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People | 16.02.2022

AVATAR MIT KITEBOARD

Wenn er im virtuellen Raum als Avatar unterwegs ist, erkennt man ihn an seinem Kiteboard. Die Rede ist von Alfred Weidinger. Seit zwei Jahren ist der 60-jährige Museumsmanager wissenschaftlicher Direktor der Oberösterreichischen Landesmuseen. Mit seinem Fokus auf virtuelle Kunst bringt er frischen Wind in die Kunstszene des Landes. Wie der Stand der Dinge im Bereich digitaler Kunst aktuell hierzulande ist, ob es sich bei NFTs um einen kurzfristigen Hype handelt und warum er selbst in digitale Kunst investiert, hat uns Alfred Weidinger im Interview erzählt.

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Foto: Hubertus von Hohenlohe

Im Vorjahr ging beim Auktionshaus Christie‘s eine NFT-Datei mit 5.000 digitalen Bildern des Grafikers Mike „Beeple“ Winkelmann für einen Endpreis von rund 69 Millionen US-Dollar an einen Bieter. Seit sie für derart gigantische Summen die Besitzer wechselt, wirft Digitalkunst als „Non-Fungible Token“ Fragen auf. Nun ergründen die ersten Museen das Phänomen aus der Blockchain und stellen digitale Kunst in virtuellen Museen aus. Ganz vorne mit dabei ist auch das Francisco Carolinum in Linz, das man seit April 2021 auch im Metaverse „Cryptovoxels“ besuchen kann.

Virtuelles Museum in Linz. Alfred Weidinger setzt sich schon seit Langem mit Kunst und Kultur im digitalen Raum auseinander und bringt sein Interesse an Neuen Medien auch in Linz und hier vor allem im Francisco Carolinum ein. Mit der Schau „BE NICE. To yourself. To your ideas. To your NFT“ hat das Linzer Museum im Vorjahr erstmals im virtuellen Raum ausgestellt. Genauer gesagt im Metaverse „Cryptovoxels“ – das Museum DFC, Digital Francisco Carolinum, liegt an der 17 Clarion Alley auf der Insel San Francisco. Wie man dorthin kommt? Computer einschalten, www.cryptovoxels.com/parcels/4650 eingeben und durch das virtuelle Museum wandern.

Herr Weidinger, seit wann setzen Sie sich mit Kunst und Kultur im digitalen Raum auseinander?

Bereits sehr lange. Ich war immer schon stark an digitalen Medien interessiert und habe von der elektrischen Schreibmaschine bis hin zum Computer in den vergangenen 40 Jahren alles mitgemacht. 2010 habe ich meinen Twitteraccount angelegt, und wenn man sich mit digitalen Medien auseinandersetzt, ist es klar, dass man in diesem Bereich auch Fuß fasst. Außerdem beschäftige ich mich intensiv mit Medienkunst und tausche mich regelmäßig mit KünstlerInnen und Kollegen, wie etwa Peter Weibel vom ZKM in Karlsruhe, aus.

Wie ist der Stand der Dinge im Bereich digitaler Kunst und Kultur in Österreich?

Wir hinken in Österreich sehr weit nach, sind aber keine Ausnahme, in Deutschland ist es ähnlich. Das liegt daran, dass Kunstinstitutionen generell langsam und skeptisch sind, was ja grundsätzlich in Ordnung ist. Langsam kommt allerdings etwas Bewegung rein. Die erste Skepsis scheint nun überwunden und Kunstinstitute beginnen, sich mit der neuen Facette der digitalen Kunst auseinanderzusetzen.

In Linz gibt es seit dem Vorjahr das digitale Francisco Carolinum. Wie funktioniert das und wie wird es angenommen?

Zum einen haben wir eine fixe Programmschiene, also Ausstellungen, die sich permanent mit digitaler Kunst auseinandersetzen. Derzeit in erster Linie mit NFTs und dem Metaversum. Dazu bereiten wir gerade zwei epochale Ausstellungen vor. Da wir uns sehr früh damit beschäftigt haben, sind unser Wissenstand und auch unsere Reputation sehr hoch. Zum anderen sind wir weltweit das erste Museum, das mit Markus Reindl einen eigenen Kurator für den Bereich Metaversum angestellt hat. Überdies haben wir in der virtuellen Welt „Cryptovoxels“ ein Grundstück gekauft und darauf ein Museum errichtet, wo wir auch regelmäßig ein Ausstellungsprogramm bieten.

