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Lifestyle | 21.12.2016

Stress – ja, bitte!

Besonders in der Weihnachtszeit nehmen wir uns vor, Stress zu vermeiden – und dann kommt Autor Urs Willmann und sagt: Stress ist wünschenswert, macht leistungsfähig, schlank und glücklich. Eine Einladung zu einem Perspektivenwechsel.

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© Shutterstock

Alle Jahre wieder stellen wir uns im Dezember die gleiche Frage: Wie überstehe ich den Weihnachtsstress? Wenn Sie jetzt denken, Sie bekommen hier Tipps von uns, wie Sie Ihre Weihnachtsvorbereitungen stressfreier gestalten oder welchen Ausgleich Sie finden können in einer Zeit, in der das Jahr sich dem Ende zuneigt, die Arbeit sich stapelt, Projekte abgeschlossen, kurzfristige Kundenanfragen bedient und Vorbereitungen für das neue Jahr getroffen werden müssen, irren Sie sich. Denn wir sagen: Stress, ja bitte! Und spätestens wenn Sie Urs Willmanns neuestes Buch „Stress – ein Lebensmittel“ gelesen haben, werden Sie höchstwahrscheinlich unsere positive Einstellung bezüglich Stress teilen. Wir Menschen brauchen Stress zum (Über-)Leben, und zwar seit Jahrmillionen. Denn der Homo erectus hat trotz gefährlicher Fressfeinde nur überlebt, weil Stresshormone dafür gesorgt haben, dass im Notfall mehr Energie in sein Gehirn und in die Muskulatur gepumpt wurde – sagt die Wissenschaft.

 

Laut WHO ist Stress eine der größten Gesundheitsgefahren des 21. Jahrhunderts, Sie bezeichnen Stress als unverzichtbares Lebensmittel. Das scheinen zwei unvereinbare Ansichten zu sein …

Urs Willmann: Auf den ersten Blick mögen Sie recht haben. Allerdings fehlt dabei eine wichtige Unterscheidung: Langzeitstress schadet, Kurzzeitstress nützt. Die WHO hat recht mit der Behauptung, dass Stress krank machen kann. Aber dies passiert einzig als Folge von dauerhaftem Stress. Die biologisch extrem wichtige Form des Kurzzeitstresses jedoch – zu denen der viel thematisierte Weihnachtsstress gehört – zeigt diese negativen Folgen überhaupt nicht. Ein paar Minuten, ein paar Stunden oder auch ein paar Tage Stress stecken wir locker weg. Darauf ist unser Organismus bestens vorbereitet. Nicht jedoch auf eine monatelange Dauerbelastung.

 

Inwiefern tut uns Stress gut?

Kurzzeitiger Stress aktiviert und trainiert das Immunsystem, verbessert die Muskelleistung und das Denkvermögen. Untersuchungen haben sogar gezeigt, dass Stress gegen Krebs, Depressionen und Herz-Kreislauf-Leiden vorbeugen kann. Die mit Abstand gesündeste Form von Kurzzeitstress ist der Sport. Man kann sagen: Körperlicher Stress ermöglicht erst den Muskelaufbau und sorgt dafür, dass Gelenke und Knorpel belastet und dadurch gestärkt werden. Man kann sogar weiter zurückgehen: Wären die ersten Zellen nicht unter (chemischen oder physikalischen) Stress geraten, hätten sie sich nicht geteilt. Die ganze Evolution ist erst möglich geworden, weil Organismen unter Druck geraten sind. Stress ermöglicht Veränderung und Entwicklung. Ohne körperliche und psychische Kurzzeitstress-Ereignisse degenerieren wir.

 

Ab wann wird Stress gefährlich?

Wer über Monate das Gefühl nicht loswird, er hechle immer nur hinterher und würde im Job oder im Privatleben permanent unter Druck gesetzt, der führt kein gesundes Leben. Man merkt es daran, dass man auch kurzzeitige Stresserlebnisse nicht mehr genießen kann. Wer die kleinste Aufgabe schon als weitere (Über-)Last empfindet, führt ein Leben auf einem zu hohen permanenten Stresspegel. Er hat quasi seinen Stress überdosiert.

 

Wie kann ich individuell für mich die richtige Portion Stress herausfinden?

