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Lifestyle | 14.02.2018

Wie wir in Zukunft lieben

Partnerbörsen, Robotersex, eingefleischte Singles und pompöse Hochzeiten – Zukunftsforscher Matthias Horx beschreibt in seinem Buch „Future Love“, wie künftige Partnerschaften in der mobilen, individualisierten Gesellschaft aussehen können.

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In Sachen Liebe ist guter Rat teuer. Laut Matthias Horx fängt eine wirkliche Liebesbeziehung jeden Tag neu an. (© Shutterstock)

Den Partner sucht man heute online, das World Wide Web strotzt nur so vor Dating-Portalen, Single- und Seitensprung-Börsen. Die Möglichkeiten, einen Partner zu finden, sind nahezu unbegrenzt. Wird es eine langfristige, tiefe Liebe zwischen zwei Menschen künftig überhaupt noch geben? Wer könnte das besser wissen als der renommierte Zukunftsforscher Matthias Horx, der in seinem neuen Buch „Future Love“ der schönsten und zugleich schwierigsten Sache der Welt –  der Liebe – auf den Grund geht.

 

Herr Horx, am 14. Februar ist Valentinstag und viele verliebte Pärchen werden uns per Instagram und Facebook mit perfekten Bildern an ihrem Glück teilhaben lassen. Ist es ein Trend unserer Zeit, die Liebe so öffentlich zu zeigen?

In meiner Jugend haben Eltern noch jedes Jahr Briefe an alle Bekannten und Verwandten verschickt, in denen sie fein säuberlich jede Reise und jeden Möbelkauf mitteilten: „Haben im September eine gemütliche Bar im Keller gebaut, Egon war sehr fleißig ...“. Oder man denke an die endlosen Diaaben­de. Die sozialen Medien führen allerdings zu einem  demonstrativen Voyeurismus – man „zeigt, was man hat“. So wie man früher sein Auto vorzeigte oder seine Möbel, zeigt man jetzt die intimeren Gefühle. Ich würde das aber nicht überbewerten. Erfahrungsgemäß ist die Anzahl der „Zeiger“ größer als die der „Betrachter“, und irgendwann normalisiert sich das. Man spürt schnell, wenn der Narzismus überhandnimmt.

 

Sie haben die Liebe in Ihrem Buch wissenschaftlich hinterfragt. Wie definieren Sie Liebe?

Liebe ist die Erfahrung von tiefer Verbundenheit mit einem Menschen. Liebe macht uns lebendig, weil wir uns ganz und gar gesehen und angenommen fühlen. Dadurch verlieren wir die tiefe Existenzangst, und das ist das Erlösende an der Liebe – der Grund, warum sie wie eine Religion funktioniert. Wir verbinden uns durch den Anderen mit der ganzen Welt, dem Universum. Schon als Säuglinge brauchen wir diese bedingungslose Zuneigung. Als Erwachsene erfahren wir Liebe dann als eine große Bestätigung unseres Selbst. Sie beweist uns sozusagen, dass wir existieren.

 

Es gab noch nie so viele Beziehungsratgeber wie heute. Was unterscheidet Ihr Buch von einem Ratgeber?

Ich habe versucht, ein evolutionäres Buch über Liebe und Beziehung zu schreiben. Also der Frage nachzugehen, woher die Liebe stammt und wohin sie geht. Sie hat evolutionäre Ursachen, hat auch mit unserer Fortpflanzung zu tun, aber in der modernen Gesellschaft nimmt sie tausend verschiedene Formen an. Früher war sie eher ein Ausnahmezustand, ein vorübergehender Zustand der Verwirrung, und hatte wenig mit Familie und Beziehung zu tun, die Ehe war ja eine eher rationale Anstalt. Heute scheint romantische Liebe ein Anspruch geworden zu sein, eine Bedingung des Lebens. Sie ist aber ein scheues Reh. Wenn man zu viel Lärm macht, wenn man sie dauernd beschwört, einfordert, an ihr rumbastelt, geht sie kaputt. Deshalb nutzen Beziehungsratgeber oft nicht so viel.

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© © Matthias Horx, Trend- und Zukunftsforscher (www.horx.com), Foto: Klaus Vyhnalek

Haben Sie dennoch einen Rat für uns, wie eine langjährige, glückliche Beziehung funktionieren kann?

In Ihrer Frage stecken schon alle Stricke, die die Liebe zu Fall bringen. Langjährig, glücklich, funktionieren – das geht garantiert schief. Man kann Liebe immer nur gegenwärtig leben, obwohl sie ein Versprechen für die Zukunft bleibt. Glück ist das, was wir uns wünschen, aber wenn wir es einfordern, scheitern wir. Wenn man jemanden liebt, dann will man, dass er blüht, auflebt, sich entwickelt, also das Gegenteil von „funktioniert“ – „funktionieren“ können allenfalls Beziehungen im Alltag, Vaterschaft, Mutterschaft, gemeinsamer Haushalt. Daraus entwickelte ich den Gedanken der „ko-evolutionären Liebe“, einer Liebe, die den anderen immer wieder neu entdeckt und Selbst-Entwicklung in den Mittelpunkt des Liebesideals stellt. Wir reifen durch die Liebe. Der Schlüsselsatz meines Buches lautet: „Liebe heißt, sich selbst verändern zu wollen!“

 

Die Möglichkeiten, einen Partner zu finden, sind heute unbegrenzt. Wird es eine langfristige, tiefe Liebe zwischen zwei Menschen künftig überhaupt noch geben? Oder sucht man sich, wenn es nicht mehr passt, vom Dating-Portal einfach einen neuen Partner?

