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People | 14.09.2021

Denken ist sexy

„Wir wollen kein Feuerwerk, sondern nachhaltig beeindrucken“ – so das Credo von Elisabeth Schweeger und Manuela Reichert, den beiden Geschäftsführerinnen der Kulturhauptstadt Europas 2024 Bad Ischl – Salzkammergut.

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© Bettina Gangl, die arge lola

Zwei Frauen, ein Ziel: Der Titel „Kulturhauptstadt Europas 2024 Bad Ischl – Salzkammergut“ soll die Region über das Jubeljahr hinaus nachhaltig weiterbringen. Damit das gelingt, wollen die Geschäftsführerinnen Elisabeth Schweeger (künstlerische Leiterin) und Manuela Reichert (kaufmännische Leiterin) neben der Etablierung neuer Kultur- und Bildungseinrichtungen einen offenen Diskurs – sowohl über aktuelle Probleme im ländlichen Raum wie der Abwanderung junger, gebildeter Menschen als auch über die oft verklärte Sicht auf die Vergangenheit – führen.  

OBERÖSTERREICHERIN: Frau Schweeger, bis 2015 haben Sie die Kunstfestspiele in Hannover geleitet. Damals hat man Ihnen vorgeworfen, Ihr Programm sei zu elitär. Ihre Reaktion darauf war, ich zitiere: „Elitär wirkt vieles ja nur, wenn man seinen Kopf nicht bemühen möchte.“ Würden Sie heute auf diesen Vorwurf wieder so reagieren?

Elisabeth Schweeger: Die Aussage war auf die damalige Situation bezogen, die Aufgabe war eine ganz andere. Damals ging es darum, ein neues Format an Festival zu entwickeln, das sich mit Transdisziplinarität beschäftigt und den Schwerpunkt auf moderne Musik legt. Du kannst die Leute dabei nicht von heute auf morgen mitnehmen, dazu braucht es Ausdauer. Das ist nicht elitär, sondern ungewohnt. Das Neue braucht immer seine Zeit und ist eine Einladung, sich damit zu beschäftigen und sich darauf einzulassen. 

Manuela Reichert: Denken Sie nur an die Zwölftonmusik ... Das erste Mal gehört, denkst du dir, „das ist doch völlig verrückt“. Aber wenn du dich länger damit beschäftigst, erscheint dir die herkömmliche Klassik fast langweilig. 

Elisabeth Schweeger: Vielleicht drückt sich durch diesen Begriff das Bedürfnis aus, alles sofort verstehen zu wollen, was natürlich auch völlig legitim ist. Kulturelles Angebot soll schließlich auch frei von Anstrengung „konsumiert“ werden können und zum Entspannen oder Lachen einladen. Auf der anderen Seite soll es aber auch anregen, den Kopf zu bemühen und zu denken. Denken ist sexy. 

In Ihrem Kunst- und Kulturverständnis macht‘s also die Mischung ... Ist das auch der Anspruch an das programmatische Angebot der Kulturhauptstadt?

Schweeger: Durchaus. Es soll eine Gemengelage an Kunst angeboten werden, aber auch eine Konfrontation mit neuen Ideen geben. Es geht um Reibung. aus der Neues entsteht.

Reichert: Kunst soll berühren, emotionalisieren, aber auch polarisieren. Nur so werden Dialog und Perspektivenwechsel möglich. Ich halte den berühmten Blick über den Tellerrand für wichtig, um sich weiterzuentwickeln. 

Apropos Weiterentwicklung: Neben all den negativen Auswirkungen der Coronakrise hat sich dadurch die Kunst- und Kulturszene nicht auch gezwungenermaßen weiterentwickelt?

Schweeger: Wofür wir zehn bis zwanzig Jahre gebraucht hätten, haben wir aufgrund der Situation innerhalb eines Jahres geschafft. Das war ein unfreiwilliger Sprung ins kalte Wasser, der aber gerade ehrwürdige Institutionen wie Theater und Museen, aber auch Schulen und Universitäten gezwungen hat, schnell umzudenken. Dadurch hat sich eine neue Sparte eröffnet, die digitale Formate möglich gemacht hat.

Reichert: Wir haben in der Zeit des Lockdowns hier zu arbeiten begonnen. Das war schon schwierig. Es gab kaum Gelegenheit, mit Menschen in Kontakt zu kommen, was natürlich gerade in der Aufbauphase wichtig gewesen wäre. Deshalb sind wir, sobald es möglich war, mit unserer Infotour in alle 23 Gemeinden gekommen, um der Bevölkerung die Idee der Kulturhauptstadt nahezubringen. Wir wollten und wollen sicht- und spürbar sein.

Rechnen Sie mit einem weiteren Lockdown ab Herbst?

Schweeger: Wir wollen keinen Lockdown mehr, das ist ganz klar. Aber wir haben natürlich einen Plan B für diesen Fall. 

Reichert: Unabhängig davon befinden wir uns in einem permanent dynamischen Prozess. Wir haben als Start-up begonnen, die Grundbasis geschaffen und die Strukturen aufgebaut. Es befindet sich aber nach wie vor alles im Entstehen, was uns hohe Flexibilität erlaubt. 

Und die brauchen Sie auch ... Schließlich ist der Titel „Kulturhauptstadt“ mit viel Pathos aufgeladen, es gibt viele verschiedene  Interessen und Ziele. 2024 gilt es noch dazu, anders als Graz 2003 und Linz 2009, erstmals eine Region mit 23 Gemeinden „unter einen Hut zu bringen“. Wie soll das gelingen?

Reichert: Das ist natürlich eine Herausforderung, aber eine schöne. Kultur ist etwas Verbindendes. Sie braucht keine Abgrenzung. 

