Loading…
Du befindest dich hier: Home | Lifestyle

Lifestyle | 29.04.2020

Schlechtes Gewissen hilft keinem

Wer einen Angehörigen pflegt, ist täglich gefordert – und fühlt sich von anderen oft nicht verstanden. Hier können Gesprächsgruppen und psychosoziale Beratung helfen.

Bild shutterstock_493465723.jpg
© Shutterstock

Sie opfern sich auf, stellen ihre eigenen Bedürfnisse hintan und haben dennoch ein schlechtes Gewissen, wenn sie sich mal Zeit für sich selbst nehmen. Pflegende Angehörige sind auch abseits der eigentlichen Pflegetätigkeit mit großen Herausforderungen konfrontiert. Warum deshalb regelmäßige Auszeiten wichtig sind und warum die Partnerpflege besonders schwierig ist, weiß Martin Eilmannsberger, Standortleiter der Psychosozialen Beratung der Servicestelle Pflegende Angehörige bei der Caritas Oberösterreich in Grieskirchen. 

 

OBERÖSTERREICHERIN: Sie bieten psychosoziale Unterstützung für pflegende Angehörige an. Warum ist das so wichtig?

Martin Eilmannsberger: Die Pflege an sich ist oft gar nicht das Problem. Vielmehr belastet die Angehörigen, dass sich die Beziehung zu Mutter, Vater oder dem Partner verändert. Häufig kommen auch ungelöste Beziehungskonflikte wieder hoch. Die Pflege von Angehörigen ist psychisch sehr anstrengend, weil sie auch mit der Nähe zum Tod verbunden ist. Der zu pflegende Mensch verliert viele Fähigkeiten, die bisher immer selbstverständlich für ihn waren. Die Reaktionen darüber können von Wut und Aggression bis hin zu Verdrängung reichen. Wenn man das weiß, kann man besser verstehen, warum der Vater zum Beispiel so und nicht anders reagiert. Dazu kommt, dass natürlich auch der Angehörige trauert.


Mit welchen Sorgen und Problemen kommen pflegende Angehörige zu Ihnen in die Beratung?

Bei vielen geht es darum, wie sie ihr Leben neu organisieren. So eine Situation geht ja viel tiefer als „nur“ um die Pflege an sich. Sie stehen vor der Frage, was das für ihr eigenes Leben heißt und was sich dadurch verändert. Bei pflegenden Angehörigen kommt es häufig zu einer massiven Einschränkung ihres Lebens. Ihre eigenen Bedürfnisse kommen zu kurz, weil sie sehr viel anwesend sein müssen. Zudem verändert sich die Beziehungsdefinition, weil einer vom anderen plötzlich abhängig wird.


Wie schwierig ist es, wenn der Partner, mit dem man möglicherweise jahrzehntelang verheiratet ist, plötzlich völlig von einem abhängig wird?

Die Partnerpflege ist eine ganz besonders große Herausforderung – eben weil sich die Beziehungsdefinition verändert. Ich hatte einmal eine Frau in der Beratung, die sich ihr Leben lang nach ihrem Mann gerichtet hat. Als er dement wurde, musste sie alle Entscheidungen treffen. Dieser leise Abschied in die Demenz ist grundsätzlich schwierig. Man kann nämlich nicht – wie bei anderen Krankheiten – gemeinsam weinen und traurig sein, sondern man ist mit seiner Trauer ganz allein. In einer Beziehung gibt es für gewöhnlich ein ausgeglichenes Verhältnis von Nähe und Distanz. Wird ein Partner pflegebedürftig, löst sich diese natürliche Beziehungskonstruktion auf. Man verbringt rund um die Uhr Zeit miteinander, was viel zu viel Nähe bedeutet. In solchen Situationen ist es besonders wichtig, diese Nähe immer wieder bewusst aufzulösen und für sich sein zu können.


Wie wichtig sind Auszeiten für pflegende Angehörige, in denen sie selbst wieder Kraft tanken können?

Sehr wichtig, weil auch die Bedürfnisse von pflegenden Angehörigen nicht auf Dauer zu kurz kommen dürfen. Sie brauchen von Zeit zu Zeit Abstand, um selbst wieder neue Kraft tanken zu können. Das kann zwischendurch ein Spaziergang oder Kinobesuch sein oder auch einmal eine Auszeit von ein paar Tagen. Wir bieten aus diesem Grund zum Beispiel Erholungstage für pflegende Angehörige an. Dafür gibt es Möglichkeiten, einen Kurzzeitpflegeplatz zu organisieren. Wichtig ist, dass sich pflegende Angehörige das erlauben. Sehr oft nehmen sie es allerdings aus Verantwortungsgefühl nicht in Anspruch. In diesem Fall können wir in unseren Beratungen schrittweise daran arbeiten, wie es gelingen kann, dass mehr Zeit für die eigenen Bedürfnisse bleibt. 

 

Bild 2004_O_Leben_Pflegende_Angeh.jpg
„Das Zuviel an Nähe sollte immer wieder bewusst aufgelöst werden.“ Mag. Martin Eilmannsberger (Servicestelle Pflegende Angehörige) © Guenther Iby

Viele pflegende Angehörige plagt dennoch ein schlechtes Gewissen, wenn sie sich einmal Zeit für sich selbst nehmen. Warum ist das so? Und wie kann man Ihnen dieses schlechte Gefühl nehmen?

Ein schlechtes Gewissen kann viele Ursachen haben. Oft hat es mit eigenen negativen Gefühlen aus der Kindheit zu tun oder mit einem Gefühl der Ohnmacht, weil man dem geliebten Menschen die Schmerzen nicht abnehmen kann. Oder sie sind von Schuldgefühlen geplagt, wenn sie zum Beispiel ins Theater gehen anstatt beim Mann zu Hause zu bleiben. Eine Frau hat mir auch gesagt, dass sie jeden Tag bei ihrer pflegebedürftigen Mutter war – und trotzdem hat sie sich danach immer traurig und erschöpft gefühlt. Wir sind in der Beratung dann draufgekommen, dass noch eine emotionale Geschichte aus der Kindheit da war, die nie aufgearbeitet worden ist. In der Beratung hat sie es geschafft, genauer hinzuschauen und diese noch offene Sache aufzuarbeiten.


Welche Rolle spielt der Austausch mit anderen Betroffenen, die ebenfalls einen Angehörigen pflegen? Wird es zumindest ein bisschen leichter, wenn man sieht, dass es anderen genauso geht?

Dieser Austausch ist enorm wichtig, weil ich schon von vielen pflegenden Angehörigen gehört habe, dass sich keiner wirklich vorstellen könne, wie es ihnen geht. Bei unseren Treffpunkten – das sind Gesprächsrunden – spüren sie, dass sie nicht alleine sind. Sie fühlen sich verstanden und lernen auch alternative Handlungsstrategien für gewisse Situationen kennen. Etwa wenn sie sehen, dass sich andere Teilnehmer erlauben, sich Urlaub und Auszeiten zu nehmen. Außerdem ist es ein geschützter Raum, in dem auch negative Gefühle erlaubt sind. Es ist anstrengend und man darf es auch sagen! Ich kann jeden nur ermutigen, unsere Beratung und die Gesprächsrunden in Anspruch zu nehmen. Leider ist die Hemmschwelle immer noch sehr hoch. Dann ist es aber oft schon sehr spät , wenn sie doch zu uns kommen und Unterstützung suchen.

 

Mehr Infos gibt es bei der Caritas Servicestelle Pflegende Angehörige unter Tel. 0676/877 624 40 und im Web unter www.pflegende-angehoerige.or.at.