Wie darf man sich das vorstellen?

Im Kunstbereich sind derzeit vor allem „Cryptovoxels“ und auch „Decentraland“ relevant. Wir haben uns für „Cryptovoxels“ entschieden, weil wir glauben, dass es das zeitgemäßere Medium ist. 

Wie schwierig ist es für den Benutzer, sich in „Cryptovoxels“ zurechtzufinden?

Für den User ist „Cryptovoxels“ völlig barrierefrei. Man braucht kein Wissen über Bitcoin oder Ethereum haben. Wenn man dem Link auf unserer Homepage vom Francisco Carolinum folgt, kommt man direkt in unseren Ausstellungsraum. Die Navigation ist Übungssache, aber wenn man sich eine halbe Stunde darin bewegt, ist es wie ein ganz normaler Museumsbesuch.

Wie viele digitale Museen gibt es mittlerweile?

Unzählige. Gerade auf „Cryptovoxels“ wird auf Kunst & Art-Galleries ein großer Fokus gelegt. Auch Theaterhäuser und Bibliotheken haben bereits Grundstücke gekauft, und die großen Museen ziehen nach. Ich denke, wir waren weltweit das erste öffentliche Museum, das virtuelles Land erworben und darauf ein Museum errichtet hat. Inzwischen ist das San Francisco Museum of Modern Art nachgezogen und hat neben uns ein großes Grundstück gekauft. Wenn sich in einem bestimmten Stadtviertel Galerien ansiedeln, dann wird das auch für die Community immer spannender. Die Nachfrage bestimmt den Preis und die Grundstückspreise steigen. Das funktioniert wie im realen Leben. Daher glaube ich, dass derzeit ein Gentrifizierungsprozess stattfindet und wir ein Teil davon sind.

Werden für den digitalen Raum eigene Kunststücke erschaffen?

Ja, wir haben bereits zahlreiche Formate ausprobiert. Eines ist zum Beispiel, dass man ein ganz normales NFT nimmt und virtuell im Museum platziert. Unser Bestreben ist, das wir internationalen Künstlerinnen und Künstlern Raum für Ausstellungen bieten. Im besten Fall generieren wir diese vollkommen neue Kunstwerke explizit für diesen Raum. Auch das ist kein Unterschied zur analogen Welt.

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Wir haben die virtuelle Ausstellung zum Projekt „VOICE GEMS“ im Digital Francisco Carolinum (DFC) besucht und festgestellt, dass man sich wirklich schnell zurechtfindet. Probieren Sie es einfach: QR-Code scannen und durch das Museum wandern.

Wie kann ein Maler, der analog ein Bild malt, dieses im virtuellen Raum ausstellen?

Das Gemälde wird zuerst in digitaler Form fotografiert. Dann werden die Bilddaten über eine frei wählbare Kunstplattform im Zusammenspiel mit der Blockchain-Technologie und einem bestimmten Code tokenisiert. Das Ergebnis ist das bekannte Kunst-NFT, das nun verkauft, im eigenen Wallet gehostet oder für digitale Ausstellungen verwendet werden kann. Wohlgemerkt ist das die einfachste Form für die Erstellung eines NFT.

Können Sie hier ein Beispiel nennen?

Mit unserer virtuellen Ausstellung zum Projekt „VOICE GEMS“ sind wir im High-End-Bereich. Dabei werden aus Wortspenden digitale und physische Skulpturen in Form von einzigartigen NFTs erzeugt. Daraus entsteht ein umfassendes Archiv, das Momente und Äußerungen festhält. Die Farben und Struktur der virtuellen „Edelsteine“ werden in Echtzeit aus Sprachdaten und Aufnahmen generiert und bewegen sich im Grenzraum zwischen menschlicher Nähe und der Anonymität des Internets. Der nächste Schritt ist die Partizipation, und auch diesbezüglich gibt es bereits namhafte Künstler. Das Werkzeug NFT ist noch lange nicht ausgereizt.

