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Lifestyle | 24.05.2021

Von Hofkirchen in die USA

Mit ihrem 33 Jahre alten Motorsegelflugzeug, einer HB-23, wollen Reinhard Brandstätter und Dietmar Hager von Hofkirchen im Traunkreis in die USA fliegen. Dabei werden die beiden Hobbypiloten die Transatlantikroute von Osten nach Westen überqueren. Wie sich der Techniker im Ruhestand aus St. Pantaleon-Erla und der Linzer Chirurg darauf vorbereiten und was die größten Herausforderungen dabei sind, haben Sie uns im Interview erklärt.

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© Dominik Derflinger / Location: HB-Flugtechnik Hofkirchen

Samstagvormittag am Flugplatz der HB-Flugtechnik in Hofkirchen. Zwei Männer schieben ein rotes Motorsegelflugzeug aus der Werft in Richtung Landebahn. In wenigen Minuten werden sie mit ihrer HB-23 losfliegen, unser Fotograf wird sie in einem zweiten Flieger begleiten, um ihren Flug mit seiner Kamera festzuhalten. Die beiden Hobbypiloten sind Reinhard Brandstätter (62), Techniker im Ruhestand und Rennfahrer aus St. Pantaleon-Erla, und Dietmar Hager (51), Hand- und Mikrochirurg aus Linz. Dem OBERÖSTERREICHER gewähren sie einen Einblick in ein spannendes Projekt. Ihr großes Ziel ist es, mit ihrer HB-23 den Nordatlantik zu bezwingen. Ja, Sie haben richtig gelesen. Die beiden Abenteurer werden mit ihrem Motorsegler von Hofkirchen via Schottland, Island und Grönland über den Atlantik bis nach Kanada und in die USA fliegen. Insgesamt werden sie für die rund 4.000 Kilometer, die sie dabei zurücklegen müssen, 27 Stunden im Flieger sitzen.

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© Dominik Derflinger

Wind und Eis. die Haupttanks des Flugzeugs pumpen. Die größte Herausforderung dabei ist, dass sie den Atlantik nicht von West nach Ost, sondern von Ost nach West überqueren werden, was vor allem witterungsbedingt nicht einfach ist. Denn die Fliegerei im arktischen Norden wird nicht nur im Winter von Wind und Eis in den Wolken beherrscht. Bläst der Wind mit 50 Knoten aus der falschen Richtung, kann das die Reichweite so stark reduzieren, dass man die angestrebte Überwasserstrecke nicht schafft. Auch ihren Segelflieger, die 33 Jahre alte HB-23, die übrigens in Oberösterreich von Heino Brditschka entwickelt und gebaut wurde, müssen sie entsprechend aufrüsten und mit Zusatztanks ausstatten, um diese Reise antreten zu können. 

Reinhard, wie sind Sie zum Fliegen gekommen? 

Reinhard: Die Fliegerei verfolgt mich schon ziemlich lange. Ich habe meine Frau am Flugplatz Erla in St. Valentin kennengelernt und dufte in jungen Jahren einmal mit einem Piloten mitfliegen. Das hat mich fasziniert, aber mein Vater war Eisenbahner und es war damals finanziell nicht im Budget, dem Sohn den Flugschein zu zahlen. Den Traum vom Fliegen habe ich dennoch nicht ganz zur Seite geschoben und mich dem Modellflug gewidmet. Als Techniker in der Automobilindustrie war ich auch zwölf Jahre lang in Wien stationiert und habe in Schwechat den Flugschein gemacht. Kurz darauf habe ich mir am Flugplatz in Hofkirchen, gemeinsam mit einem Freund, einen Motorsegler gekauft. 

Dietmar, wann hat Sie die Flugleidenschaft gepackt? 

Dietmar: Ich habe vor mehr als zwei Jahren am Flugplatz in Hofkirchen meinen Flugschein gemacht. Einerseits aus Freude am Fliegen, aber auch aus pragmatischen Gründen. Denn neben meiner Tätigkeit als selbstständiger Chirurg widme ich mich auch der Astrofotografie und setze mich gegen die Lichtverschmutzung ein. Viele Vorträge und Seminare finden in den entlegensten Winkeln in Österreich und Deutschland statt und so hoffe ich, nach Corona, selbst dorthin fliegen zu können. Den Reinhard habe ich übrigens hier am Flugplatz in Hofkirchen beim Lernen für den Privatpilotenschein kennengelernt.

