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People | 23.11.2020

Angst vor einem ungelebten Leben

Petra Ramsauer hat 22 Jahre lang aus Kriegs- und Krisengebieten berichtet. Sie weiß, wie sich Angst anfühlt. In der Covid-Krise hat sie ein Buch darüber geschrieben, wie sie es geschafft hat, Angst auszuhalten.

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© Jacqueline Godany, privat

Sie ist Nahost-Expertin und war für ihre Berichte in vielen Krisen- und Kriegsgebieten. In Syrien, Libyen, im Irak. Ihre Angst war für Petra Ramsauer (51) dabei immer ein wichtiger Gradmesser. Wenn sie das Gefühl hatte, damit richtig zu liegen, hat sie Recherchen auch abgebrochen. Die gebürtige Vöcklabruckerin hat gelernt, mit Angst umzugehen. Ihre Erfahrungen und persönlichen Erlebnisse – im Alter von 27 Jahren wurde eine schwere Tumorerkrankung bei ihr diagnostiziert – hat Ramsauer jetzt in dem Buch „Angst“ zusammengefasst. 

 

OBERÖSTERREICHERIN: „Haben Sie denn keine Angst?“ Diese Frage wurde Ihnen als Kriegs- und Krisenreporterin oft gestellt. Was wäre passiert, wenn Sie tatsächlich keine Angst gehabt hätten?

Petra Ramsauer: Ich kann es nur von Kollegen sagen, die angstfrei, teilweise  fahrlässig, gearbeitet haben. Da sind mitunter große Probleme aufgetaucht, die mir aber nur erzählt wurden. Es gibt Verhaltensweisen im Feld, die man nicht anwenden sollte. Besonders während der Anfangsjahre der Balkankrise hat sich das gezeigt. Durch die Nähe zu
Europa hat man nur ein Busticket gebraucht. Tatsächlich hat es Kollegen gegeben, die sehr unvorbereitet dorthin gereist sind und sich – warum auch immer – angstfrei gefühlt haben. Für mich war die Angst immer ein wichtiger Gradmesser und ich habe mir den Luxus erlaubt,  wenn ich das Gefühl hatte, die Angst liegt richtig, eine Recherche auch abzubrechen.

Wie oft hat Ihnen Ihre Angst womöglich sogar das Leben gerettet?

Ich denke, dass ich oft in brenzligen Situationen gar nicht gemerkt habe, dass sie brenzlig waren. Ich gehe davon aus, dass ich die gefährlichsten Situationen meiner Karriere gar nicht als solche wahrgenommen habe. Und es gibt natürlich diesen Schutzpanzer, den man sich zulegt. Man versucht, sich die ständigen Gefahren gar nicht zu vergegenwärtigen. Das ist in diesem Job sehr relevant. Wobei ich meine Aufenthalte in Aleppo, als die Stadt noch umkämpft war, zuletzt ganz kurzgehalten habe. Andere Kollegen sind länger geblieben. Das war nichts für mich. Ich habe aus Syrien auch keine Liveberichte gemacht, weil ich Angst hatte, dass das Signal meines Satellitentelefons geortet werden könnte. Diese Entscheidung ist mir nicht leichtgefallen, weil Live-Einstiege aus einem Krisengebiet genau das sind, was man machen möchte. Tragische Umstände, die zum Tod von Kollegen geführt haben, waren für mich immer eine Lehre, das nicht zu tun. Das hat mir schon sehr leid getan, das muss ich  zugeben.

Hätte zu viel Angst Sie gelähmt und in Ihrer Arbeit in einem Krisengebiet gehindert?

Wenn man sich ständig irgendwelche Untergangsszenarien ausmalt, dreht man in so einem Setting durch. Da kann einfach viel zu viel schiefgehen. Man kann eben nur bis zu einem gewissen Grad Sicherheit schaffen. Wenn ich andauernd nur darüber nachdenke, was passieren kann, werde ich nervös, fahrig und flatterig. Eine diffuse Angst macht sich breit. Doch gerade in Situationen, in denen es um viel geht, muss man ruhig sein. Dieses Gefühl kenne ich vor der Abreise in eine Krisenregion. Dann fange ich an, alles gleichzeitig zu machen, und das ist der Punkt, an dem es für mich sehr wichtig ist, bewusst Stopp zu sagen. Ansonsten fahre ich mit halbem Gepäck in den Krieg und dann kann ich gleich wieder umdrehen. Meistens fällt diese Unsicherheit in dem Moment, in dem ich die Grenze überschreite, und ich werde völlig ruhig. Es ist, als würde sich ein Schalter umlegen.

