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People | 11.11.2020

3,50 Euro sichern tausend Arbeitsplätze

Warum das so ist und wie das funktioniert, hat uns Max Hiegelsberger verraten, der seit zehn Jahren als ÖVP-Landesrat für Landwirtschaft, Ernährung und Gemeinden zuständig ist.

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© Hermann Wakolbinger

Max Hiegelsberger war noch Bürgermeister seiner Heimatgemeinde Meggenhofen, als er vor zehn Jahren überraschend zum Landesrat (ÖVP) bestellt wurde. „Damals hat mich Landeshauptmann Josef Pühringer angerufen und gemeint, dass er mit mir etwas besprechen möchte. Am nächsten Tag haben wir uns getroffen und dann ist es schnell gegangen. Ich habe die Herausforderung, von der Gemeindeebene in die Landespolitik zu wechseln, gerne angenommen, war mir aber auch bewusst, welche Verantwortung damit verbunden ist“,  erinnert sich Max Hiegelsberger. Seine Zuständigkeiten Landwirtschaft, Ernährung und Gemeinden bilden für den Landesrat die perfekte Kombination. Seine Freude im Umgang mit Menschen sowie am Gestalten hat der leidenschaftliche Bauer und Politiker bis heute nicht verloren. Ganz im Gegenteil, den Schwung der letzten zehn Jahre wird er für neue Herausforderungen mitnehmen.  

 

OBERÖSTERREICHERIN: Herr Hiegelsberger, seit nunmehr zehn Jahren sind Sie Agrar-Landesrat, was würden Sie als Ihren größten Erfolg bezeichnen?

Max Hiegelsberger: Die Landwirtschaft und vor allem auch unsere Produkte sind wieder in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Die Themen Regionalität und Genuss werden sichtbar und das Wissen, woher unsere Lebensmittel kommen, und dass diese mit einem Heimatgefühl verbunden sind, hat sich eindeutig verstärkt. Das sehen wir auch am Erfolg vom „Genussland Oberösterreich“, das sich im Laufe der Jahre von einer Marketingplattform für regionale Lebensmittel zu einer echten Qualitätsmarke entwickelt hat. Mittlerweile haben wir 500 Handelspartner und mehr als 110 Wirte dabei. 

Und was war die größte Herausforderung in diesen zehn Jahren?

Zu Beginn meiner Regierungstätigkeit hatte ich die Finanzkrise zu handhaben. Damals waren vor allem die wirtschaftlichen Folgeschäden für die Gemeinden die große Herausforderung. Aber wir haben diese schneller als angenommen bewältigt und auch die Corona-
Krise werden wir meistern.  

Sie sind selber aktiver Landwirt in Meggenhofen, mit welchen Schwierigkeiten kämpfen unsere Bauern derzeit?

Natürlich bekommen die Landwirte die aktuelle Krise zu spüren. Gerade seitens Hotellerie und Gastronomie, die für uns Bauern Großabnehmer in Sachen Fleisch, Gemüse, Backwaren und Milchprodukte sind, ist ein Rückgang zu bemerken und es hat leichte Preisverwerfungen gegeben. Dann kamen auch noch Facetten wie die Corona-Fälle beim deutschen Schlachthof Tönnies sowie die afrikanische Schweinepest ASP dazu. Da die österreichische Landwirtschaft in Sachen Preisgestaltung vom europäischen Markt abhängig ist und wir viele Lebensmittel exportieren, sind wir im Marktumfeld betroffen. Das hat zu großen Verwerfungen beim Fleischpreis geführt.

22,1 Prozent aller landwirtschaftlichen Betriebe wirtschaften in Österreich nach den Kriterien der Bio-Landwirtschaft. Werden die Biobauern in Sachen Preisgestaltung seitens der Supermärkte und Diskonter fair entlohnt?

Die Preisgestaltung ist hier nicht anders als im kommerziellen Bereich. Einen großen Teil der Einnahmen zieht der Handel ab, da die Bio-Landwirtschaft bei der Markenentwicklung keine einzige Marke hat. Wenn man sich zum Beispiel Marken wie „Ja! Natürlich“ oder „Zurück zum Ursprung“ ansieht, liegt die Hauptmarge, die verdient wird, beim Handel. Wertschöpfung ist dabei immer ein Thema.  

