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Lifestyle | 08.06.2020

„Vieles wird sich erst zeigen“

Maskenpflicht, Homeschooling, kein Besuch bei Oma und Opa: Die Corona-Krise hat auch die Welt für unsere Kinder verändert. Was sie jetzt brauchen, erklärt Psychologin Isabella Baumgartner.

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© Shutterstock

Sie durften wochenlang nicht zu ihren Großeltern, mussten zu Hause lernen und konnten nicht mit Freunden spielen. Jetzt müssen unsere Kinder mit Masken in die Schule und auch im Klassenzimmer Abstand zu ihren Schulkameraden halten. Welche längerfristigen Folgen die Corona-Maßnahmen auf die Kinderseele haben kann, lasse sich jetzt noch nicht sagen, meint die Linzer Kinder- und Jugendpsychologin Isabella Baumgartner, macht aber gleichzeitig auch Mut, denn: „Kinder halten viel mehr aus, als man denkt!“

 

OBERÖSTERREICHERIN: Aus Ihrem Arbeitsalltag als Psychologin: Was beschäftigt Kinder seit Beginn der Corona-Krise am meisten?

Isabella Baumgartner: Was mir besonders aufgefallen ist: Das Thema „Homeschooling“ war für viele Kinder eine große Belastung, weil sie damit – vor allem in den ersten vier Wochen – vollkommen überfordert waren. Zur grundsätzlichen Unsicherheit und der Umstellung auf das Lernen daheim kam ein hohes Lernpensum, weil von den Kindern nahezu genausoviel verlangt wurde, als wenn sie in der Schule sitzen würden. In meiner Praxis ist es in erster Linie um die Stärkung auf der Erwachsenenebene gegangen. Das heißt, ich habe mit den Eltern gearbeitet, damit sie ihren Kindern Vertrauen und Sicherheit geben konnten.

 

Kinder durften nicht zu ihren Großeltern und auch nicht mit ihren Freunden spielen. Was macht diese soziale Isolation mit Kindern?

Die fehlenden sozialen Kontakte innerhalb und außerhalb der Familie waren für die Kinder natürlich ein großes Thema. Für viele von ihnen war es aber unproblematisch, weil sie sich gut an diese Bedingungen anpassen konnten. Kinder halten da viel mehr aus, als man oft  glaubt. Und auch für die älteren Kinder, für die der Kontakt zu Freunden noch wichtiger ist, war es aushaltbar. Wie sich die soziale Isolation längerfristig auf sie auswirkt, lässt sich zum jetzigen Zeitpunkt allerdings noch nicht sagen. Das ist von Kind zu Kind verschieden und hängt auch von den familiären Rahmenbedingungen ab. Vieles wird sich erst mit der Zeit herausstellen. Möglicherweise werden sich in einem halben Jahr Symptome zeigen, die auf die Corona-Krise und deren Maßnahmen zurückzuführen sind.

 

Welche Symptome können das sein?

Es kann zum Beispiel sein, dass Kinder die Schule verweigern, weil sie sich durch den Schulalltag überfordert fühlen, sich im Herbst noch schwerer damit tun werden, wieder in den Schulalltag zurückzufinden.

 

Viele jüngere Kinder werden von Ängsten und Albträumen geplagt. Vor dem Zubettgehen spielen sich täglich Dramen ab und nachts kommen sie ins elterliche Bett. Was können Eltern in so einer Situation machen?

Das betrifft vor allem Kinder in sogenannten Entwicklungsübergangs­phasen, wenn sie zum Beispiel vom magischen in das reale Denken hineinkommen. Bis zum etwa sechsten Lebensjahr haben sie dieses Urvertrauen, dass am Ende alles gut ist – ähnlich wie bei Märchen. Danach beginnen sie, gewisse Dinge zu hinterfragen und schwanken hin und her – etwa ob es das Christkind wirklich gibt. Mit dem neunten oder zehnten Lebensjahr sind sie dann endgültig im realistischen Denken angekommen. Das bedeutet aktuell: Sie denken zwar, dass es schon gut gehen wird, machen sich aber gleichzeitig Gedanken darüber, was sein könnte, wenn die Oma zum Beispiel eine Vorerkrankung hat. Daraus können große Ängste entstehen. Die Kinder haben Albträume, schlafen nicht mehr durch oder nässen nachts plötzlich wieder ein. Wenn das der Fall ist, sollten Eltern möglichst geduldig sein, viel mit ihren Kindern reden und im Bett zusammenrücken. Das heißt konkret, Platz für die Kinder machen und ihnen jene körperliche Nähe, Wärme und Sicherheit geben, die sie in dem Moment ganz besonders brauchen. Für die Kinder ist das so etwas wie eine Kraft-Tankstelle und sie können sich wieder entspannen. Wie lange diese Phasen andauern, hängt vom Alter des Kindes und dessen Persönlichkeit ab. Wichtig ist für Eltern, nachts keine Dis­kussionen zu beginnen, sondern am nächsten Tag mit ihrem Kind darüber zu sprechen. Sie müssen ihm erklären, dass es zu ihnen ins Bett darf, wenn es ihm nicht gut geht, dass es allerdings kein Dauerzustand werden darf. Wobei ich fairerweise dazu sagen muss, dass in manchen Familien vermutlich ein kleines Entwöhnungsprogramm notwendig werden wird, damit die Kinder wieder in ihren eigenen Betten schlafen.