Gibt es so etwas wie ein Ritual, das Ihnen hilft, ruhig zu bleiben?

Was ich mir in den Irak-Kriegsjahren angewöhnt habe – auch mitten in Bagdad oder Aleppo – ist, nicht bis in die Nacht zu arbeiten, sondern abends zum Beispiel zu lesen. Das holt mich total herunter. Das ist mein Rat für alle, die in die Angstspirale geraten, nicht schlafen können und ständig grübeln. Ich habe auch einen Meditations-Podcast, den ich mir in die Ohren hänge und damit schlafe – besonders wenn ich in einem Kriegsgebiet bin. Es ist wichtig, dass ich gut schlafe und am nächsten Tag ausgeruht bin. Egal, ob man in Bagdad oder Bad Aussee ist: Es ist immer wichtig, diese Oasen zu schaffen, in denen man sich sicher fühlt. Dafür muss jeder eine Technik finden, die für ihn selbst passt.

Sie sind schon früh mit Angst konfrontiert worden, als Sie im Alter von 27 Jahren eine schwere Tumorerkrankung hatten. Sie schreiben, dass diese Erfahrung ihr Leben sehr zum Guten verändert habe und wir alle uns der Tatsache stellen sollten, dass wir zerbrechliche Sterbliche sind. Angst solle nicht der Tod machen, sondern ein ungelebtes Leben. Was ist in Ihren Augen ein ungelebtes Leben?

Ein ungelebtes Leben ist eines, in dem ich laufend versuche, jedes Risiko zu vermeiden, jeder Veränderung aus dem Weg zu gehen, um ganz sicher zu sein und nirgendwo anzuecken. Wo ich auf Dinge verzichte, die mir unglaublichen Spaß machen würden, weil ich dafür aus meiner Komfortzone herausmüsste. Das sind zum Beispiel Beziehungen, in denen man bleibt, weil es bequem und vorhersehbar ist – obwohl es einem gar keine Freude mehr macht. Stärker als meine eigene Erkrankung hat mich der Tod meines ehemaligen Lebensgefährten geprägt. Zum Zeitpunkt seines Todes waren wir kein Paar mehr, aber sehr eng befreundet. Er war ein hochbegabter Mann in vielen Bereichen. Diese Hochbegabung hat ihn aber gelähmt, weil er sich für nichts entscheiden konnte. Das, was er sich im Leben erträumt hat, hat er nicht einmal ansatzweise verwirklicht. In seinem zweijährigen Todeskampf hat er so sehr gelitten, weil er unbedingt leben wollte, um die Dinge erledigen zu können, die ihm wichtig gewesen sind. Er dachte, er hätte ja noch so viel Zeit! 

 

 

 

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© Jacqueline Godany, privat

Man soll also nichts im Leben aufschieben?

Ja genau, das ist der größte Irrtum – zu glauben, dass man unendlich Zeit in seinem Leben hat und Dinge deshalb immer wieder aufschiebt. Mir hat das vor Augen geführt, welche unglaublichen Qualen das zufolge haben kann. Meine eigene Diagnose war über Phasen auch sehr besorgniserregend, aber es ist gut ausgegangen. Das war und ist ein großes Geschenk, das ich immer mehr wertschätze. Wenn man sozusagen eine zweite Chance bekommt, denn ich war zu dem damaligen Zeitpunkt auf dem besten Weg, mein Leben zu verpassen.

Warum hätten Sie Ihr Leben verpasst?

Ich war schon sehr früh eine gut verdienende Redakteurin beim Kurier und für die Bereiche Umwelt und Bildung zuständig, obwohl ich eigentlich Außenpolitik-Redakteurin werden wollte. Ich habe aber relativ früh gemerkt, dass ein Ressortwechsel schwierig werden würde. Also habe ich mit dem Gedanken gespielt, Kinder zu bekommen und ein „normales“ Leben zu führen, weil es bisher ja eh recht gut gelaufen ist. Nach meiner Erkrankung habe ich mich nicht mehr getraut, so weiterzumachen wie bisher – als wäre nichts geschehen. Das hat mir vor Augen geführt, dass das Leben wertvoll ist und ich es so nutzen sollte, wie ich es mir wünsche. Das gilt bis zum heutigen Tag. Die Entscheidung, auch jetzt beruflich etwas Neues zu machen, ist immer noch dem geschuldet, nicht abzuwarten. Und ich spüre in den ersten Monaten der intensiven Ausbildung, dass sie mir wirklich Freude macht und jetzt besser zu mir passt als etwas anderes.