Also müsste man danach trachten, dass der einzelne Landwirt mehr für seine Produkte bekommt?

Ja, ganz eindeutig. Unsere Nachbarn aus Bayern sagen immer: „So wie ihr in Österreich Landwirtschaft macht, so stellen sich die Konsumenten das vor.“ Nur ist keiner bereit, das zu zahlen. Darin liegt derzeit eine gewisse Gefahr. Wir sind in Österreich kleinstrukturiert und eine kleinstrukturierte Landwirtschaft kann nur überleben, wenn eine gewisse Preisbasis für den Bauern übrigbleibt. Die Marge hat sich in den letzten zehn Jahren in den Handel verschoben. Dabei geht es nicht nur um die Bauern, sondern auch um die Verarbeitungsbetriebe. Ökonom Franz Sinabell hat erhoben, dass man, wenn man für jeden Einkauf regionaler Produkte 3,50 Euro mehr ausgibt, insgesamt circa 1.000 Arbeitsplätze sichern kann. 3,50 Euro pro Einkauf sind in Summe sehr wenig, haben aber auf die Gesamtsituation eines Verarbeitungsstandortes wie Oberösterreich eine enorme Auswirkung. 

Wie kann man dazu beitragen, dass die Konsumenten bereit sind, diese 3,50 Euro mehr auszugeben, und dass diese nicht im Handel verschwinden?

Natürlich kann man nicht alles auf die Konsumenten abladen, aber wenn die Nachfrage vorhanden ist, wird der Handel über kurz oder lang drauf reagieren. REWE hat sich zum Beispiel verpflichtet, heuer im Frischfleischbereich zu 100 Prozent Produkte aus Österreich anzubieten. Ich denke, wir sind auf einem guten Weg. Bewusstsein für regionale Lebensmittel muss zur Leidenschaft werden und es geht auch sehr stark darum, sich Zeit zu nehmen. Wenn jemand selber kocht, hat er einen ganz anderen Zugang zu regionalen hochwertigen Produkten. 

Der Strategieprozess „Zukunft Landwirtschaft 2030“, der 2019 begonnen hat, geht nun in die Zielgerade. Wie groß war die Beteiligung und können Sie uns schon Ergebnisse verraten?

Die Beteiligung war sehr groß, weil die Formate sehr unterschiedlich waren. Was die Ergebnisse betrifft, so stechen zwei Aspekte ganz deutlich heraus: Zum einen erwarten sich vor allem die jungen Landwirte mehr Wertschätzung für ihre Arbeit und zum anderen wünschen sie sich eine höhere Planungssicherheit. 

Können Sie das Thema Planungssicherheit genauer erklären?

Wenn zum Beispiel ein Gastwirt in eine neue Küche investiert, dann gilt diese bis zum nächsten Umbau als genehmigt und erfüllt sämtliche gesetzlichen Anforderungen. Wenn ein Landwirt einen Stall baut, kann es sein, dass dieser fünf Jahre später aufgrund der Gesetzes-
lage wieder neu genehmigt werden muss. Das geht sich wirtschaftlich nicht aus. Daher ist eine Planungssicherheit hinsichtlich der rechtlichen Auflagen ein großer Wunsch. Dabei geht es immerhin um langfristige und sehr hohe Investitionen.

Wie kann man diese beiden großen Wünsche umsetzen?

Das Thema Wertschätzung wird mit der nationalen Kampagne „Das ist Österreich“ umgesetzt. Wir sind beteiligt und alles wird mit der Kammer, dem Bauernbund und dem Ministerium abgestimmt. Um die Planungssicherheit umsetzen zu können, müssen wir sehr stark in den Gesetzwerdungsprozess einwirken. 

In Ihrer Freizeit sind Sie Läufer und spielen Trompete. Bleibt Ihnen genug Zeit, Ihren Hobbys nachzugehen? 

Jeder für sich muss sich seinen Lebensplan so gestalten, dass es Freizeiten gibt. Ein Teil, der mir große Freude macht, ist die Landwirtschaft. Wenn Zeit bleibt, dann gehe ich laufen. Dabei geht es mir nicht um das Zeitpensum, sondern darum, wie intensiv man diese Zeit nützt.