Ausprobieren! Ob durch Sport oder bei einem Horrorfilm im Kino: Beides lässt uns euphorisiert zurück. Im Fußballstadion erleben wir manchmal 90 Minuten entspannenden Stress pur. Vielen beschert der Nervenkitzel eines Skandinavienkrimis erfreuliche Stress-momente oder das Kochen für Gäste. Andere lieben Fallschirmsprünge oder hektische Abschlussphasen im Beruf. Jeder muss selber herausfinden, welche kurzzeitigen Stressereignisse ihm solche hormonellen Hochgefühle – eine natürliche Folge der Stressreaktion – bescheren. Sie helfen oft, den Alltagstrott zu durchbrechen, und bauen einen mental auf, weil sich Körper und Geist dabei belohnen: Die Euphorie nach einem Schrecken bestätigt unserem Gehirn, dass wir mit der Stressreaktion etwas Gutes getan haben.

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Prädikat lesenwert: "Stress – ein Lebensmittel" von Urs Willmann!

„Ich mache mich stressresistent, indem ich mich stresse.“ Können Sie uns diese Aussage in Ihrem Buch kurz erklären?

Physiologisch stärkt Stress unseren Körper, vom Immunsystem über die Muskulatur bis zu den Knochen. Der psychologische Nutzen ist ebenfalls unbestreitbar. Wer sich bewusst Stressreaktionen aussetzt, der lernt, damit umzugehen. Wer gelernt hat, dass der Stress eigentlich nur dazu da ist, einen zu unterstützen, der schafft es leichter, ihn zu bekämpfen, wenn er ihm nichts nützt. Wenn Stress bewusst erlebt wird, lernt man, mit ihm zu spielen, ihn zu genießen und zu vermeiden.

 

Sie behaupten, dass Stress sogar ein Schlankmacher ist. Wie das?

Mit jeglicher Form von Stress erhöht sich der Energieumsatz im Körper. Der ganze Verdauungsapparat wird im Stress auf Standby gesetzt. Das spüren Sie am oberen Ende des Verdauungskanals am trockenen Mund. Auch der Darm hört sofort auf zu arbeiten. Außerdem vergisst jemand, der gestresst ist, oft den Hunger. Es gibt keinen besseren Appetitzügler als Stress. Sollten Sie nicht schwindelfrei sein und abnehmen wollen, dann steigen sie auf einen hohen Turm: Sie werden dort oben keinen Hunger verspüren.

 

Ob vor, während oder nach der Weihnachtszeit – was raten Sie stressgeplagten Menschen?

Suchen Sie sich, um den Stress kennen und ihn beherrschen zu lernen, kurzzeitige Erlebnisse, die Ihnen maximales Herzklopfen bescheren. Überqueren Sie Hängebrücken, versuchen Sie eine Vier-Stunden-Arbeit in einer Stunde zu bewältigen, melden Sie sich freiwillig, einen Vortrag vor Menschen zu halten. Sie werden sich gut fühlen – danach. Machen Sie den Kurzzeitstress zu etwas Vertrautem, dann wird Ihnen in Zukunft der Langzeitstress weniger anhaben können, weil Sie lernen, ihn abzustellen.


WUSSTEN SIE SCHON, DASS ...

  • Das Wort „Stress“ ist in aller Munde und ein wahres Modewort: Kleine Kinder zu haben, der Einkauf am Freitagnachmittag, der Nachbar, die bevorstehende Familienfeier … alles bereitet uns Stress. Und doch ist Stress ein ziemlich neues Phänomen, gibt es das Wort erst seit 1961 im Rechtschreibduden.
  • Eng in Zusammenhang mit Stress steht das Burnout-Syndrom, ein Begriff, der lange inflationär verwendet wurde. Die Diagnose galt sogar als Beleg dafür, dass man sich im Beruf aufopferte. Letztlich ist mit Burnout aber ein ernsthaftes Leiden verbunden. Wer sich permanent überanstrengt, sich monatelang stresst, „brennt aus“.
  • Hinter schweren Formen eines Burnouts verbirgt sich oft eine handfeste Depression. Aus diesem Grund geraten die Begriffe oft durcheinander, die Krankheitsbilder überlappen sich. Eine richtige Depression ist eine psychische Erkrankung und muss von Fachleuten behandelt werden.
  • Stress ist ein umkehrbarer Prozess – vorausgesetzt, Ihr Kreislauf hat nicht schon irreparablen Schaden genommen. Von einem Burnout kann man genesen. Wer erschöpft ist, kann seine Batterien wieder auffüllen, am effizientesten mit Hilfe von körperlichem Stress.