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People | 27.08.2021

BACK TO THE ROOTS

Als Top-Ökonom, der scharf formulieren kann und immer für Sager gut ist, hat sich Gabriel Felbermayr einen Namen gemacht. Ab 1. Oktober 2021 wird der gebürtige Steyrer das Wirtschaftsforschungsinstitut WIFO in Wien leiten. Was ihn dazu bewogen hat, dem Institut für Weltwirtschaft (IfW) in Kiel – nach nur zwei Jahren als Präsident – den Rücken zu kehren und wie er die weltwirtschaftliche Lage derzeit einschätzt, hat uns der 45-Jährige in einem Interview erzählt.

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© WIFO/Alexander Müller

Herr Professor Felbermayr, Sie kommen wieder nach Österreich zurück, um ab 1. Oktober das WIFO zu leiten. Was hat Sie dazu motiviert?

Durch Corona ist die Einreise in meine Heimat Österreich plötzlich schwierig geworden, das war ein Grund und natürlich auch, dass das WIFO in Österreich die Nummer eins unter den Wirtschaftsforschungsinstituten ist. Hier die Leitung übernehmen zu dürfen, ist eine große Chance, die man sich nicht nehmen lässt, wenn man sie bekommt.

Wie blicken Sie auf Ihre Zeit in Deutschland zurück? Was haben Sie an Österreich am meisten vermisst?


Es sind die Österreicherinnen und Österreicher, mit ihrem speziellen Charme und manchmal auch praktischeren Ansätzen, die ich vermisst habe. Die Deutschen sind oft sehr strikt und stringent, i-Tüpferl-Reiter würde man sagen. In Österreich kann man vieles lockerer angehen und direkter lösen. Darauf freue ich mich und auch auf die kurzen Wege. Österreich ist klein und kompakt. Von Kiel nach Berlin ist es ein weiter Weg. In Wien sitzt man direkt im Zentrum.

In einer deutschen Zeitung habe ich gelesen, dass Sie das Institut für Weltwirtschaft in Kiel aus einem Dornröschenschlaf geweckt haben. Machen Sie das auch mit dem WIFO?

Nein, das muss ich nicht machen. Das WIFO war vor allem in den vergangenen fünf Jahren sehr aktiv und ist sehr präsent in der öffentlichen Debatte, das war in Kiel nicht so der Fall. Deshalb muss man das WIFO nicht wach küssen, aber man kann es ein Stück weit auf die Reise schicken, zum Beispiel nach Brüssel und nach Washington. Nicht das Wachküssen, sondern das Auf-die-Reise-Gehen ist mir wichtig.

Was werden Sie als WIFO-Chef als Erstes angehen und was sind Ihre Ziele?


Ich war jetzt etwas mehr als 20 Jahre nicht im Land und muss erst wieder die ganze österreichische Landschaft, das spezielle Ökosystem, die Sozialpartnerschaft kennenlernen und für mich neu entdecken. Und auch am WIFO muss ich erst die vielen, sehr guten und etablierten Forscherinnen und Forscher kennenlernen und herausfinden, was ich als Leiter tun kann, um diese noch produktiver zu machen und ihnen helfen, noch mehr Impact zu erzeugen. Das werden die ersten Schritte sein. Kennenlernen, sich auseinandersetzen, verstehen und darauf aufbauend Strategien entwickeln, wie man gemeinsam noch besser für die österreichische Wirtschaft und für die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer Lösungen erarbeiten kann.

Die Analyse und Prognose der wirtschaftlichen, sozialen und ökologischen Entwicklung zählt zum Leistungsspektrum des WIFO. Inwieweit ist es in Zeiten wie diesen überhaupt möglich, längerfristige Prognosen zu machen?

Das WIFO hat seine Prognosetätigkeit besonders rasch an die Unsicherheiten der Pandemie angepasst. Seriös sind Prognosen immer dann, wenn man sie gut argumentieren kann. Wenn die Unsicherheit so hoch ist wie derzeit, dann muss man in Szenarien denken. Ein Szenario wäre: Kommt eine vierte Welle oder nicht? Schafft man es ohne Lockdown? Ein zweites Szenario wäre: Was, wenn es noch einmal einen Lockdown mit all den unschönen Konsequenzen gibt? Derzeit können wir nur so arbeiten.

