flaschen und das kommt sehr gut bei den Leuten an. Das ist mein Hobby gemeinsam mit meinem Papa. Und wenn ich Zeit habe, bin ich auch als Kirchenmusiker in meiner Heimatpfarre Arbing im Einsatz. 

 

Sie haben Gesang und Architektur studiert. Würden Sie sich selbst als Ästhet bezeichnen?
Ja, durch und durch! Ich bin wahnsinnig eitel – leider (seufzt und lacht). Da kann ich den Sänger auch nicht unterdrücken, das poppt manchmal schon ein bisschen auf, aber ich habe es gut unter Kontrolle.