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People | 26.12.2016

Alles im Leben hat zwei Seiten

Zwei Jahre, acht Monate und 14 Tage seines Lebens saß Rafael Haslauer wegen Drogenschmuggels in einem serbischen Gefängnis. Im Interview erzählt der 33-jährige Ennser, wie er sich wieder ins Leben zurückgekämpft hat.

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© OBERÖSTERREICHERIN

Als sich Rafael Haslauer im Mai 2010 dazu entschlossen hat, 15 Kilogramm Marihuana aus dem Kosovo nach Österreich zu schmuggeln, war er am Tiefpunkt seines Lebens angelangt. Aufgrund von Insolvenz schuldete ihm sein Arbeitgeber mehrere Monatsgehälter. Seine Sorgen ums Geld und um den Arbeitsplatz ertränkte der damals 26-Jährige in Alkohol und Drogen. Am Tiefpunkt seines Lebens angelangt, fand er sich in einer serbischen Gefängniszelle wieder. Über seine schlimmste Zeit im Leben und die Erkenntnis, die er daraus gewonnen hat, hat er ein Buch geschrieben.

 

Sie wollten 15 Kilo Marihuana vom Kosovo nach Österreich schmuggeln. Waren Ihnen die Konsequenzen nicht bewusst?

Nein, überhaupt nicht. Ich habe nicht darüber nachgedacht – was wahrscheinlich auch daran lag, dass ich zu dieser Zeit viel Alkohol und andere Substanzen konsumiert habe. So richtig bewusst wurde es mir erst, als ich in den Kosovo gefahren bin. Da war ich nüchtern und hatte die ganze Zeit ein ungutes Gefühl. 

 

Bei einer Kontrolle hat man Sie mit den Drogen erwischt. Was ist Ihnen durch den Kopf gegangen, als man Sie nach Vranje ins Gefängnis brachte?

Da ich nach der Kontrolle stundenlang an der Grenze festgehalten wurde, war ich einfach nur müde und wollte schlafen. Erst als ich am nächsten Tag im Gefängnis munter wurde, habe ich alles realisiert. Es war schlimm. Mein Glück war allerdings, dass ich mich mit den zwei Mithäftlingen in meiner Zelle auf Deutsch verständigen konnte. Das hat die ganze Situation ein bisschen erleichtert.

 

Wie haben Sie die Zeit im Gefängnis mental ausgehalten?

Anfangs habe ich nicht geglaubt, dass ich so lange in Serbien im Gefängnis bleiben muss. Ich dachte immer, dass ich in ein österreichisches Gefängnis überstellt würde. Erst mit der Zeit habe ich realisiert, dass es damit ziemlich schlecht aussieht …

 

Und dann?

Irgendwann habe ich mir eingestanden, dass es für mich nur zwei Möglichkeiten gibt: Entweder ich nehme Beruhigungsmittel, die uns ganz offiziell im Gefängnis angeboten wurden, und dröhne mich den ganzen Tag zu, oder ich schaue, dass ich irgendwann wieder gesund nach Hause komme. Ich habe mich für die zweite Variante entschieden.

 

Wie haben Sie das geschafft?

Wenn man 23 Stunden am Tag in einer kleinen Zelle auf engstem Raum eingesperrt ist, muss man sich beschäftigen. Ich habe viel gelesen, zum Schreiben begonnen und so gut es geht Sport betrieben.

 

Haben Sie je an Selbstmord gedacht?

Ja, ganz an Anfang. Ich habe es zwar nicht vorgehabt, aber daran gedacht habe ich schon.

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„23312: Alles im Leben hat zwei Seiten“. Rafael Haslauer, Windsor Verlag, ISBN-13 978-1627845625; € 14,99

Hatten Sie Angst?

So komisch das klingen mag, aber man gewöhnt sich auch an eine schlechte Umgebung. Anfangs konnte ich die Situation nicht einschätzen. Viele der Gefängnisinsassen schauten arg aus, die hygienischen Verhältnisse waren ganz schlecht und natürlich hatte ich Angst. Als Ausländer hat man es in Serbien oft nicht leicht. Zum Glück hatte ich in den knapp drei Jahren nie ein ärgeres Problem. Ich kam meistens gut aus mit meinen Mithäftlingen.

 

Ihr schlimmstes Erlebnis?

Einer meiner Zellengenossen ist neben mir im Alter von 29 Jahren gestorben. Er war krank und der Arzt ist einfach viel zu spät gekommen. Man hat ihn sterben lassen. Es ist schlimm, wie da mit Menschenleben umgegangen wird.

 

Der Titel Ihres Buches heißt „Alles im Leben hat zwei Seiten“. Wie ist das gemeint?

Oft erscheinen Lebenssituationen ausweglos, man ist frustriert und beginnt am Sinn des Lebens zu zweifeln. Was man dabei oft vergisst: Keine Situation ist so schlimm, dass man sich nicht etwas Positives mitnehmen kann. Es kommt nur auf den Blickwinkel an.

 

Im Buch schreiben Sie, dass Sie froh sind, diese Erfahrung gemacht zu haben. Hätte es da nicht einfachere Wege gegeben?

Ja sicher, aber wenn man die einfachen Wege nicht sieht, muss man es auf andere Weise lernen. Ich wusste immer, dass mir diese Zeit im Gefängnis etwas bringen wird. Im Nachhinein gesehen, möchte ich diese Erfahrung auch nicht missen. Ich habe viel über mich und das Leben nachgedacht und gelernt.

 

Was zum Beispiel?

Damals dachte ich, dass ich mit Geld alle meine Probleme lösen könnte. Heute weiß ich, dass Geld definitiv nicht glücklich macht. Im Gefängnis habe ich mir vorgenommen, dass ich nie mehr nur des Geldes wegen arbeiten werde, sondern einem Beruf nachgehen möchte, der mir Freude macht. Außerdem habe ich mir fest vorgenommen, ein Buch zu schreiben. Beides ist mir gelungen: Das Buch ist auf dem Markt und ich arbeite als Journalist bei einer Regionalzeitung, was mir irrsinnig taugt.

 

Wie wichtig waren in der Zeit der Gefangenschaft Familie und Freunde?

Zu wissen, dass es jemanden gibt, der trotz allem zu dir hält, gibt einem enorm viel Kraft. Für meine Mutter und auch für meine Freunde war diese Zeit sicher um ein Vielfaches schwieriger als für mich. Trotz einer Reisezeit von 24 Stunden haben sich mich mehrmals besucht. Das hat mich aufgebaut.

 

Wie hat sich Ihr Leben verändert?

Ich bin heute viel zufriedener und rege mich nicht mehr schnell über etwas auf. Ich habe gelernt, dass ich gewisse Dinge hinnehmen muss, weil ich sie sowieso nicht ändern kann.

 

Welche Message möchten Sie mit dem Buch vermitteln?

Dass man sich auf die Kraft seiner Gedanken verlassen kann. Es wird dir im Leben wenig Positives widerfahren, wenn du immer nur vom Schlimmsten ausgehst. Es ist wichtig, „groß“ zu denken und dann seinen Weg zu gehen. Dabei sollte man sich seine Träume nicht von anderen ausreden lassen. Dann stehen die Chancen gut, dass aus einem Traum eines Tages Realität wird.