 

Den Kindern wurde gesagt, dass sie Oma und Opa nicht sehen dürfen, damit diese gesund bleiben. Viele glauben immer noch, dass sie für die Gesundheit oder Krankheit ihrer Großeltern verantwortlich sind. Wie kann man ihnen diese Bedenken wieder nehmen?

Ich muss sagen, dass ich diesem Phänomen, dass Kinder sich für die Gesundheit ihrer Großeltern mitverantwortlich fühlen, in meinen Beratungen noch gar nicht begegnet bin. Im Gegenteil, ich habe die Erfahrung gemacht, dass sie sehr wohl verstanden haben, dass man das Virus weitergeben kann, ohne es selbst zu wissen. Ähnlich wie beim Grippevirus oder anderen Erkrankungen, nur dass wir es beim Coronavirus speziell wissen und eben besonders darauf achten. Was mir viel mehr aufgefallen ist, dass sich die Kinder um ihre Großeltern große Sorgen machen, weil sie alleine und einsam sind – vor allem, wenn ein Teil bereits gestorben ist. Das hat die Kinder unheimlich beschäftigt und sie haben sich überlegt, wie sie trotzdem mit der Oma oder dem Opa Kontakt haben könnten.

 

Das Nicht-Wissen ist momentan so groß wie noch nie. Als Laie weiß man nicht mehr, was man glauben soll, welche Maßnahmen tatsächlich notwendig sind und was möglicherweise überzogen ist. Wie soll man als Eltern damit vernünftig umgehen? Es zu locker zu sehen ist vermutlich genauso verkehrt wie Panikmache …

Es ist sehr wichtig, wie Eltern mit dieser Pandemie und den Maßnahmen umgehen, weil es sich auch auf die Kinder überträgt. Wenn jemand daheim nur jammert, wie furchtbar das alles ist, werden auch die Kinder nicht gestärkt in die Zukunft sehen können. Ein vernünftiger Umgang ist, mit den Kindern altersgerecht zu reden und zu reden und zu reden (lächelt). Man darf ihnen dabei auch unser aller Nicht-Wissen vermitteln. Schließlich kann im Moment noch niemand sagen, welche Maßnahmen am Ende der Pandemie tatsächlich notwendig waren und welche man nicht gebraucht hätte. Wichtig ist, verschiedene Meinungen einzuholen, zu schauen, was für die eigene Familie wichtig ist und den Kindern ein positives Gefühl für die Zukunft zu geben. Resiliente, widerstandsfähige Kinder können sich auch in dieser herausfordernden Zeit gut abgrenzen. Kinder mit einem geringeren Selbstwert hingegen brauchen jetzt Unterstützung, um ihr Vertrauen in die Zukunft zu stärken.

 

Mit Masken zur Schule, kein Turn- und Musikunterricht, ständiges Händewaschen, in der Pause nicht mit Freunden spielen dürfen und auch in der Klasse ständig Abstand halten müssen. Muten wir damit unseren Kindern nicht ein bisschen zuviel zu oder halten Kinder da viel mehr aus, als man vermutet?

Grundsätzlich ist meine Erfahrung, dass Kinder viel mehr aushalten, als man denkt. Die Rahmenbedingungen im Schulbetrieb sind im Moment sicher nicht optimal, aber die Kinder können damit umgehen. Außerdem müssen sie die Masken ja nur auf dem Weg von und zu der Schule tragen oder wenn sie auf die Toilette gehen. Was ich allerdings völlig daneben finde, ist die Streichung des Turnunterrichts. Kinder haben ein Grundrecht auf Bewegung und das wäre jetzt besonders wichtig für sie. Ich bin mir auch sicher, dass es kreative Möglichkeiten gegeben hätte, den Turnunterricht stattfinden zu lassen. Ebenfalls kritisch sehe ich den Entfall des Nachmittagunterrichts. Warum kann man diesen nicht wie gewohnt machen? Vor allem in berufsbildenden Schulen ist das für mich nicht nachvollziehbar.

 

Stichwort Fake News und Verschwörungstheorien: Diese werden besonders in den sozialen Medien verbreitet. Das reicht von der Implantierung von Mikrochips über den Impfzwang für alle bis hin zu Theorien, dass Geheimbünde die Macht übernehmen werden. Influencer mit großen Reichweiten verweisen auf solche Inhalte, die so auch Kinder und Jugendliche erreichen können. Wie handelt man hier als Eltern am besten?

Ein wohldosierter Medienkonsum ist immer empfehlenswert – auch abseits der Corona-Krise. Mir ist wichtig, nicht allzu oft im Internet und in den sozialen Medien nachzuschauen, ob es möglicherweise etwas Neues gibt, und dass man sich nicht zu sehr hineinsteigert. Eltern sollten sich informieren und nachfragen, welche Fake News und Verschwörungstheorien es gerade gibt, und auch ihre Kinder dazu ermutigen, Dinge zu hinterfragen. Was kann wirklich sein und was ist keinesfalls möglich? Kinder und Jugendliche müssen lernen, dass nicht alles wahr ist, was sie im Internet sehen und lesen.