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Lifestyle | 01.06.2021

Wenn der Vater fehlt...

Viele Papas glauben, dass sie für ihre Kinder nicht so wichtig seien wie die Mamas. Doch das stimmt nicht! Für eine gesunde Entwicklung brauchen Kinder nämlich beide Elternteile.

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Väter sind für Kinder wichtig – und zwar von Anfang an, wie die Linzer Psychologin Christa Schirl betont. Für eine gesunde Entwicklung brauchen Kinder nämlich Mutter und Vater. „Ich finde es schade, dass viele Väter nicht wissen, wie wichtig sie sind“, sagt die Expertin. In unserem Interview erklärt sie außerdem, wie es sich auf Kinder auswirken kann, wenn sie ohne  Vater aufwachsen, und was auch Männer davon haben, wenn sie aktive Papas sind.

 

OBERÖSTERREICHERIN: Brauchen Kinder Väter?

Christa Schirl: Nicht nur die Erfahrungen aus unserer Praxis, sondern auch viele Studien zeigen eindeutig: Für eine gesunde Entwicklung brauchen Kinder Mütter und Väter. Vaterlos aufwachsende Kinder weisen oft Einschränkungen in ihrer Identitäts- und Selbstwertentwicklung, in ihrer Bindungs- und Beziehungsfähigkeit und in ihrer Leistungsfähigkeit auf. Es gibt keinen wichtigen oder unwichtigen Elternteil. Ich bedauere es sehr, dass viele Väter nicht wissen, wie wichtig sie sind.

Warum sind Väter wichtig?

Eine der biologischen Grundaufgaben des Vaterseins liegt im Schützen und Anerkennen der Kinder. Je älter Kinder werden, umso mehr suchen sie die Anerkennung des Vaters. Viele heranwachsende Kinder beschäftigt die Frage, ob der Vater stolz auf sie ist. Jugendliche, die diese Frage bejahen können und den Stolz der Väter spüren, strahlen mehr Selbstsicherheit aus und ersparen sich deshalb manchen jugendlichen Leichtsinn. Mädchen, die eine gute Vaterbindung haben, gehen als Jugendliche mit Beziehungen viel umsichtiger um, weil sie nicht blind die Bestätigung von jungen Männern suchen.

Heißt das, dass Töchter zu einem Großteil ihr Selbstbild als Frau über den Vater beziehen?

Ja, tatsächlich sollte der Vater der „erste“ Mann in ihrem Leben sein, der ihnen das Gefühl gibt, wichtig zu sein, indem er Aufmerksamkeit schenkt. In meiner Praxis erlebe ich leider oft das Gegenteil: Väter kümmern sich nicht um ihre Töchter oder versagen ihnen die Anerkennung. Das hat Einfluss darauf, mit welchem Selbstbewusstsein sich Mädchen in einer späteren Partnerschaft erleben. Vaterlosen Mädchen fehlt außerdem die Erfahrung, wie man als Frau mit einem Mann umgeht. Oft fühlen sich diese Mädchen in Beziehungen zum anderen Geschlecht unsicher oder sogar unwohl. Diese Unsicherheit kann einen Einfluss auf die spätere Partnerwahl und die Haltbarkeit von Beziehungen haben. 

Und was ist mit den Buben?

In vaterlosen Familien fehlen oft Modelle für Geschlechterrollen. Jungs sind unsicher, wie sie sich verhalten sollen und haben oft Schwierigkeiten im Umgang mit Mädchen. 

Welche Auswirkungen kann es haben, wenn der Vater fehlt?

Die Beziehung zum Vater ermöglicht dem Kind wichtige Ablösungsschritte von der Mutter. Wenn es einen Konflikt mit der Mutter gibt, spürt das Kind, dass es im Vater über eine zweite sicherheitsgebende Person verfügt. Gibt es nur eine Bezugsperson, kommt es meist zu einer „Überbindung“ an den vorhandenen Elternteil. In meiner Praxis sehe ich oft, dass diese Kinder unter starken Verlustängsten leiden können oder dass es ihnen schwerfällt, mit zwei Personen in Beziehung zu treten. Die Grunderfahrung dieser Kinder ist auf die Zweier-Beziehung beschränkt. Diese Kinder ertragen es oft nicht, die Aufmerksamkeit zu teilen und möchten „Exklusivität“ in Beziehungen herstellen. 

Stichwort Patchworkfamilien. Sind Väter austauschbar oder ersetzbar?

