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People | 15.10.2019

Carpe Diem!

Doris Kiefhaber ist als Geschäftsführerin der Krebshilfe und „Pink Ribbon“-Mastermind ständig mit Krankheit und Leid konfrontiert. In look! sagt sie, wie sich ihr Leben durch den Job verändert hat.

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Die Erfüllung von Wünschen sollte man nicht auf später verschieben. Denn das Schicksal schlägt oft völlig überraschend zu. - Doris Kiefhaber © Marina Probst-Eiffe

Sie bastelt oft bis tief in die Nacht. Prächtige Rosenblütenkränze aus Filtertüten etwa. Doris Kiefhaber, 57, ist ein Fan von Deko-Accessoires. „Die Jahreszeiten und Feste wie Erntedank und Weihnachten sind mir sehr willkommen“, sagt sie. Beim kreativen Werken kann sie am besten entspannen. Kraft tankt sie auch bei ausgiebigen Waldspaziergängen. Denn Doris Kiefhabers Job ist erfüllend, aber auch aufreibend. Täglich ist die Geschäftsführerin der Österreichischen Krebshilfe mit Krankheit und Sterben, mit Leid und Verzweiflung konfrontiert.look! traf Doris Kiefhaber anlässlich des „Pink Ribbon“-Auftaktes 2019 zum Talk.

look: Sie sind ständig mit (Brust-)Krebs-Patientinnen, mit Krankheit und Leid konfrontiert. Wie wirkt sich das auf Ihr Leben aus?

Doris Kiefhaber: Die Wertigkeiten haben sich komplett verschoben, ich setze auch meine persönlichen Prioritäten völlig anders als früher. Und ich bin viel demütiger. Gleichzeitig ist da eine große Dankbarkeit, dass ich in diesem Bereich arbeiten darf. Denn die Beziehungen und die Emotionen, die zwischen den PatientInnen und uns allen, die wir diese Frauen und Männer betreuen und begleiten, entstehen, sind unglaublich bereichernd. Es ist ja auch erfüllend zu sehen, dass viele Frauen wieder ganz gesund werden oder zumindest sehr lange mit der Krankheit leben können.

Was trifft Sie besonders?

Es schmerzt sehr, wenn eine Patientin ein kleines Kind hat. Ich habe gerade wieder einen solchen Fall – eine Alleinerzieherin mit einem dreijährigen Kind, die eine Brustkrebs-Diagnose erhielt. Da stoßen wir alle bei der Krebshilfe an unsere Grenzen. Gut ist, dass wir immer aufs Handeln programmiert sind, dass wir uns darauf konzentrieren, so gut wie möglich zu helfen.

Bei der aktuellen Kampagne „Mutmacherinnen“ gehen Frauen offen mit ihrer Krankheit um. Können Sie das nachvollziehen?

Ich kann das gut nachvollziehen, würde wahrscheinlich auch offen damit umgehen, aber es muss jeder/jedem überlassen bleiben, ob er sich „outet“ oder nicht. Nationalratspräsidentin Barbara Prammer und Ministerin Sabine Oberhauser haben sich entschlossen, offen mit der Erkrankung umzugehen, um keinen Raum für Spekulationen zu geben. Aber sie wollten beide kein Vorbild sein.

Die „Mutmacherinnen“ haben sich einen Spruch als Leitsatz gewählt. Wie lautet Ihr Lebensmotto?

Carpe diem – Genieße den Tag. Jeden Tag. Die Erfüllung von Wünschen sollte man tunlichst nicht auf morgen, auf später, verschieben. Nicht darauf warten, „bis die Kinder groß sind“ oder „bis ich in Pension bin“. Ich habe selbst zwei geliebte Menschen durch Krebs verloren, meinen Vater und meine Cousine, die meine „Herzensschwester“ war. Aber ich denke nicht nur an Krebs, wenn ich appelliere, das Hier und Jetzt zu genießen, sondern das Schicksal schlägt oft auch auf andere Weise gnadenlos zu und von einer Minute auf die andere ist ein geliebter Mensch nicht mehr da.

Ihr Job verlangt Ihnen einiges ab. Warum haben Sie sich 2001 entschlossen, Geschäftsführerin der Österreichischen Krebshilfe zu werden?

Ich war damals Marketingleiterin einer Medizintechnikfirma und es gab das Angebot, in die Zentrale nach Hamburg zu wechseln. Ich habe aus familiären Gründen abgelehnt. Aber der Wunsch nach Veränderung war da. Und dann kam das Angebot der Krebshilfe.

Sie haben vor 17 Jahren Pink Ribbon nach Österreich gebracht.

Es war wichtig, den Frauen ins Bewusstsein zu rufen, wie wichtig die regelmäßige Mammografie für die Brustkrebsvorsorge ist. Ein Symbol wie die rosa Schleife, das Pink Ribbon, soll die Frauen daran erinnern. In den USA gab es Pink Ribbon seit 1992, ich kannte die Aktion und holte sie nach Österreich. Damit waren wir „Pink Ribbon“-Vorreiter in Europa, wir starteten eine Aktion, im Rahmen derer ich prominente Frauen aus allen beruflichen Sparten angesprochen habe, damit sie uns unterstützen. „Woman“-Gründerin Uschi Fellner, die heute u. a. Herausgeberin von look! ist, hat sich als erste Unterstützerin zur Verfügung gestellt. Sie hat meine Idee aufgegriffen und entscheidend dazu beigetragen, dass die Aktion Fuß gefasst hat und so groß geworden ist.

Was bringt Pink Ribbon?

Zahlen belegen, dass mehr Frauen eine Mammografie machen lassen. Außerdem wurde das Thema Brustkrebs enttabuisiert. Und wir sammeln Spenden für die Soforthilfe, mittlerweile zwischen 500.000 und 700.000 Euro pro Jahr. Damit unterstützen wir u. a. alleinerziehende Frauen, junge Familien und Pensionistinnen, die durch die Erkrankung in finanzielle Not kommen. Es gibt aber u. a. auch sozialrechtliche Beratung für Patientinnen, etwa wenn es um den Beruf geht.

Ihre ganz persönliche Botschaft an alle Frauen?

Wir dürfen uns nicht von der Angst, an Krebs zu erkranken, beherrschen lassen. Aber die regelmäßige Mammografie muss ein Fixtermin sein. Nicht auf morgen oder übermorgen verschieben, sondern Termin vereinbaren, im Kalender eintragen und hingehen!

Sie entspannen beim Basteln und beim Spazierengehen im Wald …

… ja, ich gehe wahnsinnig gern in den Wald, oft mit meinem Hund Niki, einem Golden Retriever. Als Kind war das eine ungeliebte Pflicht, denn meine Eltern waren begeisterte Bergsteiger und ich musste mit. Heute entdecke ich, was mir meine Eltern zu erklären versucht haben: wie schön der Wald ist. Entspannend ist es für mich auch, Freunde zu treffen. Ich mag aber keine großen Partys, sondern etwa ein Essen im ganz kleinen Kreis, nur mein Mann und die engsten Freunde. Eine Runde, in der man offene, ehrliche Gespräche führen kann.