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Lifestyle | 27.11.2018

Wenn der Schlaf zum Albtraum wird

Immer mehr Menschen schlafen schlecht. Was das mit den Neuen Medien zu tun hat und wie man wieder besser schlafen kann, erklärt Primar Gerhard Ransmayr vom Kepler Uniklinikum Linz.

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© Shutterstock

Abends müde ins Bett sinken, die Augen schlie­ßen, sich umdrehen, einschlafen und erst am nächsten Morgen wieder aufwachen – für immer mehr Menschen ist das ein Wunschtraum. Laut einer Befragung der Med-Uni Wien vom März dieses Jahres ist die Zahl jener Menschen mit Schlafproblemen im Vergleich zum Jahr 2007 signifikant gestiegen. 30 Prozent der insgesamt 1.000 Befragten gaben an, Schwierigkeiten mit dem Einschlafen zu haben. Sogar 51 Prozent klagten, nicht ungestört durchschlafen zu können. „Wer über einen längeren Zeitraum schlecht schläft, muss mit negativen Auswirkungen auf Physis und Psyche rechnen“, sagt Primar Gerhard Ransmayr, Leiter der Klinik Neurologie 2 am Kepler Universitätsklinikum Linz. „Man wird gereizt oder angespannt, ist weniger belastbar und leistungsfähig.“ 

 

Herr Professor, wie viel Schlaf braucht ein gesunder Mensch im Durchschnitt?

Gerhard Ransmayr: Das ist grundsätzlich von Mensch zu Mensch verschieden. Es gibt Menschen, die acht Stunden Schlaf brauchen, um am nächsten Tag fit zu sein. Andere wiederum kommen mit fünf bis sechs Stunden Schlaf aus. Das hängt übrigens auch mit dem Alter zusammen. Je älter man ist, umso weniger Schlaf braucht man. Kinder und Jugendliche hingegen benötigen mehr Schlaf – besonders auch in den Morgen hinein.

 

Laut einer aktuellen Befragung der Med-Uni Wien haben immer mehr Menschen Probleme beim Schlafen. Worauf führen Sie diese Verschlechterung der Schlafqualität zurück?

Wie wir schlafen, hängt viel von den Lebensgewohnheiten und den Umständen ab, denen wir ausgesetzt sind. Man ist immer mehr Reizen ausgesetzt, der Stress nimmt zu, und auch die Arbeitswelt ist für viele Menschen schwieriger geworden. Dazu kommen Mehrfachbelastungen – beruflich wie privat –, die viele Menschen nicht mehr zur Ruhe kommen lassen. Zusätzlich treten Angststörungen und Depressionen immer häufiger auf, auch damit gehen sehr oft Schlafprobleme einher. Letztlich hat die Qualität des Schlafes auch mit den Entwicklungen unserer Gesellschaft zu tun.

 

Smartphones, Tablets und die damit verbundene ständige Erreichbarkeit tragen nicht gerade zur abendlichen Entspannung bei. Welche Rolle spielen die so genannten Neuen Medien für den Schlaf?

Das Internet ist verführerisch geworden. Egal, ob man beruflich oder privat damit kommuniziert, Musik hört, Filme ansieht oder einfach nur nach Informationen sucht – immer mehr Menschen verbringen sehr viel Zeit mit ihrem Smartphone. Dabei ist wahrscheinlich nicht die Strahlung das wirkliche Problem, weil es bisher keine eindeutigen harten Befunde dafür gibt. Allerdings können das blaue Bildschirmlicht sowie die Frequenz unseren Biorhythmus beeinträchtigen – besonders abends vor dem Schlafengehen.

 

Welche Auswirkungen auf Physis und Psyche kann es haben, wenn man regelmäßig schlecht und zu wenig schläft?

Wer über einen längeren Zeitraum schlecht schläft, muss mit Konzentrations- und Gedächtnisstörungen sowie verminderter Reaktionsfähigkeit rechnen. Außerdem kann sich chronischer Schlafmangel negativ auf unsere Stimmung auswirken. Man reagiert labil, gereizt, angespannt. Auch der Stoffwechsel kann in Mitleidenschaft gezogen werden. Dann verspürt man öfter Hunger, isst mehr und nimmt zu. Wir wissen auch, dass unausgeschlafene Menschen eine Gefahr im Straßenverkehr sind, weil sie durch die Tagesmüdigkeit nicht schnell genug reagieren können.

