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Lifestyle | 31.10.2022

Wenn alte Liebe rostet

Warum Scheidungen nach langjährigen Ehen zunehmen und wie eine Trennung im reifen Alter zum Neuanfang werden kann, hat Kommunikations- und Konfliktberaterin Dorothee Döring in ihrem Buch „Späte Trennung“ thematisiert.

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Thomas Gottschalk und seine Frau Thea haben sich 2019 nach mehr als 40 Jahren Ehe getrennt. Maria Shriver reichte nach 25 Ehejahren im Alter von 56 Jahren die Scheidung von Arnold Schwarzenegger ein. Bill Gates und seine Frau Melinda haben nach 27 gemeinsamen Jahren via Twitter das Ende ihrer Ehe verkündet und erst kürzlich gaben Schauspielerin Maria Furtwängler und Verleger Hubert Burda nach 31 Jahren Ehe ihre Trennung bekannt. Aber nicht nur prominente Paare ziehen nach Langzeitehen einen Schlussstrich, auch hierzulande sind die Scheidungsraten bei Langzeitbeziehungen in den letzten Jahren stark gestiegen. 

Scheidung mit 54 Jahren. An die Möglichkeit einer Trennung hatte Marika (54) nie gedacht. Es stand für sie außer Frage, dass sie mit ihrem Mann Jürgen zusammenbleiben wollte. Schließlich waren sie seit 25 Jahren durch dick und dünn gegangen und galten im Freundeskreis als Vorzeigepaar. Doch dann kam heraus, dass Jürgen schon viele Jahre eine Geliebte hatte und sich auf keinen Fall von dieser trennen wollte. Plötzlich musste Marika sich eingestehen, dass sie sich einiges schöngeredet und vieles ausgeblendet hatte. Tatsächlich hatten sie sich als Paar schon länger nichts mehr zu sagen. Nach einer zermürbenden Phase endloser Beziehungsgespräche beschloss Marika, die Scheidung einzureichen und sich mit 54 Jahren ein neues Leben aufzubauen. 

„Graue Scheidungen“. Mit vielen authentischen Fallbeispielen zeigt die Kommunikations- und Konfliktberaterin Dorothee Döring in ihrem Buch „Späte Trennung“ auf, dass eine Trennung im reifen Alter zum Neuanfang werden kann. Denn der althergebrachte Spruch „Alte Liebe rostet nicht“ stimmt so nicht mehr. Rund 40 Prozent aller Ehen werden in Österreich geschieden. Während die Scheidungsrate zwar generell sinkt, steigt sie laut Soziologin Ulrike Zartler von der Universität Wien bei Paaren, die 25 Jahre oder länger verheiratet sind. „Graue Scheidung“ nennen Experten Scheidungen nach der Silberhochzeit, wenn man ernüchtert festgestellt hat, dass es keine Gemeinsamkeiten mehr gibt. „Soll das alles gewesen sein?“, fragen sich viele Langzeitpaare mit Blick auf die nächsten 20 Jahre, dabei wird häufig die Partnerschaft infrage gestellt. 

Wenn die Gleichgültigkeit zunimmt, Wohlwollen und Wertschätzung fehlen, das sexuelle Interesse am anderen fehlt, man sich nichts mehr zu sagen hat oder das gegenseitige Vertrauen verloren geht, dann sollten laut Dorothee Döring die Alarmglocken schrillen. Denn wenn mehrere dieser Symptome auftreten, sind das meistens Warnsignale für ein sich abzeichnendes Ende einer Beziehung. 

 

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Routine als „Beziehungskiller“. Die Geliebte ist schon lange nicht mehr der Hauptauslöser für spätere Trennungen. Neben überzogenen und enttäuschten Erwartungen kann bei Langzeitpaaren sehr oft Routine zum „Beziehungskiller“ werden, aber auch wenn die Kinder ausziehen oder einer der Partner in Pension geht, kann das Lebens- bzw. Beziehungskrisen auslösen. Denn der Trennung eines Paares geht laut Döring immer eine Beziehungskrise voraus. Die Partner spüren zwar schon länger, dass etwas nicht passt, versuchen aber, dieses Gefühl zu ignorieren und leben weiter wie bisher – mit dem Ergebnis, dass sie sich mehr und mehr voneinander entfernen. Zudem hat sich auch die Lebenserwartung der Menschen erhöht und die wirtschaftliche Situation im Allgemeinen verbessert. Außerdem ist späte Trennung kein Tabu mehr. 