Coronakrise, EU-Klimapaket, brüchige Lieferketten, geopolitische Spannungen – wie sehen Sie die weltwirtschaftliche Lage aktuell?

Die weltwirtschaftliche Lage hat sich einerseits deutlich verbessert, weil man mit dem US-Präsidenten Joe Biden besser politische Geschäfte machen kann als mit seinem Vorgänger. Die diplomatischen Gespräche mit den USA sind wieder sehr gut, das hat sich schnell normalisiert. Gleichzeitig ist die Situation mit China genau gegenteilig. Dort wird es eher schwieriger und deshalb ist die Gemengelage insgesamt extrem komplex, kompliziert und gefährlich. Auch für Österreich und für Oberösterreich, da China und die USA extrem wichtige Märkte sind. Müsste man sich jetzt in der Zusammenarbeit für China oder die USA entscheiden, dann wäre das für Österreich und für ganz Europa eine schwierige Angelegenheit. Daher muss man in Österreich und auch in den Wiener Ministerien viel stärker geostrategisch denken und das ist neu. Das müssen wir erst wieder lernen. Aber ich glaube, dass wir in Wien und in Österreich dafür ganz gute Anlagen haben.

Die Versorgungsengpässe infolge der Coronakrise haben in der EU die Diskussion über eine stärkere wirtschaftliche Eigenständigkeit und die Rückverlagerung der Produkte befeuert. Inwieweit ist dieses Streben nach wirtschaftlicher Autonomie tatsächlich eine Lösung?

Als allgemeines Rezept taugt das Streben nach wirtschaftlicher Autonomie nicht. Man hat ja nicht aus Dummheit gewisse Fertigungsschritte ins Ausland verlagert, sondern weil man es sehr viel günstiger oder konzentrierter machen kann. In diesem Fall würde die Idee, alles in Europa oder in Österreich selber zu machen, dazu führen, dass vieles sehr viel teurer werden würde. Auch das, was den Österreichern so wichtig ist, wie etwa das Handy – somit ist das keine Lösung. Aber man muss sich bei kritischen Produkten, etwa in der Medizin fragen, ob die Verträge, die man mit den Pharmaherstellern laufen hat, gut genug sind. Sind darin, falls ein Hersteller nicht liefern kann, passende Absicherungen wie Vertragsstrafen enthalten? Der Gesundheitssektor ist sehr stark reguliert. Wenn in den ausverhandelten Verträgen stärker auf eine Lieferzuverlässigkeit abgestellt wird, dann werden die Unternehmen alles dafür tun, dass sie auch immer liefern können. Sie werden in Europa mehr Lager halten und vielleicht nicht nur von einem einzigen Hersteller kritische Rohstoffe beziehen. Denn wenn sie nicht liefern können, würden empfindliche Vertragsstrafen fällig.

Wie ist das aktuell?

Bisher wurde vor allem auf günstige Preise geachtet. Das muss sich ändern, was auch schon passiert. Auch die Industrie hat gesehen, dass, wenn Rohstoffe fehlen, auch Umsätze und Gewinn wegfallen. Das heißt, die Unternehmen werden sich gut anschauen, was es kostet, sich besser abzusichern und sich breiter aufzustellen. Dazu brauchen wir nicht den Staat, der irgendeine Kommission gründet, die alles besser weiß, sondern man muss an den Rahmenbedingungen arbeiten, sodass die Unternehmen in der Lage sind, gut mit den Risiken umzugehen.

Das Einbrechen globaler Lieferketten bedeutet Preisanstiege bei uns. Wie sehr sind wir jetzt schon davon betroffen? Um welche Produkte handelt es sich und was wird da noch auf uns zukommen?