Was werden Sie nach 22 Jahren als Kriegs- und Krisenreporterin machen?

Ich habe mir eine kleine Auszeit erwirtschaftet und die erste Phase davon überraschend in mein neues Buch „Angst“ investiert, was sich als gute Entscheidung herausgestellt hat. In der Zwischenzeit habe ich auch mit der Psychotherapie-Ausbildung begonnen. Mein Berufswunsch wäre, als Expertin für Traumatisierungen zu arbeiten. Ich möchte gern für Menschen da sein, die gerade eine schwere Krise überstanden haben. Die jemanden brauchen, der sie auf diesem Weg unterstützt – etwa nach einem schweren Verlust. Außerdem möchte ich meine politikwissenschaftliche Expertise in die Frage integrieren, wie man ein Land und dessen Bevölkerung nach einem Konflikt in Richtung Stabilität bringt. In so vielen Ländern habe ich gesehen, dass psychische Gesundheit in der gesamten Gesellschaft viel zu wenig beachtet wird. Ich kann das tollste Friedensabkommen ausarbeiten, wenn aber die Menschen tief traumatisiert sind, wird es immer schwierig bleiben. Ein schöner Beruf wäre für mich, solche Programme oder Post-Konflikt-­situationen zu begleiten. Wobei ich nicht sagen kann, was mir im Laufe dieser Ausbildung vielleicht noch einfällt und wo sich mein Interesse festhakt. Ich fühle mich sehr inspiriert (lächelt).

Für wen haben Sie Ihr Buch „Angst“ geschrieben?

Eigentlich haben die Leserinnen und Leser das Buch selbst bei mir bestellt. Ich bin schon sehr lange mit einer Buchidee zum Thema Angst schwanger gegangen, habe mich als Politikwissenschafterin aber zu inkompetent dafür gefühlt. Ich wollte erst meine Ausbildung in der Psychotherapie machen. Und dann kam Covid und ich habe auf Twitter ganz schnell drei Tweets abgesetzt, in denen es darum gegangen ist, dass das Wichtigste in einer Krise ist, keine Panik zu bekommen. Wenn man zu viel Angst hat, wird man hektisch, verliert den Fokus und es wird noch schlimmer. Und je früher wir uns mit der Tatsache anfreunden, dass wir zerbrechliche Sterbliche sind, umso schöner wird unser Leben – auch während Covid. Die Reaktionen auf diese Tweets waren unglaublich und daraus resultiert die Entscheidung zu dem Buch. Die Menschen gehen von mir als Kriegsberichterstatterin davon aus, dass ich mit Angst leben kann. Und sie wollen von mir hören, was sie mit ihrer eigenen Angst tun können. Ich habe das Buch für Menschen geschrieben, die Angst haben und gern einmal lesen möchten, wie es sich in ganz schlimmen Situationen anfühlt und wie man das aushalten kann. Ich habe einen großen Teil über die Arbeit als Kriegsberichterstatterin geschrieben, weil ich glaube, dass man das ein bisschen verstehen muss, warum ich mir das überhaupt antue und warum es für mich Sinn macht. Die Menschen interessiert, wie dieser Beruf funktioniert.

 

 

 

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© Jacqueline Godany, privat

Können Sie verstehen, dass Covid-19 vielen Menschen Angst macht? Sie haben ja schon völlig andere Dinge gesehen …

Natürlich, wir hatten ja ein tolles Leben. Ich glaube aber, dass es nicht die Angst an sich ist, die Menschen dermaßen verunsichert, sondern die Notwendigkeit, das eigene Leben umzustellen. Ich habe manchmal das Gefühl, als hätten die Menschen eine Art Versicherung abgeschlossen, dass alles immer so bleibt, wie es ist. Wenn jemand etwas daran ändert, dann ist er bösartig, gemein und hat irgendwelche hinterlistigen Gedanken. Ein Stichwort, das sehr kontroversielle Gefühle auslöst, ist die Schulschließung im Frühling. Die Tatsache, dass die Kinder plötzlich daheim sind und man sich um sie kümmern muss. Mir ist völlig klar, dass das jeden normalen Berufsalltag über den Haufen wirft. Ich habe ja keine eigenen Kinder, aber zeitweise meine Neffen unterrichtet. 

