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Lifestyle | 27.09.2016

Wohin mit der Angst?

Terror in Paris, Belgien und Nizza, der Amoklauf in München ... – in den letzten Monaten gab es kaum eine Woche, in der nicht über Terroranschläge berichtet wurde. Im Interview mit der OBERÖSTERREICHERIN erklärt der Linzer Angstexperte Hans Morschitzky, wie wir mit Angst vor Terrorismus halbwegs normal weiterleben können.

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Angst und Trauer. Bei den Anschlägen am 13. November 2015 in Paris wurden laut französischer Regierung 130 Menschen getötet. (© Shutterstock)

Bei einer aktuellen Umfrage des Marktforschungsinstituts Research Affairs gaben 88 Prozent der befragten Österreicher an, dass sie sich vor Terroranschlägen fürchten. Ausschlaggebend daran sind mit Sicherheit die jüngsten Anschläge in Europa. Ob diese Angst berechtigt ist und wie wir damit umgehen können, weiß der renommierte Linzer Angstexperte und Psychologe Hans Morschitzky.

Herr Dr. Morschitzky, viele Menschen empfinden derzeit Unsicherheit und Angst an belebten öffentlichen Plätzen. Was ist Angst und woher kommt sie?

Angst ist die Folge des Gefühls von Unsicherheit in Bezug auf die Zukunft. Die Angst als Gefühl der Bedrohung durch Terroranschläge ist Ausdruck der selektiven Wahrnehmung für potenzielle Bedrohungen – ähnlich, wie wir uns nach zwei Flugzeugabstürzen bei einer Fluggesellschaft innerhalb einer Woche mehr fürchten und dann mit mulmigerem Gefühl mit dieser Fluggesellschaft fliegen würden, falls wir nicht überhaupt gleich stornieren würden. Angst ist die Reaktion auf die Überschätzung eines Restrisikos, dem keiner von uns entkommen kann. Wie schon Erich Kästner sagte: „Das Leben ist immer lebensgefährlich.“

Wie berechtigt ist Angst vor Anschlägen?

Tatsächlich ist und bleibt die statistische Wahrscheinlichkeit eines schweren Verkehrsunfalls oder einer lebensbedrohlichen Erkrankung größer als die Gefahr, Opfer eines Terrorattentats zu werden. Sogar die Gefahr, dass wir in der eigenen Wohnung einem Raub-
überfall zum Opfer fallen, ist größer als die Bedrohung von Leib und Leben in der Ferne. Das verdrängen wir gerne, sonst könnten wir gar nicht normal und vernünftig leben.

Wann ist Angst normal?

Angst ist völlig normal. Absolute Angstfreiheit wäre sogar als krankhafter Zustand zu betrachten, wie man bei manisch Kranken, Menschen mit bestimmten Persönlichkeitsstörungen (Narzissten oder Impulsiven) oder bei notorischen Verbrechern sieht. Genau genommen unterscheidet man zwischen Furcht und Angst.

Und worin liegt der Unterschied zwischen Furcht und Angst?

Furcht ist die körperliche und psychische Reaktion auf eine reale oder vermeintliche Bedrohung in der Gegenwart. Zum Beispiel springen wir trotz grüner Ampel vom Zebrastreifen auf den Gehsteig, wenn ein Auto zu schnell auf uns zukommt. Angst hingegen ist die körperliche und psychische Reaktion auf das Gefühl potenzieller Bedrohung zu einem unbestimmten Zeitpunkt in der Zukunft. Da man aktuell nichts tun kann, verharren viele Menschen in einem unproduktiven Grübeln, statt konstruktive Problemlösungsstrategien für den Fall X zu entwickeln, sodass man trotz potenzieller Bedrohung weiterhin erfolgreich handeln kann.

Wann ist Angst krankhaft?

Angst wird zur Krankheit der Angststörung, wenn die Lebensqualität in bisher ungewohnter Weise beeinträchtigt ist und die soziale, schulische, berufliche und sonstige Funktionsfähigkeit erheblich eingeschränkt ist.

Wer hat am ehesten Angst vor Terror?

Am leichtesten lassen sich davon Menschen mit einer Neigung zu generalisierter Angststörung beeindrucken. Das sind jene Personen, die ohnehin eine ständig erhöhte Angstbereitschaft haben.

Wie merkt man, dass Angst krankhaft ist?

Im Anstieg des seelischen, geistigen und körperlichen Unwohlseins. Angst führt zu einem zunehmenden Vermeidungsverhalten gegenüber allen Situationen, die man früher problemlos aufgesucht hat. Es kommt zu erheblichen Einschränkungen und Nachteilen im Leben. Das reicht bis hin zur Unfähigkeit, eine Urlaubs- oder Geschäftsreise antreten zu können.

