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People | 19.11.2018

"Angelo ist eine Herzensangelegenheit"

Nancy Mensah-Offei (29) ist in Linz aufgewachsen und legt als Schauspielerin eine beeindruckende Karriere hin. Im Historiendrama „Angelo“, das am 9. November in die Kinos kommt, spielt sie die Tochter von Angelo Soliman, dem ersten berühmten Schwarzen in Wien, der nach seinem Tod ausgestopft im Museum endete.

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Schauspielerin Nancy Mensah-Offei (© Andreas Röbl)

Wir treffen Nancy Mensah-Offei im Tamu Sana, einem afrikanischen Restaurant in Linz-Urfahr. Bei Ingwertee und Matoke-Suppe erzählt uns die 29-jährige Schauspielerin, die 2016 mit dem STELLA-Award als beste Schauspielerin ausgezeichnet wurde, von ihrem Aufwachsen in Linz und gibt uns einen Vorgeschmack auf ihren neuen Film „Angelo“, der am 9. November in den österreichischen Kinos anläuft.

Verschleppt, ausgestopft und ausgestellt. Und die Geschichte von Angelo Soliman, der im 18. Jahrhundert in Wien lebte, gibt wirklich einen interessanten Stoff für einen Film. In Nigeria als Kindersklave von einer Comtesse gekauft und im westlichen Stil erzogen, wurde Angelo an einen Fürsten weitergeschenkt und diente diesem als Kammerdiener, Soldat und Reisebegleiter. Der in Wien sozial gut integrierte Schwarze wurde Freimaurer und konnte nach seiner Karriere als „Hofmohr“ ein bürgerliches Leben führen. Obwohl niemandem aus der Dienstbotenschaft eine Verehelichung erlaubt war, heiratete Angelo ohne das Wissen des Fürsten eine weiße Frau und wurde Vater einer Tochter. Daraufhin wurde er fristlos entlassen und stieß bald an die Grenzen seiner Sehnsüchte. Am Ende seines 75-jährigen Lebens wurde Angelo ausgestopft und endete als präpariertes Ausstellungsobjekt im Museum. 

Auf einer wahren Geschichte basierend, ist der Film des Wiener Regisseurs Markus Schleinzer ein tiefsinniges Gesellschaftsessay über Identität, Isolation, Fremde, Integration und Einsamkeit. Nancy Mensah-Offei spielt darin Angelos Tochter Josephine.

 


Frau Mensah-Offei, Sie wurden in Ghana geboren, wann kamen Sie nach Österreich?

Ich bin im Alter von sieben Jahren von Ghana nach Linz gekommen. Mein Papa war zu dem Zeitpunkt schon länger in Österreich und hat meine großartige Stiefmama geheiratet. Ich bin erst später nachgekommen.

 

Wie erging es Ihnen anfangs in Linz? Wie sind Sie aufgewachsen?

Als ich nach Oberösterreich kam, konnte ich kein Wort Deutsch. Meine Großeltern haben kein Englisch gesprochen. Also haben wir uns anfangs mit Händen und Füßen verständigt. (lacht) Ich bin mit Pippi Langstrumpf von Astrid Lindgren und Christine Nöstlinger groß geworden und ziemlich behütet aufgewachsen hier in Linz.

 

2005 sind Sie mit Ihren Eltern zurück nach Ghana übersiedelt, jedoch später alleine wieder nach Linz zurückgekommen. Warum?

Mein Papa hat als Kranfahrer bei der voestalpine gearbeitet, meine Mama war am Magistrat in Linz tätig. Eines Tages haben sie sich entschieden, in Ghana eine Klinik zu bauen. Das haben sie auch getan und sind dort geblieben. Ich bin wieder zurück nach Linz gekommen, weil ich die Schule fertig machen wollte. Natürlich waren auch alle meine Freunde und meine Großeltern da. Mein ganzes soziales Umfeld war praktisch in Linz.

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Nancy Mensah-Offei spielt im Arthouse-Film „Angelo“ Josephine, die Tochter des Protagonisten Angelo (am Bild rechts neben ihr stehend). (© Novotny Film/Filmladen)

Wie oft kommen Sie nach Ghana und welche Beziehung haben Sie zum Land Ihrer Wurzeln?

Nicht oft, die Mama kommt immer zu mir nach Österreich. (lacht) Shame on me, aber ich war jetzt sechs Jahre nicht Afrika. Meine Beziehung zu Ghana? Schwer zu sagen, ich habe aus beiden Kulturen meine eigene Kultur geformt. Aber in Österreich bin ich schon länger. Österreich ist sicher mehr meine Heimat.

 

Wie sind Sie zur Schauspielerei gekommen?

Ich war auf der LISA – Linz International School Auhof, und der Dramaunterricht dort hat mir unglaublich viel Spaß gemacht. Damals träumte ich aber davon, einmal Diplomatin zu werden. Nach der Matura habe ich dann ein Semester an der Katholischen Fakultät in Linz Philosophie und Kunstwissenschaften studiert, was aber nicht so meins war. Dann habe ich mich auf der Schauspielschule in Wien beworben und bin dort aufgenommen worden.

