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People | 16.06.2020

Corona ist nicht die Pest

Was Angst, Panik und Isolation mit uns machen und wie wir nach der Krise wieder in die Normalität finden, hat uns Robert Pfaller, einer der meistzitierten Philosophen des 21. Jahrhunderts, erzählt.

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© Marco Prenninger

Sein jüngstes Buch „Erwachsenensprache – Über ihr Verschwinden aus Politik und Kultur“ passt sehr gut zur aktuellen Situation. Darin zeigt Philosoph Robert Pfaller unter anderem die Entmündigung der Bürger durch die Politik auf. Der gebürtige Wiener ist Professor für Philosophie an der Kunstuniversität Linz, zählt zu den meistzitierten Philosophen des 21. Jahrhunderts und ist einer der produktivsten Wissenschaftsautoren. Heuer wird Pfaller mit dem Paul-Watzlawick-Ehrenring der Wiener Ärztekammer ausgezeichnet. Mit Watzlawick verbinden ihn sowohl der Sprachwitz als auch dessen kritischer Konstruktivismus. Robert Pfaller ist übrigens ein deklarierter Gegner von Rauch- und Genussverboten, was er vor allem in seinem Buch „Wofür es sich zu leben lohnt. Elemente materialistischer Philosophie“ zum Ausdruck bringt.

 

OBERÖSTERREICHERIN: Herr Pfaller, in  Ihrem Buch „Wofür es sich zu leben lohnt“ sagen Sie: „Glücklich sind wir, wenn wir mit Freunden trinken, rauchen, tanzen bis zum Umfallen.“ Der Kontakt zu Freunden und Verwandten, die nicht im selben Haushalt leben, war uns über Wochen nicht erlaubt. Wie lange hält man so eine Isolation aus?

Robert Pfaller: Das ist schwer zu sagen. Denn es trifft nicht alle im gleichen Maß. Wer auf engem Raum in der Stadt lebt und von Arbeitslosigkeit bedroht ist, hat es deutlich schwerer als jemand, der auf dem Land lebt und dort seiner Arbeit nachgehen kann. Ohne Geselligkeit aber kann auf Dauer niemand glücklich leben.

 

Begriffe wie Schutzmaßnahmen, Einschränkung oder  Grenzkontrollen dominieren derzeit unser Leben. Was machen Angst, Panik und Isolation mit uns?

Wir werden autoritätsgläubig, misstrauisch gegenüber Fremden und empfänglich für Überwachungsmaßnahmen.

 

Wie reihen Sie die Notmaßnahmen der Regierung anlässlich der Corona-­Pandemie ein?

Zu Beginn der Krise wurde die Gefahr massiv überschätzt. Und in einem Moment der Ungewissheit ist es vielleicht vernünftig, eher zu vorsichtig zu sein als zu wenig. Aber auch später hatten alle Regierungen ein massives Interesse, das Bedrohungsszenario propa­gandistisch zu übertreiben. Sie haben dadurch ihre Akzeptanz in der Bevölkerung gesteigert. Und jetzt, nachdem die Bevölkerung unter den Einschränkungen massiv gelitten hat, lockt man sie mit dem Zuckerl der Lockerungen, unter dessen süßer Hülle man die bittere Pille von Immunitätsausweisen und elektronischer Überwachung versteckt. 

 

Sie sagen, die Politik hat die Menschen vor Verarmung, Entsolidarisierung und Entdemokratisierung zu schützen. Inwieweit ist das gegenwärtig, wo es ja ums biologische Überleben geht, überhaupt möglich?

