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People | 21.06.2021

„Am Parkplatz mache ich den Rothirsch“

Vom Adler über die Grille bis hin zur Bachforelle – zwölf Tiere helfen Skisprung-Olympiasieger Toni Innauer wieder gut schlafen zu können und die Menschen zu mehr Bewegung zu animieren.

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© Manfred Weis

Manche kennen die Situation: Um Mitternacht erschöpft ins Bett fallen, nach vier Stunden Schlaf  aufs Klo gehen, dann hellwach im Bett liegen, obwohl man sich richtig erschlagen fühlt. Toni Innauer ging es in seiner stressigen Zeit als ÖSV-Sportdirektor nicht anders. Bis zu jener Nacht, in der er aus dem Bett aufgestanden ist und auf dem Teppich mit Dehnungsübungen  begonnen hat. Nach 20 Minuten ging es ihm eindeutig besser und er fühlte sich wieder wohl in seiner Haut. Demzufolge hat er gemeinsam mit Sportwissenschafter Patrick Koller zwölf Übungen für Körper und Seele entwickelt, die er von unseren nächsten Nachbarn, den Tieren, abgeschaut hat. „Die 12 Tiroler“ erblickten das Licht der Welt und wurden nach jahrelanger Erprobung nun in Buchform auf den Markt gebracht. Das Positive daran: Steinadler, Dachs & Co. lassen sich ganz einfach in den Alltag integrieren.  

 

OBERÖSTERREICHERIN: Herr Innauer, können Sie der Aussage „Sitzen ist das neue Rauchen“ etwas abgewinnen?

Toni Innauer: Auf jeden Fall, denn die Realität vieler Menschen findet zusehends im Sitzen statt: am Schreibtisch, im Auto, vor Bildschirmen. Die Bewegungsverarmung und der Verlust des natürlichen Körpergefühls beeinträchtigen die Selbstwahrnehmung und Lebenslust – was zu gravierenden gesundheitlichen Problemen führt. Wir Menschen haben aber nicht nur einen Bewegungsdrang, sondern leider auch einen sehr stark ausgeprägten Hang zur Bequemlichkeit und dieser wird mit allen Schmähs bedient. Wir fahren kurze Strecken mit dem Auto und benützen im Alltag meistens den Lift.

 

Was hat Sie dazu motiviert, dieses Buch zu schreiben bzw. überhaupt die zwölf Übungen zu entwickeln?

Das hat mit der gesellschaftlichen Entwicklung und mit mir persönlich zu tun, mit meinen Erfahrungen als Mensch, der über 60 Jahre alt ist, keinen Leistungssport mehr macht und auch nicht so viel überschüssige Energie hat. Mit all diesen Gegebenheiten versuche ich klug umzugehen und die Natur in mir zu leben. Da gehören Bewegung, Körpergefühl und Körperbewusstsein ganz stark dazu. Aus meiner aktiven Zeit als Profisportler habe ich ein paar Wehwehchen mitgenommen, die es täglich zu pflegen gilt, und wenn ich das umsetze, geht es mir gut.  Gemeinsam mit Sportwissenschafter Patrick Koller habe ich die Übungen über Jahre perfektioniert und wir haben sie in den Pletzer-
Ressorts in Tirol mit Gästen jeder Altersklasse auf Herz und Nieren getestet.

 

Warum ausgerechnet die „12 Tiroler“?

Die Idee der „12 Tiroler“ habe ich schon vor Jahren schützen lassen. Ich bin zwar ein gebürtiger Vorarlberger, Tirol ist aber seit fast 45 Jahren mein Lebensmittelpunkt und auch meine sportliche Entwicklung hat viel mit Tirol zu tun.

 

Warum zwölf Tiere?

Die Arche Noah der Bewegung ist in diesen Übungen. Sie sollen uns daran erinnern, dass wir Lebewesen sind, die von Säugetieren abstammen. Wenn wir uns nur noch in der virtuellen Welt bewegen, wird uns unser biologisches Erbe einholen. Außerdem kann man sich die Tiere gut merken und spricht damit auch Kinder an.  Ich wollte etwas herausbringen, das die Neugier bei den Menschen weckt.