 

Wo leben Sie derzeit?

Da ich ein fixes Engagement am Nationaltheater Mannheim habe, lebe ich derzeit hauptsächlich in Deutschland. Ich habe aber auch noch einen Wohnsitz in Wien.

 

Kommen Sie auch noch ab und zu nach Linz?

Seit meine beste Freundin von Linz nach Spanien gezogen ist, komme ich nur mehr ganz selten her. Ein Fixpunkt in meinem Kalender ist jedoch immer der 25. Dezember, da feiere ich mit meinen Freunden Weihnachten.

 

Reden wir über Ihren neuen Film: „Angelo“ ist ein Exkurs über das Anderssein, die Geschichte eines Schwarzen, der ein Leben lang ein Außenseiter unter den Weißen bleibt, über dessen Isolation in der Gesellschaft. Ist Rassismus das vordergründige Thema des Films?

Nein, es geht im Film nicht um den klassischen plakativen Rassismus mit Sklaverei und der Unterdrückung der Schwarzen. Vielmehr geht es um nicht deutlich sichtbaren „Rassismus“, bei dem der schwarze Mann Angelo als etwas Exotisches, etwas Anderes angesehen wird. Das macht den Film originell.

 

Wie gehen Sie mit dem Thema „Anderssein“ um?

Dass ich scheinbar anders bin als die anderen – was ich ja nicht bin –, habe ich in Österreich schnell gelernt. In Situationen, wo ich Rassismus erlebt habe, gab es für mich irgendwann nur zwei Möglichkeiten: Entweder ich stelle mich hin oder ich gehe weg. Es ist beides legitim. Aber irgendwann hat man keinen Bock mehr, zu diskutieren oder immer wieder zu erklären, dass man eine Berechtigung hat, da zu sein. Warum kann nicht einfach akzeptiert werden, dass ich eine Linzerin bin, die perfektes Deutsch spricht? Ich habe als Kind und im Heranwachsen schnell begriffen, dass man als Schwarze in Österreich sehr wach sein muss, um herauszufinden, ob die Person dir gegenüber okay ist oder nicht. Da wird man zwischendurch auch schon mal paranoid.

 

In „Angelo“ spielen Sie die Tochter von Angelo, also eine Schwarze. Ist es im Theater- und Filmbusiness Usus, dass Schauspieler nach der Hautfarbe besetzt werden?

Ja, denn wie oft kommt es vor, dass eine „hautfarbenunabhängige“ Frau zum Beispiel die Julia in „Romeo & Julia“ spielt? Natürlich gibt es immer wieder Ausnahmen, Stücke, die nichts mit deiner Hautfarbe zu tun haben, dafür bin ich auch sehr dankbar, aber im Grunde ist die Hautfarbe immer Thema. Anfangs habe ich solche Rollen auch angenommen, weil ich reinkommen wollte. Mittlerweile mache ich das nicht mehr.

 

Warum dann bei „Angelo“?

Da habe ich eine riesengroße Ausnahme gemacht, weil die Geschichte sehr wichtig und schön geschrieben ist. „Angelo“ ist eine Herzensangelegenheit für mich.

 

Was ist Ihre persönliche Message an alle, die sich den Film ansehen?

Ich appelliere an alle, die sich den Film anschauen wollen, die eigene Geschichte zu hinterfragen. Sich mit der eigenen Geschichte und der unseres Landes auseinanderzusetzen ist anstrengend, gibt aber auch viel zurück.

 

Was wird man in Zukunft von Ihnen sehen?

Derzeit pendle ich für die Dreharbeiten zu einem Liebesfilm, in dem ich die Hauptrolle spiele, viel zwischen  Deutschland und Serbien hin und her.  Außerdem habe ich gerade für den ORF „Dave“ abgedreht.

 

Haben Sie eine Traumrolle?

Ja, ich bin ein Harry Potter-Kind und würde total gerne einen Fantasy-Film machen. 


Nancy Mensah-Offei – zur Person:

Nach ihrem Studium am Konservatorium Wien war Nancy Mensah-Offei in mehreren Theaterstücken u.a. im Volkstheater Wien und im Wiener Burgtheater zu sehen. 2016 bekam sie den STELLA als beste Schauspielerin verliehen. Mensah-Offei arbeitet zudem fürs Fernsehen, wo sie in den Serien „Schlawiner“ und „Tatort“ mitwirkte. Mit „Kafka, Kiffer und Chaoten“ von Kurt Palm feierte sie 2013 ihr Kinospielfilmdebüt.

 

„Angelo“: Weltpremiere in Toronto

„Angelo“ ist eine österreichisch-luxembourgische Koproduktion unter der Regie des preisgekrönten Wiener Regisseurs Markus Schleinzer. Der Film feierte im September im Rahmen des 43. Toronto International Film Festival (TIFF) Weltpremiere. Am 66. Filmfestival von San Sebastián, dem wichtigsten Filmfestival Spaniens, fand die Europapremiere statt. „Angelo“ wird auch auf der diesjährigen Viennale (25.10. bis 08.11.) gezeigt und startet am 9. November in den Österreichischen Kinos.