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Lifestyle | 12.04.2021

Verliebt, naiv, betrogen

Er schreibt sie an, macht sie süchtig nach seinen Nachrichten. Dann braucht er viel Geld, sie überweisen es. Warum Frauen wie Männer auf Love Scammer bzw. Liebesbetrüger im Netz hereinfallen, haben wir mit einer Betroffenen, der Polizei und einer Psychologin besprochen.

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© Shutterstock

Vor einigen Monaten hatte Andrea (37, Name von der Redaktion geändert) ein Tinder Match mit einem Amerikaner namens Steve Thomas, der angab, bei seiner in Linz lebenden Mutter auf Besuch zu sein. Steve gefiel Andrea am Foto recht gut, war ihr sympathisch und relativ schnell wechselten die beiden ihre Kommunikation von Tinder zu WhatsApp. 

„Steve erzählte mir, dass er Soldat bei den US-Marines sei und seinen letzten Auslandseinsatz absolvieren muss, bevor er nach Linz übersiedeln würde. Sein letzter Einsatz war in Bulgarien und auch Tinder zeigte mir an, dass er 6.600 Kilometer von mir entfernt ist. Wir schrieben und telefonierten täglich“, schildert Andrea. Steve schickte ihr viele Videos und Fotos von sich und sie verliebte sich. Beide fieberten ihrem geplanten Treffen in Linz entgegen. 

Investiere mit mir. „Nach zwei Wochen intensivem Kontakt, erzählte mir Steve am Telefon, dass er in Kryptowährungen investiert hat und eine Ausschüttung stattfindet. Es sind zwar nur 500 Dollar, aber er überlege jetzt, wo er als nächstes investieren sollte. Da ich mich ein bisschen auskenne bei Kryptowährungen, sprachen wir darüber, was interessant sein könnte“, so Andrea. Schließlich schlug er ihr vor, gemeinsam in Kryptowährungen zu investieren und den Gewinn zu teilen. Als Andrea ablehnte, spürte sie an seinem Verhalten, dass etwas nicht stimmt und begann über Love Scammer, wie die Liebesbetrüger im Netz genannt werden, zu recherchieren. Als sie Steves Fotos durch die Google- Bildersuche (Anleitung Seite 25) geschickt hat, fand sie heraus, dass es viele Fake-Profile mit ihrem „Traummann“ gab. Da war für sie alles klar. 

Liebeskummer und Scham. „Die Erkenntnis, dass der Mensch, in den ich mich verliebt habe, nie existiert hat, tat unglaublich weh und ich schämte mich, dass ich darauf reingefallen bin. Ein völlig fremder Mann schaffte es, mir Gefühle vorzugaukeln und ich habe es geglaubt, weil ich es gerne glauben wollte – diese Erfahrung tat so weh“, resümiert Andrea noch immer peinlich berührt. Ihren Steve hat sie daraufhin sofort auf WhatsApp blockiert und gelöscht. Zwei Tage später kam eine Nachricht von einer unbekannten Nummer: „You are messing around“ mit einem bösen Smiley. „Ich wusste sofort, dass das der Scammer war. Diese fremde Nummer schickte mir dann Fotos von mir, die ich im Vertrauen an einen Mann gesendet habe, für den ich etwas empfand. Das war ein gruseliges Gefühl und machte mir Angst“, erzählt Andrea.  Sie schickte ihm den Link zu dem Artikel über die Fake-Profile und löschte und blockierte auch diese Nummer. Seitdem hat sie nichts mehr gehört. 

100.000 Euro an „Fake-Holländerin“ überwiesen. So wie Andrea geht es vielen Frauen und auch Männern. Dabei ist Andrea noch halbwegs glimpflich aus der Sache herausgekommen. Immer wieder erfährt man in den Medien, dass verliebte Menschen ihrer „Online-Liebe“ Geld überweisen. Erst Anfang des Jahres hat ein älterer Oberösterreicher einer angeblichen „Holländerin“ insgesamt mehr als 100.000 Euro überwiesen und das ist kein Einzelfall. „Wir bekommen im Monat vier bis fünf Fälle von Love Scamming auf den Tisch. Die Dunkelziffer ist aber  sicher um einiges höher, da viele Betrogene aus Scham keine Anzeige machen“, erzählt Gerald Sakoparnig, Leiter des Betrugsdezernats beim Landeskriminalamt OÖ. Er hat die Erfahrung gemacht, dass es sich bei den Betrogenen meistens um Frauen und Männer im Alter von 50plus handelt. Oft sind die Frauen frisch geschieden und offen für eine neue Beziehung. Männer, die auf Liebesbetrug hereinfallen, sind meistens einsam und auf der Suche nach Nähe und sexueller Befriedigung. 