Ist dabei auch die Idee für den Nordatlantikflugentstanden?

Reinhard: Diese Idee hatte ich schon viel früher. Nachdem ich mein erstes eigenes Flugzeug hatte, war mir das sogenannte „Kaffeefliegen“ von Hofkirchen nach Schärding und wieder zurück bald zu wenig. Ich wollte Strecke machen. Nachdem ich meine HB-21 aufgerüstet habe, bin ich nach Griechenland geflogen. Eines Tages lernte ich einen Piloten kennen, der mit einem ähnlichen Flugzeug nach Amerika fliegen wollte. Mit ihm habe ich in St. Moritz einen Transatlantikkurs absolviert und anschließend im Jahr 1990 einen Flugplan für einen Transatlantikflug von Osten nach Westen gemacht. Damals noch ohne Computer, mit einer simplen Landkarte. Leider bekam ich von der Transatlantikorganisation keine Genehmigung. Ichwar so enttäuscht, dass ich nach acht Jahren komplett mit der Fliegerei aufgehört habe.

Sehr rigoros! Aber dieser Traum vom Transatlantikflug hat Sie nie ganz losgelassen, oder?

Reinhard: Das stimmt. Viele Jahre später sah ich im Fernsehen, dass der Unternehmer Michael Manousakis – bekannt aus der DMAX-Serie „Steel Buddies“ – mit einer Antonow An-2 den Atlantik überquert hat. Er flog genau jene Strecke, die ich 1990 fliegen wollte. Damit kam auch mein Interesse wieder hoch. Um wieder fliegen zu können, musste ich allerdings die gesamte Theorie für den Flugschein noch einmal machen. Und da kam Dietmar ins Spiel, beim gemeinsamen Büffeln am Flugplatz in Hofkirchen haben wir uns näher kennengelernt (lacht).

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© Dominik Derflinger
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© Dominik Derflinger
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© Dominik Derflinger

Dietmar: Als Reinhard mir von seinem Traum der Transatlantiküberquerung erzählt hat, traf das auf meine Erinnerung über die Faszination des Pioniers Charles Lindbergh. Mich hat damals die Entschlossenheit von Lindbergh beeindruckt, dem 1927 der erste Alleinflug über den Atlantik gelungen ist. Allerdings ist Herr Lindbergh von New York nach Paris, also von Westen nach Osten geflogen, was von den Windverhältnissen günstiger ist als unsere geplante Route von Osten nach Westen. Reinhard meinte: „Lass uns gemeinsam drüber nachdenken, ob wir das heutzutage umsetzen können, ohne dabei umzukommen.“

Welche Voraussetzungen braucht es, um es mit einem Motorsegler wie der HB-23 zu schaffen?

Reinhard: Unsere HB-23 ist mittlerweile 33 Jahre alt und auch einige Jahre nicht geflogen, daher müssen wir sie entsprechend umbauen und aufrüsten. Um Reichweiten von zwölf bis 13 Stunden schaffen zu können, müssen wir zwei Zusatztanks montieren, die Benzin von den Tragflächen in die Haupttanks ins Flugzeug umtanken können. Außerdem ist das  Flugzeug mit einem 2,4 Liter Porsche Motor ausgestattet und wir haben ein I-Pad zur Navigation eingebaut. Es gibt also viel zu tun. Leider hat uns Corona einen Strich durch die Rechnung gemacht, denn die externen Tanks werden wir in einer Werft in Tschechien bauen, was im vergangenen Jahr nicht möglich war. Aber wir sind zuversichtlich und was das Elektronische betrifft, ist bereits das meiste erledigt. Wenn erst einmal die Zusatztanks gebaut sind, werden wir mit längeren Erprobungsflügen starten. Aber momentan ist es noch eine Reise des Tüftelns und des Bauens.

Zwölf Stunden am Stück im Motorsegler über dem offenen Meer, da redet man nicht unbedingt von Wohnzimmeratmosphäre. Wie bereitet Ihr Euch darauf vor, wie gefährlich ist so ein Unterfangen?

Dietmar: Für den längsten Streckenabschnitt von Nuuk in Grönland nach Iqaluit in Kanada werden wir sechs Stunden brauchen. Das Entscheidende ist, dass wir im Notfall umkehren und zurück nach Grönland fliegen können. Sonst geht man baden und das ist im Atlantik zu 99 Prozent tödlich. Während des gesamten Flugs über den Atlantik müssen wir einen Überlebensanzug tragen und auch eine Rettungsinsel an Bord ist vorgeschrieben.

