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Lifestyle | 28.11.2022

Vorsorgemuffel Mann

Männer sind wehleidig und Vorsorgemuffel, was ihre Gesundheit betrifft. Aber stimmt das wirklich? Männer-Experte und Sexualtherapeut Wolfgang Kostenwein ist dieser Frage auf den Grund gegangen.

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Mein Mann ist zwar nicht fähig, einen einfachen Arzttermin mit Blutabnahme zu absolvieren, fühlt sich aber als Überlebender, wenn er drei Tage Schnupfen hinter sich gebracht hat. Er jammert ständig, ist nicht bereit, sich untersuchen zu lassen, und erwartet gleichzeitig, dass er von aller Welt bemitleidet und bedient wird. Witze über Männer oder auch Frauen erfreuen sich größter Beliebtheit. In Humor verpackte Abwertungen – meist über das jeweils andere Geschlecht – dürften etwas Selbstwertstärkendes an sich haben. Anders lässt sich die pure Freude an Abwertungen wohl kaum erklären. Und in einem sind sich Witze über das Gesundheitsmanagement von Männern einig: Männer sind wehleidig und verweigern medizinische Unterstützung. Doch stimmt das wirklich? 

 

Hormonelle Unterschiede

An der Universität Wien gibt es seit 2010 eine Professur für Gendermedizin. Die Betrachtung von Gesundheit und Krankheit in Bezug auf das biologische Geschlecht ist auf Forschungsebene daher noch relativ jung. Untersucht wird dabei einerseits, welche Auswirkungen unterschiedliche biologische Voraussetzungen, wie etwa Hormone, auf die Immunabwehr des Körpers haben, aber auch inwieweit sich geschlechtsspezifische Zuschreibungen auf den Umgang mit Krankheit auswirken.

Beides ist von großer Bedeutung: die Biologie, aber auch die immer noch vorherrschenden Klischees und einschränkenden Rollenvorbilder, die zu einem bestimmten Gesundheitsverhalten führen. 

Auf biologischer Ebene gibt es mittlerweile Einigkeit in der Forschung: Die hormonelle Situation beeinflusst die Immunabwehr. Das männliche Hormon Testosteron soll die Antwort des Immunsystems dämpfen, wohingegen das weibliche Östrogen eine verstärkende Wirkung bei der Immunabwehr hat. Fazit: Männer erkranken dadurch häufiger und erleben die Symptome auch stärker. Männerschnupfen ist also keine Erfindung des „starken“ Geschlechts, um endlich mal ausruhen zu können, sondern ein ganz banales Phänomen biologischer Unterschiede.

 

Hilfe, ich muss zum Arzt?!

Laut Statistik Austria (Fragen zur Gesundheit – Gesundheitsbefragung 2019) beurteilen mehr Männer als Frauen die subjektive Einschätzung ihres Gesundheitszustandes mit „sehr gut“. Dies macht die Theorie mit der Jammerfreudigkeit bei kleinen Wehwehchen eindeutig zunichte. 

In der Statistik der Vorsorgeuntersuchungen wird zwar deutlich, dass tatsächlich etwas weniger Männer als Frauen den allgemeinen Gesundheitscheck in Anspruch nehmen, aber es zeigt sich noch ein anderer eklatanter Unterschied: Im Bereich Vorsorgeuntersuchungen wird neben der allgemeinen Gesundenuntersuchung nur das gynäkologische Untersuchungsprogramm aufgelistet. Spezifische Vorsorgeuntersuchungen für Männer kommen in dieser Statistik nicht vor.

 

Angebot schafft Nachfrage

Fragen zur körperlichen Entwicklung haben alle Geschlechter – sich darum zu kümmern, wird in erster Linie Mädchen angeboten. Die Mädchensprechstunde bei der Gynäkologin findet kein gleichwertiges Angebot bei Andrologen. Und im schulischen Kontext sind es in erster Linie Mädchen, die durch Broschüren und Flyer auf die Notwendigkeit der gynäkologischen Vorsorgeuntersuchung aufmerksam gemacht werden. Und das, obwohl zum Beispiel Hodenkrebs auch Thema bei sehr jungen Männern sein kann. 

 

Angst als schlechter Berater

Angst motiviert erst dann zu einer medizinischen Untersuchung, wenn die Lage so ernst ist, dass Symptome nicht mehr ignoriert werden können. Davor verursacht Angst bei allen Menschen ein Vermeidungsverhalten. Das ist psychologisch gut erklärbar: Angst ist etwas Unangenehmes und Bedrohliches. Sie wegzuschieben und auf das Leben einen positiven Blick zu werfen, ist grundsätzlich sehr vernünftig. 

Drohungen, die den Verlust von sexueller Aktivität inkludieren, machen nun mal Angst. Das ist nichts Männliches, sondern menschlich. Es ist also verständlich, wenn vor allem Vorsorgeuntersuchungen, die sich auch auf die sexuelle Gesundheit beziehen, nicht gerne oder oft erst sehr spät in Anspruch genommen werden. Denn davor wird alles getan, um die subjektive Sicht auf die eigene Gesundheit nicht zu gefährden.

 

Gesundheitsvorsorge muss sichtbar sein

Männern vorzuwerfen, sie wären Vorsorgemuffel, ist angesichts der ungleichen Gesundheitssozialisation und fehlender konkreter Angebote nicht fair. Vor allem, da genau diese Situation Auswirkungen hat: Wird Männern einerseits unterstellt, sie hätten Probleme, sich professionell um ihre Gesundheit zu kümmern, führt das fehlende Angebot unweigerlich dazu, dass Vorsorge zu einer Sondersituation wird.

Soll sich puncto Vorsorge also auch für Männer etwas ändern, braucht es mehr Angebote. Und zwar sexy Angebote. Vorsorge muss positiv konnotiert sein und eine Art Normalität in einer Gesellschaft sein. Genau das funktioniert in der Gynäkologie bereits sehr gut. Junge Frauen haben keine Angst vor Gebärmutterhalskrebs, wenn sie zur gynäkologischen Vorsorgeuntersuchung gehen. Sie gehen einfach, weil es „normal“ ist, und nicht, weil sie sich bedroht fühlen.

Gesundheitsvorsorge muss ein Stück positive Normalität sein dürfen, dann kann sie auch in Anspruch genommen werden – und zwar abseits von Klischees. Solange sich da nichts ändert, müssen Männer ganz schön viel eigene Willensstärke aufbringen, um sich um ihre Gesundheit zu kümmern.    

 

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Mag. Wolfgang Kostenwein ist Sexologe, Sexualtherapeut und Psychologe. Er hat zudem die psychologische Leitung des Österreichischen Instituts für Sexualpädagogik und Sexualthearapie in Wien über.