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Lifestyle | 18.11.2021

Wer erbt meinen digitalen Fußabdruck?

Geld, Schmuck, Immobilie: Wer seine Erbschaft regelt, denkt zuerst an handfeste Vermögenswerte. Doch mit Fortschreiten der Digitalisierung wird es immer wichtiger, seine Hinterlassenschaft in Clouds und auf Social Media nicht zu vergessen.

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© Shutterstock

Niemand beschäftigt sich gerne mit dem eigenen Tod. Dennoch raten Experten dringend zu einem Testament. Auch wenn noch viel Luft nach oben bleibt, 40 Prozent der Menschen in Oberösterreich haben ein Testament gemacht und sind damit bundesweit führend. Das geht aus einer aktuellen market-Umfrage im Auftrag der Initiative „Vergissmeinnicht“ hervor. Österreichweit seien es nur 30 Prozent. Noch denken die wenigsten an ihre digitale Hinterlassenschaft, während die Digitalisierung stetig unser Leben erobert. Grundsätzliches zum großen Thema „Vererben und Schenken“ und wie man  seinen digitalen Fußabdruck vermacht,  klären wir mit unseren Rechtsexperten am Land und in der Stadt.

 

 

 

Dr. Gabriele Petric, Notarin in Waizenkirchen

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© Petric

Grundsätzliche Frage: Wenn man plant, sein Erbe zu regeln, was sind die ersten Schritte?

Dr. Gabriele Petric: Zunächst sollte man sich Gedanken machen, was zu vermachen ist und welche Personen man bedenken möchte, sodass man die groben Vorstellungen schon zum Notar mitnehmen kann.

 

Warum macht es Sinn, bei der Erstellung des Testaments einen Notar hinzuzuziehen?

Der Notar wird, um späteren Streit zu vermeiden, das Testament rechtlich korrekt formulieren. Leider passieren bei selbstformulierten Testamenten viele Fehler und Ungenauigkeiten, die später zum Streit führen können. Weiters wird das Originaltestament beim Notar verwahrt und im Zentralen Testamentsregister per EDV registriert. Im Todesfall wird von jedem zuständigen Notar eine Abfrage in diesem Register gemacht und es scheint somit automatisch auf, wo das Originaltestament liegt. Somit kann das Testament niemals verloren gehen.

 

Wie wichtig ist am Land ein vertrauensvolles Verhältnis zum Notar?

Ein vertrauensvolles Verhältnis zum Notar ist immer wichtig, nicht nur am Land. Der Notar kann nur dann sinnvoll beraten, wenn er über sämtliche Hintergründe von den Parteien informiert wird. Der Notar steht unter Verschwiegenheitspflicht, sodass alles besprochen werden kann.

 

 

 

Mag. Janine Karlsböck und Dr. Julia Schürz, Rechtsanwältinnen in Linz

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© Mag. Roland Karlsboeck

Die Digitalisierung erobert stetig unser Leben. Was hat sich in Ihrer Kanzlei verändert?

Mag. Janine Karlsböck: Die Digitalisierung erfordert, dass auch wir Neues ausprobieren, z. B. Legal Tech, und uns den Herausforderungen unserer Mandanten stellen, wie z. B. Kryptowährung oder Social Media. Mittlerweile führen wir unsere Akten ausschließlich in elektronischer Form. Von der Besprechung mit Mandanten über die Ausarbeitung von Verträgen bis hin zum Gerichtsakt ist alles digitalisiert. Der klare Vorteil ist, dass wir zu jeder Zeit an jedem Ort voll einsatzfähig und flexibel sind. Wir sparen nicht nur uns, sondern vor allem unseren Mandaten Zeit und Ressourcen.

 

Wir hinterlassen nach dem Ableben auch einen digitalen Fußabdruck. Gibt es etwas, woran zu Lebzeiten unbedingt gedacht werden sollte?

Dr. Julia Schürz: Zu den wichtigsten Elementen unseres digitalen Fußabdrucks gehören Bankkonten, Daten in der Cloud und Social Media-/E-Mail-Konten. Undenkbar ist heutzutage, klassische Vermögenswerte im Testament zu regeln und die digitalen Vermögenswerte – man denke auch an Influencer – ungeregelt zu lassen. Die erste Frage ist, ob die Konten nach dem Tod gelöscht werden sollen oder eine ausgewählte Person diese Konten abwickeln soll. Wenn wichtige Dokumente oder Fotos in der Cloud gespeichert sind, dann sollte den Hinterbliebenen Zugriff gewährt werden. Wenn sich z. B. Kryptogeld in einem Wallet, also einer digitalen Geldbörse, befindet, ist es für die Hinterbliebenen fast unmöglich, darauf zuzugreifen, ohne den privaten Schlüssel zu kennen. Zugangsdaten und Passwörter sollten jedenfalls nicht direkt im Testament verewigt werden. Um die Wünsche richtig umzusetzen, ist rechtlicher Rat wichtig.

 

 

Dr. Richard Hingsammer, Notarpartner in Steyr

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© Flora Bacher

Die Digitalisierung erobert stetig unser Leben. Was kann heutzutage beim Notar auf digitalem Wege erledigt werden?

Dr. Richard Hingsammer: Mit Inkrafttreten des 4. COVID-19-Gesetzes wurde § 90a in die Notariatsordnung neu eingefügt und die Möglichkeit zur digitalen Beglaubigung und Beurkundung durch den Notar geschaffen. Unser Notariat hat seit Inkrafttreten des 4. COVID-19-Gesetzes bereits mehrere Urkunden digital beurkundet sowie Unterschriftsbeglaubigungen digital durchgeführt und wir stehen diesbezüglich gerne zur Verfügung.

 

Was ist im Erbverfahren auf digitalem Wege möglich, wann ist persönliche Anwesenheit erforderlich?

Eine letztwillige Anordnung ist eigenhändig zu unterschreiben, weshalb dies digital nicht möglich ist. Es kann jedoch ein Erb- und Pflichtteilsverzicht elektronisch beurkundet werden.

 

Was unseren „digitalen Fußabdruck“ betrifft, was sollte zu Lebzeiten bedacht werden?

Die Passwörter bei der Errichtung des letzten Willens als Beilage anzuführen und diese Urkunde bei einem Notar zu hinterlegen.