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People | 05.12.2016

Aus der Burka auf den Laufsteg

Am 7. Dezember kommt Topmodel Zohre Esmaeli im Rahmen des „Zukunftsforums Arbeitsmarkt 2016“ ins WIFI nach Linz und wird dort einen Vortrag über multikulturelle Zusammenarbeit in Unternehmen halten. Im Interview erzählt die 27-jährige Schönheit, warum Modeln alleine schon lange nicht mehr ihre Erfüllung ist.

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© privat

Vom Flüchtlingskind zum Topmodel: Im Alter von 13 Jahren flüchtete Zohre Esmaeli mit ihrer Familie von Afghanistan nach Deutschland, wo sie bei einem Einkaufsbummel als Model entdeckt wurde. Ein Testshooting wurde zum Erfolg und der Start in eine großartige Modelkarriere. Es folgten Aufträge in New York, Paris und Mailand und Zohre war in sämtlichen Mode- und Life-Style-Magazinen wie Vogue, Elle, Madame, Instyle oder Marie Claire zu sehen. Doch auf ihrem Weg in die Freiheit musste die junge Frau nicht nur aus ihrer Heimat, sondern auch vor ihrer Familie flüchten.

 

Sie sind in Kabul unter dem Terrorregime der Taliban aufgewachsen und mit 13 Jahren mit Ihrer Familie aus der Heimat geflüchtet. Durften Sie in Afghanistan zur Schule gehen?

Zohre Esmaeli: Während die Taliban regierten, wurden die Schulen geschlossen. Kinder übernehmen in Afghanistan früh Verantwortung. Meine Brüder haben zum Beispiel freiwillig auf der Straße Kaugummis und Zi-garetten verkauft, um meine Familie finanziell zu unterstützen. Ich musste damals viel im Haushalt helfen. Zum Glück konnte ich mich bei meinem Vater durchsetzen und ein Lehrer unterrichtete mich mehrmals die Woche zu Hause.

 

Waren Sie seit Ihrer Flucht wieder einmal in Afghanistan?

Nein, leider nicht.

 

Die Flucht nach Deutschland dauerte sechs Monate und war sehr kräfteraubend. Haben Sie sich von Anfang an in Deutschland wohl gefühlt?

Wir hatten auf der Flucht ein Ziel vor Augen, und das war Deutschland. Das Land hatte in Afghanistan einen guten Ruf, es hieß, man könnte dort frei und sicher leben. Natürlich war es am Anfang schwierig und ich habe mich wegen der Sprachbarriere nicht immer wohl gefühlt. Die ersten drei bis vier Jahre waren nicht einfach, dennoch fand und finde ich es immer noch toll, in Deutschland zu sein.

 

Ihre Familie konnte Ihren Freiheitsdrang nicht akzeptieren. Als Sie schon in Deutschland waren, haben Sie Ihre Familie verlassen und sich bei einem Freund versteckt. War das rückblickend gesehen die richtige Entscheidung?

Rückblickend war es auf jeden Fall die richtige Entscheidung und ich stehe zu hundert Prozent dahinter. Damals war ich mir allerdings nicht sicher, ob es richtig war.

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Bis zu ihrem 13. Lebensjahr lebte Zohre in Afghanistan. (© privat)

Haben Sie heute wieder Kontakt zu Ihrer Familie? Wenn ja, sind Ihre Eltern, Geschwister stolz auf Sie?

Ja, ich habe Kontakt zu meiner Familie. Ich kann nicht erwarten, dass sie stolz auf mich sind, weil wir sehr unterschiedliche Vorstellungen von Stolz haben. Ich bin jedoch glücklich, dass sie das, was ich mache, akzeptieren.

 

Mit 16 Jahren wurden Sie als Model entdeckt. Ist damit ein Traum in Erfüllung gegangen?

Als ich 16 Jahre alt war, wollte ich eigentlich Flugzeugingenieurin werden. Es war nie mein Traum, Model zu werden, weil ich gar nicht wusste, was ein Model ist. In Afghanistan gibt es diesen Job nicht. Da funktionierte Werbung nur über Mundpropa-ganda, und auch in Magazinen gab es keine Kleidungspräsentation an Menschen.

