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Lifestyle | 13.10.2015

Was Brustkrebs mit der Psyche macht

Diagnose Brustkrebs. Das ist nicht nur eine körperliche, sondern auch eine große psychische Belastung. Welche Sorgen und Ängste es gibt, was hilft und warum auch negative Gefühle Platz haben dürfen, erklärt die Linzer Psycho-Onkologin Regina Anderl.

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(© Shutterstock)

Wie reagieren viele Frauen, wenn sie mit der Diagnose Brustkrebs konfrontiert werden?

Für die meisten Patientinnen ist es ein großer Schock, wenn die Diagnose endgültig feststeht. Allerdings ist für viele die Wartezeit auf das Ergebnis noch belas­tender, weil Unsicherheit und Angst diese Situation prägen. Wenn klar ist, dass es Krebs ist, wird der Patientin ein Behandlungsplan vorgestellt. Das bedeutet: Es beginnt die Phase, wo endlich etwas getan werden kann. Meiner Erfahrung nach ist es in der Regel leichter auszuhalten, der Angst und Unsicherheit mit „Tun“ begegnen zu können als mit „Abwarten“.

 

Wie lange dauert es, bis der erste Schock überwunden ist?

Das ist von Frau zu Frau unterschiedlich, aber wie vorhin bereits angesprochen, dauert diese Phase meist solange, bis die Betroffene das Behandlungsprozedere in Händen hält, es annimmt und endlich los gehen kann. Die Zeit des Grübelns – bin ich gesund oder doch krank? – ist zwar vorbei, was aber nicht bedeutet, dass nun alles gut ist. Es gibt neue Dinge, die die Patientinnen dann beschäftigen. 

 

Welche Dinge können das sein?

Zum Beispiel, wie sich ihre Brust verändern wird, wie gut sie die Therapie vertragen werden oder wie Sexualität künftig gelebt werden kann.

 

Was sind die größten Sorgen und Ängste? 

Das Ausmaß der Sorgen und Ängste hängt stark von Familiensituation, Alter und Ausgangsbefund ab. Viele Frauen sorgen sich in erster Linie um die Angehörigen – besonders um ihre Kinder, aber auch den Partner oder die eigenen Eltern. Viele wollen ihre Angehörigen damit nicht zu sehr belasten.

 

Ist es bei den meisten Patientinnen so, dass sie zum ersten Mal in ihrem Leben auch Todesangst verspüren und sich mit dem Thema „Sterben“ und der eigenen Endlichkeit auseinandersetzen müssen?

Die Auseinandersetzung mit Tod und Sterben wird zwangsläufig in Bewegung gesetzt, auch wenn es schwerfällt und man es nicht wahrhaben will. Man müsste ja schließlich keine Angst haben, „wenn die Diagnose eh nicht so schlimm wäre“. Krebs ist in unseren Köpfen immer noch in der Nähe von Tod und Sterben abgespeichert. Ältere Damen, die sich vielleicht schon mit dem Thema auseinandergesetzt haben, hadern nicht in dem Ausmaß wie junge Frauen, die mitten im Leben stehen. Ausschlaggebend für die Auseinandersetzung mit Tod und Sterben ist natürlich auch der Ausgangsbefund. Eine Patientin, die bereits nach einer operativen Sanierung wieder als gesund entlassen werden kann, wird sich weniger damit beschäftigen als eine Patientin, bei der bereits Metastasen festgestellt werden. Während der Behandlung sind Zuversicht und Hoffnung die wichtigen treibenden Kräfte, wobei häufig nach Abschluss der Behandlung wieder Ängste auftauchen, besonders die vor einem Rezidiv (Anm. d. Red.: das Wiederauftreten der Krankheit). 

 

Eine Krebserkrankung ist nicht nur eine körperliche, sondern auch eine große psychische Belastung. Wie können Sie den Patientinnen zur Seite stehen und sie unterstützen?

Das Wichtigste in der psychoonkologischen Behandlung ist, sich Zeit für ein Gespräch zu nehmen, in dem wir auf jene Themen eingehen, die für die Patientin aktuell von Bedeutung sind. Das Wahrnehmen und Erfassen der jeweiligen Bedürfnisse spielt eine wesentliche Rolle. Wir führen die Gespräche übrigens in einem Raum, der eher einer „Wohnzimmeratmosphäre“ entspricht als einem Krankenzimmer. All das soll der Patientin helfen, sich zu öffnen. 