Reinhard: Nicht die Rettungsinsel, sondern die Reichweite soll unsere Lebensversicherung sein. Wir werden bereits im Vorfeld einen Alternativ-Flugplatz auswählen und wenn wir feststellen, dass wir den Überflug nicht schaffen, werden wir leidenschaftslos umdrehen. Dazu braucht man ausreichend Sprit.

Wie lange werdet Ihr unterwegs sein?

Reinhard: Wenn alles gut geht, werden wir die gesamte Route in zwei bis drei Tagen schaffen. Wenn wir Pech haben, sind wir mehrere Wochen unterwegs. Denn wenn Nebel und tiefe Kälte einfallen, können wir nicht fliegen und es kann sein, dass wir eine Woche oder länger warten müssen. Wir müssen uns ein bis zwei Monate Zeit nehmen, was bei mir sicher weniger problematisch ist als bei Dietmar.

Wie schaut aktuell der Plan aus? Wann habt Ihr vor zu starten?

Reinhard: Wenn die Zusatztanks gebaut sind, werden wir damit beginnen, über Europa Testflüge zu machen und die Emergency Programme durchzugehen. Schon jetzt fliege ich sehr viel, vorwiegend auch bei nicht so gutem Wetter. Ich trainiere viele Seitenwindlandungen oder Landungen bei schlechter Sicht. Auch Nachtlandungen ohne Pistenbefeuerung sind eine gute Vorbereitung. Wenn alles nach Plan läuft, möchten wir nächstes Jahr im April starten. Ich führe täglich Aufzeichnungen über die Wetterbedingungen entlang der Route und zwischen April bis Anfang August passt es wettertechnisch am besten.

Wie schaut es mit dem Essen und auch anderen „Geschäften“ an Bord aus?

Dietmar: Essen ist kein Problem, andere Geschäfte werden mit dem Schutzanzug schwierig sein (lacht). Das Wichtigste ist jedoch, dass man ausreichend Flüssigkeit zu sich nimmt. Durch das lange Fliegen

und Sitzen hat man ein höheres Thromboserisiko, das darf man nicht unterschätzen. Deshalb muss man viel trinken und auch Bewegungsübungen machen.

Bewegungsübungen stelle ich mir auf so engem Raum schwierig vor ...

Dietmar: Da haben Sie recht, denn das Platzangebot ist eine weitere Herausforderung. Man kann einen Flieger nicht vollpacken wie ein Auto und muss irrsinnig auf das Gewicht aufpassen. Alleine Treibstoff und Pflichtausrüstung nehmen viel an Gewicht in Anspruch, da bleibt lediglich eine kleine Marge für Trinkflüssigkeit und Gepäck übrig. Außerdem muss man Werkzeug für die vorgeschriebene Wartung mitnehmen. 

Kommerziell, also zum Überstellen von Flugzeugen, gibt es viele Transatlantikflüge. Wie schwierig ist es, für einen privaten Flug eine Genehmigung zu bekommen?

Reinhard: Das Ganze hat sich über ein halbes Jahr hingezogen. Eine hochoffizielle Genehmigung zu bekommen, war für uns die Voraussetzung, dass wir die HB-23 überhaupt gekauft haben.

Wie bereitet Ihr Euch mental auf diese Reise vor?

Reinhard: Ich komme aus dem Autorennsport und werde mich ähnlich wie auf die Rennen vorbereiten. Das heißt, viel Sport machen, außerdem habe ich vor, 20 Kilo abzunehmen. Das bringt mentale Stärke und natürlich fliegen, fliegen und nochmals fliegen. Übung macht den Meister (lacht). 