 

Modeln hat ein Ablaufdatum. Was wollen Sie nachher machen?

In Deutschland kann man zum Glück sehr lange als Model arbeiten, vor allem, wenn man Jobs im kommerziellen Bereich hat. Aber Modeln alleine erfüllt schon lange nicht mehr mein Leben. Ich engagiere mich in sozialen Projekten wie dem Verein „Afghanistan, Hilfe, die ankommt e.V.“ und habe einen „Zohre Esmaeli-Fond“ unter der Schirmherrschaft der Bürgerstiftung Berlin gegründet. Darunter läuft unter anderem das Projekt ‚Culture Coaches‘“, das künftig die Integration von Immigranten durch beiderseitiges kulturelles Verständnis erleichtern soll. Außerdem gründe ich gerade mein eigenes Unternehmen.

 

Wie geht es Ihnen, wenn Sie von den Schicksalen der vielen Flüchtlinge, die derzeit weltweit unterwegs sind, hören?

Es erinnert mich natürlich an meine eigene Zeit. Welche Hoffnungen und Schmerzen es mir bereitet hat, meine Vergangenheit los- und meine Heimat zurücklassen zu müssen, auf dem Weg in ein neues Leben.

 

Sie sind Anti-Diskriminierungsbotschafterin in Deutschland. Wie kann Ihrer Meinung nach Integration von beiden Seiten her gelingen?

Man muss die Flüchtlinge und die Gesellschaft viel intensiver auf ein Zusammenleben vorbereiten. Beide Seiten müssen sich beteiligen, um ein Verständnis füreinander zu entwickeln. Eine Lockerung der Arbeitserlaubnis würde vielen Flüchtlingen bei der Integration helfen. Davon würden beide Seiten profitieren. Immigranten müssen gleiche Chancen haben, um am gesellschaftlichen Leben teilhaben zu können. Auf der anderen Seite müssen sie aber auch bereit sein, sich aktiv in der Gesellschaft zu beteiligen.

 

Am 7. Dezember werden Sie beim „Zukunftsforum Arbeitsmarkt“ in Linz einen Vortrag über multikulturelle Zusammenarbeit im Unternehmen halten. Wie kann diese gelingen?

Multikulti bedeutet für mich Verständnis, Toleranz und Akzeptanz. Wenn man diese Punkte in seinen Arbeitsalltag integriert, gelingt auch eine multikulturelle Zusammenarbeit. Mehr verrate ich in meinen Vorträgen.

 

Haben Sie nach Ihrer schwierigen Kindheit und Jugend Ihr Glück gefunden?

Glück kommt nicht von allein,  aber ich tue etwas dafür und bin sehr glücklich mit dem, was ich mache.


Zukunftsforum Arbeitsmarkt 2016:

Migration und Fachkräftesicherung im Brennpunkt

Der Standort Oberösterreich ist international: Die Unternehmen sind exportorientiert, Menschen aus über 160 Nationen arbeiten bereits in OÖ. Um dem steigenden Fachkräftemangel zu begegnen, muss der Standort attraktiv für Spitzenkräfte sein. Gleichzeitig gilt es, das Potenzial von Asylberechtigten zu nutzen. Was eine proaktive Arbeitsmarktpolitik dazu beitragen und wie sie Unternehmen bei ihren Integrationsbemühungen unterstützen kann, ist Thema beim Zukunftsforum Arbeitsmarkt 2016 der oö. Wirtschaftsagentur Business Upper Austria am 7. Dezember in Linz.

Topmodel Zohre Esmaeli, AMS-OÖ-Landesgeschäftsführer Gerhard Straßer, Bruno Klampferer, Greiner Packaging GmbH, Leiter Ausbildungszentrum, und HR-Managerin Bettina Rimpfl, BRP-Rotax, diskutieren am Podium mit Wirtschafts-Landesrat Michael Strugl.

Infos & Anmeldung: www.biz-up.at