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Mag. Regina Anderl, Psycho-Onkologin am KH der Barmherzigen Schwestern in Linz (© Werner Harrer)

Nehmen viele Patientinnen Ihre Hilfe in Anspruch?

Bei uns im Krankenhaus erhält jede Patientin bei Aufnahme einen Screening-Fragebogen, der aus sieben Fragen zum aktuellen Befinden besteht. Ab einem Summenwert von vier empfehlen wir die Mitbetreuung durch die Klinische Psychologie. Natürlich entscheidet aber die Betroffene selbst, ob sie diese Unterstützung annehmen möchte. Diese autonome Entscheidung ist uns wichtig. Im Laufe des Behandlungsprozesses lerne ich etwa ein Drittel aller Patientinnen kennen, allerdings einige davon erst nach Abschluss der Behandlung. Neben den stationären Terminen bieten wir auch fünf Termine auf ambulanter Basis an.

 

Kümmern Sie sich auch um Angehörige? Wie können Angehörige eine Krebs-Patientin Ihrer Meinung nach am besten unterstützen?

Ja, selbstverständlich! Wir bieten jeder Patientin an, die Angehörigen in die Gespräche mit einzubeziehen. Manche Angehörige kommen auch alleine zu einem Gespräch, um zu erfahren, wie sie mit den Betroffenen umgehen können. Hier erscheint mir wichtig, die Angehörigen darauf hinzuweisen, nicht belehrend oder nur ausschließlich „positiv“ zu sein oder gar bagatellisierend. Der oftmals gegebene Ratschlag, doch einfach positiv zu denken, ist für viele Frauen oft belastender, als dass er Entlastung bringt. Partner können viel beitragen, wenn sie sich über die Erkrankung informieren, sich an den Auswirkungen von Therapien und den emotionalen Auswirkungen interessieren. Das Gespräch zu suchen ist ein ganz entscheidender Punkt im Umgang miteinander. Etwas schwieriger gestaltet es sich im Umgang mit den Kindern. Die emotionale Betroffenheit der Patientin und Mutter kann sich auf das Kind übertragen, sodass es oft unumgänglich ist, mit den Kindern – altersentsprechend – darüber zu reden und sie aufzuklären, was jetzt anders ist.

 

Wie hilft man Patientinnen, die nicht mehr geheilt werden können, die sterben werden?

Mit sehr sorgfältig angelegten Gesprächen, die wir auf jene Themen ausrichten, die von der Patientin selbst eingebracht werden. Oft sprechen Frauen auch sehr konkret über das Sterben und die Zeit bis dorthin. Unter Umständen tauchen Themen auf, die bisher nicht bearbeitet wurden. Die Angehörigen werden nach Absprache mit der Patientin in die Gespräche mit einbezogen, was in dieser Phase eine wesentliche Rolle spielen kann. 

 

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Trost und Unterstützung von Angehörigen ist besonders wichtig. (© Shutterstock)

Wie wichtig ist eine grundsätzliche positive Lebenseinstellung bei einer Krebserkrankung?

Eine positive Lebenseinstellung kann nie falsch sein, so auch nicht im Rahmen der Behandlung einer Brustkrebserkrankung. Die Sichtweisen von optimistischen Menschen helfen, die positiven Aspekte des Lebens zu erkennen und dadurch die eigenen Ressourcen zu aktivieren.

 

Ich habe gelesen, dass es bei Frauen auch noch Jahre nach der akuten Behandlung zu einer seelischen Krise kommen kann. Erleben Sie das auch?

Ja, Krisen in Bezug auf die Erkrankung tauchen tatsächlich oft erst später auf. Dann höre ich Aussagen wie: „Jetzt müsste es mir doch eigentlich wieder gut gehen, aber ich fühle mich nicht so.“ Das liegt daran, dass Patientinnen während der Behandlungszeit das Auf und Ab ihrer Emotionen oft gar nicht richtig erfassen und zum Ausdruck bringen können, weil sehr viel an ausschließlich positiver Stimmung und Zuversicht vermittelt wird. Negative Emotionen hingegen haben keinen Platz oder dürfen nicht gezeigt werden, beispielsweise, um die Familie oder auch sich selbst zu schonen. Außerdem geht oft alles sehr schnell – von der Diagnose über Operationen bis zur Chemotherapie – und die Seele kommt nicht nach. Traurigkeit, Wut oder Ärger zeigen sich erst zu einem späteren Zeitpunkt.