 

Sind die Übungen für jede Frau, jeden Mann in jeder Altersgruppe geeignet?

Bei 95 Prozent der Übungen gibt es drei Schwierigkeitsgruppen, die dritte Gruppe kann nicht jeder, das haben wir bewusst so gemacht. Aber im Prinzip sollen die Übungen für möglichst viele Menschen, ohne Geräteaufwand, ohne Infrastruktur, zu zweit,  in einer Gruppe oder auch alleine möglich sein.

 

Was passiert, wenn man die Übungen regelmäßig macht?

Bereits nach dem zehnten Mal beginnen sich die Übungen im Gehirn zu etablieren und entfalten ihre unterschiedlichen Wirkungen. Sie bringen als Ritual Struktur ins Leben. Sobald man die zwölf Übungen zwei bis dreimal in der Woche, zwanzig Minuten lang macht, wird es sich lohnen. Ich bin überzeugt davon, dass gutes Leben viel damit zu tun hat, dass man gute Gewohnheiten entwickelt. 

 

Kann man die Übungen im Alltag auch zwischendurch machen?

Ja, wenn ich zum Beispiel zwei Stunden mit dem Auto fahre und merke, dass ich schlaff und müde werde, dann mache ich am Parkplatz den Rothirsch oder die Kreuzspinne. Bei diesen Übungen dehnt man, das Gleichgewicht ist gefordert, man richtet sich auf und sie kurbeln die Durchblutung an. Wenn man eine Matte zur Verfügung hat, kann man auch die Ringelnatter oder den Dachs machen. Im Büro mache ich gerne die Ringelnatter. 

 

Ihr Ziel mit dem Buch?

Wir wissen schon lange, dass sich der Durchschnitt unserer Gesellschaft viel zu wenig bewegt, aber jetzt ist es massiv geworden. Das merken wir sogar im Spitzensport. Die jungen Talente, die heutzutage die Aufnahmeprüfung am Schi-
gymnasium Stams machen, liefern schlechtere Testwerte als Sportler vor 40 Jahren. Ein deutlicher „Sog der Gesellschaft“ ist messbar und ein Alarmzeichen. Bald wird Bewegung und Sport, wie Rechnen und Lesen, als Kulturgut vermittelt werden müssen. „Die 12 Tiroler“ sollen Bewusstsein und gleichzeitig niederschwellige und augenzwinkernde Abhilfe dafür schaffen.

 

 

 

Übung: Rothirsch
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© Andreas Posselt

 

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© Andreas Posselt

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© Andreas Posselt

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© Andreas Posselt

Tipps vom Profi

Bevor man mit den Übungen beginnt, sollte man Folgendes beachten:

Zeit lassen: Am Beginn langsam und kontrolliert an die Übungen herangehen.

Weniger ist mehr: Vor allem am Anfang sollte man sich nicht übernehmen und mit den Basics und Einsteiger-Übungen beginnen. 

Aufwärmen schadet nie: zehn Minuten am Ergometer oder eine kleine Laufrunde reichen.

Kein Stress: Langzeitziel ist es, die zwölf Übungen zu beherrschen und zwölf Wiederholungen zu schaffen. Aber kein Stress, immerhin hat das Jahr zwölf Monate. Manche werden es schneller intus haben, andere werden länger brauchen. Nur nicht lockerlassen!

Quick-six: Zum Hochfahren des Energiepotenzials eignen sich auch die Lieblingsübungen mit je sechs Wiederholungen. 

Zu zweit geht vieles leichter: nicht nur körperlich, auch von der Motivation her. 

Achtung: Wenn eine Übung unangenehm erscheint oder Schmerzen verursacht, ist das ein Zeichen der körpereigenen Intelligenz. Entweder eine leichtere Version wählen oder das betreffende Tierchen vorübergehend auslassen. 

Breath: Von Anfang an auf die Atmung achten – ruhig, tief und kontrolliert sollte sie fließen.