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Primar Univ.-Prof. Dr. Gerhard Ransmayr

Hin und wieder nicht ein- und durchschlafen zu können ist vermutlich völlig normal. Wann spricht man von tatsächlichen Schlafstörungen?

Von chronischen Schlafproblemen spricht man erst, wenn man optimale Schlafbedingungen schafft und es trotzdem zu wiederholten Schlafstörungen kommt. Wenn man zum Beispiel den Kaffee- und Alkoholkonsum einschränkt, regelmäßig zeitig ins Bett geht, am nächsten Tag keine unvorbereiteten Situationen auf einen warten, über die man grübeln müsste, und man dennoch nicht gut und ungestört schlafen kann. Wenn man also gewisse Faktoren zum Positiven hin verändert hat und sich die Schlafqualität dennoch nicht verbessert, macht es Sinn, sich medizinische Hilfe zu suchen. Bei älteren Menschen können öfter Zusatzphänomene auftreten, wie Atempausen, abnorme Bewegungen, Muskelzuckungen und äußerst lebhafte Träume verbunden mit dem Gefühl, dass der Träumende mitten im Geschehen ist. Wenn der Partner solche Phänomene beobachtet, sollte man das ebenfalls medizinisch abklären lassen.

 

Was raten Sie als Experte, um abends besser zur Ruhe kommen zu können? Gibt es so etwas wie gute „Müde-Macher“?

Wichtig ist, abends abzuschalten und zu entspannen. Man sollte tun, was einem gut tut – und das ist individuell verschieden. Ein warmes Bad kann ebenso helfen wie autogenes Training oder eine Tee-Zeremonie. Auch ein Schlaftrunk in Form von einem Glaserl Bier ist erlaubt. Nur darf es nicht zu viel Alkohol sein, weil dieser die Schlafqualität wiederum beeinträchtigt: Man schläft zwar schnell ein, allerdings schläft man in der Folge durch den Alkohol schlechter. Als Einstimmung auf die Nacht kann es auch vorteilhaft sein, den Tag mental sozusagen abzuschließen, um unbelastet ins Bett gehen zu können. Dann fallen Grübeleien weg, die einen oftmals am Einschlafen hindern. Auch die Körpertemperatur spielt eine wesentliche Rolle. So sollte man zum Beispiel nicht mit kalten Füßen ins Bett gehen.

 

Auf den Schlaf warten, Schäfchen zählen – was tut man am besten, wenn man nicht einschlafen kann oder nachts wach wird und keinen Schlaf mehr findet?

Wenn man stark von Zeitpunkten und Terminen abhängig ist, ist es natürlich ungleich schwieriger, nicht ins Gedankenkarussell abzudriften, als wenn am nächsten Tag keine Termine warten, man entspannt mit der Zeit umgehen und ausschlafen kann. Wichtig ist das Bewusstsein, dass das nicht jede Nacht so ist. Mit diesem Wissen kann man ruhig bleiben und wird auch schneller wieder einschlafen. Wer am nächsten Tag müde und erschöpft ist, dem empfehle ich ein Mittagsschläfchen, so es sich natürlich bewerkstelligen lässt.

 

Stichwort Powernap: Ist dieser aus medizinischer Sicht zu empfehlen?

Unbedingt! Für das Wohlbefinden ist ein Powernap aus medizinischer Sicht sehr zu befürworten. Nicht umsonst gibt es immer mehr internationale Unternehmen, die ihren Mitarbeitern bequeme Sitzmöglichkeiten bieten, wo sie bei Bedarf ein kurzes Schläfchen halten können, oder auch einen Fitnessraum, um sich körperlich zu erfrischen. Davon profitiert auch das Unternehmen, weil die Mitarbeiter danach wieder konzentrierter und produktiver sein können.