Da gibt es unterschiedliche Treiber. Wichtig ist, dass wir jetzt weltweit und auch in Österreich in einem wirtschaftlichen Aufschwung sind. Plötzlich steigt die Nachfrage wieder und weil man diesen schnellen Aufschwung nicht erwartet hat, wurden während der Krise Kapazitäten aus dem Markt genommen. Zum Beispiel haben die Stahlhersteller, vor allem in China, Kapazitäten herausgenommen und die Containerschiff-Reedereien haben Bestellungen storniert. Das ist das eine. Das andere ist, dass wir bei manchen Rohstoffen einen sogenannten Rohstoff- Supercycle bekommen werden. Kupfer werden wir zum Beispiel für die Energiewende in großem Ausmaß brauchen. Es ist in jedem Elektroauto, Handy und überall dort, wo wir Elektronik haben, drinnen. Das bedeutet, dass diese Rohstoffe langfristig teurer bleiben werden und auch eine Wirkung auf den Preis haben. Auch die Klimapolitik gib es nicht zum Nulltarif. Energie wird wahrscheinlich am Ende teurer sein.

Im EU-Klimapaket geht es darum, in den nächsten 30 Jahren die europäische Wirtschaft vollkommen zu dekarbonisieren. Wie wird sich eine stark steigende CO2-Bepreisung auf die Wirtschaft und auch auf jeden Einzelnen von uns auswirken?

Sie ist in jedem Fall ein zentrales Instrument, in der Industrie und beim Strom gibt es sie schon. Jetzt müssen wir in Österreich in den Bereichen Wohnen und Verkehr, wo wir noch keine CO2-Bepreisung haben, nachziehen. In der Landwirtschaft wird die CO2-Bepreisung nicht sehr weit kommen, denn jede Kuh produziert beim Verdauen das Klimagas Methan. Das zu bepreisen wird schwierig (lacht). Aber dort, wo es geht, ist ein CO2-Preis ein wichtiges Instrument.

 

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© WIFO/ Alexander Müller

Wird ein CO2-Preis ausreichen?

Nein, man wird auch mit Subventionen arbeiten müssen, um die saubere Energie erschwinglich zu machen. Es macht keinen Sinn, wenn man Diesel, Benzin oder Gas sehr teuer macht, gleichzeitig aber auch der Strompreis steigt. In so einem Fall hätten wir keine Lenkungswirkung mehr, denn das „saubere“ Auto muss ja in Relation zum „schmutzigen“ Auto billiger werden. Deutschland macht momentan vor, wie es nicht geht. Die CO2-Bepreisung wurde eingeführt und der Strompreis ist gestiegen. Deshalb darf man nicht nur den CO2-Ausstoß bepreisen, sondern man muss auch fragen, ob die Alternativen erschwinglich bzw. überhaupt vorhanden sind. Und dazu braucht es die öffentliche Hand, denn wir brauchen entsprechende Investitionen, Stromleitungen, den Ausbau der Erneuerbaren und auch Subventionen für diese saubere Energie, sonst wird es am Ende für die Menschen nur teurer und die Klimapolitik wird nicht erfolgreich sein können.

Ist das EU-Klimapaket Ihrer Ansicht nach, ein Schritt in die richtige Richtung? Sollte das Ganze nicht global gesehen werden?


Das ist die ganz große Krux bei der Sache. Die EU ohne das Vereinigte Königreich emittiert ja nur acht Prozent der weltweiten CO2-Emissionen, in Österreich reden wir über Promille. Das ist nicht zu leugnen und die Klimaaktivistinnen und -aktivisten hören gar nicht gerne, dass wir alleine nicht in der Lage sind, das Klima zu retten. Aber das ist die Realität. Deswegen haben wir in Kiel intensiv für die Idee eines globalen Klimaclubs geworben. In dem sich Länder zusammenschließen, die bereit sind, voranzugehen. Dazu braucht man unbedingt die USA, aber auch Kanada, Australien, Neuseeland und wenn möglich auch China, um gemeinsam einen CO2-Mindestpreis einzuführen. All jenen, die nicht mitmachen, muss man sich mit einem CO2-Grenzausgleich entgegenstellen.

Wie könnte dieser aussehen?

Güter, die zum Beispiel von Ländern nach Europa kommen, die nicht im globalen Klimaclub Mitglied sind, werden mit einem zusätzlichen Klimabeitrag belastet. Somit würde man verhindern, dass unser Stahl durch den Klimaschutz teurer und der ausländische Stahl von den Trittbrettfahrern, die noch nichts fürs Klima machen, günstiger wird. Das Umzusetzen wird unglaublich schwierig, aber ein Alleingang wäre gefährlich.

 

 

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© WIFO / Alexander Müller

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