Love Scammer nützen Gefühlswelt aus. „Die Täter gehen unglaublich geschickt vor“, weiß Sakoparnig. „Sie sind wie Fischer, die ihre Köder auswerfen. Sie bauen ein Vertrauensverhältnis auf. Anfangs geht es überhaupt nicht um Geld, das kommt erst viel später, wenn die Frauen oder Männer schon richtig verliebt sind – und Liebe macht ja bekanntlich blind.“ Die Täter nutzen die Gefühlswelt des späteren Opfers aus.Bevor sie um Geld bitten, geht eine lange, intensive Kommunikation voraus. Meistens geben sie an, gut situiert zu sein. Vor einem geplanten Treffen kommt es dann zu einem plötzlichen Notfall, das reicht von Zollproblemen bis hin zu einem todkranken Familienmitglied. Wenn nicht überwiesen wird, setzen die Täter ihre verliebten Opfer unter großen Druck. Diese überweisen das Geld dann oft auch aus Angst, ihre große Liebe zu verlieren.  

Banden aus dem Ausland. Die Chance, das Geld je wieder zurückzubekommen, ist laut Sakoparnig schlecht. „In der Regel handelt es sich um Banden aus dem Ausland. Das Geld wird auf Konten in Staaten überwiesen, wo es wenig Rechtsbewusstsein gibt“, so der Experte. Er rät Betroffenen, Anzeige zu erstatten. Weiters empfiehlt er, im Netz die eigene Identität zu schützen, da sämtliche persönliche Daten dem Täter sein Vorhaben erleichtern. Auch intime Fotos sollte man nicht schicken, da das Opfer später mit der Veröffentlichung solcher Bilder unter Druck gesetzt werden könnte. „Niemals Geld überweisen, niemals gemeinsam an der Börse oder in Kryptowährungen investieren und sollte es doch geschehen, sich nicht davor scheuen, zur Polizei zu gehen und Anzeige zu erstatten.“

 

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© privat PSYCHOLOGIN MAG. ISABELLA WOLDRICH

Es kann jeden treffen

„Unser Gehirn ist so mächtig, dass wir eine ganze Beziehung fantasieren können“, weiß die Linzer Psychologin Mag. Isabella Woldrich. 

OBERÖSTERREICHERIN: Frau Mag. Woldrich, wie kann es sein, dass man auf unbekannte Menschen im Netz reinfällt und sich, ohne diese jemals getroffen zu haben, verliebt und im schlimmsten Fall sogar Geld überweist?

Mag. Isabella Woldrich: Mir fällt dazu spontan der Roman „Gut gegen Nordwind“ von Daniel Glattauer ein, der die Frage im Prinzip recht gut beantwortet. In diesem Buch sieht man sehr schön, wie schnell durch das Miteinander-Schreiben ein Energiefeld erzeugt werden kann. Und unser Gehirn ist so unglaublich mächtig, dass wir eine ganze Beziehung fantasieren können. Positiv betrachtet, ist das eine tolle Eigenschaft für Fernbeziehungen. Denn auch wenn man Tausende Kilometer voneinander entfernt ist, kann man sich unglaublich nah sein. Das Gemeine ist, unser Gehirn unterscheidet nicht. Für unseren Körper ist es Liebe, da Hormone ausgeschüttet werden. Vielleicht sogar noch mehr als im realen Leben, da die unerfüllte Liebe oft noch viel stärker ist. Weil wir uns in eine Illusion verlieben, die nie den Realitätstest bestehen muss. 

Bei diesen Love Scammern im Netz hat man meistens keine Beweise, dass es sich auch wirklich um die  Person auf dem Foto handelt. Ist es da nicht naiv, einfach blind zu vertrauen? 

Das würde ich nicht so sehen, denn wenn Menschen bereit dazu sind, sich in eine Beziehung ohne Beweise einzulassen, dann ist meistens ein Vakuum vorhanden. Sei es eine frische Scheidung, Trennung oder eine unglückliche Ehe – und in so einem Fall ist das Bedürfnis nach einer virtuellen Parallelwelt  oft groß. Eine Bereitschaft für ein Treffen ist dann häufig noch gar nicht vorhanden. Ich denke da nur an das Phänomen, dass viele Frauen mit Häftlingen schreiben. Man hat eine Idee von Liebe in seinem Leben, aber diese Liebe muss nie den Alltagstest bestehen. Deshalb lautet mein Rat beim Onlinedating: Immer nur eine kurze Zeit lang miteinander schreiben und sich relativ schnell persönlich treffen. Somit kann man verhindern, dass man sich im Kopf den Traumprinzen zurechtzimmert, der niemals der Realität gerecht werden kann. Vertrauen kann sehr schnell aufgebaut werden, wenn jemand weiß, auf welche Knöpfe er drücken muss und genau das machen diese Love Scammer. Zu behaupten, dass es einen speziellen Opfertypus gibt und nur besonders naive Menschen auf Love Scammer reinfallen, wäre vermessen. 

Kann man süchtig nach der Aufmerksamkeit werden, die einem Love Scammer geben?

Auf jeden Fall! Unser Gehirn schüttet mit jeder Nachricht, die wir von unserem vermeintlichen Verehrer bekommen, Dopamin aus. Wenn man wirklich verliebt ist, ist man wie im Drogenrausch und „vor Liebe blind“. 