Schweeger: Der Reichtum der Region besteht darin, dass sie unterschiedlich ist und trotzdem zusammenhängt. Die Grundsatzfrage ist, wie kann sich das Gebiet als Ganzes gestalten. Die Idee der Kulturhauptstädte hat sich vom urbanen hin in den ländlichen Raum gewandelt. Auch weil dieser immer mehr an Bedeutung gewinnt, wie die Pandemie zuletzt gezeigt hat. Dafür muss das Land aber auch attraktiv sein, auch was das geistige Leben betrifft. 

Sie sprechen ein Problem an, dass auch schon im Bidbook (Bewerbungsmappe, Anm. der Red.) offen thematisiert wird: Nämlich die Abwanderung aus dem ländlichen Raum von vor allem jungen, gebildeten Menschen aufgrund fehlender Bildungsangebote und Arbeitsplätze. Welchen Beitrag kann die Kulturhauptstadt hier leisten?

Schweeger: Wir können Impulse geben. Wir wissen ganz genau, wenn
wir Bildungsangebote schaffen wollen, geht das leider nicht von heute auf morgen. Dafür braucht es das Zusammenwirken vieler Player. Das ist auch notwendig, wenn es um die Schaffung von Kulturzentren und um die Förderung und Vernetzung partizipativer Unternehmungen geht. Die Region muss sich als eine Einheit verstehen und zusammenarbeiten und -spielen. Nur dann sind wir stark. Dazu muss man die Gemeinden in ihrer Eigenheit stärken und sie mit den anderen verbinden. Das soll für alle ein lustvoller Prozess sein, wodurch Neues entstehen kann.

Reichert: Kultur ist kein Luxus, sie ist lebensnotwendig. Und sie kann einen gemeinsamen Austausch in Form von Projekten vorantreiben, an dem sich alle 23 Gemeinden beteiligen. Das hat es noch nie gegeben und ist genau deshalb so spannend. 

Schweeger: Noch etwas ist mir wichtig. Es braucht Diskursfähigkeit und die Auseinandersetzung mit Problemen aus der Vergangenheit, mit denen wir noch nicht aufgeräumt haben. 

Ebenfalls nachzulesen ist Ihr Anspruch an Nachhaltigkeit. Also soll die  Kulturhauptstadt über 2024 hinaus ihre Spuren in der Region hinterlassen? 

Reichert: Wir wollen, um die Gegenwart zu verstehen und die Zukunft zu bauen, kein Feuerwerk machen, sondern nachhaltig beeindrucken.

Schweeger: Das soll unter anderem mit Bildungsangeboten und Kulturzentren, die neu geschaffen werden, erreicht werden. Das ist für eine Region, die leben und zukunftsfähig sein will, wichtig. 

Als Bad Ischlerin darf ich das fragen: Wie viel Platz wird es im Rahmen der Kulturhauptstadt für Sisi-Kitsch und verstaubte Klischees geben?

Schweeger: Rituale sind wichtig. Es geht nicht darum, sie alle „wegzuschmeißen“. Es wird Formate geben, in denen sie Platz finden. Auf der anderen Seite werden wir uns aber auch kritisch damit auseinandersetzen. Schließlich war die Kaiserzeit nicht nur nett und das Kaiserreich nicht nur idyllisch. Dahinter stand eine Politik, bei der es um Macht, Krieg und Beherrschung ging. Damit muss man sich auch auseinandersetzen.

Wie soll das Feedback über Sie und Ihre Rollen 2024 ausfallen? 

Schweeger: Fragen Sie uns das 2024. 

Reichert: Ich bin schon gespannt. Wir werden unser Bestes tun.

 

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© Bettina Gangl, die arge lola

ELISABETH SCHWEEGER

Prof. Dr. Elisabeth Schweeger wurde im Juli zur Nachfolgerin von Stephan Rabl bestellt, der nach nur wenigen Monaten und internen Querelen als künstlerischer Leiter gehen musste. Die 1954 in Wien geborene Literaturwissenschafterin war von 1993 bis 2001 künstlerische Leiterin des Marstall und Chefdramaturgin am Bayerischen Staatsschauspiel in München, danach bis 2009 Intendantin des Schauspiel Frankfurt. Von 2009 bis 2015 leitete sie die KunstFestSpiele Herrenhausen in Hannover und seit 2014 ist sie künstlerische Direktorin und Geschäftsführerin der Akademie für Darstellende Künste in Baden-Württemberg. In Oberösterreich kuratierte sie für das OK – u. a. den Linzer Höhenrausch 2018 – und Ausstellungen für das Ars Electronica Center.

 

MANUELA REICHERT

Die gebürtige Salzburgerin übernahm im November des Vorjahres die Funktion der kaufmännischen Geschäftsführerin der Kulturhauptstadt Europas 2024 Bad Ischl – Salzkammergut. Nach dem Studium der Betriebswirtschaftslehre an der Johannes Kepler Universität in Linz und dem Abschluss an der Hochschule für Kulturmanagement des ICCM, arbeitete Mag.a Manuela Reichert  zwanzig Jahre lang als Geschäftsführerin im Kulturbereich. 18 Jahre lenkte sie die Geschicke der Kulturpark Traun GmbH, zwei Jahre war sie für die Philharmonie Salzburg und die Kinderfestspiele tätig. Reichert ist 1972 geboren und lebt seit 1992 in Oberösterreich.

 

 

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Reichert (links) und Schweeger (rechts) haben große Pläne für die Kulturhauptstadt 2024 Bad Ischl - Salzkammergut. © Bettina Gangl, die arge Lola