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People | 04.07.2016

Buhlschaft mit Lolita-Beigeschmack

Die gebürtige Linzerin Miriam Fussenegger wird ab 23. Juli beim Jedermann am Salzburger Domplatz in die Rolle der Buhlschaft schlüpfen. Im Interview erklärt die 25-jährige Schauspielerin, was den Reiz dieser Rolle für sie ausmacht.

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© katsey

Nur zwei Jahre nachdem Miriam Fussenegger ihren Abschluss am Wiener Max Rainhardt Seminar gemacht hat, ergatterte sie mit der Buhlschaft die wohl begehrteste Rolle in der Theaterlandschaft. Der Grundstein für das schauspielerische Talent der jungen Oberösterreicherin wurde übrigens am Bundesrealgymnasium Hamerling in Linz gelegt. „Wir haben uns total gefreut, als wir erfahren haben, dass Mimi die Buhlschaft spielen wird“, erzählt Anita Döllerer. Gemeinsam mit ihrem Mann Anton ist sie für den musisch-kreativen Zweig am BRG Hamerling verantwortlich, acht Jahre lang war sie die Englischlehrerin von Miriam Fussenegger. Und schon damals ist die Blondine mit ihrem besonderen Talent bei Aufführungen aufgefallen. „Mimi hatte schon als Jugendliche eine tolle Ausstrahlung auf der Bühne“, erinnert sich Anita Döllerer. Auch Journalistin und Laiendarstellerin Susanna Wurm erinnert sich noch gerne an ihre Schauspielkollegin: „Wir standen 2012 in Horváths ‚Kasimir und Karoline‘ in Freistadt gemeinsam auf der Bühne. Miriam Fussenegger ist mir sofort aufgefallen, weil sie mich optisch total an die junge Romy Schneider erinnert hat“, schwärmt Susanna Wurm. Niederösterreicherin-Chefredakteurin Angelica Pral-Haidbauer hat mit Miriam Fussenegger in Salzburg gesprochen und eine junge selbstbewusste Frau ohne Starallüren erlebt. 

 

Frau Fussenegger, kaum eine Rolle ruft bei den Salzburger Festspielen mehr Medien-Interesse hervor als die Buhlschaft. Was haben Sie gefühlt, als Sie das Angebot bekommen haben? 

Im ersten Moment, in dem das Angebot kam, war ich geschockt, geschmeichelt, aufgeregt und ziemlich perplex – alles auf einmal. Und mir war klar: Das muss ich erst einmal sickern lassen. 

 

Sie haben nicht sofort Ja gesagt? 

Ich wollte mir erst einmal darüber klar werden, ob ich mich dieser Verantwortung überhaupt gewachsen fühle. Ich bin eine Grüblerin. Ich will nicht vollkommen blauäugig in eine Sache hineingehen. Wenn man allerdings diese Gedanken ein bisschen zur Seite schiebt, bleibt eine große kindliche Freude über das Angebot. Ich könnte hüpfen und schreien. Und irgendwann habe ich einfach gesagt: Natürlich mache ich das. Es ist ein Abenteuer und eine Herausforderung, der ich mich gerne stellen will. 

 

War es für Sie immer schon klar, dass Sie Schauspielerin werden wollen?

Ich bin in Linz geboren und in Luftenberg aufgewachsen. Mehr oder weniger durch Zufall kam ich auf das BRG Hamerling, wo ich den musisch-kreativen Zweig absolvierte. Ich hatte immer eine Leidenschaft für Musik und Gesang und dachte, dass mich mein Werdegang mal in diese Richtung führen wird. Bis ich 16 Jahre alt war, hätte ich nie gedacht, das Schauspiel zum Beruf zu machen. Ich hatte eher im Kopf, mit meiner E-Gitarre Rockstar zu werden (lacht). Erst mit 16 Jahren habe ich angefangen, regelmäßig ins Theater zu gehen und mich mit dem Ablauf der Aufnahmeprüfungen für das Schauspiel-Studium zu befassen. 

 

Und trotzdem ging es nach der Matura nicht sofort auf die Schauspielschule …

Nein, ich hatte noch zu großen Respekt davor. Ich habe in Graz ein Semester lang Psychologie studiert. Ich wollte mich mit dem Menschen an sich auseinandersetzen, habe aber schnell gemerkt, dass mir das Auswendiglernen von Hirnnerven zu trocken war. Also habe ich es versucht: Ich bin nach Stuttgart gefahren und habe die Aufnahmeprüfung tatsächlich auf Anhieb bestanden. Als Österreicherin wollte ich es aber wenigstens einmal am Max Reinhardt Seminar in Wien versuchen. Dort wurde ich ebenfalls genommen, und so habe dann auch am Max Reinhard Seminar studiert.