Zum finanziellen Schaden kommt emotionales Leid. Wie kann man Menschen helfen, da wieder rauszukommen?

Hier kommen vier Faktoren zusammen. Der erste ist der finanzielle Schaden, der zweite ist der Liebeskummer, der wirklich hart sein kann, und der dritte ist der zerplatzte Traum. In diesem Traum hat man eine Beziehung und eine Zukunft fantasiert, sonst wäre man ja auch nicht bereit, hohe Summen an Geld zu überweisen. Der vierte Faktor ist oft der schlimmste: die Demütigung. Die Erkenntnis, dass man auf so etwas reinfallen konnte. Sich selbst zu verzeihen, ist dann meistens das Schwierigste und ich würde empfehlen, professionelle Unterstützung in Anspruch zu nehmen. 

Wie können Sie in so einem Fall als Psychologin helfen?

Solche Schockerfahrungen hängen im Hirnstamm fest, Traumatherapien und andere neurobiologische Verfahren setzen genau da an. Es wird mit beiden Gehirnhälften, der rationalen und der emotionalen, gearbeitet. Die Besserung geht um einiges schneller, als wenn man das Ganze ein Jahr lang mit der besten Freundin bei 57 Flaschen Prosecco immer und immer wieder bespricht. Die gute Nachricht ist: Solche Erfahrungen, Schocks und Traumata kann man wirklich gut und schnell behandeln.  

Worauf soll man beim Onlinedating achten, um solche schmerzlichen Erfahrungen zu vermeiden?

Wie vorhin schon erwähnt, sollte man danach trachten, diese Person so schnell wie möglich im echten Leben zu treffen. Wenn dann Ausreden kommen, sollten die Alarmglocken schrillen! Wenn man von Haus aus kein Interesse an einem echten Kennenlernen hat, sondern nur den virtuellen Flirt sucht, dann ist alles erlaubt, solange kein Geld fließt. Und bitte keine Nacktfotos mit Gesicht drauf verschicken (lacht).  

Wie kann man Betroffene bei Liebeskummer unterstützen?

 In der ersten Phase des Liebeskummers geht es darum, den Schmerz zuzulassen. Das Letzte, was man da brauchen kann, ist jemand, der sagt: „Ich habe es dir ja von Anfang an gesagt.“ Ist die erste Phase überwunden, kann man versuchen, einen Sinn in dieser Erfahrung zu finden. Wenn man im Nachhinein weiß, wofür es gut war, ist die Heilung da und man hat es überstanden.

 

Hilfreiche Tricks, wie man Liebesbetrüger im Netz entlarven kann: 

Überprüfung von Fotos mittels Google-Bildersuche:

Schritt 1: Bevor Sie sich auf die Suche machen, speichern Sie die Profilbilder oder die geschickten Bilder auf Ihrer Festplatte ab. Sie können aber auch die URL des Bildes kopieren. Dafür machen Sie einen Rechtsklick auf das Bild und klicken auf „Bildadresse kopieren“ oder (je nach Browser) auf „Grafikadresse kopieren“.

Schritt 2: Rufen Sie die Seite images.google.com auf!

Schritt 3: Klicken Sie auf das Kamera-Symbol in der Suchleiste.

Schritt 4: Hier können Sie entweder die kopierte URL einfügen oder Sie laden das Bild von Ihrer Festplatte hoch.

Schritt 5: Nach einem Klick auf „Bildersuche“, sehen Sie schon die Ergebnisse. Überprüfen Sie nun, wo das Bild noch auftaucht und ob das Bild mit demselben Namen auftaucht oder vielleicht von jemand anderem stammt.

 

Überprüfen des Profils:

Finden Sie heraus, seit wann die Person auf der jeweiligen Plattform angemeldet ist. Oft sind BetrügerInnen noch nicht sehr lange auf einer Plattform aktiv. Nachdem Scammer entlarvt wurden, müssen sie ihre Profile nämlich immer wieder neu erstellen.

Auf Facebook, Instagram & Co. sollten Sie sich auch die FreundInnen und Follower Ihres Gegenübers anschauen: Hat die Person nur wenige FreundInnen oder ausschließlich FreundInnen eines Geschlechts, kann das ein Hinweis sein. 

 

„RSB – Romance, Scam & Baiting“: 

Auf der geschützten, anonymen Plattform https://www.rsb-forum.de wird alles dafür getan, den Betrügern, auch „Romance Scammer“ genannt, die Arbeit so schwer wie möglich zu machen und Opfern Halt und Unterstützung zu geben. Auf der Bildergalerie sieht man unzählige Fotos und auch Fake-Dokumente wie Ausweise und Pässe, mit denen männliche und weibliche Scammer arbeiten. Die Galerien werden laufend aktualisiert.

 

Schutz vor Love Scam seitens Polizei: 

Infos gibt es unter: www.bmi.gv.at/praevention und auch per BMI-Sicherheitsapp sowie kostenlos unter der Telefonnummer 059133.