Corona ist nicht die Pest. Bei lebensbedrohlicheren Entwicklungen wie zum Beispiel der Klimaerwärmung hat die Politik nicht ansatzweise so entschlossen gehandelt. Und bei der saisonalen Grippe, die jährlich Zehntausende tötet, gibt es auch keinen Lockdown. Der berühmte Historiker Yuval Noah Harari hat darum recht, wenn er sagt, Covid sei eine politische und keine medizinische Krise. Die Gefahr der Verarmung ist aufgrund der Beschränkungen für große Teile der Bevölkerungen erheblich – insbesondere, da die Regierung zu Beginn der Krise das dafür vorgesehene Seuchengesetz aufgehoben hat, das die Entschädigung der Menschen geregelt hätte. Entsolidarisierung entstand überall dort, wo man schnell die Vermutung hegte, das Virus könne nur durch Ortsfremde hereingekommen sein. Und die Gefahr der Entdemokratisierung zeigt sich, wo Regierungen jetzt so tun, als müssten die Menschen zwischen Gesundheit einerseits und Grundrechten und Datenschutz andererseits wählen. Dass sogar die Beraterin von Kanzler Sebastian Kurz, Antonella Mei-Pochtler, meint, die von der Regierung beabsichtigten elektronischen Überwachungsmaßnahmen befinden sich „am Rand der Demokratie“, das erscheint mir mehr als bedenklich.

 

Einer Ihrer zentralen Begriffe ist Eigenverantwortung. Schweden hat von Beginn an möglichst wenige gesetzliche Verbote erlassen und auf die Eigenverantwortung der Bürger gesetzt. Das Coronavirus ist offensichtlich eine Bedrohung, bei der wir nicht wissen, wie sie ausgehen wird. Wie viel an Eigenverantwortung kann man den Bürgern in so einem Fall zutrauen?

Es ist ganz klar, dass es einerseits Fragen gibt, die erwachsene Menschen für sich selbst lösen können, und andererseits solche, bei denen dies nicht möglich ist. Hier hat die Politik zu handeln. Das schwedische Beispiel zeigt immerhin, dass die Politik dabei verschiedene Handlungsoptionen hat. Ein erheblicher Teil der Krise verdankt sich allerdings auch dem Umstand, dass die Politik zuvor zu handeln versäumt hatte. In Italien wurde das Gesundheitssystem in der Finanzkrise durch die Vorgaben der Europäischen Zentralbank massiv geschwächt. Und auch in anderen Ländern hat die Unterwerfung des Spitalswesens unter Rentabilitätskriterien enormen Schaden verursacht. Denken Sie nur an die Engpässe bei den Schutzmasken für das medizinische Personal. Das ist doch eine einzige europaweite Blamage. Wo die Politik jetzt also so rabiat handelt, muss sie es oft deshalb tun, weil sie es vorher unterlassen hat.

 

Experten sind sich uneinig, teilweise werden wir mit irrelevanten Informationen überflutet. Die meisten Menschen sind dadurch schwer verunsichert. Wie schwierig ist in so einem Fall, von der Regierung gesetzte Maßnahmen kritisch zu hinterfragen?

Trotz Internet ist es für viele Menschen offenbar sehr schwierig, Zugang zu kritischen Informationen zu bekommen. Sie klammern sich dann verständlicherweise an die Hoffnung, dass ihre Opfer sinnvoll wären und die Regierungspolitik vernünftig sei. Alles andere wäre ja noch entsetzlicher als ein unbekannter Virus, nicht? 

 

Was gilt es zu tun, damit wir nach der momentanen Krise wieder in einen halbwegs normalen Zustand zurückfinden werden? 

Angst abbauen. Das Gesundheitssystem und die Sozialsysteme gezielt ausbauen. Und den Aufbau von neuen Überwachungssystemen verhindern.

 

Unsere Universitäten werden erst im Herbst den Normalbetrieb aufnehmen. Wie läuft die Kommunikation mit Ihren Studenten? Wie sehr vermissen Sie den persönlichen Kontakt mit ihnen?

Dass es ohne Geselligkeit nicht geht, gilt nicht nur für den Genuss, sondern auch für die Arbeit. Ein Philosophie­seminar an der Universität zum Beispiel funktioniert auf die Dauer einfach nicht im Modus des sogenannten „Distance Learnings“ über Videokonferenzen. Es ist schon notwendig, dass man einander gegenübersitzt und gemeinsam eine bestimmte Stimmung aufbaut. Das Feierliche der gemeinsamen Anwesenheit spielt eine nicht zu unterschätzende Rolle bei vielen Vorgängen. Die Inspiration, die von den Beiträgen und Fragen der Studierenden ausgeht, vermisse ich sehr stark.