Kinder können auch von anderen männlichen Beziehungen wie Patchwork-Papa oder -Großvater profitieren, in dem sie als Vorbild für die Geschlechtsrollen-Übernahme dienen. Aber sie können den leiblichen Elternteil immer nur partiell ersetzen, niemals ganz! Die Beziehung zum Vater bleibt neben anderen guten Beziehungen, die das Kind durchaus entwickeln kann, immer wichtig. Das hängt mit der Einzigartigkeit dieser Beziehung zusammen. Jedes Kind hat nur einen Vater. Selbst wenn die Beziehung nicht gelebt wird, bleibt sie bestehen. Es ist eine schwere Kränkung für die kindliche Seele, wenn sich der Vater nicht genügend kümmert. Kinder bekommen dann das Gefühl bedeutungslos – für den Vater unwichtig – zu sein. Studien belegen sogar, dass es Kindern dann am schlechtesten geht, wenn sie zugunsten der neuen Beziehung auf die gewachsene Beziehung zum Vater verzichten sollen. Deswegen soll auch in Patchworkfamilien der Kontakt zum leiblichen Vater bestehen bleiben. 

Vatersein trotz Scheidung: „Wieviel“ Vater braucht ein Kind?

Gerade alleinerziehende oder vom Partner getrennt lebende Mütter stellen diese Frage häufig. Väter bleiben wichtig – auch nach einer Trennung. Trotzdem merkt man oft, dass sich ein Elternteil aus der Erziehung der Kinder zurückzieht – etwa, um den Kindern die elterlichen Konflikte zu ersparen. Die Bereitschaft der Eltern, miteinander in Verbindung zu bleiben, den anderen Elternteil in die elterlichen Aktivitäten einzubeziehen, ist aus Kindersicht unverzichtbar. Hier liegt die Nahtstelle, an der sich entscheidet, was künftig Priorität haben soll: die Erfüllung der Interessen der Eltern oder die der Kinder. Das Wichtigste für Scheidungskinder ist: Sie sollen spüren, dass der Vater verlässlich für sie da ist. Sie sollten ihn jederzeit anrufen können. Sie sollten ihn regelmäßig sehen. Sie sollten den Eindruck haben, dass er sich für sie und ihr Leben interessiert! 

Lässt sich sagen, ab welchem Alter Väter wichtig für ihre Kinder sind?

Der Vater ist von Anfang an wichtig. Kinder entwickeln parallel zur Mutter auch eine Beziehung zum Vater, wenn er als Bezugsperson zur Verfügung steht. Dabei ist es nicht wichtig, dass der Vater im gleichen Umfang wie die Mutter für die Versorgung des Kindes da ist. Beim Vatersein geht es also weniger um die zeitliche Quantität als um die Qualität der Beziehung. Väter, die zwar anwesend, aber nicht ansprechbar sind, sind alles andere als förderlich. Entscheidend ist, wie gut es dem Vater gelingt, die Bedürfnisse seines Kindes zu erkennen und darauf einzugehen. Um das zu erlernen, braucht er – genau wie die Mutter – Zeit und Erfahrung im Umgang mit dem Kind.

Wie sieht es mit Vätern aus, die nur am Wochenende Zeit für ihre Kinder haben?

Manche Väter, die in die Elternberatung kommen, haben tatsächlich nie gelernt, der ausschließliche Ansprechpartner des Kindes zu sein. Sie fühlen sich unsicher mit ihrem Kind. Allein waren sie mit den Kindern zumeist nur dann, wenn es galt, etwas zu unternehmen. Und so werden Wochenend-Väter oft zu Freizeitanimateuren, die den Kindern amüsante Unterhaltung wie Kinobesuche oder andere besondere Erlebnisse bieten. Dabei möchten Kinder viel lieber einfach mit ihrem Papa spielen, den Vätern fehlt allerdings oft die Erfahrung, wie man mit Kindern spielt. Ich empfehle, sich einfach den Ideen der Kinder anzuschließen und sich dabei zu überlegen, was ihnen selbst Spaß machen könnte. 

Was ist, wenn der Vater gestorben ist?

Der Tod eines Elternteils zieht in aller Regel eine andere Form der Trauer nach sich als eine Scheidung oder Trennung. Beim Tod des Vaters ist es die Aufgabe der Mutter, das Andenken an den Vater zu fördern. Dem Kind wird dadurch geholfen, die innere Verbindung zu ihm aufrechtzuerhalten. In unserer Praxis erleben wir immer wieder, dass vom Vater verlassene Kinder die Fantasie entwickeln, der Vater sei gestorben. Diese Vorstellung ist für manche Kinder leichter zu ertragen als die verletzende Erfahrung: Mein Vater will nichts von mir wissen. 

Und was haben die Väter davon, wenn sie aktive Papas sind?

Aktive Vaterschaft ist nicht nur für die Entwicklung der Kinder wichtig und förderlich. Sie kann dazu beitragen, die Partnerbeziehung zu festigen und Konflikte zu minimieren. Schließlich tut sie auch den Männern gut. Die Männer, die sich als aktive Väter in die Schule und den Kindergarten begeben, sich mit ihren Kindern auseinandersetzen und die in Beziehungsarbeit investieren, lernen ihre Gefühle besser wahrzunehmen und zu gestalten. Und sie sind stolz darauf, Vater zu sein!

 

 

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