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Lifestyle | 25.04.2022

Schreiben für die Seele

Ob als Reflexion und Motivator oder als Strategie gegen Stress und Kummer – immer mehr Menschen nutzen das Schreiben, um die mentale Gesundheit zu stärken. Was Schreiben bewirkt und wie man sich dazu motiviert, weiß „Schreibprofi“ Julia Rumplmayr.

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„Ob bei Überforderung, Stress oder Veränderungen im Leben. Das Schreiben kann in vielen Situationen im Alltag unterstützen“, weiß die Linzer Schreibtrainerin Julia Rumplmayr. © Antje Wolm

Wer dem Papier seine Gefühle anvertraut, entlastet nicht nur die Seele. Er lernt sich auch selbst besser kennen, was sich therapeutisch nutzen lässt. Dass Schreiben der Seele guttut, ist nicht neu. „Beim Schreiben können wir uns zurückziehen und wieder sammeln. So entstehen neue Perspektiven und Pläne für die Zukunft“, weiß Julia Rumplmayr. Die studierte Publizistin und Journalistin aus Linz unterstützt in ihren Workshops Menschen dabei, die Kraft des Schreibens für sich zu entdecken und für ihre privaten und beruflichen Herausforderungen zu nützen. 

OBERÖSTERREICHERIN: Frau Rumplmayr, schon in den frühen 1960er-Jahren wurde „Journaling“ (Tagebuchschreiben) von Psychologen als therapeutische Methode eingesetzt. Man hört immer wieder, dass Schreiben der Seele guttut. Warum ist das so?

Julia Rumplmayr: Wenn wir schreiben, treten wir in einen Dialog mit uns selbst. Wenn viel von außen auf uns einprasselt, was in unserer heutigen Welt nahezu ständig der Fall ist, können wir uns beim Schreiben zurückziehen und wieder sammeln. Wir schaffen dabei Raum für die eigenen Gedanken und Sichtweisen, Schreiben hat auch etwas Selbstermächtigendes. Im Journal als moderner Form des Tagebuchs können wir für uns nicht nur die Vergangenheit festhalten, sondern neue Perspektiven dazu beziehen, die Gegenwart gestalten und Pläne für die Zukunft schmieden. Und auch wenn das Schreiben zunächst eine eher einsame Tätigkeit ist, kann dadurch viel Verbundenheit mit anderen entstehen.

In welchen Lebenssituationen kann das Schreiben helfen?

Das Schreiben kann in vielen Situationen des Alltags unterstützen: bei Überforderung und Stress genauso wie an biografischen Bruchstellen und Veränderungen im Leben. Es ist auch das beste Mittel, wenn man das Gefühl hat, die Zeit würde einem zwischen den Fingern zerrinnen, und hilft dabei, sich zu zentrieren und Schönes festzuhalten. Durch das Schreiben können wir den Fokus auf bestimmte Bereiche des Lebens lenken, wie mit einem Erfolgs- oder Dankbarkeitstagebuch. Das persönliche Schreiben kann insgesamt das Leben mit all seinen Höhen und Tiefen begleiten und bereichern.

Sie bieten Schreibkurse bzw. Coachings an. Wie laufen diese ab?

In den Kursen geht es um Journal-Schreiben, autobiografisches Schreiben und auch berufliches Schreiben. Ich arbeite da sehr bunt und abwechslungsreich mit Methoden aus dem kreativen Schreiben. In meinen Einzelcoachings begleite ich Menschen bei ihren Schreibprojekten mit meiner Expertise als Schreibtrainerin und Journalistin.

Wenn man mit dem Schreiben beginnen möchte, wie sollte man das Ganze angehen?

Das Wichtigste ist, es einfach zu tun: Dafür muss man weder den perfekten Schreibplatz haben noch erst von der Muse geküsst werden. Im Gegenteil, die Zutaten sind ganz einfach: ein guter Stift, Papier und zehn Minuten Zeit, in denen man drauflos schreibt, was einem so alles durch den Kopf geht. Wichtig dabei: Sie sollten ohne Pause schreiben und nicht auf Grammatik oder Schönschreibung achten. Dieses freie Schreiben ist auch ein guter Einstieg für alle weiteren Formen des Schreibens. 

