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People | 20.08.2018

"Blindheit ist mein Markenzeichen"

Er war der erste blinde Student an der Johannes Kepler Universität in Linz und ist nun Richter am Bundes­verwaltungsgericht: Alexander Niederwimmer (51) über die Herausforderungen des Blindseins.

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Nicht nur die Blindheit ist sein Marken­zeichen. Auch seine herzliche Art ist typisch ­für Alexander Niederwimmer. (© Andreas Röbl)

Wir treffen Alexander Niederwimmer im Rahmen einer Pressekonferenz des Blinden- und Sehbehindertenverbandes zum Interview. Seit vorigem Herbst ist der 51-jährige Jurist auch Obmann der Organisation in Oberösterreich. Weil er etwas bewegen möchte, wie er sagt. Und das könne man eben nur, wenn man selbst am Ruder ist. 

 

OBERÖSTERREICHERIN: Sie sind Obmann des Blinden- und Sehbehindertenverbandes Oberösterreich. Warum ist Ihnen dieses Engagement wichtig?

Alexander Niederwimmer: Nachdem der ehemalige Obmann im Alter von 76 Jahren nicht mehr weitermachen wollte, habe ich lange überlegt, ob ich diese Aufgabe übernehmen soll. Auf der einen Seite bin ich Richter am Bundesverwaltungsgericht, Familienvater und ehrenamtlich beim Roten Kreuz tätig. Andererseits muss man selbst am Ruder sein, wenn man etwas bewegen möchte. Mir ist zum Beispiel die Angehörigenbetreuung besonders wichtig, weil es kaum etwas in dieser Richtung gibt. Dabei ist es für die Familie genauso schlimm, wenn man erblindet. Ich weiß das aus eigener Erfahrung. Meine Mutter hat nach meinem Unfall, bei dem ich das Augenlicht verloren habe, einen Glassturz über mich gegeben. Das war alles andere als hilfreich. Was mir meine Entscheidung auch erleichtert hat, ist die Tatsache, dass sich meine Stellvertreterin Susanne Breitwieser und ich die Aufgaben im Vorstand teilen.

 

Wie geht es blinden Menschen in Oberösterreich grundsätzlich? Was ist noch zu tun?

Ich würde sagen, dass ich zum richtigen Zeitpunkt blind geworden bin. Und zwar deshalb, weil sich die Technologien rasant entwickelt haben. Mittlerweile sind Aufzüge mit Sprache versehen, sodass man im richtigen Stockwerk landet, es gibt Blinden-Fernsehen mit Audio-Deskription, Sprachsteuerung bei Handys oder auch sprechende Fahrschein-Automaten der Linz-Linien. In dieser Hinsicht tut sich viel. Was mich ärgert, ist die oft fehlende Kommunikation in der Anwendung der Gesetzgebung. Etwa beim Rotlichtprojekt des Verkehrsministeriums, das das Rechtsabbiegen bei Rot an Kreuzungen erlaubt. Das betrifft ja nicht nur uns blinde Menschen, sondern auch Kinder und ältere Menschen. Außerdem ist jeder zweite blinde oder sehbehinderte Mensch in Österreich arbeitslos, auch hier müssen wir mit besserer Bildung und der Förderung der Persönlichkeit ansetzen.

 

Bevor Sie Richter am Bundesverwaltungsgericht wurden, waren Sie viele Jahre als Jurist bei der Bundespolizeidirektion Linz tätig. Wie sehr hat Sie diese Zeit bei der Polizei geprägt?

Sehr! (lacht) Ich war 17 Jahre lang bei der Polizei und es war eine sehr lehrreiche Zeit, weil es ein toller Beruf ist. Ich war auch dort der erste deklarierte Blinde und hatte es am Anfang mit vielen Vorurteilen zu tun – etwa bei Tatortbesichtigungen. Da hieß es schon mal: Wie will denn der Blinde wissen, wie es am Tatort aussieht? Dabei kann es auch von Vorteil sein, nichts zu sehen, weil ich eine völlig andere Wahrnehmung habe. Für mich war ein Tatort wie ein weißes Blatt, das ich langsam befülle, indem ich mir die Situation genau beschreiben lasse. Und so habe ich Dinge bemerkt, die andere Kollegen vielleicht gar nicht mehr gesehen haben.