 

Vergangenheit loslassen. Dennoch ist eine Trennung immer mit einer großen Krise und Trauer verbunden, vor allem für jenen Partner, der verlassen wird. Gefühle wie Fassungslosigkeit, Panik, Zukunftsangst, Wut und Einsamkeit überwiegen. Aber auch für denjenigen, der die Beziehung beendet, kann die Trennung ebenso schlimm sein wie für den Verlassenen. Denn die Trennung einer Paarbeziehung ist immer mit Schmerzen für beide verbunden. Egal, ob man verlassen wird oder verlässt, Autorin Döring rät beiden Partnern zur Reflexion, denn nur so kann die Vergangenheit abgeschlossen werden. Weiters führt sie im Buch an, wie man Liebeskummer überwinden kann und wie wichtig Trauerarbeit ist. Denn um das Leben nach dem Scheitern einer langjährigen Beziehung der neuen Situation anpassen zu können, ist es notwendig, die Vergangenheit zu akzeptieren und loszulassen. 

 

Chance für Neuanfang. Eine Trennung in reiferen Jahren ist deutlich belastender als in jüngeren Jahren und hat eine völlig andere Tragweite, da ein ganzes Leben dranhängt und es schwerer ist, sich ein neues aufzubauen. Bevor eine neue Zukunft möglich ist, muss man sich emotional aus der beendeten Beziehung lösen. „Um die Trennung und damit die neue Realität annehmen zu können, ist es oft hilfreich, eine Außenperspektive einzunehmen, zum Beispiel im Rahmen einer Supervision“, empfiehlt Döring. Wichtig ist auch, wieder zu sich selbst zu finden und eine gesunde Selbstbeziehung aufzubauen. Mit einem Neuanfang kann ein neuer Job, ein neues Hobby, ja sogar ein Studium verbunden sein. 

 

Betrifft das ganze Familiensystem. Hilfreich sind vor allem Freunde, die einem zur Seite stehen. Außerdem gilt es auch, ein neues Miteinander in der Familie zu finden. Denn wenn sich ein Paar, das Kinder und Enkelkinder hat, nach Jahrzehnten trennt, betrifft es das gesamte Familiensystem. Als Paar gescheitert zu sein, bedeutet aber laut Dorothee Döring nicht zwangsläufig, den Kontakt zu Kindern und Enkeln zu verlieren. Wichtig ist, dass Paare durch ihre Trennung die Familie als Eltern oder Großeltern nicht verlassen und bei Familientreffen anwesend sind. Erwachsene Kinder werden in der Regel nicht applaudieren, wenn sich ihre Eltern trennen, aber es ist die Aufgabe der erwachsenen Familienmitglieder, Lösungen zu finden, um ein familiäres Miteinander zu ermöglichen. 

 

Ambivalent. Eine Trennung nach vielen Jahren ist ambivalent, denn je nachdem, ob sie selbstbestimmt herbeigeführt wurde oder ob man von der Trennungsentscheidung des anderen überrascht wurde, wird sie als Chance zum Neuanfang oder als Zerstörung des bisherigen Lebens empfunden. Dorothee Döring ist es gelungen, einen Ratgeber herauszubringen, der die Komplexität des Themas deutlich macht. Anhand vieler Fallbeispiele zeigt sie auf, dass eine späte Trennung mit Abschied, Verlustschmerz und Trauer verbunden ist, aber auch neue Räume für die Entwicklung freigibt. Hilfreich sind auch Angaben zu Ratgebern von Expertinnen und Experten, die sich mit diesem Thema befasst haben. 

 

 

Buchtipp

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Dorothee Döring „Späte Trennung. Selbstbestimmt durchstarten mit 50+“, maudrich 2022, ISBN 978-3-99002-144-6 (Print) ISBN 978-3-99111-631-8 (E-Pub) UVP € 18,90