Wie kann ein Künstler ein Kunstwerk als NFT verkaufen, wie geht man da vor?

Dafür gibt es professionelle Plattformen bzw. Marktplätze, wie zum Beispiel „OpenSea“ oder „Foundation“. Der Künstler kann das NFT launchen und Interessenten können es erwerben.

Wie gehe ich vor, wenn ich digital ein Kunstwerk produziere und dieses virtuell anbieten will?

Zuerst legen Sie ein Kryptowährungskonto an, damit verbunden ein Wallet, und dort stellen Sie Ihr tokenisiertes Kunstwerk rein. Wenn Sie es verkaufen wollen, stellen Sie es zum Beispiel in die Plattform „OpenSea“ und legen einen Preis fest. Wenn ich dann zum Beispiel Ihr Kunstwerk kaufe, bin ich der Eigentümer, und es wandert von Ihrem in mein Wallet. Ich kann das Kunstwerk jederzeit weiterverkaufen. Und hier kommt nun der Meilenstein, wo das Digitale das Analoge abhängt. Denn wenn ich das Kunstwerk weiterverkaufe, bekommen auch Sie als Erschaffer einen Anteil des Verkaufserlöses. Das ist extrem positiv und etwas, wovon die zeitgenössischen Künstler in der Analogwelt nur träumen können, sie bekommen nämlich keinen Cent.

Inwieweit ist das Ganze rechtlich ausgereift und inwieweit werden Sammler künftig in digitale Kunstwerke investieren?

Als wir im April mit unserem virtuellen Museum begonnen haben, haben wir festgestellt, dass die Künstlerinnen und Künstler noch gar nicht so weit sind, zu entscheiden, was man mit dem Digitalisat (Anm. d. Red.: durch Digitalisierung entstandenes Produkt) machen kann. Deswegen haben wir uns die Schönherr Anwälte aus Wien zur Unterstützung geholt. Wenn man ein NFT von einem Künstler kauft, kann dieser bestimmen, wo, in welcher Größe und Qualität es ausgestellt werden darf. Das Original des Kunstwerks hat man immer am Stick, den Code in einem Kuvert versiegelt. Allmählich müssen wir uns davon verabschieden, dass ein Kunstwerk nur im analogen Raum verfügbar ist. Meine Tochter ist 23 Jahre alt, und ich bin mir nicht sicher, ob sie sich noch ein Bild aufhängen wird. Inzwischen habe ich gelernt, dass junge Menschen ihre Kunstsammlung in digitaler Form bevorzugen. Sie können sich nicht vorstellen, wie viele junge Leute bereits eine eigene digitale Kunstsammlung besitzen.

Ich stelle mir vor, dass unzählige Menschen Kunstwerke und Produkte in den virtuellen Raum stellen. Wie behält man den Überblick, wie trennt sich die Spreu vom Weizen?

Natürlich gibt es eine große Fülle, aber wie in der analogen Welt setzt sich auch virtuell das durch, was interessant ist oder als interessant empfunden wird. Es heißt immer, dass NFTs reine Spekulationsgeschichten sind, was durchaus auch stimmen mag. Aber es gibt eine Generation, die das sehr ernsthaft betreibt und eine Sammlung von digitaler Kunst anlegen und verwahren will. Auch das kann man eins zu eins in die reale Welt übertragen, denn Spekulation hat es immer schon gegeben.

Handelt es sich bei den NFTs um einen kurzfristigen Hype oder werden sie sich in der Kunstwelt etablieren?

 

Lesen Sie die ganze Geschichte in der aktuellen Ausgabe des "OBERÖSTERREICHERS"! 

 

ZUR PERSON

Prof. Mag. Dr. Alfred Weidinger (61) ist ein österreichischer Kunsthistoriker, Museumsmanager, Fotograf und seit 1. April 2020 Geschäftsführer der OÖ Landes-Kultur GmbH. Zuvor leitete er von 2017 bis 2020 das Museum der bildenden Künste Leipzig und war Vizedirektor an der Albertina und am Belvedere in Wien. Alfred Weidinger lebt am Attersee in Oberösterreich.