Die Idee des „lebenslang“ führt ja oft zu Regression, zur Klammerafferei. Wir leben ja heute schon in einer Kultur der seriellen Monogamie, wir haben mehrere Partner im Leben hintereinander. Es wird in Zukunft auch mehr Menschen geben, die mit Polyamorie experimentieren, also das Treuegebot aufweichen. Aber ich glaube, die Zukunftsregel lautet: Wir sind so lange zusammen, wie es für uns beide gut ist, und wenn wir uns entfremden, dann müssen wir uns auch gegenseitig gehen lassen. In der Liebe liegt ja ein paradoxer Kern der Freiheit, und die darf man sich nicht verweigern. Wenn wir lebenslang lieben wollen, gilt es zunächst mal, die Flüchtigkeit des Liebesgefühls anzuerkennen. 

 

Wurde es durch das Internet einfacher, den richtigen Partner zu finden?

Nein, aber ihn zu suchen. Im Matching „finden“ sich Menschen ja erst mal nur, das ist eine Kontaktaufnahme. Was dann passiert, passiert nicht im Computer. Dating-Portale sind nur ein Tool, um mögliche Partner kennenzulernen. Nicht mehr, nicht weniger. Sie geben in der Werbung allerdings immer vor, glückliche Partnerschaften zu garantieren. Wer darauf hereinfällt, ist arm.   

 

Trotz der großen Auswahl im Netz führen immer mehr Menschen ein Sin­gle-Dasein. Gibt es immer mehr beziehungsunfähige Menschen oder will man sich nicht mehr festlegen?

Ich sehe das positiver. Es kann ja eine sehr richtige und wichtige Entscheidung sein, Single zu bleiben. Das heißt vielleicht, dass man sich selbst besser lieben lernt. Man kann auch in dichten Freundschaftsnetzen glücklich werden. Meiner Erfahrung nach kann man besser in einer Partnerschaft leben, wenn man auch gelernt hat, alleine zu leben.

 

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Buchtipp: „Future Love. Die Zukunft von Liebe, Sex und Familie“, von Matthias Horx; DVA Verlag, 338 Seiten, ISBN 978-3-421-04732-8, € 20,60

Auf der anderen Seite wird in unseren Breiten auch wieder mehr und vor allem sehr pompös geheiratet. Worin fußt dieser Trend?

Da steckt sicher auch eine Menge Angst und Panik drin. Man hängt die Latte für die Harmonie extrem hoch, man will das mit einem gigantischen Ritual „besiegeln“. Nach meinen Recherchen sind die Paare mit der pompösesten Hochzeit am schnellsten geschieden. Oder sie kleben zusammen wie Kaugummi, sind aber kreuzunglücklich.

 

Wird es in naher Zukunft dazu kommen, dass man Liebes- bzw. Sex-Beziehungen mit Robotern eingeht? Man könnte sie nach seinen Vorstellungen programmieren, was einem sicher jede Menge Ärger spart.

Das wird es geben, aber es zeigt natürlich, dass es ein hohes Maß an Liebesunfähigkeit gibt. Wer die Idee hat, seinen Partner „programmieren“ zu können, um keinen „Ärger“ zu haben, ist meiner Meinung nach ziemlich kaputt. Er ist irgendwie selbst eine Maschine. Die Idee von Liebesrobotern spiegelt unsere eigene Roboterhaftigkeit wider. Wir machen uns zu Liebes-Zombies.

 

Sie haben die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft von Liebe, Sex und Familie untersucht. Was ist Ihr Fazit?

Liebe ist so „groß“, dass wir ihr nie wirklich beikommen können. Wir können sie nur als Geschenk annehmen. Das allerdings können wir lernen.

 

Gibt es Ihrer Meinung nach ein funktionierendes Beziehungsmodell?

Nein, denn sobald man das glaubt, hat man die Liebe schon verloren. Eine wirkliche Liebesbeziehung fängt jeden Tag neu an, sie ist ständige Verwandlung, sie „funktioniert“ nicht.

 

Wie schafft man es dennoch, eine glückliche Beziehung zu führen?

Die Lösung liegt in der sogenannten „ko-evolutionären Liebe“. Das heißt, dass man nicht die Veränderung vom Partner erwartet – das führt nämlich dahin, dass man ihn ständig kritisiert, und das ist das Ende der Liebe. Sondern, dass man sich IN der Verbundenheit selbst entwickelt, in Richtung auf höhere Integration und Spiritualität.