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Lifestyle | 28.12.2020

Viva la Vulva!

Die weiblichen Genitalien sind auch heute noch ein Tabuthema und mit viel zu viel Scham verbunden. Doris Kaiser, Sexualberaterin für Frauen, erklärt, warum es höchste Zeit ist, dass sich das ändert.

Bild 2012_O_Sex-b.jpg (1)
© Thom Trauner

In meinen Seminaren mache ich zum Thema Sprache folgende Übung: Die eine Gruppenhälfte sammelt Begriffe für das weibliche Geschlechtsorgan, die andere Synonyme für das männliche. Jedes Mal ist das Flipchart der ersten Gruppe wesentlich leerer als das der zweiten. Außerdem fällt auf, dass viel mehr Bezeichnungen für das weibliche Genital negativ besetzt sind oder als Schimpfworte verwendet werden. 

 

Scheide, Vagina, „da unten“. Viele meiner Klientinnen haben nicht einmal ein Wort für „da unten“. Mir wurde die Bezeichnung „Scheide“ beigebracht. Als mir klar wurde, dass eine Scheide eine Tasche ist, in der ein Schwert aufbewahrt wird, verwendete ich das Wort „Vagina“. Erst viel später erfuhr ich, dass auch dieses Wort nichts anderes bedeutet. Das mittellateinische „vagina“ bedeutet Scheide im Sinne von „Behälter für eine Klinge“. Das weibliche Geschlechtsorgan wurde tatsächlich über die Funktion für die Männer definiert! Der italienische Anatom und Chirurg Matteo Realdo Colombo, der das Wort Vagina um 1549 in die Medizin einführte, begründete seine Wahl mit der Beschreibung des weiblichen Sexualorgans als „desjenigen Teils, in den der Spieß eingeführt wird wie in eine Scheide“. 

 

Unverschämt weiblich. Über die weiblichen Genitalien – und die weibliche Sexualität! – wird immer noch wenig gesprochen. Viel zu viel Scham ist damit verbunden, was sich auch sprachlich zeigt. „Scham“ als Bezeichnung für die Vulva. Veraltete Begriffe spiegeln überholte Vorstellungen wider. Es liegt an uns, die Scham hinter uns zu lassen und andere Wörter zu verwenden. Intimbehaarung statt Schamhaare. Vulvalippen statt Schamlippen. Mittlerweile gibt es eine neutrale Wortschöpfung, die Vulva und Vagina vereint: Vulvina. Kreiert wurde diese 2012 von Ella Berlin, die eine sinnliche, diskriminierungsfreie, anatomisch und politisch korrekte Bezeichnung für das weibliche Genital erschaffen wollte. 

 

 

"Scheide oder Vagina wird meist als Bezeichnung für das gesamte weibliche Geschlechtsorgan verwendet, was schlichtweg falsch ist." - Doris Kaiser

 

 

Das Jungfernhäutchen gibt es nicht. Das Wort „Jungfernhäutchen“ ist eine weitere sprachliche Katastrophe. Es suggeriert, es gäbe eine Haut, die den Vaginaleingang verschließt und die bei der ersten Penetration reißt. Das ist falsch! Wäre das der Fall, könnte Menstruationsblut gar nicht abfließen. Der Hymen ist ein Schleimhautkranz, der die Vaginalöffnung umrandet und unterschiedlich geformt und ausgeprägt sein kann. Er wird mit Beginn der Pubertät genauso dehnbar wie der Rest der Vagina – durch die ja bekanntlich bei einer Geburt ein ganzes Baby passt – und reißt weder durch Sport, Tampons, Selbstbefriedigung oder Dildos. Und auch nicht beim ersten Geschlechtsverkehr. Falls es dabei zu Schmerzen oder Blutungen kommt, dann liegt das meist an kleinen Verletzungen der Schleimhaut durch Anspannung und mangelnde Feuchtigkeit. Weniger als die Hälfte aller Mädchen und Frauen bluten beim „ersten Mal“. Das Jungfernhäutchen haben angeblich Frauen, die als sexuell unberührt gelten. Der Fokus liegt dabei nur auf vaginaler Penetration und ignoriert sämtliche andere Variationen von Sexualität. Außerdem ist bei sexuell unerfahrenen Männern nicht die Rede von „Jungmännern“ oder „Jungmännlichkeit“.

 

Ein Mythos, der schwer wiegt. Der Mythos der Jungfräulichkeit wiegt schwer. Ist doch der Blutfleck auf dem Bettlaken in manchen Kulturen immer noch der Beweis für die „Unschuld“ der Braut, die sie nach dem ersten Geschlechtsverkehr verliert. Ist sie danach schuldig? Schuldig woran? Auch an diesem Beispiel wird der patriarchale Einfluss auf die Sprache sichtbar. Fakt ist: Ob ein Mensch vaginalen Penetrationssex hatte oder nicht, lässt sich weder von Gynäkolog*innen noch Sexualpartner*innen erkennen. Und erst recht nicht am Leintuch!

WEBTIPPS: 

www.vulvina.de
www.dasdaunten.com

BUCHTIPPS: 

„Vulva: Die Enthüllung des
unsichtbaren Geschlechts“
von Mithu Sanyal

„Das Jungfernhäutchen gibt es nicht“
von Oliwia Hälterlein