Wollten Sie berufsbedingt nie eigene Kinder?

Ich bin aufgrund meiner Erkrankung unfreiwillig kinderlos, es ist nicht so, dass ich mir das ausgesucht habe. Ich war deshalb vorsichtig irritiert, wie stark Kinder als Belastung wahrgenommen worden sind. Für mich als unfreiwillig Kinderlose ist das manchmal ein bisschen seltsam, wenn andere ihre Kinder nur noch aus dem Blickwinkel der Belastung sehen. Ich will nichts schönreden und mir ist bewusst, dass das ein heikles Thema ist. Aber wenn ich Kinder, einen Mann, einen Hund habe, wenn ich mit lebenden Wesen zu tun habe, dann kann es passieren, dass diese nicht so „funktionieren“, wie ich mir das vorstelle. Ich habe das Gefühl, dass wir darauf nicht eingestellt sind. Menschen in Krisengebieten haben auf die harte Tour gelernt, dass das, was wir für normal halten, völlig zerbrechlich ist. Jeder weiß das in Wahrheit. Die Angst, die schon vor Covid weit verbreitet war, war jene, dass es eben einmal anders werden kann. Durch Covid ist aus dieser diffusen Befürchtung plötzlich Realität geworden. Wir mussten unser Leben tatsächlich ändern und befinden uns plötzlich in einer Wirtschaftskrise, die sich gewaschen hat. Das Absurde dabei ist, dass jene, die mit dem Rücken zur Wand leben und wirklich zu kämpfen haben, gar nicht so große Angst haben wie jene, die in Sicherheit sind. Das Verteidigen der Sicherheit gegen eine diffuse Gefahr macht mehr Angst als das echte Kämpfen. Ich glaube oder besser ich hoffe, dass wir ein kleines Bisschen daraus gelernt haben, uns wieder an die Unberechenbarkeit des Lebens anzupassen, denn die Klimakrise wird uns das Zigfache an Veränderung abverlangen, um sie zu beherrschen.

Das Gefühl der Angst ist ja nicht per se schlecht. Wie kann man lernen, richtig damit umzugehen?

Das Wichtigste ist, sich von dem Gedanken zu verabschieden, dass es einen richtigen Umgang mit Angst gibt. Das stresst und macht erst recht wieder Angst. Das Gefühl, etwas falsch zu machen, ist überhaupt eine der größten Angstquellen. Das Einfachste ist der Versuch zu vermeiden, dass man in die Instinkte reinkommt. Das passiert, wenn sich das Reptiliengehirn einschaltet und plötzlich ein reflexartiges Verhalten auftritt. Dafür gibt es einen einfachen Trick: sich den Satz vorzusagen „Das ist die Angst“ und wohlmeinend mit sich selbst umzugehen. Ich habe oft das Gefühl, dass Menschen mit ihren Freunden wesentlich liebevoller umgehen als mit sich selbst. Sachen, die man zu sich selbst sagt, würde man nie im Traum zu seinen Freunden sagen. Mit dieser inneren Stimme, die ständig mahnend und rügend spricht, kann man arbeiten. Wenn man sich sagt: „Hey, es ist Angst und es ist völlig normal. Menschen fürchten sich halt manchmal.“ Dann beginnt jener Gehirnteil aktiv zu werden, der für das Reflektieren und Abwägen zuständig ist. Jene Gehirnteile, die In­stinkte steuern, kommen auf die Plätze. Es ist die Macht der Pause, die wirkt. Das ist das Einzige, was wir zur Verfügung haben, wenn es wirklich eng wird. Ein zweiter wichtiger Punkt in diesem Zusammenhang ist eine wohlmeinende Fehlerkultur, die uns fehlt. Wir haben einen Zwang zur Selbstoptimierung in unserer Gesellschaft. Dieses Gefühl, uns ständig perfektionieren zu müssen – körperlich, geistig, spirituell. Da haben Fehler schlicht keinen Platz. Vielmehr machen sie uns wieder Angst.

 

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© Jacqueline Godany, privat
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"Angst", Petra Ramsauer, Verlag Kremayr & Scheriau, € 18.