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Seit vorigem Herbst ist Alexander Niederwimmer Obmann des Blinden- und Sehbehindertenverbandes Oberösterreich. (© Andreas Röbl)

Wie ist es dazu gekommen, dass Sie auch einer der ersten blinden Richter am Bundesverwaltungsgericht geworden sind?

In Deutschland oder den Benelux-Staaten sind blinde Richter und Staatsanwälte keine Ausnahme mehr, nur bei uns hat es immer so ausgesehen, als könnten blinde Juristen keine Richter werden. Ich habe mich beworben und war dann selbst überrascht von der Entscheidung des Bundesverwaltungsgerichtes. Darum habe ich mir auch eine lange Bedenkzeit erbeten. Auf der anderen Seite ist es genau das, was ich unter Rechtsgestaltung verstehe – Recht zu sprechen unter dem Aspekt der praktischen Erfahrung. Das spiegelt sich im Richter-Dasein wider. Darum musste ich diese Chance auch wahrnehmen.

 

Sie sind mit 19 Jahren nach einem Unfall erblindet. Was ist für Sie die größte Herausforderung daran, nicht mehr sehen zu können?

Es gibt zwei Aspekte. Zum einen die eingeschränkte Mobilität. Ständig muss ich darauf achten, ob mich jemand abholen oder mitnehmen kann oder ob Öffis fahren. Ich muss das immer organisieren. Und dann ist da noch die Sache mit den Frauen. (lacht und seufzt) Dass ich sie nicht mehr sehen kann ... Insofern hat der Film „Der Duft der Frauen“ mit Al Pacino durchaus viel Realität.

 

Empfinden Sie Ihre Blindheit als Behinderung?

Was ich nicht akzeptieren kann, ist, wenn ich aufgrund meiner Blindheit nicht ernst genommen werde. Da muss ich mich manchmal schon sehr zusammenreißen ... 

 

Haben Sie es auch immer wieder mal mit Vorurteilen zu tun? Wie gehen Sie damit um?

Ich habe es immer noch permanent mit Vorurteilen zu tun, da hat sich in unserer Gesellschaft nicht viel verändert. Manche glauben, sie müssten mit mir wie mit einem geistig Beeinträchtigten sprechen. Oder sie sprechen in der dritten Person über mich. Oft konfrontiere ich die Menschen dann mit ihren Vorurteilen, packe sie mit dem Schmäh oder auch mal provokant, wenn ich mich sehr darüber ärgere.

 

 

Sie sind verheiratet und Vater von zwei Töchtern. Welche Rolle spielt Familie in Ihrem Leben?

Familie war schon immer sehr wichtig für mich, allerdings habe ich das Gefühl, dass sie seit dem Wechsel von der Polizei zum Bundesverwaltungsgericht eine noch größere Rolle spielt, weil ich bei der Polizei viele Nachtdienste und somit weniger Zeit hatte. Ich kuschle, balge und diskutiere mit meinen Kindern wie jeder andere Vater auch, obwohl ich schon ein eher strenger Papa bin (schmunzelt). Wobei auch die Kinder von meiner Blindheit betroffen sind, in der Schule zum Beispiel. Da ist noch viel Aufklärungs- und Sensibilisierungsarbeit notwendig. Ich bin kein Exot, ich bin Mensch und zufrieden mit meinem Leben. Blind zu sein ist zu meinem Markenzeichen geworden.

 

Sie sind passionierter Tänzer und Musikliebhaber. Woher kommt diese Leidenschaft für Musik?

Ich liebe Musik! Schon immer! Mein Musikspektrum, was ich gern höre, reicht von A bis Z, nur mit schwerer Klassik kann ich nicht so viel anfangen. Vor einigen Jahren habe ich mir übrigens einen Jugendtraum erfüllt und das Saxofonspielen gelernt. Wobei es gar nicht einfach war, einen Lehrer zu finden. Die Basics hat mir der Kapellmeister meiner Heimatgemeinde St. Georgen gelernt. Dann hat sich ein Kollege aus der Musikkapelle gefunden, der seitdem mit mir spielt. Mittlerweile haben wir ein zweieinhalbstündiges Repertoire, das wir spielen können, und es macht mir unglaublich viel Spaß!