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Interview in luftigen Höhen. Pilot Reinhard erklärt Chefredakteurin Ulli Wright, was vor dem Abflug alles gecheckt werden muss. © Dominik Derflinger
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Mit ihrer HB-23 wollen Dietmar Hager (l.) und Reinhard Brandstätter (r.) den Nordatlantik von Ost nach West überqueren. Für die rund 4.000 Kilometer werden sie 27 Stunden im Flieger sitzen. © Dominik Derflinger

Dietmar: Ich komme aus der Handchirurgie, wo zehn bis zwölf Stunden sitzen und konzentriert arbeiten nichts Ungewöhnliches sind. Außerdem bin ich Triathlet und somit lange Strecken gewohnt. Allerdings müssen auch bei mir noch drei bis vier Kilo Winterspeck runter (lacht). Aber Spaß beiseite: Die Disziplinierung des Körpers bringt automatisch eine Disziplinierung des Geistes mit sich. Das geht immer Hand in Hand. Man kann den Geist schulen, indem man den Körper trainiert. Ich praktiziere auch schon viele Jahre die Meditation. Was ich noch herausfinden muss, ist, wie es mir in diesen Breiten mit der Sicht geht, mit dem Unterschied zwischen Himmel und Wasser am offenen Meer.

Reinhard: Ich habe bereits einen dreistündigen Flug über das offene Meer hinter mir und kann nur sagen, die Zeit verging irrsinnig schnell. Die Sicht betreffend muss man den Instrumenten voll und ganz vertrauen. Wir haben ein I-Pad für Navigationszwecke ins Cockpit eingebaut, falls uns langweilig wird, können wir darauf auch einen Film anschauen. Von der Außenkommunikation gibt es über weite Strecken nur eine Satellitenverbindung.

Welche Rolle spielt Angst?

Reinhard: Angst ist bei unserem Vorhaben ein schlechter Berater. Wenn man Angst hat, lässt man es am besten bleiben. Man muss mit sehr viel Respekt an die Technik herangehen. 99 Prozent aller Flugunfälle sind auf menschliches Versagen zurückzuführen und man muss die Erfahrungen, die man von den anderen Piloten hört, abwägen und ernst nehmen.

Dietmar: Diesbezüglich möchte ich festhalten, dass wir nicht zwei Irre sind, die ihr Leben aufs Spiel setzen. An diesem Vorhaben fasziniert mich, etwas zu machen, das nicht jeder macht und eine Strecke nachzufliegen, die zwar nicht ungefährlich ist, aber deren Risiko wir durch eine sorgfältige und genaue Planung aufs Höchste minimieren werden. Wir haben einen modularen Stufenplan entwickelt, den wir step by step abarbeiten. Wenn die HB-23 fertig umgerüstet ist, machen wir auch Testflüge nach Norwegen. Es ist ganz wichtig, dass wir diesen Stufenplan einhalten. Wir fliegen nicht um jeden Preis und setzen uns auch nicht unter Stress. Es geht darum, Gelassenheit zu leben und das Echo von Lindbergh mit dieser pionierhaften Idee selbst zu erleben.

Werdet Ihr dieselbe Strecke wieder zurückfliegen?

Dietmar: Es gilt abzuwarten, wie es uns nach dem Hinflug psychisch geht. Wir brauchen sicher eine Regenerationsphase. In den USA werden wir dann überlegen, ob wir mit der HB-23 zurückfliegen, den Flieger zerlegen und retour schicken oder ihn auf einer Messe verkaufen und einen neuen anschaffen werden. Es gibt mehrere Optionen.

Was sagen Eure Familien dazu?

Reinhard: Meine Family ist abgehärtet, ich bin bereits bis nach Griechenland und rund um die Adria geflogen. Sie wissen, dass ich auch beim Rennfahren mein Leben nicht leichtfertig aufs Spiel setze.

Dietmar: Meine drei Kinder sind im Teenageralter. Sie sehen meinem Vorhaben ziemlich entspannt entgegen.

 

INFO

Die Flugstrecke:

Abflug von Hofkirchen – Schottland -Farören- Reykjavik/Island- Kululsuk/Grönland, Nuuk/Grönland – Iqualit/Kanada-USA.

Technische Daten:

Seegelflugzeug: HB23 /2400 TMG (Touring Motorglider) Spannweite 16 mtr.

Höchstzulässiges Abfluggewicht: 760kg, mit Sondergenehmigung der Zusatztanks ca. 900kg

Maximalgeschwindigkeit: 200km/h

Reisegeschwindigkeit: 150km/h

2 Sitzplätze

Baujahr 1988

Herstellort Haid Oberösterreich

Konstrukteur Heino Brditschka

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© Dominik Derflinger
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"Wir fliegen nicht um jeden Preis und setzen uns auch nicht unter Stress. Es geht darum, Gelassenheit zu leben." - Dietmar Hager © Dominik Derflinger