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Hans Morschitzky ist Klinischer Psychologe und Psychotherapeut und arbeitet seit dreißig Jahren mit Menschen mit Angststörungen im stationären und ambulanten Bereich. www.panikattaken.at

Welche Symptome können dabei auftreten?

Angstbedingtes Unwohlsein führt dazu, dass einen alles Erlebte nicht mehr so richtig freut. Angstbedingte Konzentrationsstörungen führen oft auch zu Leistungsstörungen. Angstzustände gehen mit zahlreichen körperlichen Symp-tomen einher, wie ständige muskuläre Verspannungen, Schwindelgefühle, Verdauungsprobleme, Blutdruckschwankungen, Herzrasen, Atemnot, Appetitstörungen, Schlafstörungen.

Wann soll man sich professionelle Hilfe holen?

Wenn alle Selbsthilfemaßnahmen (siehe Infokasten) und Unterstützungen von Bekannten und Verwandten nicht mehr weiterhelfen. Wenn die schulische oder berufliche Situation darunter leidet. Wenn man in seiner Freizeit keine ausreichende Lebensqualität mehr hat. Wenn man aus Angst Situationen zu vermeiden beginnt, die man sonst gerne aufsuchen würde.

Was passiert, wenn man nichts gegen krankhafte Angst unternimmt?

Angststörungen sind oft die „Einstiegsstörungen“ in noch schwerere psychische Störungen, vor allem Depressionen und Missbrauch oder
Abhängigkeit von Alkohol und/oder Beruhigungsmitteln. Bei langer Dauer treten unbehandelt oft auch psychosomatische Störungen auf, wie etwa bei Menschen mit Panikattacken oder generalisierter Angststörung zum Beispiel Blutdruckanstieg, chronischer Durchfall, muskuläre Dauerverspannung am ganzen Körper.

Warum sind einige Menschen ängstlicher als andere?

Das hängt mit der Persönlichkeit, der Lebensgeschichte und konstitutionellen Faktoren zusammen. Wie bei vielen anderen psychischen und körperlichen Erkrankungen ist auch bei Angst von einem multiplen Ursachengeflecht auszugehen. Nach dem sogenannten bio-psycho-sozialen Krankheitsmodell spielen immer biologische (konstitutionelle, genetische), persönlichkeitsspezifische und soziale Aspekte eine Rolle.

Vielfach jagen auch Medienberichte und Nachrichten im sozialen Netz den Menschen Angst ein. Soll man bei übermäßigem Angstempfinden den Medienkonsum einschränken?

Das kann nur eine vorübergehende Lösung sein, ähnlich wie bei Krankheitsängstlichen, die von Krankheiten nichts wissen wollen. Vermeiden und Wegschauen ist langfristig jedoch keine Lösung. Es geht um Hinschauen und Damit-Umgehen-Lernen.

Inwieweit steigert Stress unser Angstempfinden?

Angstkrank macht nicht der Stress an sich, sondern das subjektive Gefühl, damit nicht zurechtzukommen, das heißt das Gefühl des Kontrollverlusts über die Situationen und Aufgabenstellungen. Wer zu Ängsten neigt, wird jedoch durch jede Form von erhöhtem Stress leicht eine Befindlichkeitsverschlechterung erleben.

Selbsthilfe bei Angst

Dem Terror nicht so viel Bedeutung zumessen:

Das sind Einzelfälle, die passiert sind. Ich möchte Einzeltätern nicht so viel Macht über mein Leben geben und will nicht, dass ich mein Leben aus Angst einschränke, in Bereichen, wo die Sicherheit noch größer ist als das Risiko einer Gefahr.

Unterscheiden lernen:

Wo ist eher eine Gefährdung? Und wenn ich mich auf diese Situation doch einlasse, wie kann ich mich gut darauf vorbereiten? Was sollte ich beim derzeitigen Wissensstand wirklich eher meiden? Wo besteht eine tatsächlich erhöhte Gefährdung?

Es gibt immer ein Restrisiko:

Auch zuhause und im Alltag kann mir etwas Schlimmes passieren.

Güterabwägung vornehmen:

Ist es mir wichtiger, etwas Schönes zu erleben, oder ist es mir wichtiger, ein nicht ausschließbares Restrisiko unbedingt zu vermeiden und damit mein Leben einzuschränken?

Konzentration auf Wesentliches:

Ich lasse mein psychisches und körperliches Unwohlsein zu und konzentriere mich darauf, was ich tun und erreichen möchte. Ich muss mich nicht angstfrei fühlen, wenn ich etwas unternehmen möchte, wo ich mich ein wenig bedroht fühlen könnte.