Wie häufig sollte man schreiben, nur dann, wenn Probleme auftauchen oder jeden Tag?

Ich finde, Dinge, die man machen „sollte“, macht man meist nicht besonders gerne. Und das ist beim Schreiben nicht anders. Deshalb plädiere ich dafür, das Schreiben als hilfreiches Werkzeug im Hinterkopf zu haben, dabei aber dem eigenen Rhythmus zu folgen. Manche schreiben jeden Tag ihre „Morgenseiten“ gleich nach dem Aufwachen oder abends ein paar Sätze, um den Tag dankbar abzuschließen. Das tägliche Schreiben kann sehr hilfreich sein und auf vielen Ebenen guttun. Aber man muss das nicht so streng handhaben. Ich selbst schreibe nicht jeden Tag, sondern immer, wenn ich es gerade brauche, wenn ich eine Frage lösen will oder auch, wenn ich einfach Lust habe und es mich zu Stift und Papier zieht. Verschiedene Schreibmethoden, die ich auch in meinen Kursen unterrichte, bringen mehr Abwechslung ins regelmäßige Schreiben.

Wie kann einem „Journaling“ im Berufsleben weiterhelfen?

Auf vielfältige Weise.  Das Journaling kann morgens als eine Besprechung mit sich selbst dienen: Was steht heute an? Wo setze ich heute meine Prioritäten? Auch schwierige Problemstellungen können schreibend reflektiert werden. Und gerade wenn es um Ideen und Kreativität geht, ist das Schreiben ein enormer Motor! Listen, Cluster und Wortspielereien bringen auf andere Ansätze: Probieren Sie einmal eine Liste mit „100 Marketingideen für mein Business“ zu schreiben, da kommen Dinge auf, die Ihnen sonst nie eingefallen wären. Und auch  bei der Joborientierung oder beim Berufswechsel kann Schreiben eine klärende Funktion haben, wenn man sich schreibend mit seinen Talenten, Werten und Zielen auseinandersetzt.

Sie bieten auch ein Sommertagebuch an, können Sie genauer erklären, worum es dabei geht?

Das Sommertagebuch ist ein angeleitetes Schreibjournal, in dem man die Erlebnisse und Erinnerungen des Sommers festhalten kann. Man freut sich meist monatelang auf den Sommer, und dann ist er schnell vorbei und oft bleibt nur die Urlaubsreise in Erinnerung. Ich habe mich im ersten „Corona-Sommer“ an meine Kindheits-Sommertagebücher erinnert und den Sommer 2020 Tag für Tag in einem Buch festgehalten, schreibend, mit Zeichnungen und eingeklebten Erinnerungen. Das Ergebnis war, dass ich diesen Sommer, der neben Corona auch von einer schweren Krankheit in unserer Familie geprägt war, ganz wunderbar in Erinnerung habe – weil ich ihn mit seinen schönen Momenten durch das Schreiben so intensiv wahrgenommen habe. Schreiben ist nun einmal eine der schönsten Methoden, etwas festzuhalten.

Ganz neu ist auch Ihr „Sommertagebuch PLUS“. Wie ist das aufgebaut?

Der Kauf eines Buchs ist noch keine Garantie, dass man das Schreibvorhaben auch in die Tat umsetzt, daher biete ich für alle, die sich zusätzliche Motivation von außen wünschen, das „Sommertagebuch PLUS“. Dabei bekommt man zum Buch auch ein wöchentliches Mail mit Impulsen, Schreibtipps und Inspirationen und eine Facebookgruppe, in der man sich mit anderen SchreiberInnen austauscht.

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Das Sommertagebuch lädt ein die Erlebnisse des Sommers festzuhalten und somit noch intensiver zu erleben.