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Miriam Fussenegger mit ihrer Buhlschaft-Vorgängerin Brigitte Hobmeier. (© Salzburger Festspiele/ Anne Zeuner)

In Theaterkreisen heißt es, die Buhlschaft sei die größte kleinste Rolle – sie besteht nur aus 30 Sätzen. Was macht den Reiz dieser Figur für Sie aus? 

Obwohl es nur wenig Text ist, empfinde ich die Buhlschaft als das Pendant zum Jedermann. Eine „Jederfrau“ sozusagen. Sie verkörpert den Prototypen der Weiblichkeit. Ich finde es spannend, die Frau an sich darzustellen.

 

Was interpretieren Sie in diese Rolle?

Ich sehe so viele verschiedene Frauentypen in ihr. Da ist diese stolze, erhabene und sinnliche Frau, genauso wie ein kleines trotziges Kind, das nur feiern und Spaß haben will. Ich sehe die derbe Wirtin in ihr, aber auch die weiblich Kluge, die Empathische. Ich sehe im Grunde alle Frauen in ihr, die auch in meinem Leben existieren. Aus dem Text geht auch hervor, dass sie den Jedermann versteht und kennt, sie ist nicht nur seine Verbündete in der Ausschweifung, sondern hegt auch eine tiefe Zuneigung für ihn und merkt sofort, wenn etwas mit ihm nicht stimmt. 

 

Spielt ihr Alter eine Rolle bei der Interpretation der Buhlschaft?

Natürlich spielt eine 25-Jährige die Rolle anders als eine 35-jährige Frau. Ich verkörpere ein anderes Frauenbild und bin auf einem anderen Erfahrungsstand. Ich sehe da etwas Kindliches, einen Lolita-Beigeschmack, wenn man so will. Ich finde es wirklich toll von Sven-Eric Bechtolf, dass er jemanden auf diese Rolle besetzt, der so jung und unbekannt ist wie ich. Das ist verwegen, und ich hoffe, der Mut zum Risiko wird belohnt.

 

Oft wird die Buhlschaft hauptsächlich mit Erotik assoziiert … 

Das finde ich etwas beschränkt und es langweilt mich. Ich finde, die Erotik entsteht in dem Stück vor allem durch die Beziehung der beiden zueinander. Ich habe 2011 „Jedermann“ mit Nicholas Ofczarek und Birgit Minichmayr gesehen. Als die Buhlschaft aufgetreten ist, lag sofort ein Knistern in der Luft. Das Erotische war nicht offensichtlich, aber doch greifbar und nicht minder intensiv. Das hat mir sehr gefallen.

 

Wie verstehen Sie sich mit Cornelius Obonya, der den Jedermann seit 2013 spielt?

Er ist unglaublich nett und entspannt. Es beruhigt mich, einen so sympathischen Jedermann an meiner Seite zu wissen. Die Chemie zwischen uns stimmt.

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© Salzburger Festspiele/ katsey

Was soll Ihre Buhlschaft verkörpern?

Mir ist es wichtig, den Fokus auf die Beziehung von Jedermann und Buhlschaft zu legen. Ich will eine Verbundenheit zum Ausdruck bringen, ein Knistern kreieren. Genauso will ich aber die Liebe der Buhlschaft zur Maßlosigkeit und zum Exzess rüberbringen, ihre Gier nach dem Leben.

 

Was macht den Reiz am Jedermann aus?

Was die Aufführungen in Salzburg besonders macht, ist, dass man wirklich das Gefühl hat, die Grenze zwischen Bühne und Stadt sei durchbrochen. In dem Moment, in dem die Jedermann-Rufe von überallher kommen und die Glocken läuten, hatte ich solche Gänsehaut. Es ist, als würde sich die Stadt gegen den Jedermann verschwören. In diesem Moment habe ich verstanden, warum der Jedermann über so viele Jahrzehnte so erfolgreich ist. 

 

Nachdem Sie Ihr Studium abgeschlossen hatten, wurden Sie direkt für den „Landkrimi“ und „Mackie Messer“ in Salzburg engagiert. Ein ganz schöner Karrieresprung …

Irgendwie ist mir das einfach so passiert. Ich bin ein echter Fan von Sachen, die einem unvorhergesehen begegnen. Ich hätte mir das auch nie so ausmalen oder erträumen können. Ich freue mich auf den Domplatz.

 

Nach Birgit Minichmayr sind Sie die zweite Buhlschaft aus Oberösterreich. Kommen Sie oft in den Heimatort?

Ich habe immer wieder das Bedürfnis, die Stadt zu verlassen, daheim zwischen Feldern, Wiesen und Wäldern spazieren zu gehen und weg vom Bühnenhochdeutsch wieder den Heimatdialekt zu sprechen. Ich spüre in Linz ganz stark meine Wurzeln, die mich erden.